{"id":506,"date":"2022-03-03T16:56:22","date_gmt":"2022-03-03T15:56:22","guid":{"rendered":"https:\/\/weblog.igler.at\/?p=506"},"modified":"2022-03-05T16:12:58","modified_gmt":"2022-03-05T15:12:58","slug":"putins-potemkin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/weblog.igler.at\/?p=506","title":{"rendered":"Putins Potemkin"},"content":{"rendered":"\n<p><em><strong>Ich hab es nicht so gerne, wenn ich mit meinen Dystopien so weitreichend Recht bekomme. Und was den Ukraine-Konflikt betrifft: Ab jetzt lohnt es sich, in Tagesabst\u00e4nden zu posten. Zum Beispiel jetzt.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Es tut mir leid, aber ich muss schon wieder posten. Denn es ist heute der siebente Tag der russischen Invasion in der Ukraine, und es l\u00e4uft \u00fcberhaupt nicht so, wie sich der kleine Wladi im Moskauer Kreml vorgestellt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn je l\u00e4nger diese Invasion dauert, desto mehr bekomme ich den Eindruck, dass diese m\u00e4chtige russische Armee eigentlich \u00fcberhaupt nicht existiert. Sie ist eine Art potemkin&#8217;sche Armee, sie hat zwar Panzer und Lkw und schweres Ger\u00e4t, aber sie tut nicht so, wie klein Wladi will.<\/p>\n\n\n\n<p>Von allen Seiten kommen die Berichte, und es k\u00f6nnen nicht alle nur ukrainische Agitprop sein. Ich hab ja insgesamt mehrere Jahre in Russland gearbeitet, teils noch in der UdSSR, teilweise schon nach der Revolution, und ich kenne russischen Schlendrian und Make-do. Und es hat schon seine Gr\u00fcnde, warum man bei uns (vor allem in der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone) etwas, das wirklich nur so irgendwie hingepfuscht wurde, als ,,russisch&#8220; bezeichnet. Und die j\u00fcngsten Berichte aus der Ukraine passen da tadellos dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Da gibt es den Thread auf Twitter von einem ehemaligen US-Soldaten, dessen Job es 20 Jahre lang war, sich um die Reifen von schwerem Offroad-Equipment zu k\u00fcmmern. Quintessenz: Derartiges Ger\u00e4t muss mindestens einmal pro Monat bewegt werden, sonst werden die Seitenw\u00e4nde der Monsterreifen m\u00fcrbe. Und sie sollten auch nicht allzu viel in der Sonne stehen, weil UV-Licht macht die Mischung ebenfalls m\u00fcrbe. Und nach den Bildern aus der Ukraine, auf denen man genau erkennt, dass es den russischen Radwaffensystemen im Gatsch der Ukrainischen Felder einfach die Reifen von den Felgen zieht (https:\/\/twitter.com\/TrentTelenko\/status\/1499164245250002944), k\u00f6nne man eindeutig sagen, so besagter US-Soldat: Diese Lkw wurden mindestens ein Jahr lang \u00fcberhaupt nicht gewartet.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ein weiteres Posting spricht davon, dass besagter Reifen ein billiger chinesischer Nachbau sei, mit dem man allenfalls auf der Strasse fahren k\u00f6nne, aber nicht im Gel\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>Rasputitsa heisst die Zeit, in der der Boden auftaut. Es ist zwar erst M\u00e4rz, aber der Klimawandel l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen. Erst taut nat\u00fcrlich die Oberfl\u00e4che, w\u00e4hrend der Untergrund noch  gefroren ist. Resultat: Das Wasser kann nicht ablaufen und es entsteht ein Meer an Schlamm, in dem schon ganze Armeen, von Napoleons Garde bis zu Hitlers Wehrmacht, versunken sind. Und jetzt halt Putins Armee. Es gibt auch Bilder von schweren Panzern in tiefem Gatsch, aufgegeben, wobei nicht ersichtlich ist, ob der Sprit ausging oder der Kettenantrieb nicht mehr gegriffen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Treppenwitz der Weltgeschichte darf gelten: Genau das ist der Roten Armee auch passiert, im finnischen Winterkrieg 39\/40. Dort konnten die schweren Fahrzeuge der Sowjets auch nur auf den (wenigen) Strassen bewegt werden, w\u00e4hrend die finnischen Soldaten auf Langlaufski von \u00fcberall her angreifen konnten. Eins h\u00e4tte geglaubt, dass Onkel Wladimir, der ja dauernd die Geschichte zitiert, aus ihr auch gelernt h\u00e4tte. Aber Pustekuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gesamte russische Armee greift also die Ukraine in der Breite von drei Kamaz-Lkw an. Mehr gehen nebeneinander nicht auf eine asphaltierte Strasse, und im Gel\u00e4nde \u2026 leider sind uns die passenden Reifen abhanden gekommen, Genosse, ja ich weiss auch nicht wie, ja es ist eine Schande, dass auch in Russland alles gestohlen wird, was nicht bei drei auf den B\u00e4umen \u2026  <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt noch andere Berichte, nach denen es in Wirklichkeit keinerlei \u00fcbergeordnete Koordination des Einmarsches gibt. So h\u00e4tten etwa bei den Panzerverb\u00e4nden nur die jeweiligen Kommandanten eine Funkverbindung zum Gefechtsstand, und die reisse oft ab, weil die Entfernungen so gro\u00df sind. Auch w\u00fcrden die Panzerkolonnen ohne begleitende Infanterie vorsto\u00dfen, so dass einzelne Panzer pl\u00f6tzlich auf der ukrainischen Tiefeben zu leichten Zielen w\u00fcrden. Das ganze habe, so eine Beurteilung durch den britischen Geheimdienst, den Organisationsgrad eines schlechten Man\u00f6vers und sei von einem tats\u00e4chlichen Krieg in etwa so weit entfernt wie eben Kiew von Moskau.<\/p>\n\n\n\n<p>Anderen Berichten zufolge haben die russischen Verb\u00e4nde zu wenig Proviant bzw. seien die Proviantpakete, mit denen die Russen ausgestattet wurden, vor f\u00fcnf Jahren abgelaufen. (https:\/\/t.me\/voynareal\/11169) Es habe schon erste Pl\u00fcnderungen gegeben, haupts\u00e4chlich f\u00fcr Essen. Und das erste, was gefangene russische Rekruten bekommen, ist ein hei\u00dfer Tee und etwas zu essen. Und dann l\u00e4sst man sie ihre Verwandten anrufen. Nicht gut f\u00fcr die russische Propaganda.  <\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re eine logische Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, warum die Russen nicht weiter vorsto\u00dfen bzw. ,,den Sack um Kiew zumachen&#8220;, wie uns die p.t. Strategen allabendlich im Fernsehen erkl\u00e4ren: Sie haben keinen Sprit. Der 60-km-Kolonne an schwerem Kriegsger\u00e4t vor Kiew ist schlicht und ergreifend der Diesel ausgegangen \u2026 ganz kann ich das ja noch immer nicht glauben. Aber ukrainische Freunde versichern mir, es sei noch viel absurder, als es klinge.<\/p>\n\n\n\n<p>(Ganz abgesehen davon, dass das russische Ger\u00e4t ja nicht offroad kann. Also wird am Anfang sowie am Ende des 60-km-Konvois ein bissi was putt gemacht, und feddich. Ende Gel\u00e4nde. Der Konvoi ist neutralisiert, wie ein Stau auf der Tauernautobahn im Juli. )<\/p>\n\n\n\n<p>Ukrainische Freunde erz\u00e4hlen mir ebenfalls, den Russen ginge auch die Munition aus. Also sind sie frustriert, auch weil ihnen bewusst wird, das das noch alles sehr unangenehm werden k\u00f6nne, also ballern sie wie die Bl\u00f6den auf alles, was sie erreichen k\u00f6nnen, und nehmen dabei weniger und weniger R\u00fccksicht auf Zivilisten und Kinderg\u00e4rten und so l\u00e4stiges Zeux. Auch der ORF-Korrespondent Wehrsch\u00fctz erw\u00e4hnte am Mittwoch, die Zerst\u00f6rungswut der russischen Truppen auch von zivilen Objekten nehme deutlich zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei sind die ganz schweren H\u00e4mmer in Russland ja noch gar nicht gefallen. So fliegen so gut wie alle Fluggsellschaften in Russland westliche Maschinen, von Boeing \u00fcber Airbus bis Embraer. Und mit den Sanktionen kommen auch keine Ersatzteile mehr. Die meisten Airlines haben so f\u00fcr einen Monat Teile. Aber l\u00e4ngst sind die komplexen Handb\u00fccher f\u00fcr&#8217;s Service online, und die sind schon jetzt nicht mehr erreichbar. Auch die Motoren der Maschinen, von RR bis GE und Pratt&amp;Whitney, sind in Echtzeit mit ihren Lieferanten im Westen verbunden. Wahrscheinlich k\u00f6nnen die Russen ihre Westmaschinen schon jetzt nur mehr per Hack starten \u2026 und auch die alten Tupolews und Iljuschins sind schon verschrottet oder hergeschenkt und vor allem auch hier gibt&#8217;s keine Teile mehr. Weil \u2013 hehe \u2013 die Mehrheit der sowjetischen Flugzeugindustrie in \u2013 erraten \u2013 der \u00f6stlichen Ukraine war.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Land so gro\u00df wie Russland nicht mehr fliegen zu k\u00f6nnen, ist eine absolute Katastrophe. Und im europ\u00e4ischen Teil kann eins ja zur Not auch noch per Zug fahren (obwohl russische Z\u00fcge kein Vergn\u00fcgen sind. BTDT). Aber jenseits des Ural ist da schlagartig aus, St\u00e4dte wie Perm oder Novosibirsk sind ohne Flugzeug praktisch nicht erreichbar. (Ja, im Winter, per Lkw, wenn der Boden gefroren ist. You gotta be kiddin \u2026)<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls hatte die Aeroflot am Donnerstag (laut flightaware.com) zwei Fl\u00fcge draussen: Einen auf den Malediven, einen auf den Seychellen. Das wird auf die Dauer nicht reichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Apple und Microsoft haben ihre Dienste eingestellt, aber auch SAP und HP und Oracle. Mercedes, Volkswagen, Ikea \u2026 you name it, alle haben Lieferstop. Wenn dem russischen Mittelstand, so klein er ja auch sein mag, auff\u00e4llt, wohin ihn V\u00e4terchen Wladimir da f\u00fchrt, wird er aber nicht zufrieden sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die Ukrainer noch ein bisserl aushalten, so lange, bis den Russen tats\u00e4chlich die ganze Luft ausgeht \u2026 wobei: Keine Ahnung, was ER macht, wenn&#8217;s wirklich eng wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit wird schlecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur meinen ukrainischen Freunden scheint es gut zu gehen. Sie sind gefasst und siegesbewusst. Und ich bin langsam geneigt, es tats\u00e4chlich zu glauben: Putin wird diesen Krieg verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wird alles noch sehr schrecklich werden.  Aber, kleiner Trost zum Schluss: Den Winterkrieg haben die Finnen auch gewonnen. Sie haben einen hohen Blutzoll bezahlt, aber sie haben gewonnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Slawa Ukraini<\/p>\n\n\n\n<p> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hab es nicht so gerne, wenn ich mit meinen Dystopien so weitreichend Recht bekomme. 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