{"id":50,"date":"2009-10-11T19:36:21","date_gmt":"2009-10-11T17:36:21","guid":{"rendered":"http:\/\/weblog.igler.at\/?p=50"},"modified":"2009-10-11T19:36:21","modified_gmt":"2009-10-11T17:36:21","slug":"warum-der-opel-deal-von-magna-vollig-irreal-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/weblog.igler.at\/?p=50","title":{"rendered":"Warum der Opel-Deal von Magna v\u00f6llig irreal ist."},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich das alles richtig verstanden habe, was sich in letzter Zeit um Opel abgespielt hat, l\u00e4uft es so: General Motors macht Pleite, wegen grunds\u00e4tzlich verfehlten Gesch\u00e4ftsmodells, und aus der Konkursmasse l\u00f6st der deutsche Staat um 4,5 Milliarden Euro Steuergeld den Opel-Konzern heraus und verschenkt ihn an einen Lieferanten, im Konsortium mit einer russischen Bank, unter der ausdr\u00fccklichen Bedingung, genau *dieses* schief gegangene Gesch\u00e4ftsmodell unter keinen Umst\u00e4nden auch nur um ein Jota zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Oder hab\u2019 ich irgendein grunds\u00e4tzliches Detail \u00fcbersehen?<\/p>\n<p>Ich schreibe jetzt seit einem Vierteljahrhundert \u00fcber Autos, und seit meinen ersten Gehversuchen als Motorjournalist erz\u00e4hlt man mir von \u00dcberkapazit\u00e4ten in der Industrie.<\/p>\n<p>Will hei\u00dfen, es k\u00f6nnten mehr Autos auf vorhandenen Fertigungsanlagen erzeugt als tats\u00e4chlich verkauft werden. Und weil die installierte, aber nie ausgen\u00fctzte Kapazit\u00e4t Kapital bindet, sprich Kosten erzeugt, k\u00f6nnte man Autos deutlich billiger bauen, wenn man diese \u00dcberkapazit\u00e4ten reduziert.<\/p>\n<p>Industrieschnitt ist rund <a href=\"http:\/\/www.wirtschaftsblatt.at\/home\/international\/unternehmen\/360509\/index.do\">20 Prozent<\/a>, bei Opel d\u00fcrfte die \u00dcberkapazit\u00e4t bei rund 50 Prozent liegen. Au\u00dferdem liegen die Opelwerke in L\u00e4ndern wie Deutschland und Belgien und Spanien, lauter bekannten Billiglohnl\u00e4ndern, w\u00e4hrend die Autom\u00e4rkte der Zukunft in Asien sind, wo man ja bekanntlich viel teurer Autos baut als in Bochum.<\/p>\n<p>Ich mein\u2019, sooo schiach sind Opelmodelle dann tats\u00e4chlich nicht, obwohl sie nie das Image des schnarcharschigen Spie\u00dfers losgeworden sind (\u201eOpelfahrer mit Hut\u201c, beliebig erweiterbar mit Klopapierrolle\/Wackeldackel\/Kommgutheimpolster). Egal, irgendwie hat es am Ende nicht gereicht, und jetzt ist man in der Konkursmasse. Und w\u00fctende Opelarbeiter h\u00e4tten im deutschen Wahlkampf ein schlechtes Bild gemacht, also musste etwas unternommen werden.<\/p>\n<p>Ach ja, neben Belgiern und Spaniern waren auch Reste der einst stolzen britischen Automobilindustrie in Form von Vauxhall beteiligt. Aber alles in allem war der Deal dann doch eine rein deutsche Sache, das schien von Anfang an klar. Jedenfalls haben jetzt auch wir \u00d6sterreicher wieder was zum Sagen in Sachen Autos, was heimische Medien mit unverst\u00e4ndlicher Euphorie f\u00fcllte, und Tante Angela hat ein Sternderl mehr im Mitteilungsheft. So viele hat sie dort eh\u2019 nicht.<\/p>\n<p>Jetzt allerdings, wo Tante Angela anderweitig Sorgen hat mit dem neuen Onkel Guido, der nicht Englisch reden mag, kann man sich die Sache ja in Ruhe etwas n\u00e4her anschauen. Und das kann richtig gruselig werden. Da f\u00e4llt einem dann z.B. auf, dass in Wirklichkeit Tante Angela die einzige ist, die den Deal f\u00fcr formidabel h\u00e4lt, und das auch nur aus rein politischen Gr\u00fcnden. Alle \u2013 wirklich alle \u2013 anderen Beteiligten hielten und halten den Deal f\u00fcr schlecht. Und das will heissen, die Chancen stehen gut, dass Tante Angela gerade 4,5 Milliarden Steuergeld in den Sand gesetzt hat.<\/p>\n<p>Ich meine: Selbst die beiden Vertreter der deutschen Bundesregierung im Aufsichtsrat der Opel-\u00dcbergangsverwaltung haben gegen den Deal gestimmt, einer von ihnen, Manfred Wennemer, begr\u00fcndete das lapidar: \u201eIch frage mich, wie Opel \u00fcberleben will.\u201c Deutlicher kann man das nicht sagen, ohne unh\u00f6flich zu werden.<\/p>\n<p>Kern des Deals ist: die deutsche Regierung gibt 4,5 Milliarden Euro Steuergeld, und Magna verpflichtet sich daf\u00fcr, nicht einen Arbeitsplatz in Deutschland zu streichen. Die beiden anderen Bieter hatten das glattweg abgelehnt. Sergio Marchionne von Fiat sprach ganz im Gegenteil aus, was sich die ganze Branche denkt: Rund die H\u00e4lfte aller Arbeitnehmer bei Opel m\u00fcssen gehen, sonst geht sich das nicht aus. Das hat dann schon gereicht, um ihn bei Tante Angela unten durch fallen zu lassen. Und der Finanzkonzern RHJ war ja nur ein Versuch, die Opelanteile irgendwo zu parken, bis ein wieder erstarkter GM-Konzern sie zur\u00fcckkaufen kann. Auch dieser Plan wurde von Tante Angela r\u00fcde zur\u00fcckgewiesen, die versprochenen 4,5 Milliarden g\u00e4be es nur, lie\u00df sie ausrichten, gegen die Arbeitsplatzgarantie. Und keinesfalls f\u00fcr GM selber, egal unter welchen Bedingungen, hie\u00df es hinter den Kulissen.<\/p>\n<p>Nun ist er durch, der Deal, und es werden immer absurdere Details bekannt. So haben sich die Vertreter der deutschen Regierung bei Kollegen in Belgien und Spanien erkundigt, ob man dort interessiert sei daran, f\u00fcr zuk\u00fcnftige Opel-Magna-Arbeitspl\u00e4tze ein bisserl zu den 4,5 Milliarden Subvention beizutragen. Die Kollegen antworteten postwendend, gegen \u00e4hnliche Arbeitsplatzgarantien sei man dem gegen\u00fcber nicht abgeneigt. Am liebsten w\u00e4re allen, es w\u00fcrde einfach so weitergehen wie fr\u00fcher, und keiner m\u00fcsste gek\u00fcndigt werden. Nur: Wenn das vorher schon nicht ging, warum soll das nach der Pleite pl\u00f6tzlich gehen? Weil das die Deutschen so wollen? <a href=\"http:\/\/www.pwc.de\/portal\/pub\/!ut\/p\/kcxml\/04_Sj9SPykssy0xPLMnMz0vM0Y_QjzKLd4p3dg0CSYGYLm4W-pEQhgtEzCDeESESpO-t7-uRn5uqH6BfkBsaUe7oqAgAOq82vw!!?siteArea=49c234c4f2195056&amp;content=e52c1f09390718a&amp;topNavNode=49c4e4a420942bcb\">Das wird nicht reichen<\/a>.<\/p>\n<p>Insider sprechen davon, dass es seit je her zu Frank Stronnachs stillen Tr\u00e4umen geh\u00f6re, auch einmal eine echte Automarke zu besitzen. Ob das ausreicht, darf ebenfalls bezweifelt werden. Opel hat in den letzten Jahren selbst in seinen Kernm\u00e4rkten Mitteleuropa an Marktanteil verloren, an Volkswagen in Deutschland, an Ford in Gro\u00dfbritannien, es ist nicht einmal sicher, ob es Opel \u00fcberhaupt noch einmal schaffen kann, selbst wenn man dort die halbe Belegschaft k\u00fcndigt. Aber so &#8230; schon haben zwei Magna-Hauptkunden, BMW und Volkswagen, laut dar\u00fcber nachgedacht, nicht mehr beim nunmehrigen Konkurrenten arbeiten zu lassen. Und GM, in den USA blitzartig durch ein Insolvenzverfahren gezerrt und nunmehr, schuldenbefreit und neu gegr\u00fcndet, back in business, \u00fcberlegen \u00f6ffentlich, wie man den drohenden Know-how-Abfluss via Sberbank an deren Partner, den russischen Automobilkonzern GAZ, verhindern k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Aber es bleiben alle Arbeitspl\u00e4tze erhalten.<\/p>\n<p>Der britische Economist spricht von schweren Verst\u00f6ssen gegen europ\u00e4isches Recht, erw\u00e4hnt, dass Br\u00fcssel dem Deal noch lange nicht zugestimmt habe, und meint im <a href=\"http:\/\/www.economist.com\/opinion\/displaystory.cfm?story_id=14506376\">Leitartikel<\/a> dazu: Unter dem \u201eallm\u00e4chtigen Einfluss des Opel-Zentralbetriebsrat Klaus Franz\u201c habe die deutsche Regierung wohl \u201eden Blick auf die industrielle Realit\u00e4t\u201c verloren. Das ist aber h\u00fcbsch formuliert.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man das Ganze ja auch f\u00fcr eine der \u00fcblichen Steuergeld-Vernichtungsaktionen ansehen, mit denen sich Politiker allerorts ihr \u00dcberleben erkaufen, weil die Rechnung immer die n\u00e4chste oder \u2013 mit Gl\u00fcck und wenn man noch eine Wiederwahl gewinnen will \u2013 die \u00fcbern\u00e4chste Regierung zahlt.<\/p>\n<p>Schon m\u00f6glich. Ich habe da meine eigene Theorie dazu.<\/p>\n<p>Unter den gegebenen Umst\u00e4nden w\u00e4re es wirtschaftlich am kl\u00fcgsten gewesen, Opel einfach pleite gehen zu lassen, wie Mutter GM. Dann w\u00e4re man all die l\u00e4stigen Arbeitsvertr\u00e4ge elegant los geworden, und Opel, in Verbund mit einer neuen GM oder einfach an einen Dritten mit P\u00fctt und Pann verkauft, h\u00e4tte reelle \u00dcberlebenschancen.<\/p>\n<p>Das war politisch nicht drin. Also macht man was (politisch) Kluges: Man schenkt den Arbeitgebern \u2013 statt ihrer finanziellen Anspr\u00fcche \u2013 einfach einen Anteil an der Firma, und wenn die dann den Bach runtergeht, dann sind die Arbeiter selber dran schuld, weil ja als Eigent\u00fcmer mit verantwortlich.<\/p>\n<p>In den USA geh\u00f6ren die neuen GM jetzt ja auch mehrheitlich den Fonds jener Arbeiter,  deren Krankenkassen- und Pensionsforderungen die alte GM in die Knie gezwungen hatten. Also h\u00e4lt jetzt die neue, quasi mehrheitlich arbeitereigene GM 25 Prozent an \u201eOpel Neu\u201c, 20 Prozent bekommen die Opel-Arbeiter, die restlichen 55 Prozent gehen an das Magna-Sberbank-Konsortium, die d\u00fcrfen das jetzt endg\u00fcltig in den Boden fahren.<\/p>\n<p>Selbst die Sberbank bekommt schon erste kalte F\u00fc\u00dfe und \u00fcberlegt <a href=\"http:\/\/diepresse.com\/home\/wirtschaft\/international\/512456\/index.do\">\u00f6ffentlich<\/a>, ihren Anteil am Deal m\u00f6glichst schnell wieder los zu werden.<\/p>\n<p>Aber Tante Angela hat die Wahl gewonnen.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend l\u00e4sst man noch schnell ein <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/unternehmen\/0,1518,653648,00.html\">Gutachten<\/a> erstellen, das dem Konzept der Austro-Kanadier \u201eerhebliche Risiken\u201d bescheinigt und den Sanierungsplan als \u201enicht besonders robust\u201c bezeichnet, dann ist man auch aus dem Schneider, wenn es denn schief geht. Oder so \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Wenn die Russen so zu neuester deutscher Automobiltechnologie kommen, h\u00e4tte ja selbst das schon Tradition: Nach dem Krieg erzeugte GAZ den Moskwitsch viele Jahre lang nach den Pl\u00e4nen von Opel, die die Rote Armee 1945 in damaligen Nazideutschland beschlagnahmt hatte.<\/p>\n<p>Die Dummen dabei sind, in Reihenfolge, der deutsche Steuerzahler, den der Spa\u00df 4,5 Milliarden plus Zinsen (mindestens) kosten wird; die Arbeiter in den Opelwerken von Spanien, Belgien, England und Deutschland, die ihre Jobs so sicher zur G\u00e4nze verlieren werden; und wir \u00d6sterreicher, weil sich wieder einmal einer von uns weltweit blamieren wird.  Schlie\u00dflich hat Frank Stronnach bei den Verhandlungen, vor allem gegen\u00fcber den Deutschen, immer wieder seine \u00f6sterreichische Abstammung herausgeh\u00e4ngt. Na ja. There\u2019s a sucker born every minute. Die B\u00f6rse jedenfalls honorierte den Deal mit deutlichen <a href=\"http:\/\/www.sharewise.com\/aktien\/CA5592224011-magna-intl\/analyse\/2008091621485401\">Kursverlusten<\/a>.<\/p>\n<p>Wer wei\u00df: Vielleicht ist das ganze ja nur eine weltweite Verschw\u00f6rung, uns \u00d6sis wieder einmal als die Superdoofen darzustellen. Zuzutrauen w\u00e4re es ihnen ja &#8230; *duckundweg*<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle waren dagegen, selbst die eigenen Gutachter \u00e4u\u00dferten schwere Bedenken. Aber Angela Merkel zog den Verkauf von Opel beinhart durch. So wie es jetzt aussieht, kann das eigentlich nur schief gehen. Das ist so wie bei des Kaisers neue Kleider: Alle sehen es, aber keiner traut sich was sagen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[14],"class_list":["post-50","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichten-aus-dem-alltag","tag-opel-sberbank-magna-osis-merkel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=50"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=50"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=50"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=50"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}