{"id":394,"date":"2016-04-26T21:48:29","date_gmt":"2016-04-26T21:48:29","guid":{"rendered":"http:\/\/weblog.igler.at\/?p=394"},"modified":"2016-04-26T21:48:29","modified_gmt":"2016-04-26T21:48:29","slug":"hannover-und-so","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/weblog.igler.at\/?p=394","title":{"rendered":"Hannover und so."},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><strong>Aus dem Reisetagebuch des professionellen \u00d6sterreichers.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebes Tagebuch: Und es begab sich, dass der Chaos Computer Club (<a href=\"https:\/\/ccc.de\" target=\"_blank\">CCC<\/a>) zur Mitgliederversammlung rief, also fuhr der Igler nach Hannover.<\/p>\n<p>Nun isses ja alles vorbei und ich sitze im Zug nach Hause. Der silbergraue ICE pfeift stetig vorw\u00e4rts, draussen ziehen sie Landschaft vorbei, in relativ hohem Tempo. In Hannover schien noch die Sonne, dazwischen H\u00fcgel, Heidschnucken, H\u00e4user. Es ist ein sch\u00f6nes Land, dieses Deutschland.<\/p>\n<p>Hannover ist auch eine schmucke Stadt, eine halbe Million Einwohner, ganz viel Gr\u00fcnanlagen. Da kann man echt nicht meckern. Hannover ist die Landeshauptstadt von Niedersachsen, aber das f\u00e4llt nicht weiter st\u00f6rend auf.<\/p>\n<p>Meine Mutter traf den Mann, dessen Namen ich heute trage, dazumals im \u00f6sterreichischen Widerstand, in meiner Kindheit waren Deutsche nicht die beliebtesten Menschen. Ich war drei oder vier Jahre alt, meine Mutter und ihre Freundin Eri fuhren mit ihren beiden Kindern gen Italien, in einem alten Topolino, Mamis erstes eigenes Auto, von wegen Kind und so, manchmal weinte sie noch ihrer Vespa nach. Egal. Am Strand spielte ich mit einem Kind, dann gab es halt irgendeinen Streit, ich wei\u00df l\u00e4ngst nicht mehr wor\u00fcber, jedenfalls zog ich mit meinem Sandschauferl dem andren Kind einen festen Scheitel. Mami st\u00fcrzt entsetzt herbei, stellt mich zur Rede. Ich so, cool wie Calvin: \u201eGeh Mami, das macht doch nix, es war eh\u2019 nur ein Piefke\u201c. Das war der Moment, erz\u00e4hlte mir meine Muter sp\u00e4ter, in dem sie sich entschloss, sorgsamer mit ihren Worten umzugehen, wenn es um die deutschen Nachbarn ging.<\/p>\n<p>Zu sp\u00e4t, der Samen war ausgestreut. Mehrere Jahre in Tirol, in einem Fremdenverkehrsgebiet, in dem die lieben Nachbarn vier F\u00fcnftel der Touristen stellten \u2013 \u201eWieso kann man hier nicht in Mark zahlen? Kann ich vom Kaffee ein ganzes K\u00e4nnchen bekommen? Haben Sie Quarksahnetorte?\u201c \u2013 halfen auch nicht wirklich. Wahrscheinlich hassten wir einfach die Touris, weil sie uns am Nachmittag beim Skifahren im Weg herumstanden, vor dem Skilift, respektive im Weg herumlagen auf der Piste, in diversen Stadien des Anf\u00e4ngersterns. Und es waren halt fast immer Deutsche. Der Rest war Holl\u00e4nder, die standen und lagen zwar auch im Weg herum, fanden es daf\u00fcr aber auch ganz in Ordnung, dass wir die Deutschen nicht mochten.<\/p>\n<p>So viel zu meiner Sozialisierung in Sachen deutschsprachiger V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung. Als in \u00d6sterreich im Fernsehen die Piefke-Saga lief, fand ich sie nicht \u00fcberzeichnet, im Gegenteil. Schlie\u00dflich hatte ich die Typen in natura erlebt. So erwirbt man sich sorgsam gepflegte Vorurteile.<\/p>\n<p>Doch es ist an der Zeit, diese Vorurteile zu knacken (sorry, Mami.) Zu lange war mein Deutschlandbild von Bayern gepr\u00e4gt, Sie wissen schon, dieses Land zwischen uns und ihnen, das weltweit das Beliebteste an den \u00d6sterreichern mit dem verbindet, was die Deutschen \u00fcberall so gern gesehen macht. Sp\u00e4ter fuhr ich viel nach Frankfurt, das h\u00fcbscheste an der Stadt ist der Flughafen, da kann man in jede Richtung wegfliegen; sp\u00e4ter kam noch ein wenig Rheinland dazu, dort wo sie Dir die Krawatte abschneiden, dazu im Chor Helau rufen und das lustig finden.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, man soll seine Vorurteile sorgsam pflegen. Aber es geht, um ein gefl\u00fcgeltes Wort aus der Werbung zu borgen, auch anders. Seit einigen Jahren fahre ich vermehrt in den deutschen Norden, erst nach Berlin und Hamburg, jetzt eben auch Hannover. Wirklich gute Nachbarn auf unserer dalmatinischen Insel sind ein ganz entz\u00fcckendes Hamburger Ehepaar; in K\u00e4rnten sind unsere direkten Nachbarn ein Pastorenehepaar aus der Hamburger Friedensbewegung, mit langen, wundersch\u00f6nen Abendeinladungen, wo vor lauter Diskussion \u00fcber h\u00f6chst Interessantes gar nicht auff\u00e4llt, dass wir schon wieder drei Weinflaschen gezwickt haben und die ganze Quiche Lorraine aufgegessen wurde. Sie sind alles, was man sich von Nachbarn w\u00fcnscht: Links, freundlich, haben Humor, sch\u00e4tzen einen guten Tropfen und sind, au\u00dfer entz\u00fcckend, lustig und hilfsbereit, eine Riesenhetz. So etwas unterminiert ungemein, selbst die solidesten Vorurteile. OK, sie kommen nicht aus Frankfurt und auch nicht aus dem Rheinland. Na ja, vielleicht eben dessentwegen.<\/p>\n<p>Und jetzt der CCC und Hannover. Bleiben wir noch ein bisserl bei der Stadt. Die Menschen dort sind ungeheuer zivilisiert, und es wirkt nicht einmal aufgesetzt. Sonntag vormittag, Fr\u00fchst\u00fcck im Kaffeehaus: Jeder, der das Lokal betritt, w\u00fcnscht laut und freundlich \u201eGuten Morgen\u201c, alle gr\u00fc\u00dfen zur\u00fcck. Wenn ich das in Wien macht, fragt der Herr Franz besorgt nach, ob\u2019s mir auch gut geht, und ob ich nicht ein bisserl leiser sein k\u00f6nnt\u2019, Herr Doktor, weil sie verst\u00f6rn mir g\u2019rad den Hofrat ausm zweiten Stock.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnt\u2019 sich dran gew\u00f6hnen. Dass einen Menschen auf der Stra\u00dfe zur\u00fcck anl\u00e4cheln, wenn man sie anl\u00e4chelt. Dass M\u00fctter nicht besorgt schauen (Kinderverzarah!) wenn ich ihr Baby anflirte (seitdem ich Opi bin, bin ich ein Kren auf kleine Kinder), sondern auch zur\u00fcckl\u00e4cheln, stolz darauf, dass der kleine Zwutsch so viel Gefallen findet. Dass sich Leute bedanken, wenn man ihnen die T\u00fcr aufh\u00e4lt. Dass ich hier M\u00e4nner sehe, die mein Alter haben, graues kurzes Haar und einen Rucksack tragen und ein Beanie aufhaben \u2013 hier schaut mich keiner erstaunt an. Hier schaun mehr so aus. Sehr entspannend.<\/p>\n<p>Irgendwie funktioniert auch das mit dem Multi-Kulti besser im Norden. Am Hamburger Bahnhof Dammtor f\u00fchrt eine junge T\u00fcrkin, mit Kopftuch, den lokalen Dunkin\u2019 Doughnuts. So etwas f\u00e4llt nur mir auf, die Hamburger scheinen das normal zu finden.<\/p>\n<p>Auch in Hannover ist das Liberale vorherrschend. Die lokale Food-Coop hat vielleicht Schwierigkeiten mit dem freiwilligen Verteildienst ihrer Ernte an die Mitglieder, aber es w\u00fcrde niemandem auch nur im Traum einfallen, sie wegen Verdachts auf illegale Gewerbsaus\u00fcbung anzuzeigen, wie das die Wirtschaftskammer in Wien mit der hiesigen Coop gemacht hat. Und erst die \u201eKiosk-Kultur\u201c: Kleine Einzelhandelsl\u00e4den, die entweder rund um die Uhr offen haben oder zumindest dann, wenn Rewe und Co geschlossen halten. F\u00fcr ein schnelles Bier, oder auch eine Semmel, f\u00fcrs Fr\u00fchst\u00fcck, oder wie man hier sagt: \u2019n Br\u00f6tchen. Auch hier regt sich kein \u00c4rmelschoner auf, alle kommen zu etwas, das ganze in einer Stadt in der Gr\u00f6\u00dfe von Graz &#8230; ich kann mir zum Beispiel auch nicht vorstellen, dass sich Graz drei selbstverwaltete Jugend- und Kulturzentren leistet. (Die Grazer, Heimatstadt meiner Familie, m\u00f6gen mir verzeihen. Sie halten hier als eine Art pars pro toto her.)<\/p>\n<p>Draussen vor den Zugsfenstern weichen die spitzen Backsteint\u00fcrmchen aus dem Norden St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck den barocken Zwiebelt\u00fcrmchen aus dem S\u00fcden. Und ich leiste hiermit Abbitte an alle Piefke n\u00f6rdlich des Weisswurst\u00e4quator, die ich im Leben beleidigt habe, weil ich sie gro\u00dfm\u00e4ulig, schnoddrig und nervt\u00f6tend fand \u2013 es hat sich herausgestellt, das sind wir, im S\u00fcden.<\/p>\n<p>Im Norden sind sie ganz anders. Wenn dort das Wetter nicht so bescheuert w\u00e4re, k\u00f6nnte man glatt auf ein wenig hinziehen.<\/p>\n<p>Und die MV des CCC? Och, nichts wirklich Aufregendes.<\/p>\n<p>Bemerkenswert fand ich, dass am Samstag nur Vorbesprechung war und nur am Sonntag abgestimmt wurde: So konnte am Samstag nach Herzenslust gefetzt werden, am Abend wurde in kleiner Runde noch mal alles durchgekaut, am Sonntag hatten sich die Gem\u00fcter schon wieder ein wenig abgek\u00fchlt, dann votet es sich auch viel entspannter.<\/p>\n<p>Details? Konstanze zeigte sich \u2013 zumindest fast immer \u2013 guter Stimmung. Andy wurde gezaust, wegen eines Antrags ebenso wie wegen eines Interviews. Der Vorstand wurde entlastet und wiedergew\u00e4hlt. Und zur Feier der 25. Auflage der Transparenzdebatte gab es am Abend einen kleinen Umtrunk mit einer Hopfenkaltschale beim lokalen Hackerspace. Also eh\u2019 alles so wie immer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Aus dem Reisetagebuch des professionellen \u00d6sterreichers. &nbsp; Liebes Tagebuch: Und es begab sich, dass der Chaos Computer Club (CCC) zur Mitgliederversammlung rief, also fuhr der Igler nach Hannover. Nun isses ja alles vorbei und ich sitze im Zug nach Hause. 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