{"id":41,"date":"2009-09-12T17:05:08","date_gmt":"2009-09-12T15:05:08","guid":{"rendered":"http:\/\/weblog.igler.at\/?p=41"},"modified":"2009-09-12T17:05:08","modified_gmt":"2009-09-12T15:05:08","slug":"wie-steve-apple-inc-rettet-indem-er-den-mac-totet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/weblog.igler.at\/?p=41","title":{"rendered":"Wie Steve Apple Inc. rettet, indem er den Mac t\u00f6tet."},"content":{"rendered":"<p>\u201eSteve is back!\u201c Ein Raunen geht durch die Reihen, denn der tot geglaubte Prophet einer sch\u00f6nen neuen Computerwelt ist wieder da: Spindeld\u00fcrr, aber sichtlich gesund und bestens gelaunt, tanzt der Robin Hood der Desktops im j\u00fcngsten Podcast aus San Francisco \u00fcber den kratzfesten <a href=\"http:\/\/blogs.zdnet.com\/BTL\/?p=24034&amp;tag=nl.e589\">Touchscreen<\/a>. Trotz Krise und Lebertransplantation will der Magier des Marketing Apple Inc. weiter in lichte H\u00f6hen f\u00fchren, als n\u00e4chstes soll der Markt der Minicamcorder aufgemischt werden. \u201eDas ist ein gro\u00dfer Markt\u201c l\u00e4sst Steve seinen Statthalter Phil Schiller die Einzelheiten erl\u00e4utern, da will man auch ein St\u00fcck vom Kuchen haben, und ein nicht zu kleines, bittesch\u00f6n.<\/p>\n<p>Cisco, mit Intel und Microsoft einst das Dreigestirn der Digitalen Zukunft, twitterte noch am selben Abend: \u201eImitation ist das ehrlichste Kompliment.\u201c Der weltgr\u00f6\u00dfte Hersteller von netztechnischer Hardware hat vor wenigen Monaten Pure Digital \u00fcbernommen, das seinerseits mit der Flip-Videokamera in den USA den Hosentaschen-Camcorder salonf\u00e4hig gemacht hat, der angedrohte Angriff der \u00c4pfel scheint bedrohlich.<\/p>\n<p>Die Zahlen sind beeindruckend:  Dreissig Millionen Eierf\u00f6hne in den ersten zwei Jahren verkauft, 73 Prozent Marktanteil in den USA f\u00fcr den iPod, der iStore im neuen Design und \u201eder mit Abstand gr\u00f6\u00dfte Music Site der Welt\u201c, mit alleine zwei Milliarden Downloads nur f\u00fcr meist sinnfreie Eierf\u00f6hn-Zusatzprogr\u00e4mmchen \u2013 da kann man echt nicht meckern.<\/p>\n<p>W\u00e4re ich Investor und h\u00e4tte Aktien von Apple, ich w\u00e4re hoch zufrieden. Bin ich aber nicht. Ich bin ein einfacher Apple-User. Und mir f\u00e4llt auf, dass Steve auf seinem Weg in die sch\u00f6ne neue Apfelwelt immer wieder Prinzipien aufgibt, die dereinst die Eckpfeiler des Apple\u2019schen Selbstverst\u00e4ndnis waren. Und das macht mich dann doch ein wenig nachdenklich.<\/p>\n<p>Um das genauer zu verstehen, machen wir jetzt einen klitzekleinen Ausflug in die Technik.<\/p>\n<p>Dereinst, als das Ganze los ging, waren Computer irgendwelche Riesenkasteln, die man m\u00fchsam mit Lochkarten f\u00fctterte und die als Antwort lange Papierschlangen ausspuckten, zu deren Interpretation man eine eigene Ausbildung ben\u00f6tigte sowie den Stromverbrauch einer mittleren Kleinstadt.<\/p>\n<p>Dem gegen\u00fcber stellten die zwei Studenten Steve Jobs und Steve Wozniak ihr Konzept des \u201ePersonal Computer\u201c, auf dem man per Tastatur und in normaler Umgangssprache seine Eingaben machen konnte, und der per Bildschirm f\u00fcr jeden DAU verst\u00e4ndliche Antworten gab. Der Rest ist Geschichte, die sparen wir uns hier, schlie\u00dflich sitzen Sie gerade jetzt vor so einem Kastl, geneigte Leserin und gesch\u00e4tzter Leser, das erkl\u00e4rt ja wohl alles.<\/p>\n<p>Schon damals zeigte Jobs seine geniale F\u00e4higkeit, Konzepte anderer Leute einfach zu \u00fcbernehmen und sie anschlie\u00dfend so zu pr\u00e4sentieren, dass man ein v\u00f6llig anderes, neues, ganz revolution\u00e4res Produkt sieht. Das macht Herrn Jobs zum absoluten King of Marketing, zum Halbgott des Rebranding und zum Genius des Repackaging. Niemand sonst h\u00e4tte uns die einfache Mix-Funktion jedes CD-Players als v\u00f6llig neues Feature verkaufen k\u00f6nnen (und w\u00e4re anschlie\u00dfend damit auch noch durchgekommen.)<\/p>\n<p>Egal. Der erste \u201eMac\u201c war jedenfalls eine Sternstunde der Digitalen Revolution, und das hatte auch viel mit der Art zu tun, wie man mit einem Mac von Anfang an seine Arbeit strukturieren konnte, etwas was die Fachleute gerne den \u201eWorkflow\u201c nennen.<\/p>\n<p>Ein Beispiel aus meiner t\u00e4glichen Arbeitswelt:<\/p>\n<p>PostScript ist eine Seitenbeschreibungssprache, also eine Art Code, mit dem man genau festlegen kann, wie etwas aussieht, das auf Papier (oder dem Bildschirm) erscheint: Dort steht das Bild, hier der und der Text, in der und der Schrift, so und so gesetzt, blahfasel. Weil das nur ein paar Formeln sind sowie ein bisserl Text, statt Pixel f\u00fcr Pixel das ganze Bild, sind diese Dateien wesentlich kleiner und daher sehr beliebt in der Druckerwelt, sprich: PostScript ist dort Standard.<\/p>\n<p>Jedes anst\u00e4ndige Grafikprogramm kann daher solche \u201eEncapsulated PostScript\u201c-Dateien erzeugen, als Dateisuffix haben sie immer  \u201e.eps\u201c.<\/p>\n<p>Wie wir wissen, ordnet so ein Compi \u00fcber diese Extensions die jeweiligen Dateien einem Anwendungsprogramm zu, so dass man einfach auf die Datei klicken kann, dann geht sie im entsprechenden Programm auf.<\/p>\n<p>Nur: Windows konnte (und kann bis heute) eine Extension nur jeweils einem Programm zuordnen.<\/p>\n<p>Schon im ersten Mac-OS war das anders. Dort konnte man jede Datei einzeln oder gruppenweise jeweils verschiedenen Programmen zuordnen. Statt der DOS-\u00fcblichen Extension werden dabei so genannte \u201eMetadaten\u201c gemeinsam mit der Datei gespeichert.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Praxis: Obwohl alle Encapsulated PostScript-Dateien hinten .eps hei\u00dfen, kann man beim Mac einfach draufklicken, und sie gehen mit dem Programm auf, mit dem sie erzeugt wurden. Und weil ein Photoshop-EPS was anderes ist als ein Illustrator-EPS, oder Gott bewahre ein XPress-EPS oder ein InDesign-EPS, ist das auch gut so und macht das Arbeiten auf dem Mac \u00fcbersichtlich und einfach.<\/p>\n<p>Unter Windows geht jedes EPS mit dem Programm auf, das der Extension .eps zugeordnet ist. Defaultm\u00e4\u00dfig ist das meist Illustrator. Und wenn man das nicht will, muss man jedes Mal -&gt;Rechtemaustaste -&gt;\u00f6ffnen mit -&gt;wo ist denn jetzt das bl\u00f6de CS? spielen, das ist m\u00fchsam, zeitraubend und \u00f6d, und daher unbeliebt.<\/p>\n<p>Das ist nur eines der Beispiele, wie genial durchdacht das Mac-OS von Anfang an war, und wie klobig und unhandlich dagegen so ein Mickeysoft-Gedr\u00f6del immer war.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Realit\u00e4t: Nach j\u00fcngsten weltweiten <a href=\"http:\/\/marketshare.hitslink.com\/operating-system-market-share.aspx?qprid=8&amp;qpdt=1&amp;qpct=3&amp;qpcal=1&amp;qptimeframe=M&amp;qpsp=123\">Zahlen<\/a> hat das klobige Gedr\u00f6del 93,4 Prozent Marktanteil weltweit bei Desktop Computern, Mac OS hat vierkommasechs, die restlichen Punkterln teilen sich alle Anderen, also s\u00e4mtliche Distributionen von Linux und Unix und SunOS und HP-UX und FreeBSD und waswei\u00dfichnochalles, die meisten davon weit unter der statistischen Wahrnehmungsgrenze.<\/p>\n<p>Sie erinnern sich noch an die Schlachten der Videoformate VHS und Betamax? Betamax war technisch eindeutig besser, dennoch gewann am Ende VHS, dank besserer Distribution, besserem Marketing und kl\u00fcgerer Lizenzpolitik, haushoch. Und wir hatten deutlich besch(zenziert) Videos, bis zur Einf\u00fchrung von HD-TV. So \u00e4hnlich ist das halt auch bei Betriebssystemen von Computern, und deshalb sieht die Welt so aus, wie sie aussieht.<\/p>\n<p>Nun mu\u00df man auch einr\u00e4umen, dass alle anderen Erzeuger kleiner schlauer PC, ausser eben Apple und der allm\u00e4chtige Wintel-Gigant, in der Zwischenzeit ger\u00e4uschlos verschwunden sind. Atari? Commodore? Wang? (Wer bitte? Ja, die gab\u2019s auch mal.)  Und dass es an ein Wunder grenzt, dass es Apple noch gibt, und dass sie tats\u00e4chlich PC erzeugen und hoch aktuell verkaufen, die sich deutlich vom Wintel-Standard unterscheiden, und meist die technisch feineren, eleganteren L\u00f6sungen haben, weil eben niemand so genial klauen kann wie Steve.<\/p>\n<p>Nun haben sie Steve bei Apple ja schon mal rausgeworfen, dann ging man so gut wie Pleite, dann gab M$ finanzielle Hilfe und Steve kam zur\u00fcck, seither geht es steil aufw\u00e4rts. Das erkl\u00e4rt den halbgott\u00e4hnlichen Status von Steve Jobs, nicht nur bei den Fanboys, sondern auch bei der Konkurrenz.<\/p>\n<p>Was dabei nicht so auff\u00e4llt, ist die Tatsache, dass Steve diesen Aufstieg seit seiner R\u00fcckkehr an das Steuer des Obstschiffes de facto mit der st\u00fcckweisen Aufgabe des Apple\u2019schen \u201eanders sein\u201c bezahlt hat.<\/p>\n<p>J\u00fcngstes Beispiel ist das neue Release des Apple Betriebssystems Mac OS X 10.6.1 \u201eSnow Lepard\u201c. Dort ist die klassische, \u201ecreator code\u201c genannte Bindung einer Datei an ein bestimmtes Anwendungsprogramm von Apple selbst aufgegeben worden, zu Gunsten der Windows-\u00fcblichen Methode der Identifizierung via Extension. Ger\u00fcchteweise gegen den Widerstand der Coder, und auf ausdr\u00fccklichen Wunsch Seiner Majest\u00e4t.<\/p>\n<p>Will heissen: So wie es derzeit aussieht, werden wir ab Schneeleopard auch bei jedem EPS-File das Rechte-Maustaste-Spiel spielen, *seufz* und daf\u00fcr wieder ein St\u00fcck kompatibler zu den 94 Prozent der restlichen Welt sein.<\/p>\n<p>Scheiss Globalisierung.<\/p>\n<p>Wer\u2019s im Detail wissen will, kann es <a href=\"http:\/\/db.tidbits.com\/article\/10537\">hier<\/a> nachlesen.<\/p>\n<p>Jedenfalls wird das Betr\u00fcbsystem meiner \u00c4pfelchen mit jedem Release den jeweiligen Windoze-Systemen \u00e4hnlicher. Schon heute l\u00e4sst sich ein Programm wie CS von Adobe nicht mehr r\u00fcckstandsfrei von einem Mac entfernen, es sei denn, man wei\u00df genau, wo Adobe welche Dateien wie hinlegt, und selbst das \u00e4ndert sich von Release zu Release. Auf OS 9 gab\u2019s daf\u00fcr zwei Ordner, auf dem BSD, das unter OS X werkelt, gibt es in klassischer UNIX-Tradition daf\u00fcr mindestens zwanzig, und wenn es einer Applikation gef\u00e4llt, dann legt sie auch noch zwei weitere an. Fr\u00fcher\u2122 war das anders, und Apple hielt die Prinzipien hoch und zwang die Entwickler, sich dem System zu beugen; aber damals war damals, und heute ist heute, und Steve verdient sein Geld mittlerweile anderweitig.<\/p>\n<p>Nicht von ungef\u00e4hr hat Steve vor ein paar Jahren das Wort Computer aus dem Unternehmensnamen entfernen lassen, Apple Inc. wird weiterhin wachsen und Geld verdienen und uns mit schicken Must-haves begl\u00fccken, und wahrscheinlich werden die PC einfach deshalb weiter gut gehen, weil ihr Coolnessfaktor nach wie vor un\u00fcbertroffen sein wird, dank Steve\u2019s Genialit\u00e4t und so lange der Vorrat an Organspendern nicht ausgeht. *scnr*<\/p>\n<p>Und irgendwann wird uns gar nicht mehr auffallen, ob da gerade OS X oder Windows Seven l\u00e4uft, auf unserer todschicken, \u00fcberteuerten Hardware mit dem un\u00fcberbietbaren K\u00fchlheitsfaktor.<\/p>\n<p>Ach ja, und was die EPS-Dateien betrifft: Das hat mittlerweile Adobe *spuck* l\u00e4ngst mit seinem portable document format erledigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eSteve is back!\u201c Ein Raunen geht durch die Reihen, denn der tot geglaubte Prophet einer sch\u00f6nen neuen Computerwelt ist wieder da: Spindeld\u00fcrr, aber sichtlich gesund und bestens gelaunt, tanzt der Robin Hood der Desktops im j\u00fcngsten Podcast aus San Francisco \u00fcber den kratzfesten Touchscreen. 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