{"id":498,"date":"2022-02-27T16:32:04","date_gmt":"2022-02-27T15:32:04","guid":{"rendered":"https:\/\/weblog.igler.at\/?p=498"},"modified":"2022-02-27T17:27:58","modified_gmt":"2022-02-27T16:27:58","slug":"putin-hat-sich-verkalkuliert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/weblog.igler.at\/?p=498","title":{"rendered":"Putin hat sich verkalkuliert."},"content":{"rendered":"\n<p><em><strong>Der Machthaber im Moskauer Kreml hat sich bei der Invasion der Ukraine offenbar gr\u00fcndlich verkalkuliert. Ob das jetzt besser oder schlechter f\u00fcr Europa ist, wird sich noch herausstellen. Ein Faktencheck.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt ist es Samstag nachmittag am 26. Februar 2022, zwei Tage nachdem der russische Pr\u00e4sident Wladimir Putin den Befehl zum Einmarsch auf ukrainisches Staatsgebiet gegeben hat (an meinem 70. Geburtstag. Kein sch\u00f6nes Geschenk.) Und so wie es aussieht, l\u00e4uft es nicht so rund in der Ukraine, zumindest nach den Vorstellungen des russischen Machthabers.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ich wei\u00df, die sozialen Medien sind jetzt voll mit Russlandspezialisten und Putinerkl\u00e4rern, nachdem die Fachleute f\u00fcr Immunologie und Seuchenbek\u00e4mpfung aus der Mode gekommen sind. Ich will es dennoch versuchen, schlie\u00dflich habe ich auf diesem Blog <a href=\"https:\/\/weblog.igler.at\/?p=317\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/weblog.igler.at\/?p=366\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a> schon vor acht Jahren \u00fcber den Ukrainekonflikt geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Putins Weltbild wurde vor 1992 gepr\u00e4gt, da war die Sowjetunion zwar schon teilweise disfunktional, aber sie bestand, und die Ukraine war ein fixer Bestandteil von ihr. Zu der Zeit war ich zweimal in Kiev, da sprach man dort mehrheitlich Russisch, und im Donbas sowieso, Ukranisch, also das alt\u00f6sterreichische Ruthenisch, sprachen allenfalls die Bauern in den Karpaten oberhalb Lembergs, draussen im Westen. Und von einem ukrainischen Nationalismus oder einem Nationalbewu\u00dftsein oder irgendetwas dieser Art war weit und breit nichts zu sehen oder h\u00f6ren. So disfunktional war die UdSSR schon geworden, dass wir uns relativ frei bewegen konnten, es w\u00e4re uns aufgefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Putin die Ukraine zur\u00fcck haben will, war eigentlich immer klar. In seinem letzten TV-Auftritt hat er das auch argumentiert. Was Stalin nach dem Weltkrieg so westlich angeflanscht hatte, die Ostkarpaten und Lemberg und so, das geh\u00f6rt sowieso nicht dazu. Also stellt er sich eine geteilte Ukraine vor, mit Lemberg im Westen, als Satellitenstaat, und der Rest geh\u00f6rt zu Russland. Darauf plant er seit Jahren hin, das kann er jetzt endlich durchf\u00fchren, darum macht er es. Jetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Beharrlich hat Russland seine Armee wieder aufger\u00fcstet und hat auch Erfolge gehabt: In Georgien, in Syrien, in Tschetschenien. Auch die Besetzung der Krim 2014 ging reibungslos und ohne einen Schuss, wahrscheinlich dachte Putin, das k\u00f6nnte vielleicht jetzt auch so gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Offenbar hat er dabei \u00fcbersehen, dass seit 1992 sehr viel Wasser auch den Dnjepr hintergeflossen ist, die Ukrainer von heute sind nicht mehr die von 1992. Damals waren es Sowjetb\u00fcrger, man war vereint in seinem Elend und in seiner Sehnsucht nach mehr Berioska und westlichem Luxus, und ob man Russe oder Ukrainer war, war v\u00f6llig schnurz. Und wer regierte, ebenfalls, am Ende war es immer die Partei.<\/p>\n\n\n\n<p>So d\u00e4mlich das aus heutiger Sicht auch klingen mag, damals war man im Osten ja \u00fcberzeugt, f\u00fcr Freiheit und Sozialismus zu sein, man war auf dem richtigen Weg, holprig zwar, aber die Ideologie vereinte die Sowjetb\u00fcrger, sie gab ihnen etwas, an das sie glauben konnten. Putin und seine Clique haben keine Ideologie, es geht ausschlie\u00dflich um Macht, Korruption und Ausbeutung. Und daf\u00fcr werden sich die Ukrainer nicht begeistern lassen, schlie\u00dflich haben sie seit Maidan 2014 tats\u00e4chlich so etwas wie eine Demokratie, mit einer lebhaften Presse und einem offenen gesellschaftlichen Diskurs. <\/p>\n\n\n\n<p>Geplant war offenbar, in einer Kommandoaktion Kiev zu besetzen, die demokratisch gew\u00e4hlte Regierung gefangen zu nehmen oder zu t\u00f6ten und eine Marionettenregierung einzusetzen, egal, irgendwer findet sich da immer. M\u00f6glicherweise haben die Russen erwartet, sie w\u00fcrden einfach die Stadt \u00fcbernehmen, so wie die Taliban Kabul, weil b\u00fcrgerliches Bewusstsein und Willen zum Widerstand kennt Putin offenbar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Plan ging bisher nicht auf, weder ist Kiev gefallen, noch ist die Regierung geflohen, im Gegenteil, Pr\u00e4sident Selenski posiert wehrhaft im TV und ruft zum Widerstand auf und wird \u00fcber Nacht zum Nationalhelden, flankiert vom Boxweltmeister und nunmehrigem Kiever B\u00fcrgermeister Witali Klitschko. Und die ukrainische Armee von 2022 ist nicht mehr die von 2014, die ein paar Aufst\u00e4ndische, mit Hilfe kleiner gr\u00fcner russischer M\u00e4nnchen, vor sich her treiben konnten. Sicher, am Ende sind die Russen noch immer haushoch \u00fcberlegen, auf dem Papier zumindest, aber in Zeiten der assymetrischen Kriegsf\u00fchrung z\u00e4hlt das alles nicht. Und auf einen langwierigen H\u00e4userkampf ist die russische Armee nicht trainiert. Dazu besteht sie zu gro\u00dfen Teilen aus konskribierten Rekruten, unterbezahlt, unmotiviert und undiszipliniert. Die ersten Pl\u00fcnderungen durch russische Soldaten soll es schon gegeben haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bedeutet: Wenn das nicht schnell vorbei ist und die Russen die Oberhand gewinnen, wird&#8217;s komplex. Dann leiden die Russen, die ja wirklich nicht die Weltmeister in Logistik und Organisation sind, nicht nur an schweren Nachschubproblemen, sondern der Kreml muss den eigenen Leuten auch die Toten erkl\u00e4ren, die dann unvermeidlich sind, wenn die Ukrainer sich weiterhin so wehren, wie sie es bisher tun. Weil innenpolitisch wird das ja als Polizeiaktion verkauft, man ,,entnazifiziert&#8220; jetzt endlich mal den Nachbarn, und das Brudervolk wird jubeln. Dass das Brudervolk zur\u00fcckschie\u00dft, stand nicht im Drehbuch. <\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten Interviews mit gefangenen russischen Soldaten zeigen ahnungslose Rekruten, die nicht wissen, auf wen sie schie\u00dfen sollen und vor allem warum. Vielleicht ist es ja auch eine Propagandafinte, damit sie der ukrainische Volkszorn nicht zerreisst; dass die Ukainer ihre Gefangenen ordentlich behandeln, kommt im russischen Erwartungskataster auch nicht vor. Oder so. R\u00fchrend auch Szenen, wo alte Frauen auf russisch die Soldaten beschimpfen. Oder die Panzerbrigade, der der Sprit ausgegangen ist, von Zivilisten auf dem Handy gefilmt ,,Wir k\u00f6nnen euch nach Russland zur\u00fcckschleppen, wenn ihr wollt&#8220;, wer wei\u00df, was davon Agitprop ist und was echt.<\/p>\n\n\n\n<p>Echt ist aber offenbar, dass der rasche ,,Enthauptungsschlag&#8220; aka die Einnahme der Hauptstadt Kiew nicht so funktioniert hat wie geplant respektive bis jetzt \u00fcberhaupt nicht funktioniert hat. Die Soldaten der ukrainischen Armee sind hoch motiviert und k\u00e4mpfen um ihre Heimat, das zeigt Wirkung. Jetzt, am Sonntag vormittag, melden die Agenturen: Kiew noch immer nicht gefallen, Charkiv im Norden wieder freigek\u00e4mpft.<\/p>\n\n\n\n<p>Das muss sich eins auf der Zunge zergehen lassen: Die Russen hatten die Stadt schon eingenommen. Und die Ukrainer haben sie wieder hinausgeworfen. Chapeau.<\/p>\n\n\n\n<p>Putin ist auch bekanntermassen nicht so ein IT-Freak aka er ist der Sache gegen\u00fcber ziemlich mi\u00dftrauisch. Offenbar zu Recht, weil er hat offensichtlich das Internet nicht verstanden. Seine Kontrolle \u00fcber die Medien umfasst nur so Dinge wie Fernsehen oder Printprodukt. Ja, die russische bot-Armee m\u00fcllt uns imWesten die Foren zu, aber daheim kann die russische Zensur nicht verhindern, dass junge Russinnen und Russen ausl\u00e4ndische Nachrichtenkan\u00e4le via Netz konsumieren. Konsequenterweise haben die Ukrainer eine Seite aufgemacht, auf der sie Namen und Bilder gefangener sowie gefallener russischer Soldaten ver\u00f6ffentlichen. Als Service an die Verwandten, sozusagen. Netter Nebeneffekt: Es demoralisiert die Truppe. <\/p>\n\n\n\n<p>Scherz beseite: Klar ist das ein Propagandacoup. Aber es passt auch sch\u00f6n, sagen zu k\u00f6nnen, seht her, hier sterben eure S\u00f6hne, und ER sagt es euch nicht. Mal schauen, was das in den kommenden Tagen bringt. Angeblich hat die russische Armee fahrbare Krematorien mit dabei, damit nicht so viele Body Bags in die Heimat zur\u00fcckgebracht werden m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die russischen Zensurbeh\u00f6rden haben am Samstag russischen Medien die Benutzung der Worte \u041d\u0430\u043f\u0430\u0434\u0435\u043d\u0438\u0435 (Offensive), \u0412\u0442\u043e\u0440\u0436\u0435\u043d\u0438\u0435 (Invasion) und \u0412\u043e\u0439\u043d\u0430 (Krieg) explizit verboten. Dennoch setzt sich auch bei den M\u00fctterchen in Russland langsam die Ansicht durch, dass dies keine kurzfristige Befreiungsaktion ist, sondern ein richtiger Krieg, mit toten S\u00f6hnen und Br\u00fcdern und Bildern von bombardierten Kinderg\u00e4rten und so. <\/p>\n\n\n\n<p>Hut ab \u00fcbrigens vor dem Mut, offen innerhalb Russlands gegen den Krieg aufzutreten. Meine uneingeschr\u00e4nkte Hochachtung.<\/p>\n\n\n\n<p>Mal schaun, wie das weitergeht. Wenn Putins befreundete Oligarchen nicht mehr zu ihren Superyachten fliegen k\u00f6nnen und ihre Frauen keine Gucci-Klunker mehr bekommen. Und, wie gesagt, wenn der russischen \u00d6ffentlichkeit bewu\u00dft wird, dass das keine Polizeiaktion ist, sondern ein blutiger Invasionskrieg. Der, im \u00fcbrigen, nicht so einfach zu gewinnen sein wird, wenn \u00fcberhaupt. Warten wir doch, bis am Montag die Moskauer B\u00f6rse ins Bodenlose f\u00e4llt. Und dass Putin draufkommt, dass seine 850 Mrd. Dollar Devisenreserven praktisch wertlos sind, weil wenn er nicht mehr in SWIFT drin ist, wo \u2013 und vor allem technisch wie \u2013 will er sie denn ausgeben? Er kann Gold verkaufen (lassen), geht aber auch nicht so auf jetzt und hier. Alles sehr spannend.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst das von mir so geliebte ,,Law Of Unintended Consequences&#8220;, das Gesetz \u00fcber nicht beabsichtige Folgen der jeweiligen Aktionen, schl\u00e4gt hemmungslos zu: Genau das, was Putin nicht will, zementiert er mit seinem Krieg dauerhaft ein: Ein ukrainisches Nationalbewusstsein, das alle, auch die Russischst\u00e4mmigen, pl\u00f6tzlich zu einer neuen Nation zusammenschweisst. Ups, war nicht beabsichtigt \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Was V\u00e4terchen Wladimir allerdings macht, wenn er seinen Arsch wirklich eingezwickt bekommt, und ob er dann nachgibt oder ins atomare K\u00f6rbchen greifen wird \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Wir leben in aufregenden Zeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Slawa Ukraini.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Machthaber im Moskauer Kreml hat sich bei der Invasion der Ukraine offenbar gr\u00fcndlich verkalkuliert. Ob das jetzt besser oder schlechter f\u00fcr Europa ist, wird sich noch herausstellen. Ein Faktencheck. Jetzt ist es Samstag nachmittag am 26. 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