Hans Peter, Gusi und das russische Problem.

 Der Österreicher liebster russische Oligarch ist durch die jüngsten US-Saktionen schwer unter Druck geraten. Hierzulande fällt das offenbar Keinem auf.

 

Moderne Technik hat die Art, in der wir Krieg führen, verändert. Unbemannte Drohnen können gezielt angreifen und töten – sagen wir mal am Hindukusch oder in Syrien – gesteuert von weit entfernten Piloten, die auf der anderen Seite des Globus in klimatisierten Räumen sitzen und am Abend entspannt zu ihrer Familie nach Hause gehen. Angeblich soll das sogar wichtig sein, dass Drohnenpiloten in gewohnter Umgebung arbeiten und abends nach Hause gehen könne, das fördert die Arbeitsmoral und unterstützt die psychische Gesundheit aka so bekommen sie weniger leicht moralische Bedenken.

Auf dem diplomatischen Parkett ist es ähnlich. Dort hat vor allem die USA Methoden entwickelt, die Bösen Buben auf dieser Welt ordentlich in den Schwitzkasten zu nehmen, indem die Möglichkeiten ausgenützt werden, die das weltweite Finanzsystem so bietet. Die Rede ist von Wirtschaftssanktionen, und vor knapp einem Monat wurde das zum ersten Mal im großen Stil nicht gegen Regierungen, sondern gegen einzelne Unternehmen angewandt. Und irgendwie fällt das hierzulande keinem auf, obwohl es direkten Einfluß auf unser Wirtschaftsleben hat.

Der US-Präsident Woodrow Wilson nannte Sanktionen dereinst „eine stille, aber tödliche Methode“. Das war 1919, und seither hat die USA sie immer wieder eingesetzt, mit gemischten Resultaten. Vor allem in den 90er Jahren hatte die Globalisation diese Waffe ziemlich stumpf erscheinen lassen. Unternehmen konnten sehr gut weltweite Geschäfte ohne die USA machen, allfällige Strafen wurden achselzuckend als Geschäftskosten abgerechnet. Man erinnere sich nur an das Oil-for-Food Programm, das von der UNO aufgelegt wurde und über das der damalige irakische Diktator Saddam Hussein fröhlich Geschäfte betrieb, allen US-WIrtschaftssanktionen zum Trotz.

Alles änderte sich mit dem 11. September 2001, allgemein als Nine-Eleven bekannt. Der so genannte „Patriot Act“ erlaubt es seither dem US-Finanzministerium, einzelne Banken als Bedrohung der finanziellen Ordnung einzustufen und sie aus dem Clearing mit US-Dollar auszuschließen, sprich: Zahlungen in US-Dollar anzunehmen und weiter zu geben, denn das Clearing von US-Dollar läuft halt über die USA. Seither können US-Behörden auch bei SWIFT in die Akten schauen. Ursprünglich war das mal ein nur für Banken einsichtiges Nachrichtensystem, in dem alle Zahlungen untereinander von Banken weltweit registriert werden. Nachdem der US-Dollar weltweit noch immer das Zahlungsmittel Nummer eins ist, ist der Ausschluss aus dem Dollar-Clearing für eine Bank, die international tätig ist, praktisch der Todesstoß.

Bis heute wurden nur Nordkorea, der Iran und Syrien aus dem Dollar-Clearing ausgeschlossen (der Iran darf seit seinem Atomdeal übrigens wieder mitspielen), außerdem hatte man das System benutzt, um diverses Kleinzeugs zu fangen, den Waffenhändler Victor Bout etwa, oder BDA, eine Bank aus Macau, die verbotenerweise mit Nordkorea Geschäfte gemacht hatte, und derartiges mehr.

Doch vor einem Monat schloss der 45. Präsident der USA (dessen Namen man nicht aussprechen sollte), zum ersten mal ein einzelnes Unternehmen vom Handel mit US-Dollar aus, nämlich Rusal. Das russische Unternehmen ist einer der weltgrößten Produzenten von Aluminium, mit einem geschätzten Unternehmenswert von 18 Mrd. US-Dollar, und kontrolliert von Oleg Deripaska.

Ja, genau, der Kumpel von Hans Peter Haselsteiner, mit dem zusammen er die Strabag kontrolliert, eines der größten Bauunternehmen Europas mit rund 12,5 Mrd. Euro Jahresumsatz und Sitz in Österreich. (Raiffeisen ist da auch noch dabei, sowie rund 14 Prozent Streubesitz).

In der letzten Finanzkrise musste Deripaska einen Teil seiner Strabag-Aktien verkaufen, hat aber seither seinen Anteil wieder auf knapp über ein Viertel der Aktien aufgestockt.

So wie es aussieht, könnte sich das bald ändern, denn Rusal rauft mit dem Rotz, wie man in Wien so salopp sagt. An sich macht Rusal in den USA nur 14 Prozent seines Gesamtumsatzes, arbeitet so gut wie nicht mit US-Banken zusammen und ist in Hong Kong und Moskau gelistet. Aber dadurch, dass Rusal vom Dollar-Clearing ausgeschlossen wurde, will niemand mehr Geschäfte mit Rusal machen, denn weltweit wird Aluminium (wie die meisten Rohstoffe) in US-Dollar notiert und gehandelt.

Rund um den Globus müssen jetzt Investoren ihre Rusal-Anleihen (die in US-Dollar begeben wurden), abstossen. Der weltgrößte Schiffsfrächter Maersk macht mit Rusal keine Kontrakte mehr. Niemand will Dollar-Schulden von Rusal refinanzieren. Die London Metal Exchange, weltweit der führende Handelsplatz für Metalle, hat die Teilnahme von Rusal drastisch reduziert. Bonitätsagenturen haben Rusal von ihren Bewertungen ausgeschlossen (das tut besonders weh, denn damit ist Rusal de facto nicht kreditwürdig). Europäische Banken haben den Handel mit Rusal-Papieren ausgesetzt. Der Aktienkurs ist seither um die Hälfte (genauer: 56%)  gefallen, die Rusal-Anleihen für 2023 stehen derzeit mit 45 US-Cent auf den US-Dollar im Kurs. Mit einem Wort: The shit has hit the fan.

Weil die US-Regierung explizit die enge Verbindung von Oleg Deripaska mit Wladimir Putin und den anderen Mächtigen im Kreml sowie Deripaskas Kontrolle über den Aluminiumkonzern als Gründe für die Sanktionen gegen Rusal genannt hat, versucht dieser derzeit verzweifelt, seine Anteile (die über diverse Holdings gehalten werden, unter anderem auch über Zypern) zu verkaufen, um das Unternehmen noch zu retten.

So wie es aussieht, könnte unser aller Lieblings-Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer als Aufsichtsratsvorsitzender bei der Strabag SE bald einen neuen Großaktionär begrüssen. Wenn alles gut geht. Wenn nicht, könnte es noch deutlich unfreundlicher werden.

Die Österreicher nehmen davon keinerlei Notiz, weder in den Medien noch in der Öffentlichkeit. Für sie ist Deripaska ein netter, freundlicher Mensch, der seinem Freund Hans Peter wirtschaftlich eng verbunden und ansonst ein hierzulande gern gesehener Gast ist. Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck hält Rusal wahrscheinlich für eine Südkoreanische Zahnpastamarke. Und mit Wirtschaftsthemen ist hierzulande sowieso kein Aufsehen zu machen: Zu fad, zu kompliziert, und überhaupt.

Ja, ich weiß, wir haben gerade andere Sorgen. Aber wenn die Strabag in Schieflage gerät, könnte das sehr schnell zu einem ziemlich großen Problem werden.

Wir leben in aufregenden Zeiten.

Leipzig und so.

Und es begab sich, dass es wieder einmal Weihnachten wurde, also fuhr der Igler nach Leipzig, zum 34C3.

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, von wegen all der widersprüchlichen Ideen und Gedanken, die mir seit Leipzig durch den Kopf gehen.

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Der Umzug von Hamburg nach Leipzig scheint erst mal tadellos funktioniert zu haben. Die Leipziger waren extrem freundlich, das Orgateam hat sich extrem bemüht, eigentlich war alles erste Sahne, und vor allem bunt. Das kann man auch anderweitig nachlesen, also kann ich er mir hier schenken. Ja, es war vieles anders, vieles vertraut, es war weitläufig, wir haben uns alle einen Wolf gelaufen, aber so grosso modo war es ein erfolgreicher Congress.

Die Lichtinstallationen waren ja auch wirklich super. Super bunt, super gemacht. Das hat eine ganz eigene Ästhetik. Sozusagen eine Hackerästhetik. Irgend so ein Pressefuzzi schrieb denn auch, die Veranstaltung sei gegenüber der Buchmesse in der Optik wesentlich bunter gewesen, nur die handelnden Personen – also wir alle – seien irgendwie alle gleich eintönig gekleidet gewesen.

Ja, eh. Any colour, as long as it’s black. So Pressefuzzis können schon ziemlich ahnungslos sein. Egal. Das mit der Hackerästhetik ist eine zweite Überlegung wert. Da ist eine ganz eigene Formensprache entstanden, die darauf schließen lässt, dass das alles mehr als nur ein kurzfristiger Trend ist. Doch davon später.

Zuerst möchte ich vom Unbehagen reden. Wobei: Unbehagen ist nicht ganz das richtige Wort, ich fand bislang nur kein besseres.

Unbehagen? Welches Unbehagen? Dem Club geht es bestens, er wird regelmäßig von Politik und Medien um Meinung und Stellungnahmen gebeten, ist längst im Mainstream angekommen, nach jüngsten Meldungen kamen mehr als 15k Menschen nach Leipzig – was missfällt Ihnen da eigentlich, Herr Igler?

Nix missfällt mir. Ich bin nur verunsichert, wohin sich das alles entwickelt. Eben so ’ne Art Unbehagen.

Ich meine, natürlich kann man die Entwicklung des Clubs nicht losgelöst sehen von den Ereignissen, die derzeit gerade ablaufen. In Österreich haben wir die Nazis in der Regierung, in Deutschland sitzen sie im Parlament, wie lange ist Snowden jetzt her? Hat sich da im Bewusstsein der Menschen in diesem Land $irgendetwas geändert? Na also. Schon deshalb sollte man Unbehagen haben.

Dennoch ist auch der Club für mich an einer Art Scheideweg angekommen. Und die Frage „wohin“ will ja auch mit dem Motto des Congress „tuwat“ beantwortet werden.

So lange wir uns in Hinterzimmern trafen, in angemieteten Kellerlokalen und befreundeten Wohngemeinschaften, konnten wir relativ unbehelligt agieren. Lasst doch die Muggles da draußen machen, was sie so machen wollen, uns kann das doch wirklich herzlich egal sein. Do your thing, und gut is’.

Je nun. Erstens sind wir den Muggles, oder wie immer man „die da draußen“ bezeichnen will, nicht egal, ganz im Gegenteil. Wir sind für sie abwechselnd unheimlich, lächerlich oder faszinierend, aber „egal“ stand da nie auf dem Menü. Zweitens ziehen wir ja nun schon länger durch die Lande und predigen, dass es auch Muggles nicht egal sein kann, was heute so digital abgeht, von meltdown und spectre bis hin zu Überwachungsstaat und Uploadfilter, und werden damit auch wahrgenommen. Und drittens, wenn die taz mal schreibt, dass der Congress „das gesellschaftspolitisch wichtigste Ereignis des Jahres“ sei, kann man daran auch nicht ganz achtlos vorübergehen. Ok, es war nur die taz, und ob das nun nur für Deutschland galt oder für Europa, oder sonst wie oder was, war ja auch beim taz-Artikel nicht so klar. Aber klar ist: Wir werden wahrgenommen, wir werden ernst genommen, auch als potentielle Gegner, und somit ist es an der Zeit, den Mythos „Wir haben mit Politik nix am Hut“ endgültig zu verräumen, weil’s einfach nicht wahr ist: Wir haben die Politik voll an der Backe.

Nur: ob wir das, was im Orwelljahr im Eidelstädter Bürgerhaus mit ein paar Nerds begann, die sich gegenseitig ihren geilen foo vom Vorjahr zeigen und ansonst mal in Ruhe drei (später: vier) Tage verbringen wollten, ob wir dieses Feeling jenseits der 15k Teilnehmer von Leipzig skalieren können, ist noch nicht wirklich raus.

Manchmal krieg’ ich echte déjà-vu. Wenn ich durch den Congress gehe und auf ein handgeschriebenes Plakat stoße: „Endlich normale Menschen!“ Ja, eh’. Dieses Gefühl eines „wir“, was auch immer das sein möge. Das ist mir nicht unvertraut. Man möge mir verzeihen, ich bin schon etwas älter und daher auch schon länger dabei, 1968, weiland im Mai, als sich die Studenten in Paris Straßenschlachten mit den CRS lieferten, da war ich sechzehn und politisch noch recht ahnungslos. Aber wenn da ein paar Studenten versuchten, die Welt zu ändern, wollte ich unbedingt dabei sein, also ließ ich einen Zettel auf dem Tisch liegen und fuhr per Autostop, nach Paris, dorthin wo die Pflastersteine flogen. Dort bin ich zum ersten Mal diesem wir-Gefühl begegnet. Damals waren wir alle überzeugt, wir würden die Welt verändern.

Das Gefühl kam später noch ein paar mal, nicht oft. Im Alter wird man vorsichtiger, und auch bescheidener. Aber für vier Tage, auf dem Congress, läuft das schon ganz gut. Obwohl, das mit dem die Welt verändern …

Weil weiter oben von Hackerästhetik die Schreibe war: Es ist weit mehr als Lichtinstallationen und schwarze T-Shirts. Es fallen Stichworte wie Hackerethik – bei Redaktionsschluss wurde noch diskutiert – und diese besondere Art, respektvoll miteinander umzugehen. Wobei, wir plagen uns ja schon, das in unseren Hackspace-Alltag einzubringen. Aber am Congress scheint das schon mal halbwegs zu funktionieren.

Es gehört aber noch mehr zum Kanon dieser neuen Ästhetik. Memes fallen mir da ein, Redewendungen, Formen der Kommunikation, all das halt, was ein „wir-Gefühl“ vermitteln, verstärken, bestätigen kann. Normale Leute sind Leute so wie wir, in Hoodie und ungeschminkt … oh Mann, Leute, ich komme ab sofort nur mehr im Anzug … Igler, Du weichst ab. Das diskutieren wir ein andermal.

Was unbedingt auch zur Ästhetik gehört und mir so unpackbar gut gefällt: Diese anarchische Lust, sich über sich selbst lustig zu machen. Die Engelgewerkschaft trägt Züge von Dadaismus. Absolut genial. Und, als gelernter Österreicher: Deutsche haben Humor! Hinreißend. Mein Weltbild gerät ins Wanken.

Und dazwischen, immer wieder, die Angst, dieses „unter-uns-Gefühl“ bei einer weiteren Skalierung nach und nach zu verlieren. Der Club wird endlich erwachsen, steht zu seiner gesellschaftlichen Verantwortung, wird eine breite Bewegung, eventuell auch eine politische … pfui Spinne, das ist ja wie in Real Life. Erwachsen werden kann ich selber …

Wie war das? Wir haben uns redlich und ernsthaft und mit allen zur Verfügung stehenden Mittel bemüht, ja nicht so zu werden wie unsere Eltern. Und sind tödlich beleidigt, wenn unsere Kinder nicht so werden wollen wie wir. Ob all die Kids, die in Leipzig in der Ticketschlange standen und sichtlich zum ersten Mal bei einem Congress waren, das auch so sehen wie wir? Das Anarchische skaliert schlecht, wie wir schon von den Piraten wissen, weshalb es mich auch überhaupt nicht wundert, einen Haufen alter Piratenkumpel auf dem Congress wieder getroffen zu haben. Es gab sogar einen Hashtag. Alles was das Hackerherz begehrt.

In diesem Kontext auch relevant: Bei vielen Engeln, vor allem wenn sie mit ihren gelben Warnwesten unterwegs waren, entstand öfters der Eindruck, sie würden als eine Art Personal angesehen. Das fällt zusammen mit der Einschätzung, dass mehr und mehr Besucher auf den Congress als „reine Konsumenten“ kommen. Hony soit qui mal y pense aka ein Schelm, wer schlecht davon denkt. Ist das der Preis, den wir für’s Skalieren zahlen?

Und dennoch, trotz allem: Ich persönlich glaube daran, dass wir das richtig machen, was wir da tun. Wir müssen uns noch mehr in den politischen Diskurs einbringen, vor allem in den gesellschaftspolitischen. Ja, wir müssen weiter wachsen und noch mehr Einfluss bekommen. Das heißt auch, dass der Gegenwind stärker wird. Das Leben ist kein Ponyhof.

Und wir müssen unser Wissen um die Gefährdung dieser unserer Demokratie besser unter die Leute bringen. Es hat keinen Sinn, zu sagen, installiert euch Linux und verwendet Open Source, dann werden die Probleme weniger. Tun sie nicht. Die Menschen haben Windows und Word und WhatsApp installiert und sind heilfroh, wenn sie das halbwegs bedienen können. Und ein politisches Bewusstsein darüber, wie das alles genau abläuft, kriege ich auch gebacken, wenn ich auf Edge und Outlook unterwegs bin. Wir müssen, wie das so schön neudeutsch heißt, die Menschen dort abholen, wo sie sind. Und dort, wo wir sie vermuten oder erhoffen, dort sind sie nicht. Ja, ich weiß: Die Diskussionen dauerten bei Redaktionsschluss noch an.

Ansonst? Es war wie immer: Überwältigend, ein mehrfacher stack overflow an Erkenntnissen, gelernten Dingen, coolen Erfahrungen, emotionellen Augenblicken, Lachen, wir-Gefühl … endlich normale Leute, halt. Der Umzug nach Leipzig hat geklappt, wir können alle zufrieden sein. Ich zähle die Tage bis zum nächsten Congress.

Und verweise auf das Wochenende im März, an dem wir angeblich auch über die Fragen, die ich mir hier gestellt habe, diskutieren werden. Mal sehen.

Hannover und so.

 

Aus dem Reisetagebuch des professionellen Österreichers.

 

Liebes Tagebuch: Und es begab sich, dass der Chaos Computer Club (CCC) zur Mitgliederversammlung rief, also fuhr der Igler nach Hannover.

Nun isses ja alles vorbei und ich sitze im Zug nach Hause. Der silbergraue ICE pfeift stetig vorwärts, draussen ziehen sie Landschaft vorbei, in relativ hohem Tempo. In Hannover schien noch die Sonne, dazwischen Hügel, Heidschnucken, Häuser. Es ist ein schönes Land, dieses Deutschland.

Hannover ist auch eine schmucke Stadt, eine halbe Million Einwohner, ganz viel Grünanlagen. Da kann man echt nicht meckern. Hannover ist die Landeshauptstadt von Niedersachsen, aber das fällt nicht weiter störend auf.

Meine Mutter traf den Mann, dessen Namen ich heute trage, dazumals im österreichischen Widerstand, in meiner Kindheit waren Deutsche nicht die beliebtesten Menschen. Ich war drei oder vier Jahre alt, meine Mutter und ihre Freundin Eri fuhren mit ihren beiden Kindern gen Italien, in einem alten Topolino, Mamis erstes eigenes Auto, von wegen Kind und so, manchmal weinte sie noch ihrer Vespa nach. Egal. Am Strand spielte ich mit einem Kind, dann gab es halt irgendeinen Streit, ich weiß längst nicht mehr worüber, jedenfalls zog ich mit meinem Sandschauferl dem andren Kind einen festen Scheitel. Mami stürzt entsetzt herbei, stellt mich zur Rede. Ich so, cool wie Calvin: „Geh Mami, das macht doch nix, es war eh’ nur ein Piefke“. Das war der Moment, erzählte mir meine Muter später, in dem sie sich entschloss, sorgsamer mit ihren Worten umzugehen, wenn es um die deutschen Nachbarn ging.

Zu spät, der Samen war ausgestreut. Mehrere Jahre in Tirol, in einem Fremdenverkehrsgebiet, in dem die lieben Nachbarn vier Fünftel der Touristen stellten – „Wieso kann man hier nicht in Mark zahlen? Kann ich vom Kaffee ein ganzes Kännchen bekommen? Haben Sie Quarksahnetorte?“ – halfen auch nicht wirklich. Wahrscheinlich hassten wir einfach die Touris, weil sie uns am Nachmittag beim Skifahren im Weg herumstanden, vor dem Skilift, respektive im Weg herumlagen auf der Piste, in diversen Stadien des Anfängersterns. Und es waren halt fast immer Deutsche. Der Rest war Holländer, die standen und lagen zwar auch im Weg herum, fanden es dafür aber auch ganz in Ordnung, dass wir die Deutschen nicht mochten.

So viel zu meiner Sozialisierung in Sachen deutschsprachiger Völkerverständigung. Als in Österreich im Fernsehen die Piefke-Saga lief, fand ich sie nicht überzeichnet, im Gegenteil. Schließlich hatte ich die Typen in natura erlebt. So erwirbt man sich sorgsam gepflegte Vorurteile.

Doch es ist an der Zeit, diese Vorurteile zu knacken (sorry, Mami.) Zu lange war mein Deutschlandbild von Bayern geprägt, Sie wissen schon, dieses Land zwischen uns und ihnen, das weltweit das Beliebteste an den Österreichern mit dem verbindet, was die Deutschen überall so gern gesehen macht. Später fuhr ich viel nach Frankfurt, das hübscheste an der Stadt ist der Flughafen, da kann man in jede Richtung wegfliegen; später kam noch ein wenig Rheinland dazu, dort wo sie Dir die Krawatte abschneiden, dazu im Chor Helau rufen und das lustig finden.

Ich weiß, man soll seine Vorurteile sorgsam pflegen. Aber es geht, um ein geflügeltes Wort aus der Werbung zu borgen, auch anders. Seit einigen Jahren fahre ich vermehrt in den deutschen Norden, erst nach Berlin und Hamburg, jetzt eben auch Hannover. Wirklich gute Nachbarn auf unserer dalmatinischen Insel sind ein ganz entzückendes Hamburger Ehepaar; in Kärnten sind unsere direkten Nachbarn ein Pastorenehepaar aus der Hamburger Friedensbewegung, mit langen, wunderschönen Abendeinladungen, wo vor lauter Diskussion über höchst Interessantes gar nicht auffällt, dass wir schon wieder drei Weinflaschen gezwickt haben und die ganze Quiche Lorraine aufgegessen wurde. Sie sind alles, was man sich von Nachbarn wünscht: Links, freundlich, haben Humor, schätzen einen guten Tropfen und sind, außer entzückend, lustig und hilfsbereit, eine Riesenhetz. So etwas unterminiert ungemein, selbst die solidesten Vorurteile. OK, sie kommen nicht aus Frankfurt und auch nicht aus dem Rheinland. Na ja, vielleicht eben dessentwegen.

Und jetzt der CCC und Hannover. Bleiben wir noch ein bisserl bei der Stadt. Die Menschen dort sind ungeheuer zivilisiert, und es wirkt nicht einmal aufgesetzt. Sonntag vormittag, Frühstück im Kaffeehaus: Jeder, der das Lokal betritt, wünscht laut und freundlich „Guten Morgen“, alle grüßen zurück. Wenn ich das in Wien macht, fragt der Herr Franz besorgt nach, ob’s mir auch gut geht, und ob ich nicht ein bisserl leiser sein könnt’, Herr Doktor, weil sie verstörn mir g’rad den Hofrat ausm zweiten Stock.

Man könnt’ sich dran gewöhnen. Dass einen Menschen auf der Straße zurück anlächeln, wenn man sie anlächelt. Dass Mütter nicht besorgt schauen (Kinderverzarah!) wenn ich ihr Baby anflirte (seitdem ich Opi bin, bin ich ein Kren auf kleine Kinder), sondern auch zurücklächeln, stolz darauf, dass der kleine Zwutsch so viel Gefallen findet. Dass sich Leute bedanken, wenn man ihnen die Tür aufhält. Dass ich hier Männer sehe, die mein Alter haben, graues kurzes Haar und einen Rucksack tragen und ein Beanie aufhaben – hier schaut mich keiner erstaunt an. Hier schaun mehr so aus. Sehr entspannend.

Irgendwie funktioniert auch das mit dem Multi-Kulti besser im Norden. Am Hamburger Bahnhof Dammtor führt eine junge Türkin, mit Kopftuch, den lokalen Dunkin’ Doughnuts. So etwas fällt nur mir auf, die Hamburger scheinen das normal zu finden.

Auch in Hannover ist das Liberale vorherrschend. Die lokale Food-Coop hat vielleicht Schwierigkeiten mit dem freiwilligen Verteildienst ihrer Ernte an die Mitglieder, aber es würde niemandem auch nur im Traum einfallen, sie wegen Verdachts auf illegale Gewerbsausübung anzuzeigen, wie das die Wirtschaftskammer in Wien mit der hiesigen Coop gemacht hat. Und erst die „Kiosk-Kultur“: Kleine Einzelhandelsläden, die entweder rund um die Uhr offen haben oder zumindest dann, wenn Rewe und Co geschlossen halten. Für ein schnelles Bier, oder auch eine Semmel, fürs Frühstück, oder wie man hier sagt: ’n Brötchen. Auch hier regt sich kein Ärmelschoner auf, alle kommen zu etwas, das ganze in einer Stadt in der Größe von Graz … ich kann mir zum Beispiel auch nicht vorstellen, dass sich Graz drei selbstverwaltete Jugend- und Kulturzentren leistet. (Die Grazer, Heimatstadt meiner Familie, mögen mir verzeihen. Sie halten hier als eine Art pars pro toto her.)

Draussen vor den Zugsfenstern weichen die spitzen Backsteintürmchen aus dem Norden Stück für Stück den barocken Zwiebeltürmchen aus dem Süden. Und ich leiste hiermit Abbitte an alle Piefke nördlich des Weisswurstäquator, die ich im Leben beleidigt habe, weil ich sie großmäulig, schnoddrig und nervtötend fand – es hat sich herausgestellt, das sind wir, im Süden.

Im Norden sind sie ganz anders. Wenn dort das Wetter nicht so bescheuert wäre, könnte man glatt auf ein wenig hinziehen.

Und die MV des CCC? Och, nichts wirklich Aufregendes.

Bemerkenswert fand ich, dass am Samstag nur Vorbesprechung war und nur am Sonntag abgestimmt wurde: So konnte am Samstag nach Herzenslust gefetzt werden, am Abend wurde in kleiner Runde noch mal alles durchgekaut, am Sonntag hatten sich die Gemüter schon wieder ein wenig abgekühlt, dann votet es sich auch viel entspannter.

Details? Konstanze zeigte sich – zumindest fast immer – guter Stimmung. Andy wurde gezaust, wegen eines Antrags ebenso wie wegen eines Interviews. Der Vorstand wurde entlastet und wiedergewählt. Und zur Feier der 25. Auflage der Transparenzdebatte gab es am Abend einen kleinen Umtrunk mit einer Hopfenkaltschale beim lokalen Hackerspace. Also eh’ alles so wie immer.

Wieso die Erinnerung tückisch ist und was Innsbruck damit zu tun hat. Ein Reisebericht

Und es begab sich, dass mich der Hafer stach, also fuhr ich nach Innsbruck.

Mit der Stadt Innsbruck verbindet mich seit Jugendtagen eine innige Hassliebe. Ich kann die Stadt nicht ausstehen, und sie mich auch nicht. Und das schon seit meiner zartesten Kindheit.

Ich bin ein echter Wiener, g’schamster Diener, ein Stadtkind, geboren sieben Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, einen Steinwurf von der Landstrasse entfernt, in der Stiftung, wie die Wiener das Rudolfsspital nennen, weil es weiland der alte Kaiser zur Geburt seines einzigen Sohnes und Thronfolgers gestiftet hat.

Das mit dem Thronfolger wurde übrigens nix, wie wir seit Mayerling wissen. Aber das Spital ist was geworden. So ist das mit die Geschichte. Aber das nur am Rande.

Als Stadtkind jedenfalls hat man damals nicht so rasend gesund gelebt, es gab viel Staub und Zonengrenzen und Militär und wenig zu essen und auch wenig Grün. Wir wohnten im dritten Bezirk in der Salesianergasse, da war eine Fahrt in den Wienerwald eine Weltreise. Also verschickte man mich des Sommers zu einer befreundeten Bauersfamilie. Ins Ötztal. Nach Tirol. Auf die Burgstaller Alm. Das ist jetzt sechzig Jahre her. Ich hab’ es nachgerechnet.

Damals fuhr man vom Westbahnhof weg, über fünf Zonengrenzen und das französisch besetzte Innsbruck, bis zum Bahnhof Ötztal, der damals wie heute völlig einsam im Inntal steht. Hier steigt man nicht aus, hier steigt man allenfalls um. Wir stiegen in einen Postautobus um, ein ehrfurchtgebietender Saurer Diesel in knallgelb und tiefschwarz, mit einem Ganghebel, der war größer als ich, samt ehrfürchtig-bewundertem knorrigen aka unfreundlich-verschlossenem Tiroler als Busfahrer.

Besagter Postbus brummte behäbig das Ötztal hinein, schob seine riesige Schnauze durch die Orte Ötz, Habichen und Tumpen, Östen, Stubenwald und Winklen, in jedem Ort wurde schnaufend und fauchend Halt gemacht, stiegen Leute aus und ein, meist vor der Dorfkirche, diese war meist gelb und meist barock, so genau weiß ich das jetzt nicht mehr. Schließlich, nach weiterer endloser Fahrt, stiegen wir aus, nur um erneut in einen schnaufenden, schwarzgelben Postbus einzusteigen, der sich im Schritttempo die schmale, steile Schotterstrasse den Berg hinauf wand. Die Frage, was geschehen würde, wenn uns auf der einspurigen, in den Felsen geschlagenen Straße ein Fahrzeug entgegen gekommen wäre, stellte sich nie – es kam keins. Ich kann mich nicht erinnern, neben dem Postbus, dem Käfer der Gendarmen und dem Landrover meiner Eltern dort je ein motorbetriebenes Fahrzeug gesehen zu haben.

Den Namen der Bauersfamilie habe ich vergessen, ebenso wieso meine Eltern gerade auf sie gekommen waren. Der Hof war gemauert, vorne Küche und Stube, hinten Stall und Mistgrube, der erste Stock war vorne auch gemauert und enthielt die Schlafstuben, die Tenne hinten war aus Holz, mit Plumpsklo über der Grube.

Gegessen wurde in der Stube um den großen Tisch, aus einer gemeinsamen Pfanne, jeder hatte einen Löffel, und es gab eine strenge Reihung, nach der man hineinlangen durfte. In der Küche stand ein gemauerter Herd, der in meiner Erinnerung stets brannte, vor dem Haus war ein kleiner Bauerngarten mit Fisolen, Erdäpfeln, Karotten. Der Geruch des Heus und des Stallmistes aus der Grube auf der Tenne, die bis zu den Dachsparren offen war, so dass man ganz hoch hinaufklettern konnte. Die animalische Wärme im Stall, der Geruch von Kühen und frischer Milch. Tagsüber fuhren wir zum Heuen auf die Felder, die Sonne brannte, das Heu roch unbeschreiblich, die zwei Pferde, die den Heuwagen zogen, ebenfalls, und wie viel Heu auf einen Wagen ging, mit einem Holzbalken an Eisenketten oben in Längsrichtung zusammengehalten, verblüffte mich jedes Mal. Ganz oben durften wir dann sitzen, abends, wenn die Pferde mit viel Hüh und Hott die Fuhre heimwärts zogen.

Strom muss es wohl gegeben haben, denn ich kann mich nicht an Petroleumlampen oder Kerzen im Alltag erinnern, aber sonst gab es nicht viel, kein Radio, kein Telefon, keine Autos, keine Flugzeuge am Himmel, aber auch am Boden keinen Traktor, keine Motorsäge, nichts knatterndes oder fauchendes oder quietschendes, was heute einen modernen Bauernhof halt so ausmacht. Es gab auch kein Badezimmer und schon gar kein fließendes Wasser, weder warm noch sonst wie, nur klar und stets eiskalt am Brunnen vor der Tür. Es gab Sensen und Sicheln und Dreschflegel und eine Dengelbank, es gab gusseiserne Pfannen und hölzerne Löffel, einen Knecht und eine Magd, es gab besagte Pferde und Kühe und Schweine und Hühner, ein Tiroler Bergbauernhof in den Fünfzigerjahren, halt.

Ich fand es, wenn ich mich so zurück erinnere, nicht immer rasend knusprig, das Leben am Busen der Natur. Ich fand den Busen eher kratzig, unbequem und streng riechend, in unzähligen Variationen desselben. Das Heu piekste, vor allem in meiner Matratze, am Klo hatte ich stets Angst, in die Grube zu fallen, das Essen war seltsam und selbst die vielen Kinder sprachen eine Sprache, die ich nicht verstand. Ein Stadtkind eben, da halfen auch drei Monate Landleben auf der Alm nicht darüber hinweg.

Sei’s drum, diese Bilder von der Burgstaller Alm im Ötztal prägen seither, tief in meinem Innersten, alles, was mit „Tirol“ zu tun hat.

Als die Besatzung vorüber war, fuhren wir noch immer zur Sommerfrische nach Tirol, so lernte ich später auch Innsbruck kennen, für mich war das zwar schon eine Stadt – immerhin gab’s sogar eine Tramway – aber keine zehn Minuten vor der Stadt war der erste Bauernhof – mit Stall – Geruch der Kühe – so ein Unterbewusstsein kann schon heimtückisch sein.

Doch das ist erst der erste Teil meiner Tirol-Prägung. Der zweite Teil kam später und dauerte drei Jahre lang, vom Alter von dreizehn bis knapp nach meinem sechzehnten Geburtstag besuchte ich die Planseeschule in Reutte, zuerst als Zögling des lokalen Internats, später als Bewohner eines Untermietzimmers, was damals – ich war erst fünfzehn – für ein bisserl Aufregung gesorgt hat. Egal – meine prägenden Jugendjahre verbrachte ich in einem Kaff in den Bergen, mit dem Talboden auf 1000 Meter Seehöhe, alles andere ist höher, und zwar um Einiges, sprich: Jede Menge Berge, Typ steil. Ein Kaff mit damals viertausend Einwohnern, einem Bezirksgericht, einer Hauptschule, einem Gymnasium, drei Kirchen, fünf Gasthäuser, zwei Konditoreien und einem Bahnhof. Die Fahrt von dort nach Innsbruck dauerte fünf Stunden und führte über Deutschland, mit dem Postauto über den Fernpass ging’s nicht sehr viel schneller. Als Freizeitbeschäftigung konnte man Fußball spielen, bergsteigen, skifahren oder saufen, meist kombinierten wir diese Beschäftigungen, je nach Saison; es gab fünf Fernsehsender, wofür mich Bekannte in Wien glühend beneideten, denn dort gab’s nur zwei; das nächste Kino war in Füssen, in Deutschland, mit dem Fahrrad in einer Stunde locker erreichbar, ich war ein sportliches Kerlchen, damals.

Dennoch habe ich in diesem Ort prägende Jahre meiner Jugend verbracht. Hier las ich zum ersten Mal Günther Nennings „Neues FORVM“, hier trat ich zum ersten Mal öffentlich und lautstark gegen den Vietnamkrieg auf, hier bekam ich meinen ersten Kuss mit eindeutig sexuellen Absichten, hier habe ich meinen ersten Joint geraucht (mit einem winzigen Krümel, bei einem Wochenende im nahen München ergattert), hier habe ich eine Schülerzeitung gegründet (und mich geweigert, unserem Schuldirektor den Inhalt vor Drucklegung zu zeigen, was als kleinere Revolution empfunden wurde), hier ließ ich mir zum ersten Mal die Haare lang wachsen, hier habe ich Gitarre spielen gelernt (ich ging sogar, mit beschränktem Erfolg, ein Jahr lang in die Musikschule), hier schrieb ich meinen ersten Artikel gegen Bezahlung (ein Bericht über die Eröffnung des Hallenbades, vom Erlös kaufte ich, vor Stolz geschwollen, meine erste Glockenhose) und hier habe ich auch zum ersten Mal mit einem Mädchen geschlafen.

Und so ist meine Tirol-Prägung verhaftet zwischen einem Ötztaler Bergbauernhof in den Fünfzigern und einer Kleinstadt im Tiroler Ausserfern in den Sechzigern, irgendwo zwischen malerisch und dumpf. Ich erinnere mich, dass ich in Reutte als – einziger – Gymnasiast der Gewerkschaftsjugend beitrat, was einen ziemlichen Wirbel herauf beschwor. Das haben mir die lokalen Spießer mehr verübelt als sonst etwas, denn diese Provokation hatten sie verstanden. Das mit dem Vietnamkrieg … damals …

Und Innsbruck war zwar weit weg, aber um nichts besser, allenfalls größer, aber ebenso bürgerlich-spießig. München, ja, da ging die Post ab, da habe ich meinen ersten Hippie gesehen, damals nannte man das Gammler, und ich war per Autostop und heimlich über’s Wochenende dorthin gefahren, in Schwabing habe ich meine erste Nacht durchgetanzt, im Blow Up … aber Innsbruck … das Aufregendste war der Bahnhof, und wer den alten Innsbrucker Bahnhof noch kannte, weiß dass das jetzt kein Kompliment war. Und seither mögen wir uns nicht, die Stadt Innsbruck und ich, ich fand sie spießig, sie fand mich wienerisch-angeberisch, und dabei haben wir es belassen.

So viel zu meiner tiefen Bindung zu Innsbruck und Tirol im Allgemeinen und zu Reutte im Besondern. Ich verließ Reutte im Frühjahr 1968, knapp nach meinem sechzehnten Geburtstag, ich hatte die Enge und das unsäglich Müffige satt, die katholisch-spießige Doppelmoral – halt das, was wir auch heute noch an der Provinz so lieben; ich schmiss alles hin und fuhr nach Paris, weil dort die Revolution vorbereitet wurde, und das wollte ich keinesfalls verpassen. Als ich von dort wiederkam, ging ich nach Wien – die Periode Tirol war abgeschlossen.

So weit, so gut.

Dennoch habe ich heute Freunde in Innsbruck, so richtig nette Menschen, die ich gerne sehe und die sich – zumindest gehe ich davon aus – auch freuen, wenn sie mich sehen. Und dann schrieb im Frühjahr eine Freundin aus Innsbruck, es gäbe für ein paar Tage ein freies Zimmer, gratis, so was soll man nicht ausschlagen, also fuhr ich nach Innsbruck.

Natürlich bin ich seit 1968 wieder in Innsbruck gewesen, aber meist nur auf der Durchreise, seitdem es die Autobahn gibt, ist das ganz unspektakulär, vier oder fünf Overhead-Aufschriften, Innsbruck Ost, Mitte, West, fertig.

Da kommt nicht viel Emotion hoch.

Dann war ich in jüngerer Zeit mehrmals bei diversen politischen Veranstaltungen in der Tiroler Landeshauptstadt, aber da ging’s immer um etwas und ich hatte kaum Zeit für Privates, geschweige denn Nostalgisches.

Diesmal sollte es bewusst anders werden: Ich fuhr nach Innsbruck, um meine Freunde zu sehen, aber auch, um meine Nostalgie zu befriedigen, also war ein Trip nach Reutte explizit eingeplant. Ist ja, in der Zwischenzeit, dank Autobahn und Schnellstraße, nur noch zwei knappe Stunden, über den Fernpass. Hinfahren, Mittag essen, ein bisserl nostalgisch herumspazieren, sich erinnern, fertig.

Natürlich ist mir bewusst, dass sich seit meinen prägenden Jahren im Heiligen Land Tirol, mehr als ein halbes Leben her, einiges geändert hat. Schließlich hat man seither das Internet, Dolly Buster und das sprechende Schweinderl in der Billawerbung erfunden, und auch sonst hat sich ja noch einiges geändert.

Auch lebe ich, nach vielen Jahren in Genf, Paris und Ottakring, wieder auf dem Land, im Kärntner Jauntal, um genauer zu sein, und mir ist klar, dass Bauernhöfe heute ein bisserl anders ausschauen und auch anders funktionieren als damals auf der Burgstaller Alm. Noch immer riecht es im Stall meines Nachbarn nach Kuh, aber der Geruch der frischen Milch ist weg, dafür summt im Hintergrund die pneumatische Melkanlage. Und nach dem Melken trägt der Nachbar den Milchertrag per Internet auf der AMA-Homepage ein, und Knechte und Mägde gibt’s schon lange nicht mehr. Auch essen schon lange nicht mehr alle nur aus einem Topf, und die Heumahd wird nicht mehr per Pferdefuhrwerk und von allen gemeinsam erledigt, sondern vom Bauern, alleine, mit dem Traktor, und das in einem Nachmittag. Ich bin mir also durchaus bewusst, dass sich die Welt verändert hat.

Trotzdem war ich auf das, was ich bei meinem Tirol-Nostalgie-Trip erlebt habe, eindeutig nicht vorbereitet.

Der Weg von Innsbruck führt über die Autobahn nach Imst, dort führt die Strasse auf’s Mieminger Plateau hinauf, über Affenhausen, Mieming und Obsteig. Das waren, seinerzeit, Orte aus der Zeit gefallen, verschlossen und menschenleer, die Häuser zweistöckig gemauert und ausgiebig bemalt, umrahmt von der hoch aufragenden, kargen und steilen Kulisse der Nordtiroler Alpen. Und alle halben Stunden ein Auto. Ich weiß das genau, ich bin die Strecke Autostop gefahren, mehr als einmal, ich war dort mit jedem Kilometerstein per Du.

No more. „Auf der Strasse nach Reutte wird es viel Verkehr geben“, so meine Innsbrucker Freundin. Ich möchte das als das Understatement des Jahres bezeichen. Von Imst, über das Mieminger Plateau, den Fernpass hinauf und bis nach Reutte hinunter, hab’ ich mich im Stop-and-go-Verkehr gequält, Stoßstange an Stoßstange.

Die Berge schauen noch immer so aus wie früher, ich habe auch ein paar von den bemalten Häusern gesehen, den Rest der Zeit verbrachte ich damit, auf meinen Vordermann nicht aufzufahren respektive mein Auto zu bewegen, bevor hinter mir wütendes Gehupe ausbrach, wg. Trödelns am Steuer, oder so ähnlich.

Nie wieder, ich verspreche es feierlich, will ich mich über Tiroler Transitgegner lustig machen. Würde ich an der Fernpass-Bundesstrasse wohnen, ich würde sie des Nachts heimlich aufgraben, einen Blaumilchkanal errichten oder eine Umleitung in den lokalen Steinbruch, whatever – das ist, meiner Seel’, wirklich nicht auszuhalten.

Nach zwei Stunden war ich in Reutte, etwas betäubt. Ich nehme die erste Ausfahrt, Reutte Süd, schau’, ob ich etwas erkenne. Da war doch das Hallenbad, da war ein freies Feld, da war … vergiss es.

Das Zentrum hat man umgebaut, führte der Autoverkehr damals, zu meiner Zeit, noch quer durch den Ort, wird er jetzt in einer Art Kreisverkehr herumgeführt – abgesehen von der Schnellstrasse, die den Fernverkehr aufnimmt. Alles ist sehr hübsch, ich erkenne nichts mehr. Ach ja, die Pfarrkirche … hier hab’ ich im Kirchenchor gesungen. Der Buchladen, wo ich Taschenbuchausgaben von Sartre, Steinbeck und Hemingway erwarb. Aber sonst …

Ich esse im „Goldenen Hirschen“ zu Mittag. Einst ein stolzes Gasthaus, in dem ich zum ersten Mal solche Klassiker wie Kasspätzle oder gebackenen Emmentaler aß, heute nennt man sich Hotel und macht auf vornehm. Dafür ist die Speisenkarte völlig unambitioniert und bietet Allerweltskost, sichtlich abgestimmt auf die Pensionistenehepaare, die mich umgeben. Offenbar alle in Halbpension … egal. Muss ja nicht sein. Ich fahr jetzt in den Stadtteil Mühl, dort stand das alte Schülerheim …

Die Schule fand ich noch, sonst nichts mehr. Nach längerem Herumirren fand ich die Strasse, in der das Heim einst stand. Davon ist aber nichts mehr übrig. Neubauten, Siedlungshäuser, Fremdenpensionen, wohin das Auge schaut.

Mir wird wehmütig um’s Herz. Da verschwindet meine Jugend, vor meinen Augen. Irgendwo hier muss der Ort sein, wo ich „House of the Rising Sun“ auf der Gitarre geübt habe, stundenlang, immer wieder, bis ich es flüssig hinbrachte, mein erstes Musikstück auf der Klampfe.

Plötzlich ein Schild: „Urisee“. Der kleine See, am Südhang des Reuttener Beckens gelegen, ein verträumter kleiner See, wo wir an heißen Sommertagen baden gingen, mit den Fahrrädern. Hier hab’ ich meinen ersten nackten Mädchenbusen berührt, den man mir in genau dieser Absicht entgegen gehalten hat. Endlich ein Ort, an dem meine Erinnerungen … die kleine Strasse windet sich den Hang hinauf, oben links ein Hotel – ok, soll sein, aber rechts, rechts ist der See. Ich stelle das Auto ab, gehe erwartungsvoll die ersten Schritte zum im Wald versteckten Seeufer …

Vrooom.

In zwei Metern Entfernung führt – vroom, vroom – die Schnellstrasse vorbei, Augsburg-Verona, ein altes EU-Projekt. Schön, Strassen muss es geben, aber direkt durch meine Jugenderinnerungen?

Vroom, vroom, vroooohm …. vrooohm

Ist ja gut. Ich hab’s kapiert.

Hiermit gebe ich bekannt, dass meine Jugend endgültig vorbei ist, einschließlich sämtlicher Spuren, die es je gegeben hat.

Fazit: Auch Erinnerungen haben ein Ablaufdatum. Spätestens dann sollte man sie wegpacken. Einrexen. Irgendwo auf dem Dachboden des Älterwerdens verstauen. Und dort verstauben lassen.

*seufz*

Putins kognitive Dissonanzen oder Die Angst vor dem Dominoeffekt

Was machen Tscherkessen im Kosovo und was haben die Finnen damit zu tun?

Es ist schon eine Weile her, da lebte ich in Moskau, noch zur Zeit der UdSSR. In der spätsowjetischen Mangelwirtschaft war es gar nicht so einfach, an ordentliches Essen zu kommen, weder für Geld noch für Gute Worte … das fing schon beim Brot an: Es gab eine Sorte, eine Art Kasten-Graubrot, und aus. Gerüchteweise gab es bei der Brotverkaufsstelle an der Krasna Presnenskaja an Sonntagen vormittags auch Weißbrot. Dazu hätte man aber sehr früh aufstehen müssen … am Sonntag … ich hab’ das nicht einmal probiert.

Weshalb man als Ausländer die Einladungen der Botschaften schätzen lernte (vor allem der eigenen): Meist gab es was zu essen, und meist war es ein Highlight. Einladungen der eigenen (österreichischen) Botschaft waren bei mir besonders beliebt, denn es gab fast immer Semmerln aus Österreich und einen trinkbaren Wein und der Rest war meist auch ok.

In diesem Sinne begab es sich, dass ich mit einigen russischen Freunden auf der Botschaft war, anlässlich des Staatsfeiertages und als ausgewiesener Auslandsösterreicher, zu faschierten Laberln mit einem sehr feschen Weißen und ordentlich Semmerln. Dafür nahm ich auch in Kauf, dass es einen offiziellen Teil gab, wo dann alle möglichen Leute sprachen, die zur Feier des Tages irgendwelche anderen Leute (meist abwesend oder tot oder beides) anstrudelten, meist wedelte dann auch noch wer mit rotweißroten Fähnchen herum (bildlich gesprochen, indem er $Heimat beschwor, schließlich waren wir ja alle im feindlichen Ausland). Und die Bundeshymne wurde auch gespielt, dabei musste man Sorge tragen, das Stück Faschierte rechtzeitig (aka vorher) runter zu schlucken, weil es schaut ja echt Scheiße aus, wenn man noch kaut, während andere schon von den Hämmern singen. Wenn man schon nicht mit singt. Und ansonst musste man aufstehen, weil das gehört sich so, und anschließend betreten herumstehen und warten, bis die Sache vorbei war. Meist war es nach einer Strophe vorbei, wer kann schon mehr als eine Strophe des Bundeshymne? Außer den Deutschen, vielleicht, die dürfen dafür überhaupt nur ihre dritte Strophe singen.

Jedenfalls wurde auch diesmal von der Heimat großer Söhne, dazumals noch ohne Töchter, gesungen, alle standen auf, ich legte mein Stück Laberl auf den Teller, setzte mein übliches Ich-bin-nur-zufällig-hier-Gesicht auf und versuchte, möglichst unauffällig gelangweilt zu schauen – da fragt mich plötzlich Aljeg, mein russischer Spezi: „Wieso heulst Du eigentlich nicht?“

Ich muss ziemlich saublöd dreingeschaut haben. War der Wein so schlecht? Das Faschierte nicht OK? Irgendwer gestorben, als ich gerade nicht aufgepasst hab’?


Wenn nicht geweint wurde, dann war’s nicht schön.

Nach längerer gegenseitiger Ratlosigkeit hab’ ich es dann verstanden: Russen haben ein ungestörtes Verhältnis zu ihrer Heimatliebe und zu ihrem Nationalismus (wobei die Grenzen sehr verschwommen sind), und wenn sie im Ausland leben würden, heimwehkrank und fern von zuhause, und dann beschwöre jemand Mütterchen Russland, komplett mit Borscht und Blini, dann würden sie sofort und ansatzlos heulen, mit strömenden Tränen, und sich gegenseitig in den Armen liegen.

Damals tat ich das als einfach noch ein Merkmal dafür ab, wie emotionell Russen wären, schließlich gilt bei ihnen auch ein Abend unter Freunden nicht als wirklich gelungen, wenn nicht mindestens einmal dabei gemeinsam geheult wurde. Weil es grad so schön war, oder so traurig, oder weil irgendwer grad nicht dabei war, oder manchmal auch nur einfach so. Russen sind sehr emotionell, wobei Väterchen Alkohol gerne mithilft.

Heute, zwanzig Jahre später, ist es ein Mosaikstein für mein Verständnis von Russland. Genauer gesagt: Putins Russland.

Keine Angst, ich werde jetzt hier nicht den Großen Putinversteher aufziehen. Dennoch gibt es logische Erklärungen für die Ereignisse, vor allem seit meinem letzten Blogeintrag über den Ukrainischen Nationalismus. Ich behaupte ja nach wie vor, dass es den „als solchen“ nicht gibt, außer in ukrainischen Emigrantenkreisen in Kanada und Australien. Aber Wladimir Wladimirowitsch arbeitet recht erfolgreich daran, dass er auch in der Ukraine wächst und gedeiht, und nur zu erklären, Herr Putin sei halt dumm und verstehe die Welt nicht wirklich, greift zu kurz. Weil Herr Putin mag ja alles Mögliche sein, aber dumm ist er ganz sicher nicht.

Wer die Gegenwart begreifen will, muss die Vergangenheit kennen. Keine Angst, nicht schon wieder Geschichtsstunde, wir machen nur eine kleine Zeitreise in das Jahr 1864.

Das sind gerade einmal 150 Jahre – vor der Geschichte ein Klacks, ein Lidschlag, aber dennoch Lichtjahre von unserer Realität entfernt. Kein Internet, kein Fernsehen, kein Radio, nicht einmal Telefon. Auch die Photographie steckt noch in den Kinderschuhen, sprich: Es fehlt alles, was zu einer zünftigen Kriegsberichterstattung notwendig ist. Aber es gibt Zeitungen, und der mediale Aufreger des Jahres, von den Salons in London und Paris bis Washington und Wien, ist der Untergang der Tscherkessen.

Der bitte wer?

1864 ist nach offizieller Geschichtsschreibung der Kaukasuskrieg vorbei, den das Russische Imperium seit knapp einhundert Jahren führt. In diesen hundert Jahren erweitert das Zarenreich seinen Einfluss von der Steppe im Norden des Kaukasus über das gesamte Bergmassiv bis an das Schwarze und das Kaspische Meer. Dabei werden eine Reihe von Bergvölkern unterworfen, von denen heute einige wieder bekannter sind, wie die Osseten, die Abchasen, die Inguschen und die Tschetschenen, aber auch heute längst vergessene, wie die Awaren, die Darginer, die Laken, die Lesgier und die Kumyken. Und eben die Tscherkessen. Schätzungsweise drei Millionen von ihnen leben bis dahin an der heute russischen Schwarzmeerküste, mit ihrer historischen Hauptstadt, wo jetzt das russische Sotschi liegt.


Der gemeinsame Drang nach Süden

Der Kaukasus ist ein mächtiges Bergmassiv, mindestens so groß wie unsere Alpen oder der Große Karpatenbogen, unwegsam, bewohnt von mehr als 50 verschiedenen, meist wilden und äußerst kriegerischen Bergvölkern, mit einem Wort ein Ort für Abenteuergeschichten und Träume. Wie alle Völker aus dem „Kalten Norden“ träumen auch die Russen, seit es sie gibt, vom warmen Süden; wo Goethe von Italien schwärmt und von blühenden Zitronen, schwärmen Puschkin und Lermontov vom Schwarzen Meer und, tja, auch von blühenden Zitronen.

Briten und Franzosen sind 1864 gerade dabei, koloniale Weltreiche zu bauen, da finden es alle ganz normal, wenn auch das Zarenreich versucht, sich auszudehnen, und dass dabei nicht zimperlich vorgegangen wird, regt auch keinen auf. Aber die Zeitungen haben die Reportage entdeckt, statt Photos gibt es ausführliche Zeichnungen, und so kommt es, dass dreihunderttausend tote Tscherkessen – verhungert, erschlagen, auf der Flucht ertrunken – die erste masssenmediale Katastrophe bilden. Es ist der erste Genozid der Neuzeit auf europäischem Boden, fünfzig Jahre vor dem Völkermord der Türken an den Armeniern, neunzig Jahre vor dem Holocaust. Die Truppen des Zaren Nikolaus II sehen keine andere Möglichkeit: Georgier, Armenier, Azeri – alle haben sich dem Russischen Reich gebeugt, aber das wilde Bergvolk der Tscherkessen verweigert selbst in der Niederlage den Gehorsam, muss aus dem eroberten Gebiet mit Feuer und Schwert vertrieben werden, um Platz zu machen für russische Sehnsucht nach dem Süden. Und so werden drei Millionen im Lauf des Sommers 1864 vertrieben, so gut wie alle in das damalige Osmanische Reich, die Zeichnungen der halb verhungerten Flüchtlinge, die nicht im Schwarzen Meer ertrunken sind, bei ihrer Ankunft in Istanbul gehen durch die Zeitungen und die Salons Europas.

Parallele zu heute: Es regt sich zwar jeder auf, aber keiner tut was. Das Osmanische Reich nimmt die Flüchtlinge, alles sunnitische Muslime, auf und verteilt sie, wo Platz ist (was oft damit zusammenhängt, dass es dort auch recht unwirtlich ist), so lebt heute der Großteil der tscherkessischen Diaspora im nördlichen Libanon, in syrischen Bergland östlich von Damaskus, im Bergland von Galiläa in Israel, im Kosovo und in der heutigen Türkei, vor allem im Bergland von Anatolien.

Wozu erzähle ich Ihnen das alles?

Weil es Putin erklärt: das sind die historischen Dimensionen, in denen er denkt.

Das finden Sie ein bisserl herb? Dann fragen Sie doch einmal, die Finnen, zum Beispiel, oder deren nahe Verwandte, die Esten. Oder die anderen Balten, wie Letten und Litauer. Oder die Polen. Oder, wenn Sie nicht in den kalten Norden wollen, fragen Sie doch die Tschetschenen. Deren 1864 war halt erst 1995, als russische Truppen ihre Hauptstadt Grosny zerstörten, Haus für Haus, bis so gut wie nichts mehr von der Stadt übrig blieb.

In Wirklichkeit führt Russland heute immer noch Kolonialkriege, in denen es darum geht, anderen Kulturen die eigene als die deutlich überlegene aufzuzwingen. Mit genau derselben Überzeugung schufen die Briten ihr koloniales Weltreich, lernten die Eingeborenen in Afrika, so sie Einwohner einer französischen Kolonie waren, von „unseren Vorfahren, den Galliern“, genau diese Einstellung ließ Kaiser Wilhelm sagen, am Deutschen Wesen werde die Welt genesen.

Die Mehrheit der Russen ist heute ebenso davon überzeugt, am „russischen Wesen“ werde zumindest ihre eigene Welt genesen.

Wobei sich die russische Welt deutlich von unserer, der westlich-demokratisch-aufgeklärten, unterscheidet.

Eine nicht unwesentliche Rolle spielt dabei die orthodoxe Kirche. Als sie sich vor rund tausend Jahren von der römischen abspaltete, ging der Streit darum, ob man sich dem Wesen Gottes mit menschlicher Vernunft nähern dürfe, oder ob schon das Zweifeln am Göttlichen Geheimnis eine Sünde sei. Der Westen brachte die Jesuiten, die Aufklärung und Max Weber hervor, der Osten hält rationelles Denken an und für sich für eine Sünde. „Orthodox“  bedeutet, wörtlich übersetzt, rechtgläubig, die Orthodoxe Kirche ist – fast noch mehr als die Römisch-Katholische – davon überzeugt, im Besitz der Wahren Reinen Lehre zu sein. Und in der ist es muffig-spießig, ist schwul sein heilbar und liberal ein Schimpfwort, sind Neger (gerne Schokoladnij genannt) Untermenschen und der Liebe Gott ist Russe.

Zyniker sagen jetzt, Geschichte lasse sich eben nicht betrügen. Nach dem Zerfall des Kommunismus hatten es die Osteuropäer leichter, die hatten eine bürgerlich-demokratische Tradition. Die Russen haben da vor 1917 nicht viel außer einer ziemlich absolutistischen, ziemlich klerikal-faschistischen Monarchie. Und so wie der (politische) Kommunismus formulierte, dass der Faschismus die politische Ausdrucksform des Spießertums sei, stimmt es auch anders rum, dass das – faschistische – Sowjetsystem eine einzige riesige „Spießerklasse“ hervorgebracht hat. Oder, um ein Bonmot meiner Tante Jolesch abzuwandeln: Die Juden haben sie erschlagen, die Adeligen auch, die Intellektuellen ins Arbeitslager gesteckt und die Großbürger vertrieben. Geblieben sind die Hausmeister, und die machen jetzt den Staat. Putin als Allrussischer Hausmeister, wie einst der Mundl.

Postsowjetische Depressionsoptik

Auf der Suche nach der Großen Russischen Seele, der „Duscha russkaja“, wie sie denn wirklich sei, landete ich einst in Nischnij Novgorod, dass sich damals gerade von „Gorkij“ wieder mit seinem alten Namen umgenannt hatte, und fand dort eine wunderschöne, alte Handelsstadt, völlig verfallen, sowie reichlich postsowjetischen Realismus, Marke Trübsinn. Ich brachte ein paar wunderschöne, tief depressive Schwarzweißbilder mit sowie den klugen Satz eines jüdischen Philosophieprofessors an der lokalen Universität, der meinte, die Russen hätten im Zweiten Weltkrieg „den Deutschen Faschismus besiegt um den Preis, den eigenen am Leben erhalten zu haben.“ So kann man das natürlich auch sehen, aber so unrecht hatte der Professor nicht: Es gibt keinerlei demokratische Traditionen in Russland, und die Aufklärung hat allerhöchstens in ein paar Salons in Petersburg stattgefunden.

Ich denke mir, so gesehen passt es perfekt, dass sich unsere heimischen rechten Recken so hervorragend mit den Russen vertragen – da treffen sich verwandte Seelen. Oder so.

Und da, mitten drin, agiert jetzt der kleine Wladimir Wladimirowitsch, von der Vorsehung auserkoren, Russland zu retten. Dabei lässt er keinen Zweifel an seinen Grundwerten, schließlich nennt er seine politische Bewegung nicht umsonst „allrussisch“ und bekräftigt damit seinen Anspruch, in der politischen Tradition aller russischen Machthaber seit Ivan dem Schrecklichen, dem Begründer des modernen Russland, zu stehen. Und ausgerechnet der kleine Wladimir muß jetzt plötzlich Allrussisches Kernland – und das ist die Ukraine nun einmal für jeden russischen Nationalisten – verteidigen, und das gelingt ihm mehr schlecht als recht.

Denn selbstverständlich lag die Grenze zwischen den Guten und dem gottlosen Ausland noch vor zwanzig Jahren in Pressburg und Berlin, heute steht sie an der russischen Grenze, und aus russischer Sicht ist die gottlose Nato, in der Damen mit Bart Präsidenten inteviewen, die größte Bedrohung des Wahren, Echten und Schönen überhaupt.

So denkt die Mehrheit der russischen Bevölkerung. Und natürlich spielt da die Kontrolle über die Medien eine Rolle, aber die Prädisposition dafür ist gegeben.

Wobei, realpolitisch gesehen, die große Bedrohung für die postsowjetische Oligarchie darin besteht, dass sich ukrainische Zerfallsbestrebungen auf russisches Kernland übertragen. Oder andersrum: Derzeit bekommen die Ukrainer an ihrer (langen) Grenze zu Polen, erste Reihe, fußfrei, vorgeführt, was es für Vorteile bringen kann, in der EU und eine kapitalistische Demokratie zu sein. Wenn morgen tatsächlich auch die Ukraine ein ähnlicher Erfolg wäre, wäre der Dominoeffekt eine echte Bedrohung.

Angst vor dem Dominoeffekt hat schon die USA in die erste Niederlage ihrer Geschichte in Vietnam geführt. Oder auch: Geschichte wiederholt sich. Ob als Tragödie oder als Farce, wird sich erst herausstellen.

Wie schon eingangs behauptet, will ich kein Putinversteher sein, aber dass ihm das nicht gefällt, kann ich nachvollziehen. Wie immer man das interpretieren möchte.

Vorsicht vor dem Trugschluss: Russland ist heute nicht so, wie es ist, weil Wladimir Putin so denkt, wie er denkt. Es ist genau anders rum: Eben genau weil Russland so ist, wie es ist, kann einer, der so denkt wie Putin, überhaupt Erfolg haben. Weil sonst wedelt hier der Schwanz mit dem Hund.

Denn, damit wir uns nicht falsch verstehen: Der – oben erwähnte – Krieg gegen die Tschetschenen wurde noch unter Boris Jeltsin begonnen.

„Schön“, sagt plötzlich Tante Erna aus dem Hintergrund, „alles sehr verständlich und einleuchtend. Und was bedeutet das im Klartext? Wie sollen wir jetzt mit dem Typen umgehen?“

Gute Frage. Ich weiß es nicht.

Ein Ansatz, wie es vielleicht geht, findet sich im britischen „Economist“, der da meint, wenn Ölpreis und Rubel weiterhin so fallen, wie sie es derzeit tun, müsse der Westen nicht mehr sehr viel dazu tun, außer es auszusitzen.

Das scheine, andererseits, so der Economist, auch Putins Strategie zu sein: Genau so wie Europa nach 150 Jahren das Schicksal der Tscherkessen vergessen hat, genau so wird sich der Wirbel um die Krim und den Dombass wieder legen, zwischenzeitlich verkaufen wir den wirtschaftlichen Einbruch als Schuld der Bösen Ausländer, und der Ölpreis wird schon wieder steigen, schließlich ist es bis jetzt auch immer wieder gestiegen.

Kann sein, dass da die kognitiven Dissonanzen sehr schrill werden. Kann sein, dass das recht holprig wird. Im letzten Posting schrub ich, Putin mache jetzt einen auf Milošević. Ich relativiere das jetzt hier, ein wenig, denn es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen den beiden: Russland hat Atomwaffen.

Wir leben in interessanten Zeiten. Aber auch das hab’ ich schon mal gepostet.

Offener Brief an den Bundesvorstand der Piratenpartei Österreichs, insbesondere an c3o

 

Lieber Christopher, kannst Du mir bitte meine politische Heimat, die Piratenpartei Österreichs, zurückgeben?

(Ich weiß, dass es Dir nix ausmacht, also verwende ich Deinen Klarnamen.)

Du weisst, dass ich von Anfang an gegen die Allianz mit der KP war. Du weisst auch, dass ich mich loyal der Partei gegenüber verhalten habe, dass ich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln versucht habe, einer möglichen Spaltung entgegenzuwirken (ob’s was genutzt hat, weiß ich nicht, die Spaltung blieb jedenfalls aus).

Aber jetzt ist die Kanne voll.

Flasche leer, habe fertig.

Kannst Du Dich an unser Gespräch beim Chaos Communication Congress in Hamburg im vergangenen Dezember erinnern, hinter dem Bällebad, im „Entspannungszimmer“? Du meintest damals ganz siegessicher, es wäre doch gelacht, wenn wir es nicht „gemeinsam“ schaffen würden. Gemeinsam mit der KP.

Jetzt ist Montagabend, nach der Wahl, es wurde kurz gelacht, das war’s dann, Danke, setzen, Nicht Genügend.

Lieber Christopher, kannst Du mir bitte meine politische Heimat, die Piratenpartei Österreichs, zurückgeben?

Ich habe Dich damals in Hamburg eindringlich gewarnt. Ich hab’ auch die drei Prozent vorhergesagt, wahrscheinlich eher zufällig. Egal. Ich habe Dich gewarnt, dass in so einer Konstellation die Mehrheit unserer piratischen Positionen verloren ginge. Du hast es beiseite gewischt. Demokratiefinanzierung? Demokratisierung Europas? Netzneutralität? Fahrscheinlose Öffis? Bedingungsloses Grundeinkommen? Pustekuchen.

Dabei ist das nicht einmal die Hälfte unserer Positionen vom Nationalratswahl-Flyer. Religion privatsieren? I wo, viel zu kontroversiell. Patentmissbrauch verhindern? Wie bitte soll man das denn transportieren …

Vernunftbasierte Drogenpolitik? Pfui, damit könnte man ja anecken. Das sollen die Spinner von der Hanfpartei machen. Was, steht im Parteiprogramm? Noch immer? Des ignorier’ ma, machen die Grünen schließlich auch so. Erfolgreich. Ja, die Grünen …

Lieber Christopher, kannst Du mir bitte meine politische Heimat, die Piratenpartei Österreichs, zurückgeben?

Dafür gab’s einen hoch populistischen Wahlkampf, so mit Haftungsboykott und dergleichen. Auf der Basis: Wir zahlen nix, aber das macht nix. Von einem, den die Mehrheit unserer Stammklientel als politischen Wendehals sieht. Macht nix, Hauptsache wir bekommen mehr Stimmen.

Christopher, darf ich mir Dein neues MacBook Air ausborgen? Ich mach’ dann anschließend einen Haftungsboykott und schenk’ es weiter.

Nach meiner Überzeugung ist die Piratenpartei kein Startup, bei dem man die Marketingstrategie einfach ändert, wenn es nicht gleich funktioniert. Und das war’s doch, warum Du die Allianz angestrebt hast.

<Loriot> Ach? </Loriot>

Weil Dir bei der Piratenpartei der soziale Aspekt fehlt, wie Du in facebook gepostet hast? Bull Shit, man. In Hamburg hast Du mir etwas Anderes erzählt.

Also, lieber Bundesvorstand, lieber c3o und Co, ich fordere die Einberufung einer Bundesgeneralversammlung, so schnell wie möglich, mit Neuwahl der Funktionen und davor eine Grundsatzdiskussion, wie wir in die Landtagswahl 2015 in Wien gehen wollen.

Meine Vorstellungen dazu kann ich gleich präzisieren: Ich will all’ die Positionen, die auf dem NR-Flyer hinten drauf sind, in eine zentrale Message vereinen (doch doch, das geht)1). Ich will, dass wir uns auf unsere Wurzeln als urbane Netzpartei der Nerds zurück besinnen. (Siehe auch den Blog von Anatol Stefanowitsch. Dem ist nichts hinzuzufügen.)

Ich will, dass wir uns auf Aussagen konzentrieren, zu denen wir stehen (und die wir auch inhaltlich darstellen) können. Ich will, dass unsere Kandidaten, wer immer das sein wird, Piraten sind, die sich nicht für $irgendwelche wahltaktischen Positionsgewinne öffentlich zum Brot machen und bei der Mehrheit unserer Sympathisanten nur mehr Kopfschütteln auslösen. (Scheisse, ist das kompliziert …)

Ich will eine (öffentliche) Diskussion über eine Neue Arbeitswelt und was wir in Zukunft als Arbeit definieren wollen/sollen, über Chancen und Risken der Digitalen Revolution, und vor allem darüber, wie wir unsere Vorstellungen in konkrete Forderungen für den Wahlkampf verpacken können. (Als BGE, zum Beispiel. 😛 )

Und ich will GANZ SICHER keine Fortsetzung der Allianz in $irgendeiner Form.

Ich mach’ Dir, Christopher, und dem Rest des BV, einen Vorschlag: Diesen Sonntag ist die LGV der Wiener Piraten, dort wird das sicher alles Thema sein. Wollen wir uns dort treffen und darüber einen Diskurs führen, einen gesitteten? Ja?

Ich bin überzeugt, faithless ist ganz wild auf diese Diskussion.

Faithless, wir kommen.

PS: Lieber Christopher, kannst Du mir bitte meine politische Heimat, die Piratenpartei Österreichs, zurückgeben?

andre

——

1) Man muss nur unser Programm lesen. Lesen bildet, ungemein. Wir sind (noch immer) eine liberale Bürgerpartei mit basisdemokratischen Strukturen. Wir wissen, dass die Digitale Revolution die Welt bis zur Unkenntlichkeit verändern wird, und wir wollen sie darauf zumindest ein wenig vorbereiten. Auch wenn uns die Mehrheit nicht zuhört, können wir dennoch das Salz in der Suppe von morgen sein. Und mehr will ich eh’ nicht …

Wieso der ukrainische Nationalismus eine Erfindung der k.u.k Monarchie ist und andere Überlegungen zur derzeitigen Situation

Als ich zehn Jahre alt war, wurde mein Vater nach Genf in der Schweiz versetzt. Wir fanden ein Haus in einer Anlage von neu erbauten Einfamilienhäusern; ich, bisher eine Altbauwohnung im achten Wiener Gemeindebezirk gewohnt, war hin und weg ob so viel Platz und Garten und Grün und Weite.

Unsere direkten Nachbarn waren Kanadier, mit dem Familiennamen Hawrylyshyn. Schon beim ersten Treffen lernten wir, dass die Familie eigentlich aus der Ukraine stammte, sie verstanden sich als Exilukrainer, und teilten das auch jederzeit und freizügig überall mit. Vater Bob (eigentlich hieß er Bohdan, das erfuhren wir aber erst später) lehrte am Genfer Centre d’Etudes Industrielles (das CEI war eine Business School, die später im IMD aufging); der Großvater kam, als er erfuhr, dass meine Mutter aus Österreich war, strahlend zum Zaun und sagte, auf gebrochenem Deutsch „I bin auch Eesterreicher“. Er war in Lemberg geboren und hatte im ersten Weltkrieg in der k.u.k. Armee gedient.

Vater Bohdan lehrte mich, dass die ukrainische Fahne gelb und blau sei, gelb wie die Kornfelder der Ukraine und blau wie der Himmel über ihnen, und dass sie, so lange die Ukraine nicht frei sei, nur verkehrt geflogen werde, also gelb oben und blau unten. Mutter Hawrylyshyn war in etwa so blond wie das Gelb in der Ukrainischen Fahne, zusammen hatten sie drei Kinder: Lassek, der ein Jahr jünger war als ich, sowie die Mädchen Tussa und Tina, alle drei ebenso blond.

Die Ukraine und der Knoblauch

Im Hause Hawrylyshyn war Ye Olde Country stets präsent. Tina, die jüngste, war etwa vier, als sie eines Tages bei uns in der Küche mit einem Kranz Knoblauch um den Hals erschien. „Mami sagt“, so Tina auf den fragenden Blick meiner Mutter, „das hilft gegen Bandwürmer.“

Meine Mutter sagte nichts und gab Tina ein Wurmmittel (unser anderer Nachbar war ein Bauernhof, so was hat man als kluge Mutter stets im Haus).

So lernte ich im zarten Alter von zehn Jahren, dass die Ukraine ein eigenes Land sei, mit einer eigenen Fahne, aber derzeit besetzt und in Unfreiheit, und dass man dort mit mitteleuropäischer Kultur und Hygiene etwas anders umging als bei uns.

Einige Jahre später fand ich bei einer Bibliotheksauflösung in Wien eine „Grammatik der Ruthenischen Sprache“, ein k.u.k. Schulbuch aus dem 19. Jahrhundert. Ich bin ein Journalist, also neugierig. Weshalb ich seither weiß, dass Ruthenisch die Eindeutschung des Wortes Rus ist, früher sagte man auch Reussen dazu und bezeichnete damit eine Gegend (und deren Bewohner) dort, wo heute Ungarn, Polen, Rumänien, die Slowakei und Westukraine aneinander stoßen. Der Ausdruck Ruthenen selbst bezeichnet die seit etwa dem 15. Jahrhundert im Großfürstentum Litauen, in Polen-Litauen und dem Königreich Ungarn lebenden Slawen östlichen christlichen Glaubens; die (Groß-)Russen hießen damals bereits Moscovitae oder Russi.

Im k.u.k. Kronland Galizien war Ruthenisch, neben Polnisch, eine offizielle Sprache.

Im postsowjetischen Kiew

Mehr als dreißig Jahre nach unserem Erstkontakt mit der Familie Hawrylyshyn, da hatte sich die Sowjetunion schon aufgelöst und die Ukrainische Fahne wehte richtig herum am Fahnenmast, traf ich Tina, das jüngste Nachbarskind, erneut. Es war in Kiew am Flughafen, es war spät abends, und nur weil sie jetzt unabhängig waren, hatten die neuen ukrainischen Grenzbehörden ihre sowjetischen Methoden noch lange nicht geändert, sprich: Es war mühsam. Tina trug diesmal keinen Kranz Knoblauch, sondern hochhackige Stiefel bis übers Knie und trat gegenüber den postsowjetischen Hütern der neuen Staatlichkeit resolut und in fließendem Ukranisch auf. In fünf Minuten waren wir durch alle Formalitäten durchgewunken und standen vor der Ankunftshalle in der ebenso dunklen wie beißenden Kälte, in Verhandlungen mit mehreren Taxifahrern. „Wenn Du irgend etwas brauchst hier, ruf’ mich an“, sagte Tina und stieg in einen großen schwarzen Geländewagen mit verdunkelten Scheiben.

Nun will ich weder dem alten Bohdan, oder Bob, denn „Bochdan“, wie es korrekt ausgesprochen wird, konnte in Genf keiner aussprechen, außer vielleicht meiner Mutter und mir, also ich will weder Bob noch seinen Kindern unterstellen, mit der Mafia etwas zu tun zu haben, im Gegenteil, ich schätze Bob Hawrylyschyn als einen hoch korrekten Menschen ein, aber schließlich war er jahrelang Berater der ukrainischen Regierung und hat in Kiew eine Filiale der Schweizer Managementschule IMD aufgebaut, da ließ es sich wahrscheinlich nicht vermeiden, auch mit dieser Gesellschaftsschicht in Berührung zu kommen, und nur weil Tina Stiefel bis über die Knie trug, musste sie noch lange nicht dazugehören, schließlich lag tatsächlich ordentlich Schnee.

Es ist in der Ukraine eben vieles nicht so, wie es auf den ersten Blick erscheint. Nicht nur in jüngster Zeit, sondern seit je her.

Andere Völker sind älter

Wobei „von je her“ ein zeitlich dehnbarer Begriff ist. So gibt es Völker, die sind wirklich alt. Die Armenier, etwa, oder die Georgier, wenn wir jetzt einmal im Spektrum der ehemaligen UdSSR denken, aus deren Zerfall ja die Ukraine erst jüngst als eigenständiger Staat entstand. Aber die Ukrainer sind es nicht, jedenfalls nicht als Nation. Ukraine als eigenständige Nation ist eine Erfindung des 19. Jahrhundert, unter der Patronanz der Habsburger und mit Ablehnung durch das russische Zarenreich.

Nämlich weil das mit die Geschichte – also erstens ist es wie überall kompliziert, und zweitens haben wir das in der Schule ja nicht gelernt und daher hat kaum wer Ahnung davon. Wäre aber praktisch, denn es erklärt sehr viel von dem, was da gerade in der Ukraine abgeht.

Wobei man auch noch säuberlich zwischen Mythen und tatsächlicher Geschichte unterscheiden muss.

Die Wikinger – ja, tatsächlich, die – waren als ebenso unternehmungslustig wie reisefreudig bekannt, und das nicht nur nach Westen, wo ja Eric der Rote bis nach Neufundland kam, sondern auch nach Osten, sozusagen auf die andere Seite hin. Dort fuhren sie auf Flüssen wie Dnjestr und Dnjepr mit ihren Drachenschiffen von Skandinavien nach Südosten bis an das Schwarze Meer und begründeten dabei eine Reihe von Städten, als Handelsniederlassungen, respektive trieben mit den Städten, die sie schon vorfanden, Handel. Man nennt diese Wikinger auch Waräger, angeblich sind sie für die unpackbar blauen Augen sowie das leuchtende Strohblond der Ukrainerinnen verantwortlich, oder so ähnlich. So weit die Fakten.

Der Mythos erzählt von einem Stamm der Wikinger, der sich Rus nannte. Von denen gibt’s aber keine geschichtlichen Bezeugungen, also gibt es sie erst mal offiziell nicht. Was die Rus oder Waräger oder wen auch immer, nicht davon abhält, ab dem zehnten Jahrhundert als Kiewer Rus aufzutreten, als Großreich der Slawen so in etwa dort, wo die heutige Ukraine ist, wir wollen das jetzt im Detail nicht diskutieren.

Der Mythos des (russischen) Slawentums erzählt von den zehn weisen Männern, die in einem goldenen Boot den Dnjepr herunterkommen und in der Stadt Kiew an Land gehen, um dort auf den sieben Hügeln der Stadt das neue (orthodoxe a.k.a rechtgläubige) Rom zu gründen.

Die Geschichte wieder weiß, dass der warägische Großfürst Wladimir I. Swjatoslawitsch 899 in Kiew zum byzantinisch-orthodoxen Christentum konvertierte, weshalb ihn die Russen den Heiligen nennen und in Kiew die Wiege ihrer Nation sehen.

So weit, so verwirrend

1240 fiel Kiew, die Goldene Pforte, als letzte große Stadt im Zuge der mongolischen Invasion der Rus, und wurde völlig niedergebrannt, das ist auch das Ende des Kiewer Rus. Erst dreihundert Jahre später eroberte Iwan IV, Großfürst von Moskau, die tatarischen Khanate Kasan und Astrachan und legte damit den Grundstein zum modernen russischen Großreich. Die Geschichte dankte es ihm, indem sie ihn den „Schrecklichen“ nannte, wobei die Übersetzung fehlerhaft ist, denn die Russen nennen ihn groznyj, was der „Drohende“, der „Strenge“, „der Furchteinflößende“ bedeutet, wahrscheinlich ist das „schrecklich“ ein früher PR-Spin (katholischer) europäischer Fürstenhöfe, gegenüber dem neuen Mitspieler, der noch dazu die „falsche“ Religion hatte. However.

Jedenfalls versteht die russische Geschichtsschreibung Moskau seither als legitime Nachfolgerin der Kiever Rus, konsequenterweise nannten sich die Zaren seit Iwan „Herrscher aller Russen“ und meinten damit auch Kiew und Minsk, also die Ukraine und Weißrussland.

Und Kiew selber? Versank nach dem Tartarensturm in die Mittelmässigkeit und wurde erst eine Provinzstadt der litauischen Großfürsten und später eine ebensolche im Königreich Polen.

Die Polen waren katholisch, die lokalen Ruthenen und Russinen orthodox, das klingt nach Ärger, und so war es auch. Wobei die anti-polnischen Bewegungen nichts von Unabhängigkeit redeten, sondern von der Vereinigung mit dem russischen Mutterland. Das gelang auch unter dem Hetmann der Kosaken Bogdan Chmelnytzkyj, dieser besiegte in mehreren Schlachten diverse polnische Heere, meuchelte bei der Gelegenheit auch ein Fünftel der (damaligen) ukrainischen Juden, um schließlich 1654 den Zusammenschluss des neuen Kosakenstaates mit dem russischen Zarenreich zu feiern.

Seither ist Kiew „wieder“ russisch, denn Chmelnytzkyj verstand sich als Russe. Von „ukrainischem“ Nationalismus war da weit und breit noch nichts zu sehen.

Galizien als Schlüssel

Die Habsburgern erbten 1772 das Königreich Galizien, das reichte von Krakau über Lemberg bis Ivano-Frankowsk, grosso modo die heutige Westukraine und weite Teile Südpolens. Im so genannten Ausgleich“ von 1867 wurde Galizien cisleithanisch und de facto polnisch. (Dass uns Österreicher heute die Polen so mögen, beruht ja mehrheitlich darauf, dass Polnisch als Sprache (und Kultur) über hundert Jahre nur im österreichischen Galizien überlebte, die ersten polnischen Lehrbücher sind ebenso k.u.k.-Erzeugnisse wie das ruthenische aus meiner Bibliotheksauflösung.)

Egal. Die Polen im Westen Galiziens waren deutlich mehr als die Ruthenen im Osten, der polnische Adel beherrschte die Alltagspolitik. Den Ruthenen gefiel das nicht, im Nationalitätenstreit des 19. Jahrhunderts bedeutete das, dass sich ruthenische Unabhängigkeitsbestrebungen entwickelten, mit dem Zentrum in Lemberg, diese wurden jetzt auch auf Kiew ausgedehnt. Und jetzt erst entstehen – vor allem im europäischen Teil der Ukraine, also im österreichischen Ostgalizien –  nationale ukrainische Bestrebungen, die einen unabhängigen Staat als Endziel sehen und nicht die großrussische Lösung einer Vereinigung. Die Österreicher förderten, schon aus anti-russischen Überlegungen, die Entstehung einer autochthonen „kleinrussischen“ Unabhängigkeitsbewegung. So gab es im Ersten Weltkrieg sogar einen offiziellen Kronprätendenten für ein nach dem (möglichst gewonnenen) Krieg zu gründendes unabhängiges Königreich Ukraine, Wilhelm von Habsburg-Lothringen.

Was es so alles gab, in der Geschichte, wirklich erstaunlich.

Geschichte ist noch viel erstaunlicher

1917, nach der Russischen Revolution, entstand ein eigenständiger ukrainischer Staat mit Kiew als Hauptstadt. Ein Jahr später, mit dem Zerfall der Donaumonarchie, zerfiel auch Galizien, der Westteil wurde polnisch, das Gebiet um Lemberg schloss sich noch 1918 dem neuen Staat Ukraine an. Doch das Konstrukt hält nicht, im Vertrag von St. Germain geht die Westukraine an Polen, während der Ostteil sich unter Symon Petljura noch bis 1920 der Roten Armee widersetzt. Ach ja, bei der Gelegenheit werden von Herrn Petljura bei diversen Pogromen in der unabhängigen Ukraine bis zu 50.000 Juden ermordet.

Die Sowjets förderten die Ukrainisierung der neuen Sowjetrepublik, allerdings im Großrussischen Sinn, der die Einheit zwischen Schwarzrussen (Moskau), Weißrussen (Minsk) und Rotrussen (Kiew) in einem einzigen Herrschaftsgebiet postuliert. (Das mit den Farben stammt aus dem Mittelalter. Im byzantinisch-griechischen Verständnis war Kleinrussland das Gebiet um Kiew, Großrussland alles andere). Jedenfalls bekam die Ukraine erst unter den Sowjets eine eigene staatliche Struktur und eine einheitliche Staatssprache und -schrift. Dass heute in der Ukraine in allen bis auf zwei der Oblasti mehrheitlich Ukrainisch gesprochen wird, verdankt die Ukraine den Sowjets mindestens ebenso wie dem Vorgänger von Janukowitsch, Viktor Juschtschenko, der während seiner Amtszeit die Verbreitung des Ukranischen sehr vorantrieb.

Im Zweiten Weltkrieg kamen dann die Deutschen, komplett mit Plänen für einen ukrainischen Vasallenstaat. Noch vor dem Einmarsch regulärer deutscher Truppen im August 1941 rief Stepan Bandera in Lemberg eine unabhängige Republik Ukraine aus und massakrierte zur Feier des Tages 7000 Menschen, meist Juden oder Kommunisten (oder beides). Die Deutschen nahmen wenig später Kiew ein und – erraten: massakrierten aus diesem Anlass 30.000 Juden in Babi Yar. Stepan Bandera steckten sie zuerst ins Lager, denn eine unabhängige Ukraine stand nicht auf ihrem Programm, später organisierte Bandera für die Deutschen den antisowjetischen Partisanenkampf. Während Bandera 1946 nach München floh, gingen die Partisanenkämpfe bis in die Fünfzigerjahre weiter. (Bandera wurde übrigens 1959 im München von KGB-Agenten auf offener Strasse ermordet.)

Zuletzt gab’s noch die Krim

Stalin gab der Ukraine, vielleicht als Ausgleich für erlittenes Unbill, nach dem zweiten Weltkrieg das Gebiet um Lemberg zurück, das er den Polen wegnahm, sowie die Karpatoukraine, die er von der Tschechoslowakei abtrennte. Sein Nachfolger Chruschtschow schenkte Kiew 1954 auch noch die Krim, die bis dahin zur russischen SSR gehört hatte, zum Anlass des 300-Jahre Jubiläums der Unterzeichnung des Vertrages von Jaroslawl (Sie erinnern sich: Kosakenhetman Chmelnytzkyj, Anschluss an Moskau). Warum genau, weiß man bis heute nicht, vielleicht, weil Chruschtschow selber aus der Ukraine stammte, allerdings aus dem auch heute noch mehrheitlich russischen Donez. Vielleicht auch, weil es ja egal war, schließlich war ja alles Teil der Großen Union der Sozialistischen Republiken. Bei diesem feierlichen Anlass wurden übrigens keine Juden massakriert. Und auch eine unabhängige Ukraine war kein Thema.

Und dennoch gibt es diese Ukraine heute, fünfzig Jahre später. Man muss wirklich bewundern, mit welcher Zielstrebigkeit und welchem Einsatz die diversen exilukrainischen Organisationen, von München bis Kanada, von Lemberg ausgehend, anlässlich des Zerfalls der Großen Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken die Unabhängigkeit der Ukraine betrieben und tatsächlich erreichten.

Ich behaupte ja, dass diese Unabhängigkeit der Ukraine den Russen bei der Auflösung der Sowjetunion einfach passiert ist, aus Unaufmerksamkeit oder sonst was, und dass die russische Außenpolitik, nachdem sie sich von dem Schock erholt hat, seitdem alles tut, dieses Hoppala zu korrigieren.

Wladimir Putin, der Neue Zar in Moskau, kann gar nicht anders, als alles in seiner Macht stehende zu tun, diese Unabhängigkeit rückgängig zu machen.

Schon das Zarentum sah sich als Herrscher aller Russen, nicht umsonst nannte es sich Wse Rossijskaja Imperija, All-Russisches Imperium. Im Panslawismus erhob man sogar den Führungsanspruch auf alle slawischen Nationen. Die Sowjetunion übernahm diesen Anspruch nahtlos; Putin, der nicht umsonst den Zusammenbruch der UdSSR eine politische Katastrophe nennt, sieht sich als legitimer Erbe dieses Anspruchs. Ob bei seiner blöden Zollunion, oder was auch immer für ein Euphemismus für Russischen Imperialismus da verwendet wird, also ob bei der geplanten Zollunion Armenien dabei ist oder Kasachstan, kann ihm relativ egal sein, aber wenn die Ukraine nicht mitmacht, hat er seinen legitimen Anspruch als der Herrscher aller Russen verspielt.

Daher geht es jetzt in der Ukraine um die ganz fundamentale Frage: Ist dieser Jahrhunderte alte Herrschaftsanspruch, den Iwan der Schreckliche als Nachfolger der Kiever Rus erhob, der die Außenpolitik des Zarenreiches grundlegend prägte, und der nach dessen Zerfall nahtlos von der Sowjetunion übernommen wurde, und nach deren Zerfall von Wladimir Putin, hier und heute noch aufrecht zu halten, oder hat es Väterchen Wladimir tatsächlich vergeigt?

Unappetitliche Mitreisende

Bevor jetzt aber alle Europäer in euphorischen Jubel ausbrechen, weil in Kiew gerade die Guten siegen, sollten wir uns bewusst sein, dass da eine Reihe von eher unappetitlichen Mitreisenden mit im Zug sitzen, etwa die „Allukrainische Union – Svoboda“ (Freiheit), eine in der Rada vertretene offen rechtsnationale Partei, oder der so genannte „Rechte Sektor“, eine lose Vereinigung von Wehrsportgruppen und Fussball-Ultras. (Wobei man auch vorsichtig sein sollte, was da von der russischen Agitprop verbreitet wird und was tatsächlich stimmt.)

Natürlich hat es mir missfallen, dass der Nationalist und Sieger der orangen Revolution, Viktor Juschtschenko, 2005 am Grab von Symon Petljura am Pariser Friedhof Montparnasse Blumen niedergelegt hat, demonstrativ und in Begleitung seiner Frau und eines Rudels Photographen.

Natürlich hat es mir missfallen, dass Anhänger des Fußballklubs Karpaty Lwiw zur Fußball-Europameisterschaft ein Riesentransparent von Bandera in die Höhe hielten. (Bandera hat im westukrainischen Ternopil sogar ein eigenes Denkmal.)

Selbst Wilhelm Franz Habsburg-Lothringen, der ex-Thronprätendent, rückte in späteren Jahren immer deutlicher in die Nähe des Antisemitismus, bevor er im August 1947 am Wiener Südbahnhof von den Sowjets entführt und nach Kiew verschleppt wurde, wo er zwei Jahre später im Gulag starb. (Dafür wird heute auch Erzherzog Wilhelm Franz in der Ukraine als Held verehrt – nur wir Österreicher wissen halt nix mehr von der Weltgeschichte.)

Auch habe ich zur Kenntnis genommen, dass der russische Erbfeind Polen in der Ukraine derzeit laufend Sympatiepunkte sammelt. OK, erstens wollen die Ukrainer im Moment das Großrussische ja eher nicht, zweitens können sie im benachbarten Polen erste Reihe fußfrei zusehen, was es bringt, Mitglied der EU und des kapitalistischen Westens zu werden, und drittens hat Polens Außenminister Radek Sikorski in den letzten Wochen, zusammen mit Frank Walter Steinmeier, seinem deutschen Amtskollegen, einen wirklich erstklassigen Job gemacht. Dennoch: Nachdem sich Ruthenen und Polen sowie Litauer in den letzten vierhundert Jahren eigentlich nur in der Wolle gelegen sind, quer durch Galizien, die Bukowina und Wolhynien, ist es derzeit schon erstaunlich, was das „Friedensprojekt EU“ alles zuwege bringen kann. Das sollten wir, bei aller Kritik gegenüber Brüssel, nicht vergessen.

Aber noch ist nicht aller Tage Abend. Noch kann Väterchen Putin ein Ass aus dem Ärmel ziehen, das wir uns nicht erwarten oder von dem wir noch nix nichts wissen. Und noch kann, was viel wahrscheinlicher ist, sich die Ukraine selbst ins Bein schießen und es irgendwie verschisteln, wie es ihr ja schon nach der orangen Revolution 2004 gelungen ist.

Wir leben in interessanten Zeiten.

Sind die Piraten links? Eine Polemik.

„Sind die Piraten links?“ fragt der fraktionsunabhängige österreichische Mandatar des europäischen Parlaments, Martin Ehrenhauser, in einem Blogpost.

Die Art, wie der Blogpost zu seinem Schluss kommt – „Ja“, um diesen erstmal vorweg zu nehmen – verleitet mich dann doch zu einer kurzen Replik, denn bei näherer Hinsicht scheint mir Martins Argumentation ein wenig, sagen wir höflich, zu kurz zu greifen.

Zu allererst stoße ich mich an Martins Begriffsdefinition von „links“ und „rechts“. Als große Gemeinsamkeit des „rechten“ Politikspektrums sieht er „ … das gegenemanzipatorische Politikverständnis. Verkürzt erklärt heißt es, dass der Mensch von Natur aus ,böse‘  ist und die Aufklärung nicht greift.“ Dem gegenüber stellt er das  „emanzipatorische Politikverständnis der Linken“, dass davon ausgehe, „dass der Mensch ,gut‘ ist und die gesellschaftlichen Verhältnisse verantwortlich sind, wenn sich ein Mensch ,böse‘ verhält. Sie sind davon überzeugt,  dass der vernunftbegabte Mensch durch Aufklärung zum ,Guten‘ geführt werden kann.“

Tja, hm …

Ich dachte immer, ich sei ein Linker. Aber dass der Mensch von Natur aus gut ist, halte ich für ein Gerücht, für ein glattes sogar. Heißt das, dass ich jetzt laut Martin gar kein Linker bin?

Ein wenig weiter im Text wird es konkreter. Da zitiert Martin Oswald Spengler und seine Zyklentheorie sowie Julius Evola und Carl Schmitt, vor allem letzterer geht auch meiner Meinung nach in die richtige Richtung, wobei man gleich Thomas Hobbes hätte zitieren können, nicht nur wegen des Gesellschaftsvertrages, oder auch John Locke, wegen des selben Vertrages, wobei der dann eher für die Linke stehen müsste, zumindest für die liberale Seite davon. Und wenn wir schon dabei sind, dann werfen wir mit David Hume noch einen liberalen Schotten ein; wer Hobbes toll findet und Locke und Hume nicht so mag, den könnte man schon als eher rechts definieren. Konfrontieren wir noch Hobbes’ Definition des Göttlichen Willen mit dem von Locke postuliertem Recht auf Widerstand, dann könnte das schon hinkommen.

Nur: Das steht bei Martin nicht. Da steht was vom zyklischen Geschichtsverständnis der Rechten, das eine gottgegebene Ordnung vorsieht, versus dem linearen Geschichtsverständnis der Aufklärer, die eine emanzipatorische Entwicklung der Menschen daraus ableiten, damit kann ich mich ja schon wieder anfreunden, aber wenn ich dann bei Kant nachlese, dass er Lockes Recht auf Widerstand kategorisch ablehnt, heißt das jetzt, dass Kant rechts war? Oder dürfen den nur alle Deutschen (äh, pardon, Deutsch Sprechenden) zitieren, einfach weil’s dazugehört? Dann will ich als Linker Fichte zitieren dürfen, den Johann Gottlieb nämlich, schließlich glaubte der glühende Atheist auch nicht an den Göttlichen Willen. Dafür gilt er als geistiger Vater der deutschen Rechten, die Partei der Republikaner unter Franz Schönhuber berief sich explizit auf Fichte. (1985 – wer kann sich da noch an die Republikaner im Europaparlament erinnern? Ja ja, das politische Gedächtnis ist kurz.)

Also was jetzt?

Wobei Martin dann ableitet, dass die Piraten an den Göttlichen Willen nicht glauben (das tun die NEOS auch nicht, angeblich) und daher seien wir links. Zitat: „Die Piraten glauben an keine göttliche Rangordnung, sie glauben an das ,friedliche und kooperative Potenzial des Menschen.‘ Sie sind überzeugt, dass alle Menschen eine ,gleiche Chance zur Selbstverwirklichung‘ haben müssen und sehen sich zur ,Solidarität verpflichtet.‘ “

Schön ist das, richtig kuschelig. Leider fehlt in der ganzen Argumentation der ökonomische Aspekt, und wie wir ja schon seit Onkel Brecht wissen, kommt erst das Fressen und dann die Moral, also zuerst Adam Smith und dann erst Immanuel Kant, Imperativ hin oder her.

Weil: Auf der gesellschaftlichen Seite „links“ sein, das ist einfach, das konnte sogar Jodok Fink, Christlichsozialer unter Lueger und damit wahrlich kein Linker, dennoch ein Sozialreformer der ersten Republik.

Wie gesagt: Erst bei der Ökonomie spalten sich die Geister.

Das Ganze muss man im Licht der Ereignisse zwischen Piraten, der KP und Martin Ehrenhauser sehen. Martin Ehrenhauser muss sich bei dieser EU-Wahl der Wiederwahl stellen und hat alleine wahrscheinlich keine Chance. Die Piraten haben alleine auch keine, und die Kommunistische Partei Österreichs ebenfalls keine (also keine reelle). Also haben sich Piraten und KP zu einer Wahlgemeinschaft zusammengeschlossen, während sich Martin Ehrenhauser noch überlegt, für diese Gemeinschaft als Kandidat anzutreten.

Ob diese Koalition der Wir-schaffen-es-alleine-nicht-so-wirklich-Fraktionen gemeinsam überhaupt eine Chance hat, wird sich bei der Wahl zeigen, bis dahin kann man nur spekulieren, das überlasse ich anderen. Aber wie weit KP und Piraten mit der Klammer „links“ für Martin Ehrenhauser zu verbinden sind, das verdient dann doch ein wenig Aufmerksamkeit.

Dass dabei Martin bei der Definition von „links“ nicht so genau hinschaut, verwundert nicht. Dabei wäre es doch so naheliegend, bei der KP selber nachzuschauen. Auf dem offiziellen Website der KPÖ wird deren wirtschaftspolitischer Sprecher Martin Graber auf dem Sozialkonvent der KPÖ vom April 2013 zitiert: „Die Banken, Versicherungen, der gesamte Finanzsektor gehören in öffentliche Hand unter strengster Kontrolle der verschiedenen (zivil)gesellschaftlichen Einrichtungen.“

Ich denke mir, dass das die Piraten in dieser Form eventuell nicht mittragen würden. Schließlich steht im Parteiprogramm zum Thema „Wirtschaft“ an erster Stelle: „Die Piratenpartei Österreichs bekennt sich zur freien Marktwirtschaft.“ Und von einer Verstaatlichung des Finanzsektors (oder wie interpretiert ihr „gehören in öffentliche Hand“?) steht da auch im weiteren nichts.

Und auch das bekannt basisdemokratische Kampfblatt „Neues Deutschland“ mit dem Artikel „Wir befinden uns im Klassenkampf“, das prominent auf der KP-Seite steht, könnte dem einen oder anderen Piraten etwas aufstoßen.

Ich weiß schon: Viele heimatlose Linke haben bei den österreichischen Piraten angedockt und träumen auch da von der Vergesellschaftung der Produktionsmittel, wie das bei Marx so hübsch heißt.

Aber die wahren Piraten, die träumen (ökonomisch) von etwas anderem. Die träumen von einem neuen Maker Space, als Nachfolger des Stewart Brand und seines „Whole Earth Catalog“ („Stay hungry! Stay foolish!), als die neuen Selbständigen angesichts des Tsunami der Digitalen Revolution, der sowieso alle bisherigen ökonomischen Bedingungen über den Haufen werfen wird. Sehr hübsch nachzulesen im „New Yorker“ vom 13. Jänner dieses Jahres („How Makers Became The New Hackers“), aber meilenweit entfernt vom Klassenkampf à la KPÖ.

Im Fachjargon der Politologen heißt das Linksliberal (oder, in Anlehnung an den Pakt Brandt-Scheel „Sozialliberal“) und grenzt sich deutlich von den K-Gruppen der Nachkriegszeit ab. Aber das nur so am Rande.

Und so gesehen lässt sich die Frage „Sind die Piraten links“ eher so beantworten: Sozial ja, ökonomisch sind wir eher auf der liberalen Seite.

Wowereit.

 

Und zu guter Letzt noch schnell einen Link zum blog des von mir sehr geschätzten c3o zum Thema „Piraten & Wirtschaft„. Mu

 

Ein Vorschlag zur Güte oder: Warum wir bei dieser Europawahl nicht antreten sollten.

Es ist wieder einmal Zeit für ein kleines update, so kurz vor der BGV 2014-1 in Graz.

Als erstes eine Anmerkung: Offenbar sind viele in der Piratenpartei der Meinung, ich sei nicht mehr dabei resp. ausgetreten. Dem ist nicht so – ich bin nur zurück- und niemals ausgetreten.

(Warum, lese man einen blogpost vorher nach.)

Also werde ich bei der BGV anwesend sein & von meinem demokratischen Recht der Wahl Gebrauch machen.

Zweitens: Ich strebe kein Amt an und keine Position. Ich hatte stets vor, zur Wahl bei dieser BGV nicht mehr anzutreten, hauptsächlich aus gesundheitlichen Gründen. Nach fisimas Hoppala hatte ich gehofft, wenn ich mit Getöse zurückträte, würde dies eine Änderung …

OK, hat auch nicht geklappt. Nicht das erste, das 2013 nicht so ablief wie geplant.

Gut, ich war etwas – äh – emotionell. Das ändert im Prinzip aber nichts am Inhalt der Kritik. Wer mich dafür abwatsch^W zur Rede stellen möchte, kann dies auf der BGV gerne tun.

Weil’s aber hier nicht um mich geht, sondern um die Sache, ist der dritte Punkt der wichtigste: Wie soll es jetzt weiter gehen?

Und da hätte ich der Allgemeinheit gerne einen Vorschlag unterbreitet.

So weit ich das überblicke, wird darüber diskutiert, ob wir alleine oder gemeinsam mit der KP zur Europawahl antreten sollen.

Mit der KP: Ihr kennt meine Meinung. Mit den Kummerln zu paktieren halte ich nach wie vor für politischen Selbstmord. Die KP ist eine Marke aus der Vergangenheit, wir eine Marke für die Zukunft. Ich wüsste wirklich nicht, was wir davon profitieren könnten, und auch gemeinsam werden wir ganz sicher nicht ein Mandat erringen.

Ausserdem: Am Begriff „Kommunisten“ klebt mindestens so viel Blut wie an „Nationalsozialismus“. In so gut wie allen europäischen Ländern haben sich die Linken daher von diesem Begriff distanziert, haben sich umbenannt, haben deutlich Stellung bezogen. Nur die heimische KP heißt immer noch genau so wie der Verein, der alleine in der ehemaligen Sowjetunion für mindestens 20 Millionen Tote verantwortlich ist.

1934, nach dem Bürgerkrieg in Österreich, floh die Mehrheit der Schutzbundführer in die Sowjetunion, damals noch das gelobte Land der europäischen Linken. Und dort wurden sie alle – alle! – liquidiert.

Mit denen wollt ihr packeln, unter dem selben Namen und mit noch immer dem selben Logo?

Pfui Deibel.

Ja, meint da der c3o, aber wir wollen ja nur ein Zweckbündnis, wegen der Wahlhürden …

Ich würd’ ja nicht einmal dann wollen, wenn es tatsächlich etwas brächte, aber es wird und kann nichts bringen. Die Kummerln bringen ein Prozent, wir auch eins, und dann?

Vier bringt der Ehrenhauser? Echt jetzt?

Außerdem: Es ist nach außen nicht darstellbar. Sprich: Wo immer wir in der Öffentlichkeit aufträten, wäre unser Image als Partei der Zukunft beim Teufel. Oder, wie es die Alexs auf twitter sehr hübsch formuliert hat: „Als weder links noch rechtspartei mit anderen lagerparteien kooperieren scheint mir etwas abseits der spur zu sein.“

Ohne KP: Na ja, wir können ja versuchen, den Erfolg der NRW zu wiederholen. Alleine am Unterschriften sammeln werden wir verzweifeln, und wenn wir es tatsächlich schaffen, bleibt für den Wahlkampf keine Luft mehr.

Und Geld für Werbung, in einem Flächenwahlkampf für ganz Österreich, haben wir auch nicht.

Ja, rufen jetzt die Befürworter, aber die Zeichen stehen auf Konfrontation, alle Meinungsumfragen sagen den etablierten deutliche Verluste voraus, da wären doch genug Proteststimmen abzuholen …

Ja schon, aber _gegen_ die EU. Zulegen werden die Europa-feindlichen, der Front National, der Vlaamse Belang, oder auch die Norweger und die Wahren Finnen, die sind dann nicht ganz so unappetitlich. Aber dennoch auch dagegen.

Wir aber sind nicht gegen die EU, ganz im Gegenteil. Und schon deshalb werden wir _da_ auch nix extra abholen können.

Also was jetzt? Trübsal macht sich breit.

Ich hätte da einen Plan C.

Wir treten einfach gar nicht an.

Neinneinnein, nicht weil wir aufgeben, sondern weil wir klug sind.

Die nächsten bei uns anstehenden Wahlen sind die Wienwahlen. Wenn wir jetzt anfangen, uns _darauf_ vorzubereiten, wenn wir eine Wahlkampfkasse eröffnen und _jetzt_ anfangen, sammeln zu gehen, Strukturen aufzubauen, Themen zu identifizieren, bei denen wir punkten können, dann ist da tatsächlich etwas drin.

Denkt doch einmal nach: Derzeit regieren die Roten mit den Grünen, einzige Opposition sind die Rechten, in den beiden Geschmacksrichtungen grauslich und ein bisserl weniger grauslich. Wobei die weniger grauslichen im Bund Regierungspartei sind, was de facto nur die *spuck* FP als Oppositionspartei übrig lässt.

Da ist doch in der Mitte noch ein Platzerl als Opposition frei …

Auch in D ging es mit Berlin los …

Unsere Themen sind nur im Bund und auf Europaebene darstellbar? Unsinn. Keine Transparenz gibt’s auch auf dem Magistrat, die Roten regieren seit 60 Jahren, da feiert der Filz fröhliche Urstände, da werden wir schon was finden. Und beim Datenschutz genau so.

Ganz abgesehen davon, dass Wien kein Flächenwahlkampf ist, und wir lang nicht so viel werbetechnischen Aufwand betreiben müssten, um überhaupt gehört zu werden …

Aaaalso: Lasset uns doch beschließen, die Europawahlen einfach auszulassen, bereiten wir uns doch auf die Schlacht von Wien vor, und dann fangen wir gemeinsam noch einmal von vorne an.

Was haltet ihr davon?

Warum ich dann doch noch nicht ausgetreten bin.

Soifz. (© Vilintril)

Also, da sind noch einige Fragen offen, die beantwortet gehören.

Vorab möchte ich jedoch mal was Grundsätzliches äußern, um das Gesamtbild in’s (für mich) rechte Lot zu rücken.

Jeder von uns – aber wirklich Jeder und Jede, den/die wir da draußen treffen – hat einen Plan, wie die Welt ausschauen soll, damit sie gerechter, besser & edler wäre.

Der ist meist bestechend, für den jeweiligen völlig logisch und würde – ganz sicher – perfekt funktionieren, wenn nicht die blöde Welt dauernd die störende Eigenschaft hätte, anders zu sein, als wie wir uns das jeweils von ihr erwarten.

Meine (aber wirklich nur meine private) Vorstellung von „weise“ wäre, das alles zu erkennen und daraus den Schluss zu ziehen, dass es offenbar so einen Plan gar nicht geben kann, und dass es jedem einzelnen von uns gut zu Gesicht stünde, etwas weniger intellektuellen Dünkel und etwas mehr Demut vor der Schöpfung zu haben. Und dass wir weiters zugeben, erst mal jeder für sich und nur vor sich selber, dass dieser unser jeweiliger Plan – höchstwahrscheinlich – ziemlich unzulänglich ist. Und dass es – höchstwahrscheinlich – einen ganzen Haufen Dinge gibt, von denen wir nix wissen, und/oder die wir nicht verstehen, und/oder die wir aus welchen Gründen auch immer übersehen haben.

So gesehen ist das ja auch nur ein Plan, und zwar meiner, also funktioniert er auch nicht. Aber er wäre hübsch.

Und nun zu den Piraten.

Auch da gibt es einen Plan.

Wenn ich den (siehe oben) richtig verstanden habe, ist es der, die Welt eine bessere und gerechtere zu machen, so wie im Detail in der Satzung beschrieben, und um das alles durchzusetzen, eine parlamentarische Mehrheit dafür innerhalb des bürgerlich-demokratischen politischen Systems zu bekommen.

Für mich ist das unheimlich wichtig. Ich habe mich in meinem Leben oft genug in politisch deutlich unappetitlicheren Systemen bewegt, um nicht genau zu wissen, wovon ich rede. Ein grundsätzliches Bekenntnis zur Demokratie (in der bei uns üblichen Geschmacksrichtung bürgerlich-liberal) ist für mich eine conditio sine qua non, oder auch: Wenn diese Bedingung nicht erfüllt wird, bin ich raus.

Wenn man das Programm der Piratenpartei liest, passt eh’ alles: Wir sind eine liberale Partei, wir vertreten bedingungslos die Menschenrechte sowie die individuellen Freiheiten der bürgerlich-liberalen Gesellschaft, im Netz ebenso wie im wirklichen Leben; Wonne, Waschtrog, Eierkuchen.

Die Tücke lauert, wie üblich, im Detail.

Denn es ist nun mal so, das was dem Einen noch nicht liberal genug ist, dem Anderen schon viel zu liberal ist, weshalb die Götter den politischen Kompromiss erfanden, immer leicht nach verrauchten Hinterzimmern riechend, immer mit dem Hautgoût des Packelns behaftet, weil man Kompromisse bekanntlich nicht mit Schreiduellen im Plenum, sondern nur mit ruhigen Gesprächen im Klubzimmer erreichen kann.

Bestes Beispiel dafür ist wohl die Große Strafrechtsreform der zweiten Regierung Kreisky. OK, am Ende gab’s 1974 einen Beharrungsbeschluss der absoluten SP-Mehrheit, aber das war wohl nur wegen der Fristenlösung, ansonst wurde im generellen Konsens das StGB, das in seiner Grundform noch aus 1803 stammte, an die Postmoderne des ausgehenden Jahrhunderts angepasst. Ich bin überzeugt, dass in einhundert Jahren kein Mensch mehr von Zwentendorf, UNO-City oder Konferenzzentrum mehr reden wird, oder was uns der Alte sonst noch so alles hinterlassen hat – aber seine Strafrechtsreform, zusammen mit Christian Broda, damit wird er in die Geschichtsbücher eingehen.

Damit einmal klar ist, was so meine Vorbilder sind.

In diesem Zusammenhang verstehe ich halt dann auch ein bisserl was von Öffentlichkeit & Pressearbeit und so, nicht weil ich mich für so einen Superjournalisten halte (was ich nicht tue, ich denke mir, ich bin eher so Durchschnitt), sondern weil man einfach nicht 40 Jahre lang eine Hacke machen kann, ohne dabei $irgendetwas zu lernen. Und das, was ich da gelernt habe, sagt mir, dass die Partei, also wir, die PPAT, da ein großes Problem hat.

Das stößt mir nicht erst mit Fisimas Aktion in Sachen Bettelverbot auf, das geht tiefer.

Ich habe mit der PPAT echt eine kognitive Dissonanz. Weil einerseits sind wir anders als die Anderen, wir sind basisdemokratisch und transparent, weit über jede Schmerzgrenze hinaus. Super. Nur wenn es dann hart auf hart geht, sind auch wir Piraten plötzlich wie die Anderen, und sondern genau dasselbe Politgeschwurbel aus unseren Gesichtsöffnungen ab wie die anderen Lemuren auch.

Zum Beispiel bei meinem Ö1-Interview. Das war nicht so schlau (ich hätte es wahrscheinlich ablehnen sollen, bloß: Wie?), aber ich habe die Wahrheit gesagt und muss mich nicht für eine einzige Aussage genieren. Was dann als Aussage von anderen Piraten kam, bis hin zur offenen Aufforderung, ich hätte doch einfach aufmunternd lüge^W ein paar Sätze aus der Marketingabteilung sagen … Freunde: dafür bin ich nicht Pirat geworden.

Da kriege ich dann besagte Dissonanz. Weil: was jetzt? Wir lügen nicht, aber dann doch, wenn es wirklich wichtig ist? Da hätte ich ja gleich der jungen ÖVP beitreten können.

Dasselbe gilt jetzt für Fisimas Aktion. Ich will ihm gerne glauben, er habe es in lauterster Absicht getan (jftr: ich tu’s sogar), aber es ist völlig wurscht, der PR-SuperGAU ist es allemal. Und das bockige sich-eingraben-ich-hab-ja-nix-Böses-getan ist genau das Falsche, frisch aus dem Lehrbuch, und wir verspielen gerade den kläglichen Rest unserer Glaubwürdigkeit.

Und weil ich für das, was ich für richtig halte, auch einstehe, hab ich das laut gesagt, auch mit ein bisserl Getöse, und das natürlich öffentlich. Weil: Wie denn hätte ich es machen sollen? Sind wir nicht basisdemokratisch? Kann nicht jeder hören, wenn wir verschiedener Meinung sind? Was jetzt? Ach, öffentlich streiten ist dem Image unbekömmlich, ja? Aber so ausschauen, als würden wir dem Bettelverbot zustimmen, und sich dann der Realität verweigern, das ist OK, ja?

Pfui Deibl. Ich muss mal kurz mein Mitagessen los werden …

Ach ja, à propos Kreisky und die Broda’sche Strafrechtsreform: Mit der kam auch die so genannte Tagsatzregelung. Sprich: (Geld)Strafrahmen werden nicht in absoluten Zahlen, sondern in Tagsätzen angegeben, und für jeden Straftäter wird dann, nach seinen finanziellen Verhältnissen, die Höhe des für ihn gültigen Tagsatzes festgelegt, auf dass (Geld)strafen möglichst demokratisch allen gleich weh tun, dem Armen wie dem Reichen.

Ein geniales Konzept, dass dann bei uns in Liquid als blöd und undemokratisch hingestellt wird, zusammen mit einer Reihe von skurrilen Reformvorschlägen, die alle eher unausgereift sind, dem Rest des StGB zuwider laufen oder gleich verfassungsrechtlich daneben sind. Und wenn ich das anmerke, krieg’ ich Shitstorm im Forum. Gottseidank lese ich dort nicht.

Auch habe ich meine Probleme mit der bei manchen verbreiteten Ansicht, der Bundesvorstand bei den Piraten soll so eine Art erweiterter Grüßaugust sein und sonst nichts weiter. Weil den Rest bestimmt sowieso die Basis. Dem kann und will ich nicht beipflichten, der Bundesvorstand führt durch eigenes Beispiel, durch Vorschläge, durch Kommunikation, durch Thematisierung bestimmter Inhalte, durchaus im Rahmen von Programm und Satzung. Weil um nur monoton zu wiederholen, was die Basis beschlossen hat, richten wir einen Bot ein, der ist billiger, hat kein Gewissen bzw. eine eigene Meinung, läuft 24 Stunden durch und tritt auch nicht zurück.

Keine Angst: Ich bin schon zurückgetreten.

Der Vergleich mit Salsabor ist auch falsch: Salsa wollte Schiff wechseln, möglichst unauffällig, der glaubt nicht (mehr) ans Piratentum. Ich will weder wechseln noch abheuern, ich will für die Dinge einstehen, von denen ich überzeugt bin. Außerdem kann ich nicht einmal im Ansatz so gut tanzen wie Salsa …

Ganz abgesehen davon, dass auch eine Erhöhung der Mitgliedsbeiträge, sei sie auch noch so empfindlich, uns nicht einmal in die Nähe jener Beträge bringen wird, die es brauchen würde, um bei der kommenden Europawahl auch nur den Funken einer reellen Chance zu haben. Ich bin überzeugt davon, wir werden auch das ganz gezielt an die Wand fahren, und das Resultat wird noch deutlich schmerzhafter sein als das bei der NRW.

Und zu schlechter Letzt: was die Kummerln betrifft – das ist dann sowieso nur mehr die Kirsche auf dem Schlagobers. Ihr meint doch nicht ernsthaft, dass uns $irgendwer das mit dem liberal und so abnimmt, nachdem wir hier mit der Einheitsliste ins Bett gestiegen sind? Oder? Selbst wenn sie eine reformierte Linkspartei wären, was sie eindeutig nicht sind, ist es unser politischer Selbstmord. YMMV.

Offenbar hat der ganze Zinnober sowieso nix genutzt, schon heute tun alle so, als wäre eh’ alles leiwand. Ich werde dennoch nicht austreten, sondern meine Stimme delegieren und mir die Entwicklung anschauen, austreten kann ich später immer noch.

Und wenn wir uns in zehn Jahren, so wir dann noch leben, daran zurück erinnern, wann die Sache anfing, ernsthaft auseinanderzufallen, dann erinnert euch: Ihr habt es hier zum ersten Mal gelesen.