Hans Peter, Gusi und das russische Problem.

 Der Österreicher liebster russische Oligarch ist durch die jüngsten US-Sanktionen schwer unter Druck geraten. Hierzulande fällt das offenbar Keinem auf.

 

Moderne Technik hat die Art, in der wir Krieg führen, verändert. Unbemannte Drohnen können gezielt angreifen und töten – sagen wir mal am Hindukusch oder in Syrien – gesteuert von weit entfernten Piloten, die auf der anderen Seite des Globus in klimatisierten Räumen sitzen und am Abend entspannt zu ihrer Familie nach Hause gehen. Angeblich soll das sogar wichtig sein, dass Drohnenpiloten in gewohnter Umgebung arbeiten und abends nach Hause gehen könne, das fördert die Arbeitsmoral und unterstützt die psychische Gesundheit aka so bekommen sie weniger leicht moralische Bedenken.

Auf dem diplomatischen Parkett ist es ähnlich. Dort hat vor allem die USA Methoden entwickelt, die Bösen Buben auf dieser Welt ordentlich in den Schwitzkasten zu nehmen, indem die Möglichkeiten ausgenützt werden, die das weltweite Finanzsystem so bietet. Die Rede ist von Wirtschaftssanktionen, und vor knapp einem Monat wurde das zum ersten Mal im großen Stil nicht gegen Regierungen, sondern gegen einzelne Unternehmen angewandt. Und irgendwie fällt das hierzulande keinem auf, obwohl es direkten Einfluß auf unser Wirtschaftsleben hat.

Der US-Präsident Woodrow Wilson nannte Sanktionen dereinst „eine stille, aber tödliche Methode“. Das war 1919, und seither hat die USA sie immer wieder eingesetzt, mit gemischten Resultaten. Vor allem in den 90er Jahren hatte die Globalisation diese Waffe ziemlich stumpf erscheinen lassen. Unternehmen konnten sehr gut weltweite Geschäfte ohne die USA machen, allfällige Strafen wurden achselzuckend als Geschäftskosten abgerechnet. Man erinnere sich nur an das Oil-for-Food Programm, das von der UNO aufgelegt wurde und über das der damalige irakische Diktator Saddam Hussein fröhlich Geschäfte betrieb, allen US-WIrtschaftssanktionen zum Trotz.

Alles änderte sich mit dem 11. September 2001, allgemein als Nine-Eleven bekannt. Der so genannte „Patriot Act“ erlaubt es seither dem US-Finanzministerium, einzelne Banken als Bedrohung der finanziellen Ordnung einzustufen und sie aus dem Clearing mit US-Dollar auszuschließen, sprich: Zahlungen in US-Dollar anzunehmen und weiter zu geben, denn das Clearing von US-Dollar läuft halt über die USA. Seither können US-Behörden auch bei SWIFT in die Akten schauen. Ursprünglich war das mal ein nur für Banken einsichtiges Nachrichtensystem, in dem alle Zahlungen untereinander von Banken weltweit registriert werden. Nachdem der US-Dollar weltweit noch immer das Zahlungsmittel Nummer eins ist, ist der Ausschluss aus dem Dollar-Clearing für eine Bank, die international tätig ist, praktisch der Todesstoß.

Bis heute wurden nur Nordkorea, der Iran und Syrien aus dem Dollar-Clearing ausgeschlossen (der Iran darf seit seinem Atomdeal übrigens wieder mitspielen), außerdem hatte man das System benutzt, um diverses Kleinzeugs zu fangen, den Waffenhändler Victor Bout etwa, oder BDA, eine Bank aus Macau, die verbotenerweise mit Nordkorea Geschäfte gemacht hatte, und derartiges mehr.

Doch vor einem Monat schloss der 45. Präsident der USA (dessen Namen man nicht aussprechen sollte), zum ersten mal ein einzelnes Unternehmen vom Handel mit US-Dollar aus, nämlich Rusal. Das russische Unternehmen ist einer der weltgrößten Produzenten von Aluminium, mit einem geschätzten Unternehmenswert von 18 Mrd. US-Dollar, und kontrolliert von Oleg Deripaska.

Ja, genau, der Kumpel von Hans Peter Haselsteiner, mit dem zusammen er die Strabag kontrolliert, eines der größten Bauunternehmen Europas mit rund 12,5 Mrd. Euro Jahresumsatz und Sitz in Österreich. (Raiffeisen ist da auch noch dabei, sowie rund 14 Prozent Streubesitz).

In der letzten Finanzkrise musste Deripaska einen Teil seiner Strabag-Aktien verkaufen, hat aber seither seinen Anteil wieder auf knapp über ein Viertel der Aktien aufgestockt.

So wie es aussieht, könnte sich das bald ändern, denn Rusal rauft mit dem Rotz, wie man in Wien so salopp sagt. An sich macht Rusal in den USA nur 14 Prozent seines Gesamtumsatzes, arbeitet so gut wie nicht mit US-Banken zusammen und ist in Hong Kong und Moskau gelistet. Aber dadurch, dass Rusal vom Dollar-Clearing ausgeschlossen wurde, will niemand mehr Geschäfte mit Rusal machen, denn weltweit wird Aluminium (wie die meisten Rohstoffe) in US-Dollar notiert und gehandelt.

Rund um den Globus müssen jetzt Investoren ihre Rusal-Anleihen (die in US-Dollar begeben wurden), abstossen. Der weltgrößte Schiffsfrächter Maersk macht mit Rusal keine Kontrakte mehr. Niemand will Dollar-Schulden von Rusal refinanzieren. Die London Metal Exchange, weltweit der führende Handelsplatz für Metalle, hat die Teilnahme von Rusal drastisch reduziert. Bonitätsagenturen haben Rusal von ihren Bewertungen ausgeschlossen (das tut besonders weh, denn damit ist Rusal de facto nicht kreditwürdig). Europäische Banken haben den Handel mit Rusal-Papieren ausgesetzt. Der Aktienkurs ist seither um die Hälfte (genauer: 56%)  gefallen, die Rusal-Anleihen für 2023 stehen derzeit mit 45 US-Cent auf den US-Dollar im Kurs. Mit einem Wort: The shit has hit the fan.

Weil die US-Regierung explizit die enge Verbindung von Oleg Deripaska mit Wladimir Putin und den anderen Mächtigen im Kreml sowie Deripaskas Kontrolle über den Aluminiumkonzern als Gründe für die Sanktionen gegen Rusal genannt hat, versucht dieser derzeit verzweifelt, seine Anteile (die über diverse Holdings gehalten werden, unter anderem auch über Zypern) zu verkaufen, um das Unternehmen noch zu retten.

So wie es aussieht, könnte unser aller Lieblings-Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer als Aufsichtsratsvorsitzender bei der Strabag SE bald einen neuen Großaktionär begrüssen. Wenn alles gut geht. Wenn nicht, könnte es noch deutlich unfreundlicher werden.

Die Österreicher nehmen davon keinerlei Notiz, weder in den Medien noch in der Öffentlichkeit. Für sie ist Deripaska ein netter, freundlicher Mensch, der seinem Freund Hans Peter wirtschaftlich eng verbunden und ansonst ein hierzulande gern gesehener Gast ist. Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck hält Rusal wahrscheinlich für eine Südkoreanische Zahnpastamarke. Und mit Wirtschaftsthemen ist hierzulande sowieso kein Aufsehen zu machen: Zu fad, zu kompliziert, und überhaupt.

Ja, ich weiß, wir haben gerade andere Sorgen. Aber wenn die Strabag in Schieflage gerät, könnte das sehr schnell zu einem ziemlich großen Problem werden.

Wir leben in aufregenden Zeiten.

Hannover und so.

 

Aus dem Reisetagebuch des professionellen Österreichers.

 

Liebes Tagebuch: Und es begab sich, dass der Chaos Computer Club (CCC) zur Mitgliederversammlung rief, also fuhr der Igler nach Hannover.

Nun isses ja alles vorbei und ich sitze im Zug nach Hause. Der silbergraue ICE pfeift stetig vorwärts, draussen ziehen sie Landschaft vorbei, in relativ hohem Tempo. In Hannover schien noch die Sonne, dazwischen Hügel, Heidschnucken, Häuser. Es ist ein schönes Land, dieses Deutschland.

Hannover ist auch eine schmucke Stadt, eine halbe Million Einwohner, ganz viel Grünanlagen. Da kann man echt nicht meckern. Hannover ist die Landeshauptstadt von Niedersachsen, aber das fällt nicht weiter störend auf.

Meine Mutter traf den Mann, dessen Namen ich heute trage, dazumals im österreichischen Widerstand, in meiner Kindheit waren Deutsche nicht die beliebtesten Menschen. Ich war drei oder vier Jahre alt, meine Mutter und ihre Freundin Eri fuhren mit ihren beiden Kindern gen Italien, in einem alten Topolino, Mamis erstes eigenes Auto, von wegen Kind und so, manchmal weinte sie noch ihrer Vespa nach. Egal. Am Strand spielte ich mit einem Kind, dann gab es halt irgendeinen Streit, ich weiß längst nicht mehr worüber, jedenfalls zog ich mit meinem Sandschauferl dem andren Kind einen festen Scheitel. Mami stürzt entsetzt herbei, stellt mich zur Rede. Ich so, cool wie Calvin: „Geh Mami, das macht doch nix, es war eh’ nur ein Piefke“. Das war der Moment, erzählte mir meine Muter später, in dem sie sich entschloss, sorgsamer mit ihren Worten umzugehen, wenn es um die deutschen Nachbarn ging.

Zu spät, der Samen war ausgestreut. Mehrere Jahre in Tirol, in einem Fremdenverkehrsgebiet, in dem die lieben Nachbarn vier Fünftel der Touristen stellten – „Wieso kann man hier nicht in Mark zahlen? Kann ich vom Kaffee ein ganzes Kännchen bekommen? Haben Sie Quarksahnetorte?“ – halfen auch nicht wirklich. Wahrscheinlich hassten wir einfach die Touris, weil sie uns am Nachmittag beim Skifahren im Weg herumstanden, vor dem Skilift, respektive im Weg herumlagen auf der Piste, in diversen Stadien des Anfängersterns. Und es waren halt fast immer Deutsche. Der Rest war Holländer, die standen und lagen zwar auch im Weg herum, fanden es dafür aber auch ganz in Ordnung, dass wir die Deutschen nicht mochten.

So viel zu meiner Sozialisierung in Sachen deutschsprachiger Völkerverständigung. Als in Österreich im Fernsehen die Piefke-Saga lief, fand ich sie nicht überzeichnet, im Gegenteil. Schließlich hatte ich die Typen in natura erlebt. So erwirbt man sich sorgsam gepflegte Vorurteile.

Doch es ist an der Zeit, diese Vorurteile zu knacken (sorry, Mami.) Zu lange war mein Deutschlandbild von Bayern geprägt, Sie wissen schon, dieses Land zwischen uns und ihnen, das weltweit das Beliebteste an den Österreichern mit dem verbindet, was die Deutschen überall so gern gesehen macht. Später fuhr ich viel nach Frankfurt, das hübscheste an der Stadt ist der Flughafen, da kann man in jede Richtung wegfliegen; später kam noch ein wenig Rheinland dazu, dort wo sie Dir die Krawatte abschneiden, dazu im Chor Helau rufen und das lustig finden.

Ich weiß, man soll seine Vorurteile sorgsam pflegen. Aber es geht, um ein geflügeltes Wort aus der Werbung zu borgen, auch anders. Seit einigen Jahren fahre ich vermehrt in den deutschen Norden, erst nach Berlin und Hamburg, jetzt eben auch Hannover. Wirklich gute Nachbarn auf unserer dalmatinischen Insel sind ein ganz entzückendes Hamburger Ehepaar; in Kärnten sind unsere direkten Nachbarn ein Pastorenehepaar aus der Hamburger Friedensbewegung, mit langen, wunderschönen Abendeinladungen, wo vor lauter Diskussion über höchst Interessantes gar nicht auffällt, dass wir schon wieder drei Weinflaschen gezwickt haben und die ganze Quiche Lorraine aufgegessen wurde. Sie sind alles, was man sich von Nachbarn wünscht: Links, freundlich, haben Humor, schätzen einen guten Tropfen und sind, außer entzückend, lustig und hilfsbereit, eine Riesenhetz. So etwas unterminiert ungemein, selbst die solidesten Vorurteile. OK, sie kommen nicht aus Frankfurt und auch nicht aus dem Rheinland. Na ja, vielleicht eben dessentwegen.

Und jetzt der CCC und Hannover. Bleiben wir noch ein bisserl bei der Stadt. Die Menschen dort sind ungeheuer zivilisiert, und es wirkt nicht einmal aufgesetzt. Sonntag vormittag, Frühstück im Kaffeehaus: Jeder, der das Lokal betritt, wünscht laut und freundlich „Guten Morgen“, alle grüßen zurück. Wenn ich das in Wien macht, fragt der Herr Franz besorgt nach, ob’s mir auch gut geht, und ob ich nicht ein bisserl leiser sein könnt’, Herr Doktor, weil sie verstörn mir g’rad den Hofrat ausm zweiten Stock.

Man könnt’ sich dran gewöhnen. Dass einen Menschen auf der Straße zurück anlächeln, wenn man sie anlächelt. Dass Mütter nicht besorgt schauen (Kinderverzarah!) wenn ich ihr Baby anflirte (seitdem ich Opi bin, bin ich ein Kren auf kleine Kinder), sondern auch zurücklächeln, stolz darauf, dass der kleine Zwutsch so viel Gefallen findet. Dass sich Leute bedanken, wenn man ihnen die Tür aufhält. Dass ich hier Männer sehe, die mein Alter haben, graues kurzes Haar und einen Rucksack tragen und ein Beanie aufhaben – hier schaut mich keiner erstaunt an. Hier schaun mehr so aus. Sehr entspannend.

Irgendwie funktioniert auch das mit dem Multi-Kulti besser im Norden. Am Hamburger Bahnhof Dammtor führt eine junge Türkin, mit Kopftuch, den lokalen Dunkin’ Doughnuts. So etwas fällt nur mir auf, die Hamburger scheinen das normal zu finden.

Auch in Hannover ist das Liberale vorherrschend. Die lokale Food-Coop hat vielleicht Schwierigkeiten mit dem freiwilligen Verteildienst ihrer Ernte an die Mitglieder, aber es würde niemandem auch nur im Traum einfallen, sie wegen Verdachts auf illegale Gewerbsausübung anzuzeigen, wie das die Wirtschaftskammer in Wien mit der hiesigen Coop gemacht hat. Und erst die „Kiosk-Kultur“: Kleine Einzelhandelsläden, die entweder rund um die Uhr offen haben oder zumindest dann, wenn Rewe und Co geschlossen halten. Für ein schnelles Bier, oder auch eine Semmel, fürs Frühstück, oder wie man hier sagt: ’n Brötchen. Auch hier regt sich kein Ärmelschoner auf, alle kommen zu etwas, das ganze in einer Stadt in der Größe von Graz … ich kann mir zum Beispiel auch nicht vorstellen, dass sich Graz drei selbstverwaltete Jugend- und Kulturzentren leistet. (Die Grazer, Heimatstadt meiner Familie, mögen mir verzeihen. Sie halten hier als eine Art pars pro toto her.)

Draussen vor den Zugsfenstern weichen die spitzen Backsteintürmchen aus dem Norden Stück für Stück den barocken Zwiebeltürmchen aus dem Süden. Und ich leiste hiermit Abbitte an alle Piefke nördlich des Weisswurstäquator, die ich im Leben beleidigt habe, weil ich sie großmäulig, schnoddrig und nervtötend fand – es hat sich herausgestellt, das sind wir, im Süden.

Im Norden sind sie ganz anders. Wenn dort das Wetter nicht so bescheuert wäre, könnte man glatt auf ein wenig hinziehen.

Und die MV des CCC? Och, nichts wirklich Aufregendes.

Bemerkenswert fand ich, dass am Samstag nur Vorbesprechung war und nur am Sonntag abgestimmt wurde: So konnte am Samstag nach Herzenslust gefetzt werden, am Abend wurde in kleiner Runde noch mal alles durchgekaut, am Sonntag hatten sich die Gemüter schon wieder ein wenig abgekühlt, dann votet es sich auch viel entspannter.

Details? Konstanze zeigte sich – zumindest fast immer – guter Stimmung. Andy wurde gezaust, wegen eines Antrags ebenso wie wegen eines Interviews. Der Vorstand wurde entlastet und wiedergewählt. Und zur Feier der 25. Auflage der Transparenzdebatte gab es am Abend einen kleinen Umtrunk mit einer Hopfenkaltschale beim lokalen Hackerspace. Also eh’ alles so wie immer.

Wieso die Erinnerung tückisch ist und was Innsbruck damit zu tun hat. Ein Reisebericht

Und es begab sich, dass mich der Hafer stach, also fuhr ich nach Innsbruck.

Mit der Stadt Innsbruck verbindet mich seit Jugendtagen eine innige Hassliebe. Ich kann die Stadt nicht ausstehen, und sie mich auch nicht. Und das schon seit meiner zartesten Kindheit.

Ich bin ein echter Wiener, g’schamster Diener, ein Stadtkind, geboren sieben Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, einen Steinwurf von der Landstrasse entfernt, in der Stiftung, wie die Wiener das Rudolfsspital nennen, weil es weiland der alte Kaiser zur Geburt seines einzigen Sohnes und Thronfolgers gestiftet hat.

Das mit dem Thronfolger wurde übrigens nix, wie wir seit Mayerling wissen. Aber das Spital ist was geworden. So ist das mit die Geschichte. Aber das nur am Rande.

Als Stadtkind jedenfalls hat man damals nicht so rasend gesund gelebt, es gab viel Staub und Zonengrenzen und Militär und wenig zu essen und auch wenig Grün. Wir wohnten im dritten Bezirk in der Salesianergasse, da war eine Fahrt in den Wienerwald eine Weltreise. Also verschickte man mich des Sommers zu einer befreundeten Bauersfamilie. Ins Ötztal. Nach Tirol. Auf die Burgstaller Alm. Das ist jetzt sechzig Jahre her. Ich hab’ es nachgerechnet.

Damals fuhr man vom Westbahnhof weg, über fünf Zonengrenzen und das französisch besetzte Innsbruck, bis zum Bahnhof Ötztal, der damals wie heute völlig einsam im Inntal steht. Hier steigt man nicht aus, hier steigt man allenfalls um. Wir stiegen in einen Postautobus um, ein ehrfurchtgebietender Saurer Diesel in knallgelb und tiefschwarz, mit einem Ganghebel, der war größer als ich, samt ehrfürchtig-bewundertem knorrigen aka unfreundlich-verschlossenem Tiroler als Busfahrer.

Besagter Postbus brummte behäbig das Ötztal hinein, schob seine riesige Schnauze durch die Orte Ötz, Habichen und Tumpen, Östen, Stubenwald und Winklen, in jedem Ort wurde schnaufend und fauchend Halt gemacht, stiegen Leute aus und ein, meist vor der Dorfkirche, diese war meist gelb und meist barock, so genau weiß ich das jetzt nicht mehr. Schließlich, nach weiterer endloser Fahrt, stiegen wir aus, nur um erneut in einen schnaufenden, schwarzgelben Postbus einzusteigen, der sich im Schritttempo die schmale, steile Schotterstrasse den Berg hinauf wand. Die Frage, was geschehen würde, wenn uns auf der einspurigen, in den Felsen geschlagenen Straße ein Fahrzeug entgegen gekommen wäre, stellte sich nie – es kam keins. Ich kann mich nicht erinnern, neben dem Postbus, dem Käfer der Gendarmen und dem Landrover meiner Eltern dort je ein motorbetriebenes Fahrzeug gesehen zu haben.

Den Namen der Bauersfamilie habe ich vergessen, ebenso wieso meine Eltern gerade auf sie gekommen waren. Der Hof war gemauert, vorne Küche und Stube, hinten Stall und Mistgrube, der erste Stock war vorne auch gemauert und enthielt die Schlafstuben, die Tenne hinten war aus Holz, mit Plumpsklo über der Grube.

Gegessen wurde in der Stube um den großen Tisch, aus einer gemeinsamen Pfanne, jeder hatte einen Löffel, und es gab eine strenge Reihung, nach der man hineinlangen durfte. In der Küche stand ein gemauerter Herd, der in meiner Erinnerung stets brannte, vor dem Haus war ein kleiner Bauerngarten mit Fisolen, Erdäpfeln, Karotten. Der Geruch des Heus und des Stallmistes aus der Grube auf der Tenne, die bis zu den Dachsparren offen war, so dass man ganz hoch hinaufklettern konnte. Die animalische Wärme im Stall, der Geruch von Kühen und frischer Milch. Tagsüber fuhren wir zum Heuen auf die Felder, die Sonne brannte, das Heu roch unbeschreiblich, die zwei Pferde, die den Heuwagen zogen, ebenfalls, und wie viel Heu auf einen Wagen ging, mit einem Holzbalken an Eisenketten oben in Längsrichtung zusammengehalten, verblüffte mich jedes Mal. Ganz oben durften wir dann sitzen, abends, wenn die Pferde mit viel Hüh und Hott die Fuhre heimwärts zogen.

Strom muss es wohl gegeben haben, denn ich kann mich nicht an Petroleumlampen oder Kerzen im Alltag erinnern, aber sonst gab es nicht viel, kein Radio, kein Telefon, keine Autos, keine Flugzeuge am Himmel, aber auch am Boden keinen Traktor, keine Motorsäge, nichts knatterndes oder fauchendes oder quietschendes, was heute einen modernen Bauernhof halt so ausmacht. Es gab auch kein Badezimmer und schon gar kein fließendes Wasser, weder warm noch sonst wie, nur klar und stets eiskalt am Brunnen vor der Tür. Es gab Sensen und Sicheln und Dreschflegel und eine Dengelbank, es gab gusseiserne Pfannen und hölzerne Löffel, einen Knecht und eine Magd, es gab besagte Pferde und Kühe und Schweine und Hühner, ein Tiroler Bergbauernhof in den Fünfzigerjahren, halt.

Ich fand es, wenn ich mich so zurück erinnere, nicht immer rasend knusprig, das Leben am Busen der Natur. Ich fand den Busen eher kratzig, unbequem und streng riechend, in unzähligen Variationen desselben. Das Heu piekste, vor allem in meiner Matratze, am Klo hatte ich stets Angst, in die Grube zu fallen, das Essen war seltsam und selbst die vielen Kinder sprachen eine Sprache, die ich nicht verstand. Ein Stadtkind eben, da halfen auch drei Monate Landleben auf der Alm nicht darüber hinweg.

Sei’s drum, diese Bilder von der Burgstaller Alm im Ötztal prägen seither, tief in meinem Innersten, alles, was mit „Tirol“ zu tun hat.

Als die Besatzung vorüber war, fuhren wir noch immer zur Sommerfrische nach Tirol, so lernte ich später auch Innsbruck kennen, für mich war das zwar schon eine Stadt – immerhin gab’s sogar eine Tramway – aber keine zehn Minuten vor der Stadt war der erste Bauernhof – mit Stall – Geruch der Kühe – so ein Unterbewusstsein kann schon heimtückisch sein.

Doch das ist erst der erste Teil meiner Tirol-Prägung. Der zweite Teil kam später und dauerte drei Jahre lang, vom Alter von dreizehn bis knapp nach meinem sechzehnten Geburtstag besuchte ich die Planseeschule in Reutte, zuerst als Zögling des lokalen Internats, später als Bewohner eines Untermietzimmers, was damals – ich war erst fünfzehn – für ein bisserl Aufregung gesorgt hat. Egal – meine prägenden Jugendjahre verbrachte ich in einem Kaff in den Bergen, mit dem Talboden auf 1000 Meter Seehöhe, alles andere ist höher, und zwar um Einiges, sprich: Jede Menge Berge, Typ steil. Ein Kaff mit damals viertausend Einwohnern, einem Bezirksgericht, einer Hauptschule, einem Gymnasium, drei Kirchen, fünf Gasthäuser, zwei Konditoreien und einem Bahnhof. Die Fahrt von dort nach Innsbruck dauerte fünf Stunden und führte über Deutschland, mit dem Postauto über den Fernpass ging’s nicht sehr viel schneller. Als Freizeitbeschäftigung konnte man Fußball spielen, bergsteigen, skifahren oder saufen, meist kombinierten wir diese Beschäftigungen, je nach Saison; es gab fünf Fernsehsender, wofür mich Bekannte in Wien glühend beneideten, denn dort gab’s nur zwei; das nächste Kino war in Füssen, in Deutschland, mit dem Fahrrad in einer Stunde locker erreichbar, ich war ein sportliches Kerlchen, damals.

Dennoch habe ich in diesem Ort prägende Jahre meiner Jugend verbracht. Hier las ich zum ersten Mal Günther Nennings „Neues FORVM“, hier trat ich zum ersten Mal öffentlich und lautstark gegen den Vietnamkrieg auf, hier bekam ich meinen ersten Kuss mit eindeutig sexuellen Absichten, hier habe ich meinen ersten Joint geraucht (mit einem winzigen Krümel, bei einem Wochenende im nahen München ergattert), hier habe ich eine Schülerzeitung gegründet (und mich geweigert, unserem Schuldirektor den Inhalt vor Drucklegung zu zeigen, was als kleinere Revolution empfunden wurde), hier ließ ich mir zum ersten Mal die Haare lang wachsen, hier habe ich Gitarre spielen gelernt (ich ging sogar, mit beschränktem Erfolg, ein Jahr lang in die Musikschule), hier schrieb ich meinen ersten Artikel gegen Bezahlung (ein Bericht über die Eröffnung des Hallenbades, vom Erlös kaufte ich, vor Stolz geschwollen, meine erste Glockenhose) und hier habe ich auch zum ersten Mal mit einem Mädchen geschlafen.

Und so ist meine Tirol-Prägung verhaftet zwischen einem Ötztaler Bergbauernhof in den Fünfzigern und einer Kleinstadt im Tiroler Ausserfern in den Sechzigern, irgendwo zwischen malerisch und dumpf. Ich erinnere mich, dass ich in Reutte als – einziger – Gymnasiast der Gewerkschaftsjugend beitrat, was einen ziemlichen Wirbel herauf beschwor. Das haben mir die lokalen Spießer mehr verübelt als sonst etwas, denn diese Provokation hatten sie verstanden. Das mit dem Vietnamkrieg … damals …

Und Innsbruck war zwar weit weg, aber um nichts besser, allenfalls größer, aber ebenso bürgerlich-spießig. München, ja, da ging die Post ab, da habe ich meinen ersten Hippie gesehen, damals nannte man das Gammler, und ich war per Autostop und heimlich über’s Wochenende dorthin gefahren, in Schwabing habe ich meine erste Nacht durchgetanzt, im Blow Up … aber Innsbruck … das Aufregendste war der Bahnhof, und wer den alten Innsbrucker Bahnhof noch kannte, weiß dass das jetzt kein Kompliment war. Und seither mögen wir uns nicht, die Stadt Innsbruck und ich, ich fand sie spießig, sie fand mich wienerisch-angeberisch, und dabei haben wir es belassen.

So viel zu meiner tiefen Bindung zu Innsbruck und Tirol im Allgemeinen und zu Reutte im Besondern. Ich verließ Reutte im Frühjahr 1968, knapp nach meinem sechzehnten Geburtstag, ich hatte die Enge und das unsäglich Müffige satt, die katholisch-spießige Doppelmoral – halt das, was wir auch heute noch an der Provinz so lieben; ich schmiss alles hin und fuhr nach Paris, weil dort die Revolution vorbereitet wurde, und das wollte ich keinesfalls verpassen. Als ich von dort wiederkam, ging ich nach Wien – die Periode Tirol war abgeschlossen.

So weit, so gut.

Dennoch habe ich heute Freunde in Innsbruck, so richtig nette Menschen, die ich gerne sehe und die sich – zumindest gehe ich davon aus – auch freuen, wenn sie mich sehen. Und dann schrieb im Frühjahr eine Freundin aus Innsbruck, es gäbe für ein paar Tage ein freies Zimmer, gratis, so was soll man nicht ausschlagen, also fuhr ich nach Innsbruck.

Natürlich bin ich seit 1968 wieder in Innsbruck gewesen, aber meist nur auf der Durchreise, seitdem es die Autobahn gibt, ist das ganz unspektakulär, vier oder fünf Overhead-Aufschriften, Innsbruck Ost, Mitte, West, fertig.

Da kommt nicht viel Emotion hoch.

Dann war ich in jüngerer Zeit mehrmals bei diversen politischen Veranstaltungen in der Tiroler Landeshauptstadt, aber da ging’s immer um etwas und ich hatte kaum Zeit für Privates, geschweige denn Nostalgisches.

Diesmal sollte es bewusst anders werden: Ich fuhr nach Innsbruck, um meine Freunde zu sehen, aber auch, um meine Nostalgie zu befriedigen, also war ein Trip nach Reutte explizit eingeplant. Ist ja, in der Zwischenzeit, dank Autobahn und Schnellstraße, nur noch zwei knappe Stunden, über den Fernpass. Hinfahren, Mittag essen, ein bisserl nostalgisch herumspazieren, sich erinnern, fertig.

Natürlich ist mir bewusst, dass sich seit meinen prägenden Jahren im Heiligen Land Tirol, mehr als ein halbes Leben her, einiges geändert hat. Schließlich hat man seither das Internet, Dolly Buster und das sprechende Schweinderl in der Billawerbung erfunden, und auch sonst hat sich ja noch einiges geändert.

Auch lebe ich, nach vielen Jahren in Genf, Paris und Ottakring, wieder auf dem Land, im Kärntner Jauntal, um genauer zu sein, und mir ist klar, dass Bauernhöfe heute ein bisserl anders ausschauen und auch anders funktionieren als damals auf der Burgstaller Alm. Noch immer riecht es im Stall meines Nachbarn nach Kuh, aber der Geruch der frischen Milch ist weg, dafür summt im Hintergrund die pneumatische Melkanlage. Und nach dem Melken trägt der Nachbar den Milchertrag per Internet auf der AMA-Homepage ein, und Knechte und Mägde gibt’s schon lange nicht mehr. Auch essen schon lange nicht mehr alle nur aus einem Topf, und die Heumahd wird nicht mehr per Pferdefuhrwerk und von allen gemeinsam erledigt, sondern vom Bauern, alleine, mit dem Traktor, und das in einem Nachmittag. Ich bin mir also durchaus bewusst, dass sich die Welt verändert hat.

Trotzdem war ich auf das, was ich bei meinem Tirol-Nostalgie-Trip erlebt habe, eindeutig nicht vorbereitet.

Der Weg von Innsbruck führt über die Autobahn nach Imst, dort führt die Strasse auf’s Mieminger Plateau hinauf, über Affenhausen, Mieming und Obsteig. Das waren, seinerzeit, Orte aus der Zeit gefallen, verschlossen und menschenleer, die Häuser zweistöckig gemauert und ausgiebig bemalt, umrahmt von der hoch aufragenden, kargen und steilen Kulisse der Nordtiroler Alpen. Und alle halben Stunden ein Auto. Ich weiß das genau, ich bin die Strecke Autostop gefahren, mehr als einmal, ich war dort mit jedem Kilometerstein per Du.

No more. „Auf der Strasse nach Reutte wird es viel Verkehr geben“, so meine Innsbrucker Freundin. Ich möchte das als das Understatement des Jahres bezeichen. Von Imst, über das Mieminger Plateau, den Fernpass hinauf und bis nach Reutte hinunter, hab’ ich mich im Stop-and-go-Verkehr gequält, Stoßstange an Stoßstange.

Die Berge schauen noch immer so aus wie früher, ich habe auch ein paar von den bemalten Häusern gesehen, den Rest der Zeit verbrachte ich damit, auf meinen Vordermann nicht aufzufahren respektive mein Auto zu bewegen, bevor hinter mir wütendes Gehupe ausbrach, wg. Trödelns am Steuer, oder so ähnlich.

Nie wieder, ich verspreche es feierlich, will ich mich über Tiroler Transitgegner lustig machen. Würde ich an der Fernpass-Bundesstrasse wohnen, ich würde sie des Nachts heimlich aufgraben, einen Blaumilchkanal errichten oder eine Umleitung in den lokalen Steinbruch, whatever – das ist, meiner Seel’, wirklich nicht auszuhalten.

Nach zwei Stunden war ich in Reutte, etwas betäubt. Ich nehme die erste Ausfahrt, Reutte Süd, schau’, ob ich etwas erkenne. Da war doch das Hallenbad, da war ein freies Feld, da war … vergiss es.

Das Zentrum hat man umgebaut, führte der Autoverkehr damals, zu meiner Zeit, noch quer durch den Ort, wird er jetzt in einer Art Kreisverkehr herumgeführt – abgesehen von der Schnellstrasse, die den Fernverkehr aufnimmt. Alles ist sehr hübsch, ich erkenne nichts mehr. Ach ja, die Pfarrkirche … hier hab’ ich im Kirchenchor gesungen. Der Buchladen, wo ich Taschenbuchausgaben von Sartre, Steinbeck und Hemingway erwarb. Aber sonst …

Ich esse im „Goldenen Hirschen“ zu Mittag. Einst ein stolzes Gasthaus, in dem ich zum ersten Mal solche Klassiker wie Kasspätzle oder gebackenen Emmentaler aß, heute nennt man sich Hotel und macht auf vornehm. Dafür ist die Speisenkarte völlig unambitioniert und bietet Allerweltskost, sichtlich abgestimmt auf die Pensionistenehepaare, die mich umgeben. Offenbar alle in Halbpension … egal. Muss ja nicht sein. Ich fahr jetzt in den Stadtteil Mühl, dort stand das alte Schülerheim …

Die Schule fand ich noch, sonst nichts mehr. Nach längerem Herumirren fand ich die Strasse, in der das Heim einst stand. Davon ist aber nichts mehr übrig. Neubauten, Siedlungshäuser, Fremdenpensionen, wohin das Auge schaut.

Mir wird wehmütig um’s Herz. Da verschwindet meine Jugend, vor meinen Augen. Irgendwo hier muss der Ort sein, wo ich „House of the Rising Sun“ auf der Gitarre geübt habe, stundenlang, immer wieder, bis ich es flüssig hinbrachte, mein erstes Musikstück auf der Klampfe.

Plötzlich ein Schild: „Urisee“. Der kleine See, am Südhang des Reuttener Beckens gelegen, ein verträumter kleiner See, wo wir an heißen Sommertagen baden gingen, mit den Fahrrädern. Hier hab’ ich meinen ersten nackten Mädchenbusen berührt, den man mir in genau dieser Absicht entgegen gehalten hat. Endlich ein Ort, an dem meine Erinnerungen … die kleine Strasse windet sich den Hang hinauf, oben links ein Hotel – ok, soll sein, aber rechts, rechts ist der See. Ich stelle das Auto ab, gehe erwartungsvoll die ersten Schritte zum im Wald versteckten Seeufer …

Vrooom.

In zwei Metern Entfernung führt – vroom, vroom – die Schnellstrasse vorbei, Augsburg-Verona, ein altes EU-Projekt. Schön, Strassen muss es geben, aber direkt durch meine Jugenderinnerungen?

Vroom, vroom, vroooohm …. vrooohm

Ist ja gut. Ich hab’s kapiert.

Hiermit gebe ich bekannt, dass meine Jugend endgültig vorbei ist, einschließlich sämtlicher Spuren, die es je gegeben hat.

Fazit: Auch Erinnerungen haben ein Ablaufdatum. Spätestens dann sollte man sie wegpacken. Einrexen. Irgendwo auf dem Dachboden des Älterwerdens verstauen. Und dort verstauben lassen.

*seufz*

Putins kognitive Dissonanzen oder Die Angst vor dem Dominoeffekt

Was machen Tscherkessen im Kosovo und was haben die Finnen damit zu tun?

Es ist schon eine Weile her, da lebte ich in Moskau, noch zur Zeit der UdSSR. In der spätsowjetischen Mangelwirtschaft war es gar nicht so einfach, an ordentliches Essen zu kommen, weder für Geld noch für Gute Worte … das fing schon beim Brot an: Es gab eine Sorte, eine Art Kasten-Graubrot, und aus. Gerüchteweise gab es bei der Brotverkaufsstelle an der Krasna Presnenskaja an Sonntagen vormittags auch Weißbrot. Dazu hätte man aber sehr früh aufstehen müssen … am Sonntag … ich hab’ das nicht einmal probiert.

Weshalb man als Ausländer die Einladungen der Botschaften schätzen lernte (vor allem der eigenen): Meist gab es was zu essen, und meist war es ein Highlight. Einladungen der eigenen (österreichischen) Botschaft waren bei mir besonders beliebt, denn es gab fast immer Semmerln aus Österreich und einen trinkbaren Wein und der Rest war meist auch ok.

In diesem Sinne begab es sich, dass ich mit einigen russischen Freunden auf der Botschaft war, anlässlich des Staatsfeiertages und als ausgewiesener Auslandsösterreicher, zu faschierten Laberln mit einem sehr feschen Weißen und ordentlich Semmerln. Dafür nahm ich auch in Kauf, dass es einen offiziellen Teil gab, wo dann alle möglichen Leute sprachen, die zur Feier des Tages irgendwelche anderen Leute (meist abwesend oder tot oder beides) anstrudelten, meist wedelte dann auch noch wer mit rotweißroten Fähnchen herum (bildlich gesprochen, indem er $Heimat beschwor, schließlich waren wir ja alle im feindlichen Ausland). Und die Bundeshymne wurde auch gespielt, dabei musste man Sorge tragen, das Stück Faschierte rechtzeitig (aka vorher) runter zu schlucken, weil es schaut ja echt Scheiße aus, wenn man noch kaut, während andere schon von den Hämmern singen. Wenn man schon nicht mit singt. Und ansonst musste man aufstehen, weil das gehört sich so, und anschließend betreten herumstehen und warten, bis die Sache vorbei war. Meist war es nach einer Strophe vorbei, wer kann schon mehr als eine Strophe des Bundeshymne? Außer den Deutschen, vielleicht, die dürfen dafür überhaupt nur ihre dritte Strophe singen.

Jedenfalls wurde auch diesmal von der Heimat großer Söhne, dazumals noch ohne Töchter, gesungen, alle standen auf, ich legte mein Stück Laberl auf den Teller, setzte mein übliches Ich-bin-nur-zufällig-hier-Gesicht auf und versuchte, möglichst unauffällig gelangweilt zu schauen – da fragt mich plötzlich Aljeg, mein russischer Spezi: „Wieso heulst Du eigentlich nicht?“

Ich muss ziemlich saublöd dreingeschaut haben. War der Wein so schlecht? Das Faschierte nicht OK? Irgendwer gestorben, als ich gerade nicht aufgepasst hab’?


Wenn nicht geweint wurde, dann war’s nicht schön.

Nach längerer gegenseitiger Ratlosigkeit hab’ ich es dann verstanden: Russen haben ein ungestörtes Verhältnis zu ihrer Heimatliebe und zu ihrem Nationalismus (wobei die Grenzen sehr verschwommen sind), und wenn sie im Ausland leben würden, heimwehkrank und fern von zuhause, und dann beschwöre jemand Mütterchen Russland, komplett mit Borscht und Blini, dann würden sie sofort und ansatzlos heulen, mit strömenden Tränen, und sich gegenseitig in den Armen liegen.

Damals tat ich das als einfach noch ein Merkmal dafür ab, wie emotionell Russen wären, schließlich gilt bei ihnen auch ein Abend unter Freunden nicht als wirklich gelungen, wenn nicht mindestens einmal dabei gemeinsam geheult wurde. Weil es grad so schön war, oder so traurig, oder weil irgendwer grad nicht dabei war, oder manchmal auch nur einfach so. Russen sind sehr emotionell, wobei Väterchen Alkohol gerne mithilft.

Heute, zwanzig Jahre später, ist es ein Mosaikstein für mein Verständnis von Russland. Genauer gesagt: Putins Russland.

Keine Angst, ich werde jetzt hier nicht den Großen Putinversteher aufziehen. Dennoch gibt es logische Erklärungen für die Ereignisse, vor allem seit meinem letzten Blogeintrag über den Ukrainischen Nationalismus. Ich behaupte ja nach wie vor, dass es den „als solchen“ nicht gibt, außer in ukrainischen Emigrantenkreisen in Kanada und Australien. Aber Wladimir Wladimirowitsch arbeitet recht erfolgreich daran, dass er auch in der Ukraine wächst und gedeiht, und nur zu erklären, Herr Putin sei halt dumm und verstehe die Welt nicht wirklich, greift zu kurz. Weil Herr Putin mag ja alles Mögliche sein, aber dumm ist er ganz sicher nicht.

Wer die Gegenwart begreifen will, muss die Vergangenheit kennen. Keine Angst, nicht schon wieder Geschichtsstunde, wir machen nur eine kleine Zeitreise in das Jahr 1864.

Das sind gerade einmal 150 Jahre – vor der Geschichte ein Klacks, ein Lidschlag, aber dennoch Lichtjahre von unserer Realität entfernt. Kein Internet, kein Fernsehen, kein Radio, nicht einmal Telefon. Auch die Photographie steckt noch in den Kinderschuhen, sprich: Es fehlt alles, was zu einer zünftigen Kriegsberichterstattung notwendig ist. Aber es gibt Zeitungen, und der mediale Aufreger des Jahres, von den Salons in London und Paris bis Washington und Wien, ist der Untergang der Tscherkessen.

Der bitte wer?

1864 ist nach offizieller Geschichtsschreibung der Kaukasuskrieg vorbei, den das Russische Imperium seit knapp einhundert Jahren führt. In diesen hundert Jahren erweitert das Zarenreich seinen Einfluss von der Steppe im Norden des Kaukasus über das gesamte Bergmassiv bis an das Schwarze und das Kaspische Meer. Dabei werden eine Reihe von Bergvölkern unterworfen, von denen heute einige wieder bekannter sind, wie die Osseten, die Abchasen, die Inguschen und die Tschetschenen, aber auch heute längst vergessene, wie die Awaren, die Darginer, die Laken, die Lesgier und die Kumyken. Und eben die Tscherkessen. Schätzungsweise drei Millionen von ihnen leben bis dahin an der heute russischen Schwarzmeerküste, mit ihrer historischen Hauptstadt, wo jetzt das russische Sotschi liegt.


Der gemeinsame Drang nach Süden

Der Kaukasus ist ein mächtiges Bergmassiv, mindestens so groß wie unsere Alpen oder der Große Karpatenbogen, unwegsam, bewohnt von mehr als 50 verschiedenen, meist wilden und äußerst kriegerischen Bergvölkern, mit einem Wort ein Ort für Abenteuergeschichten und Träume. Wie alle Völker aus dem „Kalten Norden“ träumen auch die Russen, seit es sie gibt, vom warmen Süden; wo Goethe von Italien schwärmt und von blühenden Zitronen, schwärmen Puschkin und Lermontov vom Schwarzen Meer und, tja, auch von blühenden Zitronen.

Briten und Franzosen sind 1864 gerade dabei, koloniale Weltreiche zu bauen, da finden es alle ganz normal, wenn auch das Zarenreich versucht, sich auszudehnen, und dass dabei nicht zimperlich vorgegangen wird, regt auch keinen auf. Aber die Zeitungen haben die Reportage entdeckt, statt Photos gibt es ausführliche Zeichnungen, und so kommt es, dass dreihunderttausend tote Tscherkessen – verhungert, erschlagen, auf der Flucht ertrunken – die erste masssenmediale Katastrophe bilden. Es ist der erste Genozid der Neuzeit auf europäischem Boden, fünfzig Jahre vor dem Völkermord der Türken an den Armeniern, neunzig Jahre vor dem Holocaust. Die Truppen des Zaren Nikolaus II sehen keine andere Möglichkeit: Georgier, Armenier, Azeri – alle haben sich dem Russischen Reich gebeugt, aber das wilde Bergvolk der Tscherkessen verweigert selbst in der Niederlage den Gehorsam, muss aus dem eroberten Gebiet mit Feuer und Schwert vertrieben werden, um Platz zu machen für russische Sehnsucht nach dem Süden. Und so werden drei Millionen im Lauf des Sommers 1864 vertrieben, so gut wie alle in das damalige Osmanische Reich, die Zeichnungen der halb verhungerten Flüchtlinge, die nicht im Schwarzen Meer ertrunken sind, bei ihrer Ankunft in Istanbul gehen durch die Zeitungen und die Salons Europas.

Parallele zu heute: Es regt sich zwar jeder auf, aber keiner tut was. Das Osmanische Reich nimmt die Flüchtlinge, alles sunnitische Muslime, auf und verteilt sie, wo Platz ist (was oft damit zusammenhängt, dass es dort auch recht unwirtlich ist), so lebt heute der Großteil der tscherkessischen Diaspora im nördlichen Libanon, in syrischen Bergland östlich von Damaskus, im Bergland von Galiläa in Israel, im Kosovo und in der heutigen Türkei, vor allem im Bergland von Anatolien.

Wozu erzähle ich Ihnen das alles?

Weil es Putin erklärt: das sind die historischen Dimensionen, in denen er denkt.

Das finden Sie ein bisserl herb? Dann fragen Sie doch einmal, die Finnen, zum Beispiel, oder deren nahe Verwandte, die Esten. Oder die anderen Balten, wie Letten und Litauer. Oder die Polen. Oder, wenn Sie nicht in den kalten Norden wollen, fragen Sie doch die Tschetschenen. Deren 1864 war halt erst 1995, als russische Truppen ihre Hauptstadt Grosny zerstörten, Haus für Haus, bis so gut wie nichts mehr von der Stadt übrig blieb.

In Wirklichkeit führt Russland heute immer noch Kolonialkriege, in denen es darum geht, anderen Kulturen die eigene als die deutlich überlegene aufzuzwingen. Mit genau derselben Überzeugung schufen die Briten ihr koloniales Weltreich, lernten die Eingeborenen in Afrika, so sie Einwohner einer französischen Kolonie waren, von „unseren Vorfahren, den Galliern“, genau diese Einstellung ließ Kaiser Wilhelm sagen, am Deutschen Wesen werde die Welt genesen.

Die Mehrheit der Russen ist heute ebenso davon überzeugt, am „russischen Wesen“ werde zumindest ihre eigene Welt genesen.

Wobei sich die russische Welt deutlich von unserer, der westlich-demokratisch-aufgeklärten, unterscheidet.

Eine nicht unwesentliche Rolle spielt dabei die orthodoxe Kirche. Als sie sich vor rund tausend Jahren von der römischen abspaltete, ging der Streit darum, ob man sich dem Wesen Gottes mit menschlicher Vernunft nähern dürfe, oder ob schon das Zweifeln am Göttlichen Geheimnis eine Sünde sei. Der Westen brachte die Jesuiten, die Aufklärung und Max Weber hervor, der Osten hält rationelles Denken an und für sich für eine Sünde. „Orthodox“  bedeutet, wörtlich übersetzt, rechtgläubig, die Orthodoxe Kirche ist – fast noch mehr als die Römisch-Katholische – davon überzeugt, im Besitz der Wahren Reinen Lehre zu sein. Und in der ist es muffig-spießig, ist schwul sein heilbar und liberal ein Schimpfwort, sind Neger (gerne Schokoladnij genannt) Untermenschen und der Liebe Gott ist Russe.

Zyniker sagen jetzt, Geschichte lasse sich eben nicht betrügen. Nach dem Zerfall des Kommunismus hatten es die Osteuropäer leichter, die hatten eine bürgerlich-demokratische Tradition. Die Russen haben da vor 1917 nicht viel außer einer ziemlich absolutistischen, ziemlich klerikal-faschistischen Monarchie. Und so wie der (politische) Kommunismus formulierte, dass der Faschismus die politische Ausdrucksform des Spießertums sei, stimmt es auch anders rum, dass das – faschistische – Sowjetsystem eine einzige riesige „Spießerklasse“ hervorgebracht hat. Oder, um ein Bonmot meiner Tante Jolesch abzuwandeln: Die Juden haben sie erschlagen, die Adeligen auch, die Intellektuellen ins Arbeitslager gesteckt und die Großbürger vertrieben. Geblieben sind die Hausmeister, und die machen jetzt den Staat. Putin als Allrussischer Hausmeister, wie einst der Mundl.

Postsowjetische Depressionsoptik

Auf der Suche nach der Großen Russischen Seele, der „Duscha russkaja“, wie sie denn wirklich sei, landete ich einst in Nischnij Novgorod, dass sich damals gerade von „Gorkij“ wieder mit seinem alten Namen umgenannt hatte, und fand dort eine wunderschöne, alte Handelsstadt, völlig verfallen, sowie reichlich postsowjetischen Realismus, Marke Trübsinn. Ich brachte ein paar wunderschöne, tief depressive Schwarzweißbilder mit sowie den klugen Satz eines jüdischen Philosophieprofessors an der lokalen Universität, der meinte, die Russen hätten im Zweiten Weltkrieg „den Deutschen Faschismus besiegt um den Preis, den eigenen am Leben erhalten zu haben.“ So kann man das natürlich auch sehen, aber so unrecht hatte der Professor nicht: Es gibt keinerlei demokratische Traditionen in Russland, und die Aufklärung hat allerhöchstens in ein paar Salons in Petersburg stattgefunden.

Ich denke mir, so gesehen passt es perfekt, dass sich unsere heimischen rechten Recken so hervorragend mit den Russen vertragen – da treffen sich verwandte Seelen. Oder so.

Und da, mitten drin, agiert jetzt der kleine Wladimir Wladimirowitsch, von der Vorsehung auserkoren, Russland zu retten. Dabei lässt er keinen Zweifel an seinen Grundwerten, schließlich nennt er seine politische Bewegung nicht umsonst „allrussisch“ und bekräftigt damit seinen Anspruch, in der politischen Tradition aller russischen Machthaber seit Ivan dem Schrecklichen, dem Begründer des modernen Russland, zu stehen. Und ausgerechnet der kleine Wladimir muß jetzt plötzlich Allrussisches Kernland – und das ist die Ukraine nun einmal für jeden russischen Nationalisten – verteidigen, und das gelingt ihm mehr schlecht als recht.

Denn selbstverständlich lag die Grenze zwischen den Guten und dem gottlosen Ausland noch vor zwanzig Jahren in Pressburg und Berlin, heute steht sie an der russischen Grenze, und aus russischer Sicht ist die gottlose Nato, in der Damen mit Bart Präsidenten inteviewen, die größte Bedrohung des Wahren, Echten und Schönen überhaupt.

So denkt die Mehrheit der russischen Bevölkerung. Und natürlich spielt da die Kontrolle über die Medien eine Rolle, aber die Prädisposition dafür ist gegeben.

Wobei, realpolitisch gesehen, die große Bedrohung für die postsowjetische Oligarchie darin besteht, dass sich ukrainische Zerfallsbestrebungen auf russisches Kernland übertragen. Oder andersrum: Derzeit bekommen die Ukrainer an ihrer (langen) Grenze zu Polen, erste Reihe, fußfrei, vorgeführt, was es für Vorteile bringen kann, in der EU und eine kapitalistische Demokratie zu sein. Wenn morgen tatsächlich auch die Ukraine ein ähnlicher Erfolg wäre, wäre der Dominoeffekt eine echte Bedrohung.

Angst vor dem Dominoeffekt hat schon die USA in die erste Niederlage ihrer Geschichte in Vietnam geführt. Oder auch: Geschichte wiederholt sich. Ob als Tragödie oder als Farce, wird sich erst herausstellen.

Wie schon eingangs behauptet, will ich kein Putinversteher sein, aber dass ihm das nicht gefällt, kann ich nachvollziehen. Wie immer man das interpretieren möchte.

Vorsicht vor dem Trugschluss: Russland ist heute nicht so, wie es ist, weil Wladimir Putin so denkt, wie er denkt. Es ist genau anders rum: Eben genau weil Russland so ist, wie es ist, kann einer, der so denkt wie Putin, überhaupt Erfolg haben. Weil sonst wedelt hier der Schwanz mit dem Hund.

Denn, damit wir uns nicht falsch verstehen: Der – oben erwähnte – Krieg gegen die Tschetschenen wurde noch unter Boris Jeltsin begonnen.

„Schön“, sagt plötzlich Tante Erna aus dem Hintergrund, „alles sehr verständlich und einleuchtend. Und was bedeutet das im Klartext? Wie sollen wir jetzt mit dem Typen umgehen?“

Gute Frage. Ich weiß es nicht.

Ein Ansatz, wie es vielleicht geht, findet sich im britischen „Economist“, der da meint, wenn Ölpreis und Rubel weiterhin so fallen, wie sie es derzeit tun, müsse der Westen nicht mehr sehr viel dazu tun, außer es auszusitzen.

Das scheine, andererseits, so der Economist, auch Putins Strategie zu sein: Genau so wie Europa nach 150 Jahren das Schicksal der Tscherkessen vergessen hat, genau so wird sich der Wirbel um die Krim und den Dombass wieder legen, zwischenzeitlich verkaufen wir den wirtschaftlichen Einbruch als Schuld der Bösen Ausländer, und der Ölpreis wird schon wieder steigen, schließlich ist es bis jetzt auch immer wieder gestiegen.

Kann sein, dass da die kognitiven Dissonanzen sehr schrill werden. Kann sein, dass das recht holprig wird. Im letzten Posting schrub ich, Putin mache jetzt einen auf Milošević. Ich relativiere das jetzt hier, ein wenig, denn es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen den beiden: Russland hat Atomwaffen.

Wir leben in interessanten Zeiten. Aber auch das hab’ ich schon mal gepostet.

Die Gruselgeschichte von der Pechtra Baba oder Man wird ja noch träumen dürfen

 

Gestern abend bin ich vor dem Fernseher eingeschlafen. Mit all der Aufregung über
U-Ausschuss wird abgedreht oder nicht, Kollegin Schramm, die fleischgewordene Peinlichkeit, steht im Shitstorm, Charlie Hébdo veröffentlicht neue Karikaturen des Propheten – äh – Dingsbums, EU-Anwärter Kroatien will den Euro möglichst bald einführen (san de deppat?) – kurzum, mich hat die Aufregung überwältigt, vielleicht auch das kleine Bier. Also eingeschlafen.

Wie ich wieder aufwache, sitzt eine neben mir, der tät’ ich im Dunklen nicht begegnen wollen, so hässlich ist die. Irgendwie denk ich mir – nach so einem Tag! – nix weiter dabei, schließlich hab’ ich öfters seltsame Gäste.

Sag’ ich dann doch zu ihr: „Wer bist Du denn?“ Sagt sie: „I bin die Pertchtl.“

Ich, Zuagroaster aus dem feindlichen Ausland (aka Bundeshauptstadt), hab’ natürlich keine Ahnung. Und sag’ das auch. Sagt sie: „Die Pechtra Baba, na slovensku …“

„Das kann ich auch nicht“, sage daraufhin, wahrheitsgemäß, ich. „Egal“, sagt die Baba jetzt, „ich bin gekommen, Dir eine Geschichte zu erzählen. Eine grausliche, denn Du sollst Dich fürchten vor mir …“

Und dann hat sie mir eine Geschichte erzählt, die Pechtra Baba.

Die Geschichte geht von den wackeren Kärntner Roten und der schönen Zeitung, die sie Jahrzehnte lang hatten, zu einer Zeit, in der sie noch kleine rote Papiermarkerln in die Parteibücher geklebt haben, als Nachweis des Mitgliedsbeitrages … „ja, Baba“ sag’ ich dann, „und der Kreisky ist auch schon lange tot. Komm’ zur Sache.“

Die Pechtra Baba schaut mich erbost an, weil ich so respeklos rede mit ihr, und lässt sich nicht beirren. Und erzählt weiter, wie der Fortschritt ins Land Einzug gehalten hat, und wie daraufhin die Roten die schöne Zeitung heruntergewirtschaftet haben, so dass am Ende sie keiner mehr lesen, geschweige denn abonnieren wollte, und daraufhin die Werbekunden … „Baba“, sag’ ich jetzt, „die Roten haben ihre Zeitungen alle an die Wand gefahren, überall, auch in Frankreich und in Deutschland. Also erzähl’ mir was Neues.“

Potschasne“, sagt die Baba jetzt, „es ist erst vorbei, wenn die dicke Dame singt.“ Und dann erzählt sie mir, dass die Roten am Ende so verzweifelt waren, dass sie sie verkauft haben, die schöne Zeitung, samt dem Verlagshaus und der Druckerei. An einen erfolgreichen Villacher Geschäftsmann, der in Werbung macht, und ein bisserl in Grundstücken, und so. „A gstondana Untanehma, holt“, sagt sie dann, und grinst mich an.

Und erzählt, wie der Betriebsrat und die Chefredaktion besorgt waren, dass die Blattlinie … eine linksliberale, also etwas in Kärnten sehr verbreitetes … und der erfolgreiche Unternehmer hat ganz viel versprochen, und es werde keine Änderungen geben.

Und dann hat er es noch präzisiert, der erfolgreiche Unternehmer, in einem Interview mit einer anderen Zeitung. Da hat er gesagt: „ Wenn ein Journalist Material hat, soll er wen abflaschen. Mir is’ das egal. Ich will, dass wir eine gute Zeitung machen und nicht unter der Gürtellinie angreifen – das ist meine Grenze. Aber die Redaktion macht ohnehin, was sie entscheidet. Nur mitdiskutieren darf ich als Eigentümer noch – oder?“

Also ganz die Position des verantwortungsbewussten, nachhaltigen Unternehmers. Und dann hat er seinen Vater noch zum Prokuristen gemacht, der erfolgreiche Unternehmer, damit er wenigstens ein bisserl noch die Kontrolle hat, oder?

Leider war die Zeitung zwei Jahre später schon wieder pleite. Und dann gab es so was Unanständiges wie einen Konkursantrag, noch dazu von der Gebietskrankenkasse, es war allen echt peinlich. Heuer, Anfang Juni, am Bezirksgericht Klagenfurt Stadt.

Der Antrag sei „völlig überraschend gekommen“ für ihn, hat er gesagt, der erfolgreiche Unternehmer. Und dann passierte Seltsames: Dann kam ein anderer erfolgreicher Unternehmer, diesmal aus dem Oberland, der macht sein Geld in – erraten – Immobilien, und auch in Spielgemeinschaften, und mit dem anderen erfolgreichen Geschäftsmann, dem Villacher, vertreibt er zusammen auch diese neuen elektrischen Zigaretten. Nicht fragen, Sie wollen’s nicht wissen. Jedenfalls der aus Oberkärnten hat die Schulden von der Tageszeitung bei der Gebietskrankenkasse gezahlt, und da war man dann allgemein froh.

Und noch eine Woche später – da hatte der erfolgreiche Villacher den anderen Zeitungen schon erzählt, der erfolgreiche Oberkärntner habe keinerlei Geschäftsbeziehung mit dem Verlag – da war der erfolgreiche Oberkärntnter Unternehmer auch schon Mehrheitsbesitzer an einem Tochterunternehmen der Zeitung, nämlich den – an sich nicht ganz so maroden – Bezirksblättern.

Wo all das schöne Geld herkam, darf gerätselt werden. Ich mein’, für Kärntner Verhältnisse sind 240.000 Eumels ein Waukerl, da scheißt sich selbst der Birni nicht an, aber so auf die Schnelle, jetzt, hier, in bar … auch nicht so wenig, dass es aus der Portokasse genommen werden könnte. Aus den Bilanzen der Zeitung jedenfalls auch nicht, deren letzte aus 2010 weist 922.698,86 Euro Verbindlichkeiten, einen Bilanzverlust von 524.302 Euro und 371.586,53 Euro negatives Eigenkapital aus, also nicht wirklich berauschend.

„Aber da gibt es noch einen“, sagt die Pechtra Baba jetzt und grinst ganz hinterhältig, „der hat viel Geld, sehr viel Geld, und der will jetzt bei der kommenden Landtagswahl mitspielen, und da wäre eine Zeitung doch gerade recht … möglichst ohne eine offene Übernahme, von wegen dem Wirbel und der Medienbehörde warat’s, die in solchen Fällen ja mitreden will … und das bisserl Widerstand aus der Redaktion, das kriegen wir auch noch hin, schließlich sitzt das Herz links, aber das Geldbörserl sitzt rechts.“

„Ach ja“, sag’ ich. Und: „Das sind doch alles nur Spekulationen.“ Sag’ ich. Und: „Du hast absolut keine Beweise.“

„Ach“, sagt die Pechtra Baba dann, „und dass jetzt der Vater des erfolgreichen Unternehmers aus Villach – der mit der Prokura im Verlag – jetzt sein Wahlkampfleiter geworden ist, ist ein Zufall, ja?“

„Nein, was es doch für Zufälle gibt, sagt sie noch, und jetzt grinst sie direkt diabolisch. „Und, stell’ dir vor, er macht es ehrenamtlich. Was für eine Ehre. Und seine Prokura hat er selbstverständlich zurück gelegt.“

„Was“, sag’ ich jetzt, erstaunt, „der Alte ist jetzt Wahlkampfleiter beim … “

„Nicht!“ schreit die Baba jetzt, „nicht sag’ seinen Namen, „den darf man nicht aussprechen, sonst … “ zu spät.

„Frank Stronach“, sag’ ich jetzt, und die Baba schreit ganz fürchterlich laut, und es stinkt nach Schwefel, davon bin ich wieder aufgewacht. Und was dann passiert, werden wir nie erfahren. Weil: es is eh‘ nix passiert.

Und dann war gottseidank alles wieder normal. Der U-Ausschuss wird nicht eingestellt. Charlie Hébdo ist nicht abgefackelt worden, Frau Schramm ist noch immer eine blöde Kuh, und selbstverständlich ist die KTZ eine linksliberale Zeitung geblieben. *muhahahaha* Und alles Andere ist nur geträumt. Da hab’ ich nix versäumt.

Und das von der Hypo Alpe Adria Bank, die jetzt vom Staat Schadenersatz einklagen möchte, weil sie bei der Notverstaatlichung um vermögensrelevante Werte gebracht worden sein will, das habe ich natürlich auch nur geträumt. Gottseidank.

Äh – nein?

Ganz lange Pause.

Hallo, Nobelpreis-Komitee? Haben Sie auch einen Nobelpreis für Chuzpe? Also, ich möchte da einen Vorschlag machen …

 

Ergänzung am Di. 13.11.2012:

http://derstandard.at/1350261198868/Kaerntner-Team-Stronach-trennte-sich-von-Wahlkampfleiter

Ging eigentlich erstaunlich schnell.

Ahoi, Kameraden oder Warum ich jetzt Bezirksparteiobmann geworden bin

 

Ich bin nicht mehr der Jüngste, darüber brauchen wir erst gar nicht diskutieren.

Ich habe viel erreicht und habe oft versagt, ich habe viel gesehen und viel gelernt, und manchmal kommen so Augenblicke, da hat man das Gefühl, jetzt sei wieder einmal eine Zwischenbilanz notwendig.

In all diesen Jahren hab’ ich an vielen verschiedenen Orten auf diesem Globus gelebt, daneben aber immer wieder in einem Land, in dem es tatsächlich einen funktionierenden Gesellschaftsvertrag gab, einen halbwegs erträglichen, und das mich als Mitglied akzeptiert. Von wegen Gnade der Geburt und so, ich bin halt da geboren. Und da hat man mich zwölf Jahre in die Schule gehen und dann auch noch studieren lassen, zehn Jahre lang, und das für lau, das kann auch nicht jeder von sich sagen. Später durfte ich dann den Beruf ausüben, den ich mir ausgesucht hab, ich hab’ hier Kinder in die Welt gesetzt und sie erwachsen werden gesehen – kurzum: Meine Heimat Österreich war immer so eine Art sicherer Schutzhafen, wo man mich versichert und krankheitsmäßig immer (wieder) ordentlich zusammengeflickt hat, wo ich immer zurück kommen konnte, egal aus welchem Winkel dieser Erde, so was ist an den deprimierenderen Orten dieser Welt höchst tröstlich. Und überhaupt.

Und manchmal überkommt mich so das Gefühl, ich sollte vielleicht jetzt noch was zurück geben, dieser Gesellschaft, die ihren Teil des Vertrages bisher ganz anständig erfüllt hat. Weil sehr viel später als jetzt ist leicht möglich, dass nix mehr wird, um es auf Kärntnerisch auszudrücken. Das also erstens.

Und kärntnerisch wohl auch, weil die beste aller Ehefrauen … und jetzt lebe ich eben in Kärnten.

Ja, das ist nicht immer so einfach. Und hat eigentlich eher wenig damit zu tun, dass ich Wiener bin oder zumindest dort geboren, was man an meinem Zungenschlag, zumindest in Deutsch, bis an mein Lebensende hören wird. Na ja, egal, Karntn eben, schön guttural hinten aussprechen, aber nicht so weit hinten wie die Tiroler … egal. Wird eh’ nix.

Die Sprache ist nicht das einzige Gewöhnungsbedürftige, in Österreich südlichstem Bundesland. Obwohl sie echt interessante Aspekte hat, zum Beispiel die des Auslassens. So wie in: Weasd dånn Klågenfuad gehn? Jo, lei no kamod Mahd mochn. Für mich, des lokalen Zungenschlags nicht so mächtig, ist so was eine echte Kommunikationshürde.

Den politischen Alltag, also den in Kärnten, wollen wir – wenn wir schon von gewöhnungsbedürftig reden – erst gar nicht erwähnen, schon von wegen gar nicht so viel essen können wie kotzen wollen. Das also zweitens, die Details erspare ich dem geneigten Leser und mir hier, weil unappetitlich und überhaupt und außerdem weiß eh’ jeder.

Übrigens und außerdem wird mir dafür erst jetzt so langsam klar, dass ich meine nächste Landtagswahlstimme nicht mehr in Wien, sondern in Kärnten abgeben werde, weshalb sich mir eine ganz konkrete Frage stellt, abseits aller Schriftstellereien und fröhlichem Wortgeschmiede. Nämlich: Wen, oder von mir auch auch was, wählen?

Da werden Luft ebenso wie Schmäh sehr schnell sehr dünn.

Gehen wir es einmal ganz pragmatisch von oben herunter: Die *spuck* Blauen kann man erstmal streichen, ebenso das orangene Pendant. Die Schwarzen? Are you kidding? Die Roten? In Kärnten? Die mit dem Landeshauptmann Wagner den Grundstein gelegt haben für das ganze hier, Jahrzehnte lang? Und die heute noch mit packeln? Sorry, Genossen, no way.

Dabei, nur so als extempore: Ich bin ja mit dem Seppi Cap in die Volksschule gegangen, gemeinsam ministriert hamma auch, beim Studieren haben wir uns wieder getroffen, er beim – damals noch wilden – VSSTÖ, und ich gebe zu, ich habe ihn damals auch gewählt. Und wenn ich mir anschau‘, heute … es ist echt ein Jammer. Soviel zu den Sozis.

Den Stronach? Really? Are you serious? Ah ja, eh‘ nicht.

Und dann?

Dann bleiben noch die Grünen.

Lange Pause.

Jetzt schaun s’ ned so betreten, ich mag die eh’ auch nicht. Aus verschiedenen Gründen, wahrscheinlich andere als die Ihren, aber Gedanken sind bekanntlich frei.

Hauptsächlich kann ich mit den Grünen deshalb so schwer, weil mich ihre grundsätzliche Technophobie stört. Ich bin ein alter Hippie, für uns war Technologie immer ein Teil der Lösung, nicht ein Teil des Problems. Das Problem lag immer in der Anwendung. Doch dann kam Three Mile Island, und dann kam Tschernobyl, und seither ist Technik eher etwas Unanständiges geworden.

Oder, wie ein Kollege jüngst gepostet hat: „Früher standen die Grünen für Doors hören und dogmatisch sein. Heute haben sie das mit den Doors halt aufgegeben.”

Das hat sicher auch etwas mit diesem neuen Biedermeier zu tun, dieser Landleben-Euphorie, der ich, obwohl ich jetzt bei den Bauern im Kärnter Unterland lebe, nicht sehr viel abgewinnen kann. Eigentlich gar nichts, denn es ist so fake, dass es schmerzt. Aber den Leuten gefällt’s. Egal: Ich glaube nicht daran. Die Hälfte der Menschheit lebt schon heute in Städten, das ist ein langfristiger Trend, wo der aufhören wird, weiß man nicht so recht, aber ohne High-tech wird das nicht abgehen, so weit ist das heute schon klar.

Und wir werden daher die Probleme dieser Zukunft nicht mit silofreien Milka-Kühen auf glücklichen Bio-Wiesen lösen (Nur mit Kuhscheiße gedüngt? Ja natürlich!), auch nicht gentechnikfrei, was immer das genau bedeuten mag. Egal, darüber ließe sich noch diskutieren, aber über diese kategorische Ablehnungshaltung eben leider nicht. Oder, um es kurz zu fassen: Mit der Müslifaschisten-Fraktion bei den Grünen kann ich echt nicht. Sorry, Freunde, ich respektiere eure Meinung respektive Haltung, aber mitmachen? Nein, danke.

Dann könnte man noch argumentieren, so einer wie Du sollte die Realo-Fraktion unterstützen, genau solche wie Dich brauchen wir.

Also gut, schauen wir uns die Kärntner Grünen an.

Die sitzen schon seit zwei Legislaturperioden im Landtag. Und nu, Oskar? Viel bewegt haben die dort nicht. Mir ist jedenfalls keiner aufgefallen.

Dafür haben sie jetzt den Herrn Holub recycled, der tritt jetzt als der nächste große Aufdecker auf, sozusagen als Peter Pilz von Kärnten, als Johanna von Orléans für Arme (aka die Steuerzahler), oder lieber als die Heilige Johanna der Schlachthöfe? (Oder doch Johanna die Wahnsinnige?) Jedenfalls will er „jedes Dokument, dass die Brüder Scheuch nicht geschreddert haben, nachprüfen.“ Wenn ich mir so die Arbeit der Korruptionsstaatsanwalt anschau’, wird der Herr Holub dafür mehr als eine Legislaturperiode brauchen, um zum regieren wird er auch nicht viel kommen, obwohl er in die Landesregierung will. Und dort wäre einiges zu machen, die Schulden des Landes Kärnten etwa, die in den letzten fünf Jahren um 100 Prozent gestiegen sind – man liest richtig, sie haben sich verdoppelt. Aber Wirtschaftskompetenz ist traditionell bei den Grünen nicht wirklich zu verorten, würde mein alter Professor sagen, aka davon haben sie nicht so viel Ahnung. Oder es ist ihnen wurscht. Und außerdem: Kapitalismuskritik ist viel lustiger, und schick isses auch noch, also was jetzt?

Mmh.

Ich bin dann doch Wirtschaftsjournalist, wenngleich ein eher linker. Also diese seltene, weil gern unterdrückte Spezies von einem Sozi, der auch was von Wirtschaft …

Hab’ ich schon gesagt, dass ich die Grünen dann doch auch nicht … ?

Und nu?

Hier wird’s eng.

Die meisten der Freunde, die mir bis hier gefolgt sind, gingen anschließend in die innere Emigration. Das wollte ich nicht.

Bleibt nur: Selber was machen. Oder hat wer einen anderen Vorschlag?

Und dann gibt es eben die Piraten. (Jetzt isses raus. Egal, dass ich die mag, hab’ ich hier schon geblogged, also darf das nicht so überraschen.)

Also gut, schauen wir uns die Piraten an.

Wie gesagt, ich schrub das hier schon: Hoffentlich gelingt den Piraten mit der digitalen Revolution, was den Grünen mit der Ökologie geschafft haben, nämlich im politischen Mainstream anzukommen. Weil das eine ebenso wichtig ist wie das andere. Und dabei /müssen/ die so sein, wie sie sind, weil sonst kann das nicht funktionieren.

Daneben fordern sie noch ein paar Dinge, mit denen ich gut kann. Die Entkriminalisierung von Drogen etwa, das fordert auch der britische Economist, weil nur das der weltweiten (und immer bedrohlicher werdenden) Drogenkriminalität die Existenzgrundlage entzieht, im Grunde eine alte Forderung, muss man immer wieder stellen. Nur wer Süchtige als Kranke sieht, hat eine Chance, der Situation Herr zu werden.

Und dieses bedingungslose Grundeinkommen, häh? Das ist doch pure Sozialromantik, ist das. *börp*

Nein, ist es nicht. In Wirklichkeit gibt es so etwas Ähnliches schon, es heißt Grundsicherung. Aber es ist kein Recht, sondern eine Gnade. Eine soziale Gnade Deiner Heimatgemeinde.

Würde man alle diese Gelder, die man da heute ausgibt, zusammenfassen, wäre das durchaus finanzierbar. Und als Denkansatz ist es politisch interessant: Sozial Handeln als Rechtsprinzip, nicht als Gnadenprinzip, das gefiele mir.

Kurzum: Ich kann mich mit dem Piratenkodex durchaus identifizieren.

Und dann gibt es noch ein paar Aspkte, zum Beispiel die Arbeitsgruppe KMU, oder der Einsatz für freie Mitarbeiter, vor allem in den Medien, und noch ein paar so Sachen.

(Kommen Sie doch öfter hier vorbei, dann können Sie noch viel mehr darüber erfahren. </Werbung>)

Und deshalb bin ich den Piraten beigetreten.

Eigentlich war das schon im Oktober 2010, und damit bin ich wahrscheinlich der dienstälteste Pirat in Kärnten, aber irgendwie war das mit den Piraten in Österreich nicht so, wie es sein sollte, und deshalb war da eine Zeitlang nix.

Doch jetzt gab es den konstituierenden Landesparteitag, und seither bin ich aktiv. Und zum Bezirksobmann Kärnten Unterland gewählt worden. Und mache erstmal die Pressearbeit. Und, wenn wir schon dabei sind: Das heisst jetzt Landesgeneralversammlung. Damit es sich von den anderen Parteien abhebt.

Irgendwie würde mir ja gefallen, wenn bei der nächsten Landtagswahl /sowohl/ die Piraten als auch die Grünen in den Landtag kämen. Obwohl, sicher ist das beileibe nicht. Aber möglich wäre es. Vielleicht könnte man dann tatsächlich etwas bewegen *träum*

Ich sagte ja schon, ich bin ein alter Hippie.

Habe ich schon erwähnt, dass die Grünen bei der exorbitanten Erhöhung der Parteienförderung in Kärnten  im Landtag mitgestimmt haben? Dafür, nämlich. Die Unschuld haben sie damit jedenfalls verloren, meine grünen Freunde. Mal schauen, ob sie bei der (dann doch) geplanten Rücknahme auch mit Ja stimmen werden.

Ach ja, Rolf Holub, Spitzenkandidat der Grünen, verweigert im Moment den Piraten den Dialog. Sprich: Früher hat man gerne und viel miteinander geredet, und mehr. Aber jetzt laufen die Piraten auf seiner Sekretärin (sic!) auf. Ein Schelm, wer Schlechtes davon denkt.

Na ja, hoffen wir, dass das noch was wird.

Ich werde berichten.

Die Regierenden sind zu alt oder Warum es nicht reichen wird, nur dagegen zu sein

Können Sie sich noch erinnern, als die Grünen zum ersten Mal in ein Landesparlament einzogen? Es war 1979, vor genau 32 Jahren, da schaffte sie es in Bremen erstmals in eine Legislative.

Die müssen sich damals ähnlich gefühlt haben wie die Jungs von der Piratenpartei, die unlängst in Berlin staunend und mit großen, aufgeregten Kinderaugen durch das Rote Rathaus gingen, in dem sie jetzt Sitz und Stimme haben.

Mittlerweile hat es der einst Bullen verprügelnde Joschka Fischer ja zum Elder Statesman gebracht, und die Grünen zum langweiligen Politalltag einer etablierten Partei. Die Rolle der Spaßpartei hat jetzt wer anderer. Und der ist gerade in den Berliner Senat gewählt worden. Paradigmenwechsel erkennt man meist nicht, wenn sie geschehen, sondern später, wenn es nicht mehr zu übersehen ist. Doch der aufmerksame Gartenzwerg kann schon jetzt das Knistern im Gebälk hören.

Mit dem Tod von Steve Jobs (btw: RIP) ist erst einmal die Generation Garage endgültig von Bord gegangen. Sie erinnern sich: Die kalifornischen Stanford-Absolventen Bill Hewlett und David Packard bastelten 1939 einen Tonfrequenzgenerator für Disney in einer Garage in Palo Alto, damit war Silicon Valley geboren, die Garage steht heute noch und ist das Allerheiligste der Nerds dieser Welt: Dort hat es angefangen, der wilde Ritt durch die Technologie, bei der es jedes halbe Jahr einen neuen Durchbruch gab.  PC, Handies, Notebooks, Tablets – denken Sie einmal 32 Jahre zurück, dann verstehen Sie sicher, was ich meine. Und diese wilde Entwicklung ist heute erst einmal abgeschlossen.

Die nächste Revolution wird nicht mehr bei der Hardware, sondern softwareseitig passieren, und bei sich dadurch ergebenden neuen Kulturtechniken, von denen wir heute noch gar nicht wissen, wie sie aussehen und funktionieren werden.

Zwar kursieren Gerüchte, Steve Jobs habe vor seinem Abgang noch das „nächste große Projekt“ vorbereitet, einen Fernseher, der unsere Art, Video zu konsumieren, so verändern soll wie iPod und iTunes es bei Musik geschafft haben, aber ein iTV wird nur mehr die konsequente Weiterführung des Konzepts sein, digitaler zu konsumieren, so wie sich Apple das vorstellt, an den Grundvoraussetzungen wird das nichts mehr ändern.

Dafür wird selbst Microsoft in seiner nächsten Inkarnation als Windows 8 nicht mehr tastatur- bzw. mausgesteuert sein, sondern per Touchscreen, und auf allen möglichen und unmöglichen Devices laufen, überall dieselbe Oberfläche, stationär oder mobil, wir werden demnächst tatsächlich immer online sein können, in realtime, auf Geräten, die wir uns heute nur so ungefähr vorstellen können.

Ob uns das gefallen wird, ist eine andere Diskussion, die wir jetzt nicht führen, mir gefällt das ja auch nicht, aber hier geht’s um Grundsätzlicheres.

Wo lässt der Deutsche Intellektuelle denken? Richtig, bei Tante Zeit. Dort stand, dementsprechend, schon vor zwei Jahren ein kluges Interview <http://www.zeit.de/2009/44/Interview-Piratenpartei> mit dem damaligen Chef der deutschen Piratenpartei, Jens Seipenbusch, das ich hier schon einmal kommentiert habe (Siehe: Warum das mit den Daten so kompliziert ist).

Da ging es um die Umkehrung des Prinzips „Gläserner Staatsbürger“ zum Prinzip „Gläserner Staat“, was soviel heißt wie jeder Staatsbürger sollte ein Problembewusstsein haben darüber, was für Daten über ihn gespeichert sind, und wo, und unter welchen Umständen sie vernetzt werden können. Und wozu das alles führen kann und es schon tut.

Beim nächsten Bankbesuch, zum Beispiel, teilt Ihnen Ihr Betreuer mit, man habe Ihren Überziehungsrahmen deutlich gekürzt. Er wird etwas von Krise murmeln und Basel Zwei und dass Kreditrichtlinien jetzt strenger gehandhabt würden. Aber in Wirklichkeit hat eine Software einfach Daten über Sie gesammelt. Etwa dass Sie Ihre Stromrechnung immer erst am Stichtag oder ein paar Tage später einzahlen (weil da das Mahnprogramm nicht so schnell greift, machen wir doch alle). Daneben weiß die Software noch, dass Sie bei Hofer einkaufen, dass Ihre Leberwerte schlecht sind, dass Sie Steuerschulden haben und dass gegen Sie zwei Mahnklagen laufen. Dass die Steuerschulden ordentlich gestundet sind und dass Sie die Mahnklagen gewinnen werden, weil sie völlig ungerechtfertigt sind, weiß es nicht, das Programm, so schlau hat es der Programmierer nicht gemacht. Egal: Es reicht, Sie um eine Risikoklasse höher zu stufen, und schon schrumpft der Rahmen.

Solche Programme werden schon eingesetzt. Und auch noch andere, die noch ganz andere Sachen können. Und wenn wir nicht schleunigst die Medienkompetenz erwerben, um uns wehren zu können, sowie die rechtlichen Voraussetzungen, es auch zu dürfen, dann schaut es eher schlecht aus um den bürgerlichen Staat so wie wir ihn kennen.

Auch das habe ich hier schon vor zwei Jahren geschrieben: Es ist schon bezeichnend, dass die Grünen, die es immerhin geschafft haben, die Ökologie ins politische Bewusstsein zu bringen, bei IT völlig versagen. Sie sind ja in Wirklichkeit nur arrivierte Apo-Opas, die genau so verspießern wie alle anderen auch. Oder kennen Sie einen bekennenden Nerd in einer europäischen grünen Partei? Na eben.

Dass sich die Nerds da zu einer eigenen Partei zusammenschließen, ist irgendwie verständlich, schließlich weiß niemand besser als sie, was wirklich abgeht. Dass sie kaum wer tatsächlich versteht (und sich alle daher am einzigen Programmpunkt, den sie zu verstehen glauben, nämlich dem freien Internet, aka Filesharing, aufhängen), steht auf einem anderen Blatt. Ungeschickt, wie Nerds nun einmal sind, bringen sie es auch nur sehr schwer rüber.

In Wirklichkeit könnte das jetzt auch der nächste Entwicklungsschritt werden. Dereinst wurde der demokratische Diskurs auf der Agora geführt, dann ermöglichte der Buchdruck ihn über geographische Grenzen hinweg, wenngleich nur für eine Elite und Anfangs noch sehr langsam. Dennoch: ohne Buchdruck weder Aufklärung noch bürgerlicher Staat.

Heute wird der Diskurs nicht nur ubiquitär, sondern auch in realtime und barrierefrei geführt. Ubiquitär, weil jederzeit, überall und weltweit. Und barrierefrei, weil die Technologie billig und weltweit verfügbar ist, wie etwa Mobiltelefone.

Was das bedeuten könnte, haben der arabische Frühling ebenso vorgeführt wie die soziale Entwicklungen in Schwarzafrika oder die Grüne Revolution im Iran. Und schon ist die Gegenbewegung ebenso da, steigen Zensur und Regulation im Internet, nicht nur in totalitären Staaten, sondern auch bei uns, es fällt Ihnen nur nicht auf, weil Sie halt kein Nerd sind.

So gesehen sind die Piraten wichtig, völlig egal, wie das in Berlin jetzt weitergeht, wie sehr sie unter sich streiten, wie sehr sie erst einmal politisch unbeholfen agieren und alles, was dazu gehört. Und selbstverständlich haben weder Medien noch Politiker wirklich eine Ahnung, wie sie mit den Neuen umgehen sollen, weil ihnen, wie wir schon festgestellt haben, einfach das Problembewusstsein dafür generell fehlt.

Oder, wie es Jens Seipenbusch schon vor zwei Jahren elegant formulierte: „Da muss man einfach realistisch bleiben: Politiker, die jetzt 50, 60, 70 Jahre alt sind, sind weit davon entfernt, diese Problematik überhaupt zu durchdenken. Die Regierenden sind zu alt.“

Na na na na na na oder Warum das mit der Musikindustrie möglicherweise so ist, wie es ist.

Im vergangenen November las ich in wired magazine (cooler site!) einen Artikel zum Thema Musikdownloads. Darin argumentiert Autor Paul Boutin, dass es ab sofort eigentlich unmoralisch wäre, weiterhin Musik gratis aus dem Netz herunter zu laden. Als Begründung gab er an, wir hätten gewonnen. Den Krieg mit der Musikindustrie, nämlich. Schließlich gäbe es heute jede Musik zum Kaufen, billigst, 99 Cent per Song, bei Apple oder Amazon, ganz ohne DRM oder sonstigen digitalen Eiterbeulen, damit finanziert sich kein Musikboss mehr den neuen Jaguar. Und es sei eigentlich unmoralisch, so Boutin, nicht einmal einen lumpigen Dollar für einen Song zu bezahlen, der einem so gefällt, dass man ihn tatsächlich aus dem Netz ziehen und auf seinen iPod laden will, schließlich wolle so ein Künstler oder eine Künstlerin auch was verdienen. Und wir wären doch, als der große Downloadboom aus dem Netz begann, ja nur erbost auf die Herren in den dunklen Anzügen in den oberen Etagen gewesen, „the boys upstairs“, wie sie Tom Petty in „The Last DJ“ nennt. Und da wir diese ja nun besiegt hätten und es überall billigst DRM-freie Musik zum legalen Download gäbe, sei Klauen, auch in digitaler Form, eigentlich pfui.

So was trifft mich, schließlich schreibe ich Bücher und beziehe dafür auch Tantiemen. Gewissen und professionelle Selbstachtung mahnen zur Solidarität, also nahm ich mir die Angelegenheit zu Herzen und erwerbe seither meine Downloads im iStore, oder wie das Dingens heisst.

So etwas kann einem das warme Gefühl geben, wieder einmal das Richtige zu tun und damit im Einklang mit sich und der Welt im Hier und Jetzt zu sein.

Wenn es denn so einfach wäre.

Ich habe einen eklektischen Geschmack und stehe auf die Steve Miller Band, ein kalifornischer Haufen aus den späten Sechzigern, der eine Reihe von klassischen Pop-Rock-Gasssenhauern – egal, ich muss hier nicht meinen Musikgeschmack argumentieren. Ich will also eine bestimmte LP von denen erwerben.

Mein iTunes Store hat diese LP nicht. Er hat zwar jede Menge von der Steve Miller Band, aber just das, was ich will, hat er nicht. Und Amazon hat es auch nicht im Download.

Tante Gurgel, die allwissende Müllhalde, die ich daraufhin mit „Steve Miller Band“ und dem Titel der LP sowie dem magischen Wort „download“ füttere, belehrt mich, dass es diese LP sehr wohl als Download gibt, bei iTunes ebenso wie bei Amazon. Nur,  wie ich nach wenigen Klicks erfahren darf, nur in den USA. „This title is not available in your country“. Nicht mal „leider“ steht dort. Und eine Begründung schon gar nicht. Schmecks.

Ich habe eine volle Woche damit verbracht, diese „§$%&/()! LP legal per Download zu erwerben, aber das einzige, was ich fand, war ein obskurer Website, der als Impressum nur einen .ru-eMail-Kontakt anbot, dafür aber nicht einmal Paypal hatte, dort wollte ich meine Kreditkartendetails dann doch nicht lassen. Und das war’s dann. Gegen 39 Eumels bot mir Amazon eine echte LP an (vielleicht zum selber digitalisieren, per Audacity?) und für 29 Eumels eine CD, Lieferzeit irgendwann. Nein, das war es nicht, was ich wollte. *grmbl*

Heute Nachmittag habe ich entnervt BitTorrent angeworfen und innerhalb von zehn Minuten das gewünschte auf die Festplatte bekomme, in 320Kbps-Qualität und ohne weitere Probleme.  Und natürlich für lau.

Lieber Herr Steve Miller (den gibt’s, der heißt tatsächlich so), Sie sollten mal mit Ihrem Management reden, die haben offenbar bis heute nicht wirklich gerafft, was tatsächlich abgeht.

Oder so ähnlich.

Und denen von wired magazine sollte man eigentlich auch ein erbostes Lesermail schreiben, allerdings ist das jetzt auch schon wieder eine Weile her, außerdem „Who Wants Yesterday’s Papers?“ Also wird man auch das bleiben lassen.

Und wieder nix mit gutem Gefühl und Einklang mit dem Karma.

Aber warum es der Musikindustrie nicht so gut geht, das ist mir schon klar.