{"id":419,"date":"2018-01-23T20:32:14","date_gmt":"2018-01-23T19:32:14","guid":{"rendered":"http:\/\/weblog.igler.at\/?p=419"},"modified":"2018-01-23T20:32:14","modified_gmt":"2018-01-23T19:32:14","slug":"leipzig-und-so","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/weblog.igler.at\/?p=419","title":{"rendered":"Leipzig und so."},"content":{"rendered":"<p>Und es begab sich, dass es wieder einmal Weihnachten wurde, also fuhr der Igler nach Leipzig, zum 34C3.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df gar nicht, wo ich anfangen soll, von wegen all der widerspr\u00fcchlichen Ideen und Gedanken, die mir seit Leipzig durch den Kopf gehen.<\/p>\n<p>Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Der Umzug von Hamburg nach Leipzig scheint erst mal tadellos funktioniert zu haben. Die Leipziger waren extrem freundlich, das Orgateam hat sich extrem bem\u00fcht, eigentlich war alles erste Sahne, und vor allem bunt. Das kann man auch anderweitig nachlesen, also kann ich er mir hier schenken. Ja, es war vieles anders, vieles vertraut, es war weitl\u00e4ufig, wir haben uns alle einen Wolf gelaufen, aber so grosso modo war es ein erfolgreicher Congress.<\/p>\n<p>Die Lichtinstallationen waren ja auch wirklich super. Super bunt, super gemacht. Das hat eine ganz eigene \u00c4sthetik. Sozusagen eine Hacker\u00e4sthetik. Irgend so ein Pressefuzzi schrieb denn auch, die Veranstaltung sei gegen\u00fcber der Buchmesse in der Optik wesentlich bunter gewesen, nur die handelnden Personen \u2013 also wir alle \u2013 seien irgendwie alle gleich eint\u00f6nig gekleidet gewesen.<\/p>\n<p>Ja, eh. Any colour, as long as it\u2019s black. So Pressefuzzis k\u00f6nnen schon ziemlich ahnungslos sein. Egal. Das mit der Hacker\u00e4sthetik ist eine zweite \u00dcberlegung wert. Da ist eine ganz eigene Formensprache entstanden, die darauf schlie\u00dfen l\u00e4sst, dass das alles mehr als nur ein kurzfristiger Trend ist. Doch davon sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Zuerst m\u00f6chte ich vom Unbehagen reden. Wobei: Unbehagen ist nicht ganz das richtige Wort, ich fand bislang nur kein besseres.<\/p>\n<p>Unbehagen? Welches Unbehagen? Dem Club geht es bestens, er wird regelm\u00e4\u00dfig von Politik und Medien um Meinung und Stellungnahmen gebeten, ist l\u00e4ngst im Mainstream angekommen, nach j\u00fcngsten Meldungen kamen mehr als 15k Menschen nach Leipzig \u2013 was missf\u00e4llt Ihnen da eigentlich, Herr Igler?<\/p>\n<p>Nix missf\u00e4llt mir. Ich bin nur verunsichert, wohin sich das alles entwickelt. Eben so \u2019ne Art Unbehagen.<\/p>\n<p>Ich meine, nat\u00fcrlich kann man die Entwicklung des Clubs nicht losgel\u00f6st sehen von den Ereignissen, die derzeit gerade ablaufen. In \u00d6sterreich haben wir die Nazis in der Regierung, in Deutschland sitzen sie im Parlament, wie lange ist Snowden jetzt her? Hat sich da im Bewusstsein der Menschen in diesem Land $irgendetwas ge\u00e4ndert? Na also. Schon deshalb sollte man Unbehagen haben.<\/p>\n<p>Dennoch ist auch der Club f\u00fcr mich an einer Art Scheideweg angekommen. Und die Frage \u201ewohin\u201c will ja auch mit dem Motto des Congress \u201etuwat\u201c beantwortet werden.<\/p>\n<p>So lange wir uns in Hinterzimmern trafen, in angemieteten Kellerlokalen und befreundeten Wohngemeinschaften, konnten wir relativ unbehelligt agieren. Lasst doch die Muggles da drau\u00dfen machen, was sie so machen wollen, uns kann das doch wirklich herzlich egal sein. Do your thing, und gut is\u2019.<\/p>\n<p>Je nun. Erstens sind wir den Muggles, oder wie immer man \u201edie da drau\u00dfen\u201c bezeichnen will, nicht egal, ganz im Gegenteil. Wir sind f\u00fcr sie abwechselnd unheimlich, l\u00e4cherlich oder faszinierend, aber \u201eegal\u201c stand da nie auf dem Men\u00fc. Zweitens ziehen wir ja nun schon l\u00e4nger durch die Lande und predigen, dass es auch Muggles nicht egal sein kann, was heute so digital abgeht, von meltdown und spectre bis hin zu \u00dcberwachungsstaat und Uploadfilter, und werden damit auch wahrgenommen. Und drittens, wenn die taz mal schreibt, dass der Congress \u201edas gesellschaftspolitisch wichtigste Ereignis des Jahres\u201c sei, kann man daran auch nicht ganz achtlos vor\u00fcbergehen. Ok, es war nur die taz, und ob das nun nur f\u00fcr Deutschland galt oder f\u00fcr Europa, oder sonst wie oder was, war ja auch beim taz-Artikel nicht so klar. Aber klar ist: Wir werden wahrgenommen, wir werden ernst genommen, auch als potentielle Gegner, und somit ist es an der Zeit, den Mythos \u201eWir haben mit Politik nix am Hut\u201c endg\u00fcltig zu verr\u00e4umen, weil\u2019s einfach nicht wahr ist: Wir haben die Politik voll an der Backe.<\/p>\n<p>Nur: ob wir das, was im Orwelljahr im Eidelst\u00e4dter B\u00fcrgerhaus mit ein paar Nerds begann, die sich gegenseitig ihren geilen foo vom Vorjahr zeigen und ansonst mal in Ruhe drei (sp\u00e4ter: vier) Tage verbringen wollten, ob wir dieses Feeling jenseits der 15k Teilnehmer von Leipzig skalieren k\u00f6nnen, ist noch nicht wirklich raus.<\/p>\n<p>Manchmal krieg\u2019 ich echte d\u00e9j\u00e0-vu. Wenn ich durch den Congress gehe und auf ein handgeschriebenes Plakat sto\u00dfe: \u201eEndlich normale Menschen!\u201c Ja, eh\u2019. Dieses Gef\u00fchl eines \u201ewir\u201c, was auch immer das sein m\u00f6ge. Das ist mir nicht unvertraut. Man m\u00f6ge mir verzeihen, ich bin schon etwas \u00e4lter und daher auch schon l\u00e4nger dabei, 1968, weiland im Mai, als sich die Studenten in Paris Stra\u00dfenschlachten mit den CRS lieferten, da war ich sechzehn und politisch noch recht ahnungslos. Aber wenn da ein paar Studenten versuchten, die Welt zu \u00e4ndern, wollte ich unbedingt dabei sein, also lie\u00df ich einen Zettel auf dem Tisch liegen und fuhr per Autostop, nach Paris, dorthin wo die Pflastersteine flogen. Dort bin ich zum ersten Mal diesem wir-Gef\u00fchl begegnet. Damals waren wir alle \u00fcberzeugt, wir w\u00fcrden die Welt ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Das Gef\u00fchl kam sp\u00e4ter noch ein paar mal, nicht oft. Im Alter wird man vorsichtiger, und auch bescheidener. Aber f\u00fcr vier Tage, auf dem Congress, l\u00e4uft das schon ganz gut. Obwohl, das mit dem die Welt ver\u00e4ndern \u2026<\/p>\n<p>Weil weiter oben von Hacker\u00e4sthetik die Schreibe war: Es ist weit mehr als Lichtinstallationen und schwarze T-Shirts. Es fallen Stichworte wie Hackerethik \u2013 bei Redaktionsschluss wurde noch diskutiert \u2013 und diese besondere Art, respektvoll miteinander umzugehen. Wobei, wir plagen uns ja schon, das in unseren Hackspace-Alltag einzubringen. Aber am Congress scheint das schon mal halbwegs zu funktionieren.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt aber noch mehr zum Kanon dieser neuen \u00c4sthetik. Memes fallen mir da ein, Redewendungen, Formen der Kommunikation, all das halt, was ein \u201ewir-Gef\u00fchl&#8220; vermitteln, verst\u00e4rken, best\u00e4tigen kann. Normale Leute sind Leute so wie wir, in Hoodie und ungeschminkt \u2026 oh Mann, Leute, ich komme ab sofort nur mehr im Anzug \u2026 Igler, Du weichst ab. Das diskutieren wir ein andermal.<\/p>\n<p>Was unbedingt auch zur \u00c4sthetik geh\u00f6rt und mir so unpackbar gut gef\u00e4llt: Diese anarchische Lust, sich \u00fcber sich selbst lustig zu machen. Die Engelgewerkschaft tr\u00e4gt Z\u00fcge von Dadaismus. Absolut genial. Und, als gelernter \u00d6sterreicher: Deutsche haben Humor! Hinrei\u00dfend. Mein Weltbild ger\u00e4t ins Wanken.<\/p>\n<p>Und dazwischen, immer wieder, die Angst, dieses \u201eunter-uns-Gef\u00fchl\u201c bei einer weiteren Skalierung nach und nach zu verlieren. Der Club wird endlich erwachsen, steht zu seiner gesellschaftlichen Verantwortung, wird eine breite Bewegung, eventuell auch eine politische \u2026 pfui Spinne, das ist ja wie in Real Life. Erwachsen werden kann ich selber \u2026<\/p>\n<p>Wie war das? Wir haben uns redlich und ernsthaft und mit allen zur Verf\u00fcgung stehenden Mittel bem\u00fcht, ja nicht so zu werden wie unsere Eltern. Und sind t\u00f6dlich beleidigt, wenn unsere Kinder nicht so werden wollen wie wir. Ob all die Kids, die in Leipzig in der Ticketschlange standen und sichtlich zum ersten Mal bei einem Congress waren, das auch so sehen wie wir? Das Anarchische skaliert schlecht, wie wir schon von den Piraten wissen, weshalb es mich auch \u00fcberhaupt nicht wundert, einen Haufen alter Piratenkumpel auf dem Congress wieder getroffen zu haben. Es gab sogar einen Hashtag. Alles was das Hackerherz begehrt.<\/p>\n<p>In diesem Kontext auch relevant: Bei vielen Engeln, vor allem wenn sie mit ihren gelben Warnwesten unterwegs waren, entstand \u00f6fters der Eindruck, sie w\u00fcrden als eine Art Personal angesehen. Das f\u00e4llt zusammen mit der Einsch\u00e4tzung, dass mehr und mehr Besucher auf den Congress als \u201ereine Konsumenten\u201c kommen. Hony soit qui mal y pense aka ein Schelm, wer schlecht davon denkt. Ist das der Preis, den wir f\u00fcr\u2019s Skalieren zahlen?<\/p>\n<p>Und dennoch, trotz allem: Ich pers\u00f6nlich glaube daran, dass wir das richtig machen, was wir da tun. Wir m\u00fcssen uns noch mehr in den politischen Diskurs einbringen, vor allem in den gesellschaftspolitischen. Ja, wir m\u00fcssen weiter wachsen und noch mehr Einfluss bekommen. Das hei\u00dft auch, dass der Gegenwind st\u00e4rker wird. Das Leben ist kein Ponyhof.<\/p>\n<p>Und wir m\u00fcssen unser Wissen um die Gef\u00e4hrdung dieser unserer Demokratie besser unter die Leute bringen. Es hat keinen Sinn, zu sagen, installiert euch Linux und verwendet Open Source, dann werden die Probleme weniger. Tun sie nicht. Die Menschen haben Windows und Word und WhatsApp installiert und sind heilfroh, wenn sie das halbwegs bedienen k\u00f6nnen. Und ein politisches Bewusstsein dar\u00fcber, wie das alles genau abl\u00e4uft, kriege ich auch gebacken, wenn ich auf Edge und Outlook unterwegs bin. Wir m\u00fcssen, wie das so sch\u00f6n neudeutsch hei\u00dft, die Menschen dort abholen, wo sie sind. Und dort, wo wir sie vermuten oder erhoffen, dort sind sie nicht. Ja, ich wei\u00df: Die Diskussionen dauerten bei Redaktionsschluss noch an.<\/p>\n<p>Ansonst? Es war wie immer: \u00dcberw\u00e4ltigend, ein mehrfacher stack overflow an Erkenntnissen, gelernten Dingen, coolen Erfahrungen, emotionellen Augenblicken, Lachen, wir-Gef\u00fchl \u2026 endlich normale Leute, halt. Der Umzug nach Leipzig hat geklappt, wir k\u00f6nnen alle zufrieden sein. Ich z\u00e4hle die Tage bis zum n\u00e4chsten Congress.<\/p>\n<p>Und verweise auf das Wochenende im M\u00e4rz, an dem wir angeblich auch \u00fcber die Fragen, die ich mir hier gestellt habe, diskutieren werden. Mal sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und es begab sich, dass es wieder einmal Weihnachten wurde, also fuhr der Igler nach Leipzig, zum 34C3. 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