{"id":444,"date":"2019-04-29T11:27:00","date_gmt":"2019-04-29T09:27:00","guid":{"rendered":"http:\/\/weblog.igler.at\/?p=444"},"modified":"2019-05-10T01:00:30","modified_gmt":"2019-05-09T23:00:30","slug":"you-will-not-replace-us","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/weblog.igler.at\/?p=444","title":{"rendered":"You Will Not Replace Us!"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Weil er gerade wieder durch die Medien turnt, dieser Begriff des \u201eBev\u00f6lkerungsaustausches\u201c: Woher stammt eigentlich diese Idee?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nein, nicht aus dem W\u00f6rterbuch von Streicher, St\u00fcrmer und Co: Die Nazis\nkannten den Begriff nicht, und obwohl er eindeutig aus dem Wortschatz der\nrechten politischen Szene stammt, ist er ebenso eindeutig j\u00fcngeren Datums. Dies\nist, aus aktuellem Anlass, eine Spurensuche nach seiner Herkunft und seiner\nBedeutung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu fahren wir nach Frankreich, in die Gascogne, also das s\u00fcdwestliche\nFrankreich. Im Dreieck zwischen Montauban, Auch und Agen (f\u00fcr geographisch\nnicht so sattelfeste: Rund 30 km westlich von Toulouse) liegt&nbsp; die Ortschaft Plieux. Hier im <em>midi moins le quart<\/em>, von der Sonne\ngebleicht und vom Wind ausged\u00f6rrt, liegt hoch \u00fcber den roten Ziegeld\u00e4chern des\nDorfes das befestigte <em>Ch\u00e2teau de Plieux<\/em>.\nIn der Nachbartschaft hei\u00dfen die Ortschaften Condom, Cadillac, Montr\u00e9al und\nRoquefort, hier schlug Karl Martell 732 die Mauren vernichtend, hier war im\nFr\u00fchmittelalter eines der Zentren der okzitanischen Hochkultur, bis Ludwig IX,\nK\u00f6nig von Frankreich, die Einheit Frankreichs erzwang und dabei S\u00fcd- und\nS\u00fcdwestfrankreich blutigst unterwarf. Nicht umsonst nennt ihn die franz\u00f6sische\nGeschichtsschreibung den Heiligen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem steinernen Burgfried knattert eine Tricolore im Wind, der von den\nPyren\u00e4en herunter weht. Der Turm aus dem 14. Jahrhundert bietet einen perfekten\nOrt, um die herannahenden Horden der Feinde schon von weit zu ersp\u00e4hen.\nDrinnen, im zweiten Stock in einer Kombination aus Arbeitszimmer und\nRittersaal, sitzt der einundsiebzigj\u00e4hrige Besitzer des Schlosses, Renaud (spricht\nsich genau so aus wie die Automarke) Camus an einem mit B\u00fcchern \u00fcbers\u00e4ten\nSchreibtisch an einem iMac und twittert d\u00fcstere Warnungen \u00fcber Europas\ndrohenden demographischen Untergang.<\/p>\n\n\n\n<p>Camus (keine Verwandtschaft) ist der Vordenker der Neuen Rechten in\nFrankreich und gilt als Ideologe der Identit\u00e4ren, die in Frankreich ihren\nUrsprung haben. Er ist Autor von mehr als einhundert B\u00fcchern, die au\u00dferhalb\nFrankreichs kaum jemand kennt. Bis auf eines: Sein \u201eLe Grand Remplacement\u201c aus\n2012 liegt auch auf Deutsch vor als \u201eRevolte gegen den Gro\u00dfen Austausch\u201c,\nerschienen im Verlag Antaios, das ist derselbe Verlag, der auch Martin Sellners\n\u201eIdentit\u00e4r! Geschichte eines Aufbruchs\u201c verlegt. Amazon bietet beide als \u201ewird\ngerne gemeinsam gekauft\u201c an (und liefert \u00fcbrigens beides nicht nach \u00d6sterreich,\ndennoch konnte man den Einband bereits auf den Schreibtischen von Strache und\nCo entdecken).<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt noch ein Buch von Camus, das \u00fcbersetzt wurde: \u201eTricks\u201c (erschienen auf Deutsch und Englisch), mit einem Vorwort von Roland Barthes, nennt sich im Untertitel \u201eEine sexuelle Odyssee \u2013 von Mann zu Mann\u201c und beschreibt entsprechende polyglotte Erfahrungen von Mailand bis zur Bronx. Allen Ginsberg nannte Camus \u201edas perfekte Beispiel des urbanen Homosexuellen, zu Hause in mindestens einem halben Dutzend L\u00e4ndern.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>In Frankreich haben Intellektuelle einen anderen Stellenwert als etwa in\nDeutschland oder bei uns. Camus ist zwar Vordenker der Rechten, bedient sich\naber nicht deren Vokabular. Er unterst\u00fctzt zwar die franz\u00f6sische Rechte mit\nMarine Le Pen, sagt aber von sich selber explizit, er sei \u201ekein\nRechtsextremer\u201c. Er sei einfach einer von vielen Franzosen, die wollten, dass\n\u201eFrankreich franz\u00f6sisch bleibt\u201c. Sein \u201eMoment der Roten Pille\u201c (ein Ausdruck\naus dem Film \u201eThe Matrix\u201c, den die weltweite Alt-Right-Bewegung verwendet, um\nden Zeitpunkt der jeweiligen \u201epolitischen Erleuchtung\u201c zu beschreiben) sei\ngewesen, als er, Camus, in den neunziger Jahren den Auftrag bekam,\n(touristische) B\u00fccher \u00fcber einzelne franz\u00f6sische Regionen zu schreiben. Als\nKind, sagt er, sei er \u201exenophil\u201c gewesen, er habe es geliebt, wenn Fremde in\nseine Heimat in der Auvergne gekommen w\u00e4ren. Unausgesprochen klingt mit, als\nTouristen und nicht, um zu bleiben. Als er, im Zuge von Recherchen f\u00fcr die\nBuchreihe, im &nbsp;<em>D\u00e9partement de l\u2019H\u00e9rault<\/em> durch mittelalterliche D\u00f6rfer fuhr , fand\ner dort \u201ean Brunnen, die teilweise sechs- bis siebenhundert Jahre alt sind, nur\nnordafrikanische, verschleierte Frauen\u201c. Dass Frankreich einen gro\u00dfen Anteil an\nEinwanderern aus seinen ehemaligen Gebieten in Afrika hat, ist nicht neu, aber\nbislang, so Camus, h\u00e4tten sie sich auf \u201eBanlieues\u201c, die Vororte der gro\u00dfe St\u00e4de\nwie Paris und Lyon, beschr\u00e4nkt, in \u201eCit\u00e9s\u201c, wie die subventionierten\nGemeindebauten in Frankreich genannt werden. Aber nunmehr empfand er den Wandel\nals ubiquit\u00e4r und die daraus resultierende demographische Katastrophe als\nimmanent, die das ganze Land bis in seine Wurzeln (<em>la France profonde<\/em>, das \u201etiefe\u201c Frankreich) ver\u00e4ndern werde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist ganz einfach. Sie haben ein Volk, und im Zeitabstand einer\nGeneration haben sie ein anderes Volk.\u201c Dabei sei es nicht wichtig, um welches\nVolk es sich handle, der Ansatz sei universell. \u201eEinzelne\u201c so schreibt er im\nBuch, \u201ek\u00f6nnen sich anpassen, integrieren, assimilieren. Aber V\u00f6lker,\nZivilisationen, Religionen \u2013 vor allem wenn diese Religionen Z\u00fcge einer eigenen\nZivilisation, ja einer eigenen Gesellschaft haben \u2013 k\u00f6nnen und wollen auch\nnicht \u2026 sich in andere V\u00f6lker integrieren, sich an andere Zivilisationen\nanpassen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Keine genetische Definition von Rassen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Camus sagt dabei von sich selber, er habe \u201ekeine genetische Definition von Rassen\u201c als Grundlage seiner \u00dcberlegungen und verwende auch niemals den Begriff \u201e\u00fcberlegen\u201c, er w\u00e4re genau so traurig, wenn \u201edie Japanische oder die Afrikanische Kultur\u201c durch Einwanderung verschw\u00e4nden. \u201eMenschen sind nicht einfach Dinge. Sie kommen mit ihrer Geschichte, ihrer Kultur, ihrer Sprache, mit ihren Vorlieben und pers\u00f6nlichen Eigenschaften.\u201c F\u00fcr Camus ist Einwanderung ein Aspekt einer Globalisierung, die alles verflacht und vereinheitlicht, von der K\u00fcche bis zu Landschaften und Baustilen. \u201eDie Essenz des Modernen ist ja, dass alles \u2013 wirklich alles \u2013 durch etwas anderes ersetzt werden kann, und das ist absolut grauenvoll.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser Ansicht ist Camus nicht alleine. Schon Charles de Gaulle, in\nFrankreich auch heute noch als de facto unantastbarer S\u00e4ulenheiliger verehrt,\nschrieb 1959 an seinen Vertrauten Alain Peyrefitte, in einer Argumentation zum\nR\u00fcckzug Frankreichs aus Franz\u00f6sisch Algerien: \u201eEs ist gut, dass es gelbe\nFranzosen gibt, schwarze und dunkelbraune. Sie zeigen, dass Frankreich offen\nf\u00fcr alle Rassen ist und ein globales Sendungsbewusstsein hat. Bedingung dabei\nist aber, dass sie jeweils eine kleine Minderheit bleiben, sonst w\u00e4re\nFrankreich nicht mehr Frankreich. Wir sind schlie\u00dflich prim\u00e4r ein europ\u00e4isches\nVolk der wei\u00dfen Rasse, mit einer griechisch-r\u00f6mischen Kultur und christlichen\nGlaubens.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>De Gaulle f\u00fchrt weiter aus, dass \u201eMuslime mit ihren Turbanen und\nDschellabas nicht franz\u00f6sisch\u201c seien und fragt: \u201eGlaubst Du, dass die\nFranz\u00f6sische Nation zehn Millionen Muslime absorbieren kann, die morgen zwanzig\nund \u00fcbermorgen vierzig Millionen sein werden?\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Diese \u00c4ngste kennt Europa, seitdem es in Nationen denkt und seit die ersten\nmuslimischen Einwanderer aus den franz\u00f6sischen Kolonien nach Europa kamen, also\nin etwa seit dem 19. Jahrhundert. Winston Churchill zum Beispiel (ja, genau der\nChurchill) warnt schon 1898 (ja, so lange war er schon politisch aktiv) vor\n\u201emilitantem Mohamedanismus\u201c. Und der britische Politiker Enoch Powell beschw\u00f6rt\nin seiner ber\u00fchmten \u201eStr\u00f6me von Blut\u201c-Rede von 1968, dass Einwanderung \u201eeine\ntotale Ver\u00e4nderung der Gesellschaft\u201c bewirkt h\u00e4tte, die \u201ekeine Parallele in\ntausend Jahren Englischer Geschichte\u201c h\u00e4tte. (Detail am Rande: Ja, er sagte\ntats\u00e4chlich \u201eenglisch\u201c und nicht \u201ebritisch\u201c. Schotten und Iren d\u00fcrfen sich dazu\ndas ihre denken. Die Waliser und vor allem die Cornischen sind ja schon im\nenglischen Volk aufgegangen. Aber auch das nur so, als aper\u00e7u am Rand.)<\/p>\n\n\n\n<p>Das perfide an Camus ist ja, dass er \u2013 im Gegensatz zu seinen Apologeten \u2013\ndurchaus gesittet auftritt. Wenn er den drohenden Untergang der franz\u00f6sischen\nKultur beklagt, klingt das in etwa so, wie wenn ein Franzose dar\u00fcber klagt,\ndass McDonald\u2019s &amp; Co die franz\u00f6sische K\u00fcche zerst\u00f6rten. Er tritt als\nfeinsinniger, gebildeter Intellektuelle auf, der nichts gemein hat mit dem\np\u00f6belndem braunen Mob, der im Namen eben dieser seiner Ideen durch die Strassen\nvon Wien, Stockholm und Rom zieht. Alain Finkielkraut, der j\u00fcdische Philosoph\nund rechte Denker unter den franz\u00f6sischen Intellektuellen, nennt Camus einen\n\u201eGro\u00dfen Vordenker\u201c, dessen Ideen \u201e\u00fcberall und jederzeit\u201c zu h\u00f6ren seien. <\/p>\n\n\n\n<p>Mark Lilla, der kolumbianische Historiker und Experte f\u00fcr europ\u00e4ische Reaktion\u00e4re, nennt Camus \u201edas Bindeglied zwischen der respektablen Rechten und dem europ\u00e4ischen Rechtsextremismus\u201c. Er k\u00f6nne seine Rolle als \u201erespektabler\u201c Reaktion\u00e4r deshalb spielen, weil seine Ablehnung des Multikulturellen plausibel \u00e4sthetisch, gesittet und honorig auftr\u00e4te, fernab jenes rechten P\u00f6bels, der stiernackig, kopft\u00e4towiert und p\u00f6belnd die xenophoben Ideen aus <em>Le Grand Remplacement<\/em> in die Wirklichkeit umsetzen wolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Wobei Camus auch selber Polemik nicht fremd ist. In einer Radiosendung in Frankreich wurde er von Herv\u00e9 le Bras, dem pensionierten Direktor des \u201eInstitut National d\u2019Etudes D\u00e9mographiques\u201c (in etwa das Pendant zu unserem Statistischen Zentralamt) scharf angegriffen, seine, Camus\u2019 Annahmen zum Austausch basierten auf \u201efalschen und weitl\u00e4ufigen Verf\u00e4lschungen\u201c von Statistiken \u00fcber den Zuzug von Ausl\u00e4ndern nach Frankreich. Camus fuhr nach Hause und twitterte: \u201eSeit wann in der Geschichte ben\u00f6tigt ein Volk ,Wissenschaft\u2018 um zu entscheiden, ob es von fremden M\u00e4chten besetzt\u201c (invad\u00e9 et occup\u00e9) sei? <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Xenophober Nationalismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist in Europa, nach dem Zuzug von mehreren Millionen Fl\u00fcchtlingen in den letzten Jahren, die Ablehnung von Migration eher ein Sammelbecken verschiedenster rechter Grundhaltungen als eine einheitliche Bewegung. Und dieser xenophobe Nationalismus ist auch nicht auf die rechte H\u00e4lfte des politischen Spektrums beschr\u00e4nkt \u2013 man spricht ja seit neuerem auch von \u201elinken Identit\u00e4ren\u201c. Einig ist man sich nicht einmal dar\u00fcber, ob die j\u00fcdisch-christliche Tradition das Verbindende sein soll, tr\u00e4umen manche denn auch von einer Wiederkehr \u00e4lterer, heidnischer religi\u00f6ser Werte und Vorstellungen. Nicht einmal auf einen einheitlichen Namen kann man sich einigen. Zwar wird das Misstrauen gegen\u00fcber Multikulti und ein Interesse in europ\u00e4ischer \u201eReinheit\u201c \u2013 was immer das auch sein mag \u2013 gerne als \u201eidentit\u00e4re Bewegung\u201c bezeichnet, aber schon Camus selber lehnt diese Bezeichnung ab. \u201eGlauben Sie, dass sich Ludwig der Vierzehnte, oder La Fontaine oder Racine oder Ch\u00e2teaubriand, als Identit\u00e4re s\u00e4hen? Nein, sie sind einfach Franzosen. So wie ich auch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Identit\u00e4re sind sohin nicht einfach Neonazi mit einem anderen Namen. Als kurz nach der Inauguration von Donald *spuck* Trump Richard Spencer, einer der Anf\u00fchrer der Alt-Right-Bewegung in den USA, an einer Stra\u00dfenecke von Washington DC von einem TV-Sender interviewt wurde, schlug ihm ein Protestierer vor laufender Kamera ins Gesicht. Das Video ging viral, aber kaum jemand horchte auf das, was Spencer gerade sagte: \u201eIch bin kein Neonazi\u201c, sagte er dort, \u201eeigentlich m\u00f6gen mich die \u00fcberhaupt nicht.\u201c Au\u00dferdem sei er kein Rassist, er sei eben ein Identit\u00e4rer. Die Bezeichnung vermeidet eine rassenbezogene Bezeichnung der Wei\u00dfen als superior, wie das die Nazis mit der Bezeichnung Herrenrasse taten, und nimmt stattdessen von der Linken die Argumente f\u00fcr Diversit\u00e4t und die Ablehnung forcierter Assimilation, um genau das zu fordern, aber eben f\u00fcr die Wei\u00dfe Rasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist das Ganze eine eindeutig franz\u00f6sische Erfindung, und zwar \u2013 als kleine Ironie der Geschichte \u2013 aus dem Jahre 1968. Damals traf sich in Nizza eine Reihe von Rechtsextremen und gr\u00fcndeten die \u201eGruppe zur Erforschung Europ\u00e4ischer Zivilisation\u201c, besser bekannt unter ihrem franz\u00f6sischen Akronym \u201eGRECE\u201c. Dieser <em>Think-tank<\/em> trat bald unter der Bezeichnung \u201eNouvelle Droite\u201c, (Neue Rechte) auf, ihr wichtigster Kopf war Alain de Benoist. In seinem 1977 erschienenen Buch \u201eVue de Droite\u201c (Die Sicht von rechts) erkl\u00e4rte er, die Nouvelle Droite s\u00e4he die \u201elangsame Vereinheitlichung der Welt, verk\u00fcndet und durchgef\u00fchrt durch den zweitausend Jahre alten Diskurs der egalit\u00e4ren Ideologie, als das \u00dcbel der Welt\u201c an.<\/p>\n\n\n\n<p>Identit\u00e4re verwenden Worte wie \u201eDiversit\u00e4t\u201c und \u201eEthnopluralismus\u201c, das\nklingt auf den ersten Blick durchaus Mainstream. In seinem \u201eManifest f\u00fcr eine\nEurop\u00e4ische Renaissance\u201c (1999) argumentiert Benoist denn auch: \u201eDer wahre\nReichtum der Welt ist zuvorderst die Diversit\u00e4t ihrer V\u00f6lker und Kulturen. Die Hinwendung\ndes Westens zum Universalismus ist einer der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr sein Bestreben,\nden Rest der Welt ebenso zu ver\u00e4ndern: In der Geschichte zu seiner Religion\n(Kreuzz\u00fcge), sp\u00e4ter dann zu seinen politischen Theorien (Kolonialismus) und\nheute zu seinem \u00f6konomischen und sozialen Modell (Fortschritt) und zu seinen\nmoralischen Prinzipien (Menschenrechte). Eine Armee von Soldaten, Missionaren\nund H\u00e4ndlern hat diese Verwestlichung der Welt angef\u00fchrt, getragen durch die\nAbsicht, alle anderen Modelle und Lebensformen zu vernichten.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Den Neuen Rechten sind globaler Kommunismus und globaler Kapitalismus\ngleicherma\u00dfen suspekt, und jeder Weltb\u00fcrger ist ein Agent des Imperialismus.\nWenn Benoist schreibt, die Menschheit sei \u201eunumkehrbar pluralistisch\u201c, postuliert\ner damit keinen Schmelztiegel der Kulturen, sondern vielmehr Diversit\u00e4t in\nIsolation: Alle Franzosen in einem Gebiet, alle Algerier in einem anderen. Im\n\u201eNew Yorker\u201c schreibt dazu der Autor und Journalist Thomas Chatterton Williams,\ndas sei eine nostalgische und \u00e4sthetisierende Sicht auf die Welt, die wenig\nR\u00fccksicht n\u00e4hme auf die komplexen politischen und wirtschaftlichen Str\u00f6mungen,\ndie zur moderne Migration f\u00fchren. \u201eIdentit\u00e4re sind Menschen, die sich \u00fcber\nVer\u00e4nderungen beklagen, w\u00e4hrend sie selber das Gl\u00fcck haben, durch den Zufall\nihrer Geburt, B\u00fcrger einer reichen liberalen Demokratie zu sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das f\u00fchrt zu interessanten Kombinationen. \u201eDas Lebensziel aller Menschen in der Dritten Welt kann nicht sein, sich im Westen zu etablieren\u201c ist so eine Aussage. In einem Interview mit der Tageszeitung \u201eLe Monde\u201c in den Neunzigern postulierte Benoist, der beste Weg zur Solidarit\u00e4t mit Immigranten sei es, den Handel mit der Dritten Welt so zu steigern, dass diese L\u00e4nder imstande w\u00fcrden, die Bed\u00fcrfnisse ihrer B\u00fcrger selbst\u00e4ndig zu befriedigen, so dass diese nicht mehr danach trachten m\u00fcssten, durch Auswanderung zu einem besseren Leben zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist hierzulande heute direkt Mainstream, nicht wahr? Das kennen wir doch von wo? Hach, wie klein ist doch die Welt. Benoist erkl\u00e4rte vor Journalisten anl\u00e4sslich der vergangenen Pr\u00e4sidentenwahl in Frankreich, er habe nicht Le Pen gew\u00e4hlt, sondern den Linksextremen Jean-Luc M\u00e9lenchon, mit diesem teile er schlie\u00dflich die Ablehnung des globalen Kapitalismus. So schlie\u00dft sich der Kreis. Benoist klingt manchmal wie der italienische Marxist Antonio Gramsci, der von der \u201eHegemonie der Macht \u00fcber die Bev\u00f6lkerung\u201c schreibt, die diese durch die \u201eKontrolle der Kultur\u201c aus\u00fcbe. Und so wie M\u00e9lenchon mag auch Benoist keine Disneyfilme, keine Hamburger von MacDonald\u2019s, und beklagt die Vorherrschaft der anglophonen Popkultur.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bibel der europ\u00e4ischen Rechten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das \u201eManifest f\u00fcr eine Europ\u00e4ische Renaissance\u201c gilt heute als Bibel aller Rechten und Rechtsextremen in Europa, in den USA und selbst in Russland. Dort schreibt und wirkt der \u2013 f\u00fcr uns etwas seltsam erscheinende \u2013 Philosoph Aleksandr Dugin, der seine Theorie \u201eEurasianismus\u201c nennt, eine Art F\u00f6deration von wei\u00dfen Ethnostaaten unter der F\u00fchrung eines starken Russland. Der russische Proto-Faschismus ist dabei auch nicht neu, der Bogen spannt sich von wei\u00dfrussischen Emigranten in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhundert \u00fcber Aleksandr Solschenizin und andere Philosophen des Gulag bis hin zu Wladimir Putin, f\u00fcr den Dugin heute einer der f\u00fchrenden Berater ist. Dugin und der Eurasianismus (manchmal auch Eurosibirismus genannt) sind ein eigenes Kapitel, das wir ein andermal detailliert beleuchten wollen, es gibt da ein kluges Buch dar\u00fcber von Charles Clover, einem ehemaligen Korrespondenten der Financial Times, nach dessen Lekt\u00fcre vieles von Putins erratischen politischen Aktionen, von der Krim bis zu Georgien und der Ostukraine, verst\u00e4ndlicher werden. Es erkl\u00e4rt die neue russische Paranoia vor dem Westen ebenso wie die neue Liebe der europ\u00e4ischen Rechte f\u00fcr Wladimir Putin. <\/p>\n\n\n\n<p>Egal: Selbst Dugin flog 2012 nach Paris, um Benoist zu treffen, und erkl\u00e4rte dort vor Journalisten, Benoist sei f\u00fcr ihn der \u201eaktuell f\u00fchrende Intellektuelle in Europa&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Interview mit dem \u2013 heftig der wei\u00dfen Vormachtstellung\nverschrieben \u2013 US-Magazin \u201eAmerican Renaissance\u201c sagte Benoist, \u201eich bin mir der\nStellung der wei\u00dfen Rasse ebenso bewusst wie Sie, ich messe ihr nur weniger\nBedeutung bei.\u201c Und f\u00fcgte hinzu, \u201eIch k\u00e4mpfe nicht f\u00fcr die wei\u00dfe Rasse. Ich\nk\u00e4mpfe auch nicht f\u00fcr Frankreich. Ich k\u00e4mpfe f\u00fcr eine Sicht der Welt \u2026\nImmigration ist ein klar definiertes Problem, es f\u00fchrt zu einer Reihe von\nsozialen Pathologien. Aber unsere Identit\u00e4t, die Identit\u00e4t aller Immigranten,\nalle Identit\u00e4ten auf dieser Welt haben einen gemeinsamen Feind, und dieser\ngemeinsame Feind ist das System, das weltweit Identit\u00e4ten und Unterschiede\nzerst\u00f6rt. Dieses System ist der Feind, nicht der Andere.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Benoist ist heute \u2013 neben Camus \u2013 f\u00fchrender Ideenlieferant der Rechten. Und selbstverst\u00e4ndlich gibt es dort nicht \u201enur\u201c die Neonazi, genau so wenig wie es links nur \u201edie Linken\u201c gibt. Links gibt es Stalinisten und Maoisten und Trotzkisten, die einander mindestens ebenso spinnefeind sind wie der liberalen Weltordnung (Fragen Sie doch Peter Pilz, er war schlie\u00dflich mal Trotzkist, in grauer Vorzeit. Ich \u00fcbrigens auch.) Und so gibt es auch rechts die verschiedensten Ans\u00e4tze, und Benoists fast romantische Ans\u00e4tze eignen sich vortrefflich zur Argumentation verschiedenster, teilweise einander heftig widersprechender Theorien. Der franz\u00f6sische Journalist und Filmregisseur Rapha\u00ebl Glucksmann (nicht verwandt mit Andr\u00e9 Glucksmann) ist einer der heftigsten Kritiker der franz\u00f6sischen Nouvelle Droite. F\u00fcr ihn hat Benoist \u201egerade weil man ihn sich so verschieden zu eigen machen kann\u201c eine un\u00fcbertroffene Autorit\u00e4tsstellung unter den Rechten in Europa.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hoffnung auf Wladimir<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Erw\u00e4hnt werden soll noch ein weiterer Gr\u00fcnder von GRECE, dem rechten Think-tank, n\u00e4mlich Guillaume Faye, ein Journalist mit einem Doktorat der franz\u00f6sischen Eliteuni <em>Science Po<\/em> (Fakult\u00e4t f\u00fcr Politikwissenschaften). In seinem 1998 erschienen Essay \u201eArcheofuturismus\u201c schreibt er, \u201eheute ein Nationalist zu sein bedeutet, dem Konzept seine urspr\u00fcngliche etymologische Bedeutung zu geben, n\u00e4mlich die Mitglieder eines Volkes zu verteidigen.\u201c Die Schrift argumentiert, die \u201eV\u00f6lker Europas\u201c seien bedroht und m\u00fcssten sich \u201ezu ihrer politischen Selbstverteidigung\u201c organisieren. Faye meint zu seinen Landsleuten (also zu denen, die dort geboren wurden und wei\u00df sind), ihr Mutterland sei \u201eein organischer und vitaler Bestandteil jener Gemeinschaft an V\u00f6lkern, deren nat\u00fcrliches und historisches Territorium \u2013 ich w\u00fcrde sogar sagen, ihre Festung \u2013 sich von Brest bis zur Beringstrasse erstreckt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das sagt schon Einiges, aber in dem 2016 erschienen \u201eDie Kolonisierung\nEuropas\u201c setzt Faye gro\u00dfe Hoffnung, auch milit\u00e4risch, auf Waldimir Putin, den\ner sichtlich als stolzes Symbol wei\u00dfer heterosexueller Maskulinit\u00e4t ansieht und\npostuliert, im Hinblick auf Muslime in Europa: \u201eEs wird keine L\u00f6sung geben ohne\neinen B\u00fcrgerkrieg.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Man muss nur ein bisserl kratzen, dann splittert er schon, der Anstrich von\nRespektabilit\u00e4t der Rechten. Aber Faye gilt schon als Extremist, es hat schon\nseine Gr\u00fcnde, dass nicht seine B\u00fccher auf den Schreibtischen von FP\u00d6-Politikern\nliegen, sondern die von Camus. Macht sich ja auch gleich viel honoriger.<\/p>\n\n\n\n<p>All dies ist sicherlich noch keine ersch\u00f6pfende Erkl\u00e4rung des Ph\u00e4nomens der\nNeuen Rechten, die in den letzten Jahren von Frankreich aus in Schweden, in\n\u00d6sterreich und auch in den USA breiten Zulauf fanden. Das war auch gar nicht\nmeine Absicht. Ich wollte nur ein wenig Information beisteuern.<\/p>\n\n\n\n<p>Als am 11. August des Vorjahres die \u201eUnite The Right\u201c-Prozession \u00fcber den\nCampus der University of Virginia marschierte, mischten sich Anh\u00e4nger der Wei\u00dfen\nVormachtstheorie (aka klassische Neonazi) gemeinsam mit Vertretern der neuen\nRechten und Anh\u00e4ngern der alten konf\u00f6derierten Ikonographie. Und sangen\ngemeinsam den Slogan, der das Credo von <em>Le\nGrand Replacement<\/em> von Camus bildet: \u201eYou will not replace us\u201c abwechselnd\nmit \u201eJews will not replace us\u201c. Wenige dieser jungen Leute, wenn \u00fcberhaupt,\nhatten je etwas von Guillaume Faye, Renaud Camus oder Alain de Benoist geh\u00f6rt,\nund auch nicht, dass diese Rhetorik aus Frankreich importiert worden war.\nAlles, was sie tun mussten, war die Fackeln anzuz\u00fcnden und sich zum Marsch zu\nformieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weil er gerade wieder durch die Medien turnt, dieser Begriff des \u201eBev\u00f6lkerungsaustausches\u201c: Woher stammt eigentlich diese Idee? Nein, nicht aus dem W\u00f6rterbuch von Streicher, St\u00fcrmer und Co: Die Nazis kannten den Begriff nicht, und obwohl er eindeutig aus dem Wortschatz der rechten politischen Szene stammt, ist er ebenso eindeutig j\u00fcngeren Datums. Dies ist, aus aktuellem &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/weblog.igler.at\/?p=444\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eYou Will Not Replace Us!\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[17],"class_list":["post-444","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized","tag-politik-rechte-nouvelle-droite-camus-benoist"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/444","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=444"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/444\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":459,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/444\/revisions\/459"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=444"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=444"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=444"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}