{"id":377,"date":"2015-07-17T17:08:48","date_gmt":"2015-07-17T17:08:48","guid":{"rendered":"http:\/\/weblog.igler.at\/?p=377"},"modified":"2022-02-18T17:03:25","modified_gmt":"2022-02-18T16:03:25","slug":"wieso-die-erinnerung-tueckisch-ist-und-was-innsbruck-damit-zu-tun-hat-ein-reisebericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/weblog.igler.at\/?p=377","title":{"rendered":"Wieso die Erinnerung t\u00fcckisch ist und was Innsbruck damit zu tun hat. Ein Reisebericht"},"content":{"rendered":"<p>Und es begab sich, dass mich der Hafer stach, also fuhr ich nach Innsbruck.<\/p>\n<p>Mit der Stadt Innsbruck verbindet mich seit Jugendtagen eine innige Hassliebe. Ich kann die Stadt nicht ausstehen, und sie mich auch nicht. Und das schon seit meiner zartesten Kindheit.<\/p>\n<p>Ich bin ein echter Wiener, g\u2019schamster Diener, ein Stadtkind, geboren sieben Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, einen Steinwurf von der Landstrasse entfernt, in der Stiftung, wie die Wiener das Rudolfsspital nennen, weil es weiland der alte Kaiser zur Geburt seines einzigen Sohnes und Thronfolgers gestiftet hat.<\/p>\n<p>Das mit dem Thronfolger wurde \u00fcbrigens nix, wie wir seit Mayerling wissen. Aber das Spital ist was geworden. So ist das mit die Geschichte. Aber das nur am Rande.<\/p>\n<p>Als Stadtkind jedenfalls hat man damals nicht so rasend gesund gelebt, es gab viel Staub und Zonengrenzen und Milit\u00e4r und wenig zu essen und auch wenig Gr\u00fcn. Wir wohnten im dritten Bezirk in der Salesianergasse, da war eine Fahrt in den Wienerwald eine Weltreise. Also verschickte man mich des Sommers zu einer befreundeten Bauersfamilie. Ins \u00d6tztal. Nach Tirol. Auf die Burgstaller Alm. Das ist jetzt sechzig Jahre her. Ich hab\u2019 es nachgerechnet.<\/p>\n<p>Damals fuhr man vom Westbahnhof weg, \u00fcber f\u00fcnf Zonengrenzen und das franz\u00f6sisch besetzte Innsbruck, bis zum Bahnhof \u00d6tztal, der damals wie heute v\u00f6llig einsam im Inntal steht. Hier steigt man nicht aus, hier steigt man allenfalls um. Wir stiegen in einen Postautobus um, ein ehrfurchtgebietender Saurer Diesel in knallgelb und tiefschwarz, mit einem Ganghebel, der war gr\u00f6\u00dfer als ich, samt ehrf\u00fcrchtig-bewundertem knorrigen aka unfreundlich-verschlossenem Tiroler als Busfahrer.<\/p>\n<p>Besagter Postbus brummte beh\u00e4big das \u00d6tztal hinein, schob seine riesige Schnauze durch die Orte \u00d6tz, Habichen und Tumpen, \u00d6sten, Stubenwald und Winklen, in jedem Ort wurde schnaufend und fauchend Halt gemacht, stiegen Leute aus und ein, meist vor der Dorfkirche, diese war meist gelb und meist barock, so genau wei\u00df ich das jetzt nicht mehr. Schlie\u00dflich, nach weiterer endloser Fahrt, stiegen wir aus, nur um erneut in einen schnaufenden, schwarzgelben Postbus einzusteigen, der sich im Schritttempo die schmale, steile Schotterstrasse den Berg hinauf wand. Die Frage, was geschehen w\u00fcrde, wenn uns auf der einspurigen, in den Felsen geschlagenen Stra\u00dfe ein Fahrzeug entgegen gekommen w\u00e4re, stellte sich nie \u2013 es kam keins. Ich kann mich nicht erinnern, neben dem Postbus, dem K\u00e4fer der Gendarmen und dem Landrover meiner Eltern dort je ein motorbetriebenes Fahrzeug gesehen zu haben.<\/p>\n<p>Den Namen der Bauersfamilie habe ich vergessen, ebenso wieso meine Eltern gerade auf sie gekommen waren. Der Hof war gemauert, vorne K\u00fcche und Stube, hinten Stall und Mistgrube, der erste Stock war vorne auch gemauert und enthielt die Schlafstuben, die Tenne hinten war aus Holz, mit Plumpsklo \u00fcber der Grube.<\/p>\n<p>Gegessen wurde in der Stube um den gro\u00dfen Tisch, aus einer gemeinsamen Pfanne, jeder hatte einen L\u00f6ffel, und es gab eine strenge Reihung, nach der man hineinlangen durfte. In der K\u00fcche stand ein gemauerter Herd, der in meiner Erinnerung stets brannte, vor dem Haus war ein kleiner Bauerngarten mit Fisolen, Erd\u00e4pfeln, Karotten. Der Geruch des Heus und des Stallmistes aus der Grube auf der Tenne, die bis zu den Dachsparren offen war, so dass man ganz hoch hinaufklettern konnte. Die animalische W\u00e4rme im Stall, der Geruch von K\u00fchen und frischer Milch. Tags\u00fcber fuhren wir zum Heuen auf die Felder, die Sonne brannte, das Heu roch unbeschreiblich, die zwei Pferde, die den Heuwagen zogen, ebenfalls, und wie viel Heu auf einen Wagen ging, mit einem Holzbalken an Eisenketten oben in L\u00e4ngsrichtung zusammengehalten, verbl\u00fcffte mich jedes Mal. Ganz oben durften wir dann sitzen, abends, wenn die Pferde mit viel H\u00fch und Hott die Fuhre heimw\u00e4rts zogen.<\/p>\n<p>Strom muss es wohl gegeben haben, denn ich kann mich nicht an Petroleumlampen oder Kerzen im Alltag erinnern, aber sonst gab es nicht viel, kein Radio, kein Telefon, keine Autos, keine Flugzeuge am Himmel, aber auch am Boden keinen Traktor, keine Motors\u00e4ge, nichts knatterndes oder fauchendes oder quietschendes, was heute einen modernen Bauernhof halt so ausmacht. Es gab auch kein Badezimmer und schon gar kein flie\u00dfendes Wasser, weder warm noch sonst wie, nur klar und stets eiskalt am Brunnen vor der T\u00fcr. Es gab Sensen und Sicheln und Dreschflegel und eine Dengelbank, es gab gusseiserne Pfannen und h\u00f6lzerne L\u00f6ffel, einen Knecht und eine Magd, es gab besagte Pferde und K\u00fche und Schweine und H\u00fchner, ein Tiroler Bergbauernhof in den F\u00fcnfzigerjahren, halt.<\/p>\n<p>Ich fand es, wenn ich mich so zur\u00fcck erinnere, nicht immer rasend knusprig, das Leben am Busen der Natur. Ich fand den Busen eher kratzig, unbequem und streng riechend, in unz\u00e4hligen Variationen desselben. Das Heu piekste, vor allem in meiner Matratze, am Klo hatte ich stets Angst, in die Grube zu fallen, das Essen war seltsam und selbst die vielen Kinder sprachen eine Sprache, die ich nicht verstand. Ein Stadtkind eben, da halfen auch drei Monate Landleben auf der Alm nicht dar\u00fcber hinweg.<\/p>\n<p>Sei\u2019s drum, diese Bilder von der Burgstaller Alm im \u00d6tztal pr\u00e4gen seither, tief in meinem Innersten, alles, was mit \u201eTirol\u201c zu tun hat.<\/p>\n<p>Als die Besatzung vor\u00fcber war, fuhren wir noch immer zur Sommerfrische nach Tirol, so lernte ich sp\u00e4ter auch Innsbruck kennen, f\u00fcr mich war das zwar schon eine Stadt \u2013 immerhin gab\u2019s sogar eine Tramway \u2013 aber keine zehn Minuten vor der Stadt war der erste Bauernhof \u2013 mit Stall \u2013 Geruch der K\u00fche \u2013 so ein Unterbewusstsein kann schon heimt\u00fcckisch sein.<\/p>\n<p>Doch das ist erst der erste Teil meiner Tirol-Pr\u00e4gung. Der zweite Teil kam sp\u00e4ter und dauerte drei Jahre lang, vom Alter von dreizehn bis knapp nach meinem sechzehnten Geburtstag besuchte ich die Planseeschule in Reutte, zuerst als Z\u00f6gling des lokalen Internats, sp\u00e4ter als Bewohner eines Untermietzimmers, was damals \u2013 ich war erst f\u00fcnfzehn \u2013 f\u00fcr ein bisserl Aufregung gesorgt hat. Egal \u2013 meine pr\u00e4genden Jugendjahre verbrachte ich in einem Kaff in den Bergen, mit dem Talboden auf 1000 Meter Seeh\u00f6he, alles andere ist h\u00f6her, und zwar um Einiges, sprich: Jede Menge Berge, Typ steil. Ein Kaff mit damals viertausend Einwohnern, einem Bezirksgericht, einer Hauptschule, einem Gymnasium, drei Kirchen, f\u00fcnf Gasth\u00e4user, zwei Konditoreien und einem Bahnhof. Die Fahrt von dort nach Innsbruck dauerte f\u00fcnf Stunden und f\u00fchrte \u00fcber Deutschland, mit dem Postauto \u00fcber den Fernpass ging\u2019s nicht sehr viel schneller. Als Freizeitbesch\u00e4ftigung konnte man Fu\u00dfball spielen, bergsteigen, skifahren oder saufen, meist kombinierten wir diese Besch\u00e4ftigungen, je nach Saison; es gab f\u00fcnf Fernsehsender, wof\u00fcr mich Bekannte in Wien gl\u00fchend beneideten, denn dort gab\u2019s nur zwei; das n\u00e4chste Kino war in F\u00fcssen, in Deutschland, mit dem Fahrrad in einer Stunde locker erreichbar, ich war ein sportliches Kerlchen, damals.<\/p>\n<p>Dennoch habe ich in diesem Ort pr\u00e4gende Jahre meiner Jugend verbracht. Hier las ich zum ersten Mal G\u00fcnther Nennings \u201eNeues FORVM\u201c, hier trat ich zum ersten Mal \u00f6ffentlich und lautstark gegen den Vietnamkrieg auf, hier bekam ich meinen ersten Kuss mit eindeutig sexuellen Absichten, hier habe ich meinen ersten Joint geraucht (mit einem winzigen Kr\u00fcmel, bei einem Wochenende im nahen M\u00fcnchen ergattert), hier habe ich eine Sch\u00fclerzeitung gegr\u00fcndet (und mich geweigert, unserem Schuldirektor den Inhalt vor Drucklegung zu zeigen, was als kleinere Revolution empfunden wurde), hier lie\u00df ich mir zum ersten Mal die Haare lang wachsen, hier habe ich Gitarre spielen gelernt (ich ging sogar, mit beschr\u00e4nktem Erfolg, ein Jahr lang in die Musikschule), hier schrieb ich meinen ersten Artikel gegen Bezahlung (ein Bericht \u00fcber die Er\u00f6ffnung des Hallenbades, vom Erl\u00f6s kaufte ich, vor Stolz geschwollen, meine erste Glockenhose) und hier habe ich auch zum ersten Mal mit einem M\u00e4dchen geschlafen.<\/p>\n<p>Und so ist meine Tirol-Pr\u00e4gung verhaftet zwischen einem \u00d6tztaler Bergbauernhof in den F\u00fcnfzigern und einer Kleinstadt im Tiroler Ausserfern in den Sechzigern, irgendwo zwischen malerisch und dumpf. Ich erinnere mich, dass ich in Reutte als \u2013 einziger \u2013 Gymnasiast der Gewerkschaftsjugend beitrat, was einen ziemlichen Wirbel herauf beschwor. Das haben mir die lokalen Spie\u00dfer mehr ver\u00fcbelt als sonst etwas, denn diese Provokation hatten sie verstanden. Das mit dem Vietnamkrieg &#8230; damals &#8230;<\/p>\n<p>Und Innsbruck war zwar weit weg, aber um nichts besser, allenfalls gr\u00f6\u00dfer, aber ebenso b\u00fcrgerlich-spie\u00dfig. M\u00fcnchen, ja, da ging die Post ab, da habe ich meinen ersten Hippie gesehen, damals nannte man das Gammler, und ich war per Autostop und heimlich \u00fcber\u2019s Wochenende dorthin gefahren, in Schwabing habe ich meine erste Nacht durchgetanzt, im Blow Up &#8230; aber Innsbruck &#8230; das Aufregendste war der Bahnhof, und wer den alten Innsbrucker Bahnhof noch kannte, wei\u00df dass das jetzt kein Kompliment war. Und seither m\u00f6gen wir uns nicht, die Stadt Innsbruck und ich, ich fand sie spie\u00dfig, sie fand mich wienerisch-angeberisch, und dabei haben wir es belassen.<\/p>\n<p>So viel zu meiner tiefen Bindung zu Innsbruck und Tirol im Allgemeinen und zu Reutte im Besondern. Ich verlie\u00df Reutte im Fr\u00fchjahr 1968, knapp nach meinem sechzehnten Geburtstag, ich hatte die Enge und das uns\u00e4glich M\u00fcffige satt, die katholisch-spie\u00dfige Doppelmoral \u2013 halt das, was wir auch heute noch an der Provinz so lieben; ich schmiss alles hin und fuhr nach Paris, weil dort die Revolution vorbereitet wurde, und das wollte ich keinesfalls verpassen. Als ich von dort wiederkam, ging ich nach Wien \u2013 die Periode Tirol war abgeschlossen.<\/p>\n<p>So weit, so gut.<\/p>\n<p>Dennoch habe ich heute Freunde in Innsbruck, so richtig nette Menschen, die ich gerne sehe und die sich \u2013 zumindest gehe ich davon aus \u2013 auch freuen, wenn sie mich sehen. Und dann schrieb im Fr\u00fchjahr eine Freundin aus Innsbruck, es g\u00e4be f\u00fcr ein paar Tage ein freies Zimmer, gratis, so was soll man nicht ausschlagen, also fuhr ich nach Innsbruck.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich bin ich seit 1968 wieder in Innsbruck gewesen, aber meist nur auf der Durchreise, seitdem es die Autobahn gibt, ist das ganz unspektakul\u00e4r, vier oder f\u00fcnf Overhead-Aufschriften, Innsbruck Ost, Mitte, West, fertig.<\/p>\n<p>Da kommt nicht viel Emotion hoch.<\/p>\n<p>Dann war ich in j\u00fcngerer Zeit mehrmals bei diversen politischen Veranstaltungen in der Tiroler Landeshauptstadt, aber da ging\u2019s immer um etwas und ich hatte kaum Zeit f\u00fcr Privates, geschweige denn Nostalgisches.<\/p>\n<p>Diesmal sollte es bewusst anders werden: Ich fuhr nach Innsbruck, um meine Freunde zu sehen, aber auch, um meine Nostalgie zu befriedigen, also war ein Trip nach Reutte explizit eingeplant. Ist ja, in der Zwischenzeit, dank Autobahn und Schnellstra\u00dfe, nur noch zwei knappe Stunden, \u00fcber den Fernpass. Hinfahren, Mittag essen, ein bisserl nostalgisch herumspazieren, sich erinnern, fertig.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist mir bewusst, dass sich seit meinen pr\u00e4genden Jahren im Heiligen Land Tirol, mehr als ein halbes Leben her, einiges ge\u00e4ndert hat. Schlie\u00dflich hat man seither das Internet, Dolly Buster und das sprechende Schweinderl in der Billawerbung erfunden, und auch sonst hat sich ja noch einiges ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Auch lebe ich, nach vielen Jahren in Genf, Paris und Ottakring, wieder auf dem Land, im K\u00e4rntner Jauntal, um genauer zu sein, und mir ist klar, dass Bauernh\u00f6fe heute ein bisserl anders ausschauen und auch anders funktionieren als damals auf der Burgstaller Alm. Noch immer riecht es im Stall meines Nachbarn nach Kuh, aber der Geruch der frischen Milch ist weg, daf\u00fcr summt im Hintergrund die pneumatische Melkanlage. Und nach dem Melken tr\u00e4gt der Nachbar den Milchertrag per Internet auf der AMA-Homepage ein, und Knechte und M\u00e4gde gibt\u2019s schon lange nicht mehr. Auch essen schon lange nicht mehr alle nur aus einem Topf, und die Heumahd wird nicht mehr per Pferdefuhrwerk und von allen gemeinsam erledigt, sondern vom Bauern, alleine, mit dem Traktor, und das in einem Nachmittag. Ich bin mir also durchaus bewusst, dass sich die Welt ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>Trotzdem war ich auf das, was ich bei meinem Tirol-Nostalgie-Trip erlebt habe, eindeutig nicht vorbereitet.<\/p>\n<p>Der Weg von Innsbruck f\u00fchrt \u00fcber die Autobahn nach Imst, dort f\u00fchrt die Strasse auf\u2019s Mieminger Plateau hinauf, \u00fcber Affenhausen, Mieming und Obsteig. Das waren, seinerzeit, Orte aus der Zeit gefallen, verschlossen und menschenleer, die H\u00e4user zweist\u00f6ckig gemauert und ausgiebig bemalt, umrahmt von der hoch aufragenden, kargen und steilen Kulisse der Nordtiroler Alpen. Und alle halben Stunden ein Auto. Ich wei\u00df das genau, ich bin die Strecke Autostop gefahren, mehr als einmal, ich war dort mit jedem Kilometerstein per Du.<\/p>\n<p>No more. \u201eAuf der Strasse nach Reutte wird es viel Verkehr geben\u201c, so meine Innsbrucker Freundin. Ich m\u00f6chte das als das Understatement des Jahres bezeichen. Von Imst, \u00fcber das Mieminger Plateau, den Fernpass hinauf und bis nach Reutte hinunter, hab\u2019 ich mich im Stop-and-go-Verkehr gequ\u00e4lt, Sto\u00dfstange an Sto\u00dfstange.<\/p>\n<p>Die Berge schauen noch immer so aus wie fr\u00fcher, ich habe auch ein paar von den bemalten H\u00e4usern gesehen, den Rest der Zeit verbrachte ich damit, auf meinen Vordermann nicht aufzufahren respektive mein Auto zu bewegen, bevor hinter mir w\u00fctendes Gehupe ausbrach, wg. Tr\u00f6delns am Steuer, oder so \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Nie wieder, ich verspreche es feierlich, will ich mich \u00fcber Tiroler Transitgegner lustig machen. W\u00fcrde ich an der Fernpass-Bundesstrasse wohnen, ich w\u00fcrde sie des Nachts heimlich aufgraben, einen Blaumilchkanal errichten oder eine Umleitung in den lokalen Steinbruch, whatever \u2013 das ist, meiner Seel\u2019, wirklich nicht auszuhalten.<\/p>\n<p>Nach zwei Stunden war ich in Reutte, etwas bet\u00e4ubt. Ich nehme die erste Ausfahrt, Reutte S\u00fcd, schau\u2019, ob ich etwas erkenne. Da war doch das Hallenbad, da war ein freies Feld, da war &#8230; vergiss es.<\/p>\n<p>Das Zentrum hat man umgebaut, f\u00fchrte der Autoverkehr damals, zu meiner Zeit, noch quer durch den Ort, wird er jetzt in einer Art Kreisverkehr herumgef\u00fchrt \u2013 abgesehen von der Schnellstrasse, die den Fernverkehr aufnimmt. Alles ist sehr h\u00fcbsch, ich erkenne nichts mehr. Ach ja, die Pfarrkirche &#8230; hier hab\u2019 ich im Kirchenchor gesungen. Der Buchladen, wo ich Taschenbuchausgaben von Sartre, Steinbeck und Hemingway erwarb. Aber sonst &#8230;<\/p>\n<p>Ich esse im \u201eGoldenen Hirschen\u201c zu Mittag. Einst ein stolzes Gasthaus, in dem ich zum ersten Mal solche Klassiker wie Kassp\u00e4tzle oder gebackenen Emmentaler a\u00df, heute nennt man sich Hotel und macht auf vornehm. Daf\u00fcr ist die Speisenkarte v\u00f6llig unambitioniert und bietet Allerweltskost, sichtlich abgestimmt auf die Pensionistenehepaare, die mich umgeben. Offenbar alle in Halbpension &#8230; egal. Muss ja nicht sein. Ich fahr jetzt in den Stadtteil M\u00fchl, dort stand das alte Sch\u00fclerheim &#8230;<\/p>\n<p>Die Schule fand ich noch, sonst nichts mehr. Nach l\u00e4ngerem Herumirren fand ich die Strasse, in der das Heim einst stand. Davon ist aber nichts mehr \u00fcbrig. Neubauten, Siedlungsh\u00e4user, Fremdenpensionen, wohin das Auge schaut.<\/p>\n<p>Mir wird wehm\u00fctig um\u2019s Herz. Da verschwindet meine Jugend, vor meinen Augen. Irgendwo hier muss der Ort sein, wo ich \u201eHouse of the Rising Sun\u201c auf der Gitarre ge\u00fcbt habe, stundenlang, immer wieder, bis ich es fl\u00fcssig hinbrachte, mein erstes Musikst\u00fcck auf der Klampfe.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich ein Schild: \u201eUrisee\u201c. Der kleine See, am Nordosthang des Reuttener Beckens gelegen, ein vertr\u00e4umter kleiner See, wo wir an hei\u00dfen Sommertagen baden gingen, mit den Fahrr\u00e4dern. Hier hab\u2019 ich meinen ersten nackten M\u00e4dchenbusen ber\u00fchrt, den man mir in genau dieser Absicht entgegen gehalten hat. Endlich ein Ort, an dem meine Erinnerungen &#8230; die kleine Strasse windet sich den Hang hinauf, oben links ein Hotel \u2013 ok, soll sein, aber rechts, rechts ist der See. Ich stelle das Auto ab, gehe erwartungsvoll die ersten Schritte zum im Wald versteckten Seeufer &#8230;<\/p>\n<p>Vrooom.<\/p>\n<p>In zwei Metern Entfernung f\u00fchrt \u2013 vroom, vroom \u2013 die Schnellstrasse vorbei, Augsburg-Verona, ein altes EU-Projekt. Sch\u00f6n, Strassen muss es geben, aber direkt durch meine Jugenderinnerungen?<\/p>\n<p>Vroom, vroom, vroooohm &#8230;. vrooohm<\/p>\n<p>Ist ja gut. Ich hab\u2019s kapiert.<\/p>\n<p>Hiermit gebe ich bekannt, dass meine Jugend endg\u00fcltig vorbei ist, einschlie\u00dflich s\u00e4mtlicher Spuren, die es je gegeben hat.<\/p>\n<p>Fazit: Auch Erinnerungen haben ein Ablaufdatum. Sp\u00e4testens dann sollte man sie wegpacken. Einrexen. Irgendwo auf dem Dachboden des \u00c4lterwerdens verstauen. Und dort verstauben lassen.<\/p>\n<p>*seufz*<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und es begab sich, dass mich der Hafer stach, also fuhr ich nach Innsbruck. 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