Vor dem Supermarkt

Die Welt ist voller Proleten. Nein, ich will mich nicht beschweren, das wäre sinnlos. Aber manchmal möchte ich wenigstens meinen Ärger darüber loswerden. Können. Dürfen.

So zum Beispiel gestern. Da war ich in Grohote einkaufen.

Vor unserem Supermarkt in Grohote auf meiner geliebten Insel Šolta gibt es – genau vor der Tür – drei Parkplätze. Im Laufe der Jahre hat sich das als eindeutig zu wenig erwiesen, also hat man gegenüber einen großen Parkplatz gebaut, auf dem mehr Autos Platz haben als Kunden auf einmal in den kleinen Studenac hineinpassen. Aber da muss man über die Gasse gehen und, wenn man Pech hat, auch noch über den ganzen Parkplatz. Wenn man direkt vor der Tür parkt, muss man das nicht. Daher ist um ebendiese Plätze immer ein G’riß.

Im Sommer, halt. Im Winter, so wie jetzt, ist es meist wurscht, außer an einem Freitag abend bei schönem Wetter, da kommen alle Weekender einkaufen, als käme es ab Samstag aus der Mode. Warum die extra bei uns, bei teureren Preisen und reduziertem Angebot, einkaufen statt auf dem Festland, wo sie eh’ gerade herkommen, wird sich mir wahrscheinlich nie so ganz erschließen, aber chacun à sa façon.

Egal, gestern war Dienstag, und es ist tiefer Winter, also waren alle drei Parkplätze vor der Tür frei. Ich, spießiger Mitteleuropäer aus dem Norden, stelle mich ganz rechts hin, damit noch zwei weitere Platz finden, so denn überhaupt welche kommen.

Außerdem bin ich, infolge eines Risses meiner linken Achillessehne, mit einem Gips unterwegs und daher auch mit Krücken, also ist es mir ganz recht so. Sonst will wieder die nette Kassiererin meinen Einkauf für mich bis zum Wagen tragen, und dann isses mir wieder peinlich. Na, passt schon.

Friedlich gehe ich einkaufen.

Nach einer Viertelstunde habe ich eingekauft und bezahlt und das Angebot, meinen Einkauf zu transportieren, dankend abgelehnt – „Nein danke, aber ich stehe ja direkt vor der Tür“ – und trete vor die Tür, da hat doch irgend so ein [zensuriert] seinen Ford schräg hergstellt, so dass weder ein Dritter parken kann, noch ich einsteigen. Sein rechter Kotflügel ist zehn Zentimeter vor meiner Fahrertür, also selbst ohne Gipsfuß und mit zwanzig Kilo weniger … geschenkt. Hilfe suchend drehe ich mich um, vielleicht ist der Trottel eh’ schon an der Kasse, zumal zu allem Überdruss auch noch der Motor läuft und ordentlich stinkt. Und tatsächlich winkt die Kassiererin, dass sie den Fahrer gerade abfertige und er käme sofort.

Zwischenzeitlich stehe ich halt einfach dumm herum, mit meinem Einkauf und auf zwei Krücken, und jeder der mich sieht, denkt sich wahrscheinlich das selbe wie ich, Mann, parkt der vielleicht bescheuert.

Und dann kommt er, es sind sogar zwei, ein Ehepaar, sie so um die 45, er zehn Jahre älter, die Standardnummer halt. Sie versucht auf ihrer Seite einzusteigen, sieht es geht nicht, steht dann dort und schaut mich an. Dann kommt er … und ich kann meinen Mund nicht halten.

„Ist das Ihr Fahrzeug?“

„Ja“, sagt er, etwas konsterniert, „wieso?“

„Super, wie Sie parken. Wirklich rücksichtsvoll.“ Ich schaue bedeutungsvoll an mir herunter und auf meine Krücken.

Dem Proll ist es jetzt dann doch peinlich, also steigt er schweigend in sein Auto und schaut, dass er möglichst schnell wegkommt.

„Und den Motor haben Sie auch gleich laufen lassen. Sie machen wirklich alles richtig.“ Wenn ich einmal in Fahrt komme, gibt es kein Halten mehr. „Sie sollten jetzt auch noch einfach Ihren Aschenbecher auf den Boden ausleeren.“ Mit steinernem Gesicht schließt er seine Autotür und legt den Rückwärtsgang ein.

Und dann, als das Auto schon rückwärts rollt, kommt seine Frau wieder in mein Blickfeld. Sie sitzt neben ihrem Ehegatten und für einen Augenblick treffen sich unsere Blicke.

Und dabei hat sie gegrinst. Von einem Ohr zum anderen.