{"id":366,"date":"2014-12-14T21:59:15","date_gmt":"2014-12-14T21:59:15","guid":{"rendered":"http:\/\/weblog.igler.at\/?p=366"},"modified":"2018-10-15T22:45:33","modified_gmt":"2018-10-15T20:45:33","slug":"putins-kognitive-dissonanzen-oder-die-angst-vor-dem-dominoeffekt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/weblog.igler.at\/?p=366","title":{"rendered":"Putins kognitive Dissonanzen oder Die Angst vor dem Dominoeffekt"},"content":{"rendered":"<p><i>Was machen Tscherkessen im Kosovo und was haben die Finnen damit zu tun?<\/i><\/p>\n<p>Es ist schon eine Weile her, da lebte ich in Moskau, noch zur Zeit der UdSSR. In der sp\u00e4tsowjetischen Mangelwirtschaft war es gar nicht so einfach, an ordentliches Essen zu kommen, weder f\u00fcr Geld noch f\u00fcr Gute Worte \u2026 das fing schon beim Brot an: Es gab eine Sorte, eine Art Kasten-Graubrot, und aus. Ger\u00fcchteweise gab es bei der Brotverkaufsstelle an der Krasna Presnenskaja an Sonntagen vormittags auch Wei\u00dfbrot. Dazu h\u00e4tte man aber sehr fr\u00fch aufstehen m\u00fcssen \u2026 am Sonntag \u2026 ich hab\u2019 das nicht einmal probiert.<\/p>\n<p>Weshalb man als Ausl\u00e4nder die Einladungen der Botschaften sch\u00e4tzen lernte (vor allem der eigenen): Meist gab es was zu essen, und meist war es ein Highlight. Einladungen der eigenen (\u00f6sterreichischen) Botschaft waren bei mir besonders beliebt, denn es gab fast immer Semmerln aus \u00d6sterreich und einen trinkbaren Wein und der Rest war meist auch ok.<\/p>\n<p>In diesem Sinne begab es sich, dass ich mit einigen russischen Freunden auf der Botschaft war, anl\u00e4sslich des Staatsfeiertages und als ausgewiesener Auslands\u00f6sterreicher, zu faschierten Laberln mit einem sehr feschen Wei\u00dfen und ordentlich Semmerln. Daf\u00fcr nahm ich auch in Kauf, dass es einen offiziellen Teil gab, wo dann alle m\u00f6glichen Leute sprachen, die zur Feier des Tages irgendwelche anderen Leute (meist abwesend oder tot oder beides) anstrudelten, meist wedelte dann auch noch wer mit rotwei\u00dfroten F\u00e4hnchen herum (bildlich gesprochen, indem er $Heimat beschwor, schlie\u00dflich waren wir ja alle im feindlichen Ausland). Und die Bundeshymne wurde auch gespielt, dabei musste man Sorge tragen, das St\u00fcck Faschierte rechtzeitig (aka vorher) runter zu schlucken, weil es schaut ja echt Schei\u00dfe aus, wenn man noch kaut, w\u00e4hrend andere schon von den H\u00e4mmern singen. Wenn man schon nicht mit singt. Und ansonst musste man aufstehen, weil das geh\u00f6rt sich so, und anschlie\u00dfend betreten herumstehen und warten, bis die Sache vorbei war. Meist war es nach einer Strophe vorbei, wer kann schon mehr als eine Strophe des Bundeshymne? Au\u00dfer den Deutschen, vielleicht, die d\u00fcrfen daf\u00fcr \u00fcberhaupt nur ihre dritte Strophe singen.<\/p>\n<p>Jedenfalls wurde auch diesmal von der Heimat gro\u00dfer S\u00f6hne, dazumals noch ohne T\u00f6chter, gesungen, alle standen auf, ich legte mein St\u00fcck Laberl auf den Teller, setzte mein \u00fcbliches Ich-bin-nur-zuf\u00e4llig-hier-Gesicht auf und versuchte, m\u00f6glichst unauff\u00e4llig gelangweilt zu schauen \u2013 da fragt mich pl\u00f6tzlich Aljeg, mein russischer Spezi: \u201eWieso heulst Du eigentlich nicht?\u201c<\/p>\n<p>Ich muss ziemlich saubl\u00f6d dreingeschaut haben. War der Wein so schlecht? Das Faschierte nicht OK? Irgendwer gestorben, als ich gerade nicht aufgepasst hab\u2019?<\/p>\n<p><em><strong><br \/>\nWenn nicht geweint wurde, dann war\u2019s nicht sch\u00f6n.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Nach l\u00e4ngerer gegenseitiger Ratlosigkeit hab\u2019 ich es dann verstanden: Russen haben ein ungest\u00f6rtes Verh\u00e4ltnis zu ihrer Heimatliebe und zu ihrem Nationalismus (wobei die Grenzen sehr verschwommen sind), und wenn <i>sie<\/i> im Ausland leben w\u00fcrden, heimwehkrank und fern von zuhause, und dann beschw\u00f6re jemand M\u00fctterchen Russland, komplett mit Borscht und Blini, dann w\u00fcrden sie sofort und ansatzlos heulen, mit str\u00f6menden Tr\u00e4nen, und sich gegenseitig in den Armen liegen.<\/p>\n<p>Damals tat ich das als einfach noch ein Merkmal daf\u00fcr ab, wie emotionell Russen w\u00e4ren, schlie\u00dflich gilt bei ihnen auch ein Abend unter Freunden nicht als wirklich gelungen, wenn nicht mindestens einmal dabei gemeinsam geheult wurde. Weil es grad so sch\u00f6n war, oder so traurig, oder weil irgendwer grad nicht dabei war, oder manchmal auch nur einfach so. Russen sind sehr emotionell, wobei V\u00e4terchen Alkohol gerne mithilft.<\/p>\n<p>Heute, zwanzig Jahre sp\u00e4ter, ist es ein Mosaikstein f\u00fcr mein Verst\u00e4ndnis von Russland. Genauer gesagt: Putins Russland.<\/p>\n<p>Keine Angst, ich werde jetzt hier nicht den Gro\u00dfen Putinversteher aufziehen. Dennoch gibt es logische Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die Ereignisse, vor allem seit meinem letzten <a title=\"Wieso der ukrainische Nationalismus eine k.u.k. Erfindung ist und andere \u00dcberlegungen zur derzeitigen Situation\" href=\"http:\/\/weblog.igler.at\/?p=317\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blogeintrag<\/a> \u00fcber den Ukrainischen Nationalismus. Ich behaupte ja nach wie vor, dass es den \u201eals solchen\u201c nicht gibt, au\u00dfer in ukrainischen Emigrantenkreisen in Kanada und Australien. Aber Wladimir Wladimirowitsch arbeitet recht erfolgreich daran, dass er auch in der Ukraine w\u00e4chst und gedeiht, und nur zu erkl\u00e4ren, Herr Putin sei halt dumm und verstehe die Welt nicht wirklich, greift zu kurz. Weil Herr Putin mag ja alles M\u00f6gliche sein, aber dumm ist er ganz sicher nicht.<\/p>\n<p>Wer die Gegenwart begreifen will, muss die Vergangenheit kennen. Keine Angst, nicht schon wieder Geschichtsstunde, wir machen nur eine kleine Zeitreise in das Jahr 1864.<\/p>\n<p>Das sind gerade einmal 150 Jahre \u2013 vor der Geschichte ein Klacks, ein Lidschlag, aber dennoch Lichtjahre von unserer Realit\u00e4t entfernt. Kein Internet, kein Fernsehen, kein Radio, nicht einmal Telefon. Auch die Photographie steckt noch in den Kinderschuhen, sprich: Es fehlt alles, was zu einer z\u00fcnftigen Kriegsberichterstattung notwendig ist. Aber es gibt Zeitungen, und der mediale Aufreger des Jahres, von den Salons in London und Paris bis Washington und Wien, ist der Untergang der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tscherkessen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tscherkessen<\/a>.<\/p>\n<p>Der bitte wer?<\/p>\n<p>1864 ist nach offizieller Geschichtsschreibung der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kaukasuskrieg_(1817%E2%80%931864)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kaukasuskrieg<\/a> vorbei, den das Russische Imperium seit knapp einhundert Jahren f\u00fchrt. In diesen hundert Jahren erweitert das Zarenreich seinen Einfluss von der Steppe im Norden des Kaukasus \u00fcber das gesamte Bergmassiv bis an das Schwarze und das Kaspische Meer. Dabei werden eine Reihe von Bergv\u00f6lkern unterworfen, von denen heute einige wieder bekannter sind, wie die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Osseten\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Osseten<\/a>, die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Abchasen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Abchasen<\/a>, die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Inguschen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Inguschen<\/a> und die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tschetschenen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tschetschenen<\/a>, aber auch heute l\u00e4ngst vergessene, wie die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Awaren_(Kaukasus)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Awaren<\/a>, die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Darginer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Darginer<\/a>, die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Laken_(Volk)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Laken<\/a>, die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lesgier\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lesgier<\/a> und die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kumyken\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kumyken<\/a>. Und eben die Tscherkessen. Sch\u00e4tzungsweise drei Millionen von ihnen leben bis dahin an der heute russischen Schwarzmeerk\u00fcste, mit ihrer historischen Hauptstadt, wo jetzt das russische <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sotschi\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sotschi<\/a> liegt.<\/p>\n<p><em><strong><br \/>\nDer gemeinsame Drang nach S\u00fcden<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Der Kaukasus ist ein m\u00e4chtiges Bergmassiv, mindestens so gro\u00df wie unsere Alpen oder der Gro\u00dfe Karpatenbogen, unwegsam, bewohnt von mehr als 50 verschiedenen, meist wilden und \u00e4u\u00dferst kriegerischen Bergv\u00f6lkern, mit einem Wort ein Ort f\u00fcr Abenteuergeschichten und Tr\u00e4ume. Wie alle V\u00f6lker aus dem \u201eKalten Norden\u201c tr\u00e4umen auch die Russen, seit es sie gibt, vom warmen S\u00fcden; wo Goethe von Italien schw\u00e4rmt und von bl\u00fchenden Zitronen, schw\u00e4rmen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alexander_Sergejewitsch_Puschkin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Puschkin<\/a> und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michail_Jurjewitsch_Lermontow\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lermontov<\/a> vom Schwarzen Meer und, tja, auch von bl\u00fchenden Zitronen.<\/p>\n<p>Briten und Franzosen sind 1864 gerade dabei, koloniale Weltreiche zu bauen, da finden es alle ganz normal, wenn auch das Zarenreich versucht, sich auszudehnen, und dass dabei nicht zimperlich vorgegangen wird, regt auch keinen auf. Aber die Zeitungen haben die Reportage entdeckt, statt Photos gibt es ausf\u00fchrliche Zeichnungen, und so kommt es, dass dreihunderttausend tote Tscherkessen \u2013 verhungert, erschlagen, auf der Flucht ertrunken \u2013 die erste masssenmediale Katastrophe bilden. Es ist der erste <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Circassian-Genocide-Political-Violence-Rights\/dp\/0813560675\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Genozid<\/a> der Neuzeit auf europ\u00e4ischem Boden, f\u00fcnfzig Jahre vor dem V\u00f6lkermord der T\u00fcrken an den Armeniern, neunzig Jahre vor dem Holocaust. Die Truppen des Zaren Nikolaus II sehen keine andere M\u00f6glichkeit: Georgier, Armenier, Azeri \u2013 alle haben sich dem Russischen Reich gebeugt, aber das wilde Bergvolk der Tscherkessen verweigert selbst in der Niederlage den Gehorsam, muss aus dem eroberten Gebiet mit Feuer und Schwert vertrieben werden, um Platz zu machen f\u00fcr russische Sehnsucht nach dem S\u00fcden. Und so werden drei Millionen im Lauf des Sommers 1864 <a href=\"http:\/\/www.nbcnews.com\/storyline\/sochi-olympics\/who-are-circassians-why-are-they-outraged-sochi-n23716\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">vertrieben<\/a>, so gut wie alle in das damalige Osmanische Reich, die <a href=\"http:\/\/www.slate.com\/blogs\/the_world_\/2014\/02\/05\/the_circassians_and_the_olympics_did_the_age_of_genocide_begin_in_sochi.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zeichnungen<\/a> der halb verhungerten Fl\u00fcchtlinge, die nicht im Schwarzen Meer ertrunken sind, bei ihrer Ankunft in Istanbul gehen durch die Zeitungen und die Salons Europas.<\/p>\n<p>Parallele zu heute: Es regt sich zwar jeder auf, aber keiner tut was. Das Osmanische Reich nimmt die Fl\u00fcchtlinge, alles sunnitische Muslime, auf und verteilt sie, wo Platz ist (was oft damit zusammenh\u00e4ngt, dass es dort auch recht unwirtlich ist), so lebt heute der Gro\u00dfteil der tscherkessischen Diaspora im n\u00f6rdlichen Libanon, in syrischen Bergland \u00f6stlich von Damaskus, im Bergland von Galil\u00e4a in Israel, im Kosovo und in der heutigen T\u00fcrkei, vor allem im Bergland von Anatolien.<\/p>\n<p>Wozu erz\u00e4hle ich Ihnen das alles?<\/p>\n<p>Weil es Putin erkl\u00e4rt: das sind die historischen Dimensionen, in denen er denkt.<\/p>\n<p>Das finden Sie ein bisserl herb? Dann fragen Sie doch einmal, die Finnen, zum Beispiel, oder deren nahe Verwandte, die Esten. Oder die anderen Balten, wie Letten und Litauer. Oder die Polen. Oder, wenn Sie nicht in den kalten Norden wollen, fragen Sie doch die Tschetschenen. Deren 1864 war halt erst 1995, als russische Truppen ihre Hauptstadt Grosny zerst\u00f6rten, Haus f\u00fcr Haus, bis so gut wie nichts mehr von der Stadt \u00fcbrig blieb.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit f\u00fchrt Russland heute immer noch Kolonialkriege, in denen es darum geht, anderen Kulturen die eigene als die deutlich \u00fcberlegene aufzuzwingen. Mit genau derselben \u00dcberzeugung schufen die Briten ihr koloniales Weltreich, lernten die Eingeborenen in Afrika, so sie Einwohner einer franz\u00f6sischen Kolonie waren, von \u201eunseren Vorfahren, den Galliern\u201c, genau diese Einstellung lie\u00df Kaiser Wilhelm sagen, am Deutschen Wesen werde die Welt genesen.<\/p>\n<p>Die Mehrheit der Russen ist heute ebenso davon \u00fcberzeugt, am \u201erussischen Wesen\u201c werde zumindest ihre eigene Welt genesen.<\/p>\n<p>Wobei sich die russische Welt deutlich von unserer, der westlich-demokratisch-aufgekl\u00e4rten, unterscheidet.<\/p>\n<p>Eine nicht unwesentliche Rolle spielt dabei die orthodoxe Kirche. Als sie sich vor rund tausend Jahren von der r\u00f6mischen abspaltete, ging der Streit darum, ob man sich dem Wesen Gottes mit menschlicher Vernunft n\u00e4hern d\u00fcrfe, oder ob schon das Zweifeln am G\u00f6ttlichen Geheimnis eine S\u00fcnde sei. Der Westen brachte die Jesuiten, die Aufkl\u00e4rung und Max Weber hervor, der Osten h\u00e4lt rationelles Denken an und f\u00fcr sich f\u00fcr eine S\u00fcnde. \u201eOrthodox\u201c\u00a0 bedeutet, w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt, rechtgl\u00e4ubig, die Orthodoxe Kirche ist \u2013 fast noch mehr als die R\u00f6misch-Katholische \u2013 davon \u00fcberzeugt, im Besitz der Wahren Reinen Lehre zu sein. Und in der ist es muffig-spie\u00dfig, ist schwul sein heilbar und liberal ein Schimpfwort, sind Neger (gerne Schokoladnij genannt) Untermenschen und der Liebe Gott ist Russe.<\/p>\n<p>Zyniker sagen jetzt, Geschichte lasse sich eben nicht betr\u00fcgen. Nach dem Zerfall des Kommunismus hatten es die Osteurop\u00e4er leichter, die hatten eine b\u00fcrgerlich-demokratische Tradition. Die Russen haben da vor 1917 nicht viel au\u00dfer einer ziemlich absolutistischen, ziemlich klerikal-faschistischen Monarchie. Und so wie der (politische) Kommunismus formulierte, dass der Faschismus die politische Ausdrucksform des Spie\u00dfertums sei, stimmt es auch anders rum, dass das \u2013 faschistische \u2013 Sowjetsystem eine einzige riesige \u201eSpie\u00dferklasse\u201c hervorgebracht hat. Oder, um ein Bonmot meiner Tante Jolesch abzuwandeln: Die Juden haben sie erschlagen, die Adeligen auch, die Intellektuellen ins Arbeitslager gesteckt und die Gro\u00dfb\u00fcrger vertrieben. Geblieben sind die Hausmeister, und die machen jetzt den Staat. Putin als Allrussischer Hausmeister, wie einst der Mundl.<\/p>\n<p><em><strong>Postsowjetische Depressionsoptik<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Auf der Suche nach der Gro\u00dfen Russischen Seele, der \u201eDuscha russkaja\u201c, wie sie denn wirklich sei, landete ich einst in Nischnij Novgorod, dass sich damals gerade von \u201eGorkij\u201c wieder mit seinem alten Namen umgenannt hatte, und fand dort eine wundersch\u00f6ne, alte Handelsstadt, v\u00f6llig verfallen, sowie reichlich postsowjetischen Realismus, Marke Tr\u00fcbsinn. Ich brachte ein paar wundersch\u00f6ne, tief depressive Schwarzwei\u00dfbilder mit sowie den klugen Satz eines j\u00fcdischen Philosophieprofessors an der lokalen Universit\u00e4t, der meinte, die Russen h\u00e4tten im Zweiten Weltkrieg \u201eden Deutschen Faschismus besiegt um den Preis, den eigenen am Leben erhalten zu haben.\u201c So kann man das nat\u00fcrlich auch sehen, aber so unrecht hatte der Professor nicht: Es gibt keinerlei demokratische Traditionen in Russland, und die Aufkl\u00e4rung hat allerh\u00f6chstens in ein paar Salons in Petersburg stattgefunden.<\/p>\n<p>Ich denke mir, so gesehen passt es perfekt, dass sich unsere heimischen rechten Recken so hervorragend mit den Russen vertragen \u2013 da treffen sich verwandte Seelen. Oder so.<\/p>\n<p>Und da, mitten drin, agiert jetzt der kleine Wladimir Wladimirowitsch, von der Vorsehung auserkoren, Russland zu retten. Dabei l\u00e4sst er keinen Zweifel an seinen Grundwerten, schlie\u00dflich nennt er seine politische Bewegung nicht umsonst \u201eallrussisch\u201c und bekr\u00e4ftigt damit seinen Anspruch, in der politischen Tradition aller russischen Machthaber seit Ivan dem Schrecklichen, dem Begr\u00fcnder des modernen Russland, zu stehen. Und ausgerechnet der kleine Wladimir mu\u00df jetzt pl\u00f6tzlich Allrussisches Kernland \u2013 und das ist die Ukraine nun einmal f\u00fcr jeden russischen Nationalisten \u2013 verteidigen, und das gelingt ihm mehr schlecht als recht.<\/p>\n<p>Denn selbstverst\u00e4ndlich lag die Grenze zwischen den Guten und dem gottlosen Ausland noch vor zwanzig Jahren in Pressburg und Berlin, heute steht sie an der russischen Grenze, und aus russischer Sicht ist die gottlose Nato, in der Damen mit Bart Pr\u00e4sidenten inteviewen, die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung des Wahren, Echten und Sch\u00f6nen \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>So denkt die Mehrheit der russischen Bev\u00f6lkerung. Und nat\u00fcrlich spielt da die Kontrolle \u00fcber die Medien eine Rolle, aber die Pr\u00e4disposition daf\u00fcr ist gegeben.<\/p>\n<p>Wobei, realpolitisch gesehen, die gro\u00dfe Bedrohung f\u00fcr die postsowjetische Oligarchie darin besteht, dass sich ukrainische Zerfallsbestrebungen auf russisches Kernland \u00fcbertragen. Oder andersrum: Derzeit bekommen die Ukrainer an ihrer (langen) Grenze zu Polen, erste Reihe, fu\u00dffrei, vorgef\u00fchrt, was es f\u00fcr Vorteile bringen kann, in der EU und eine kapitalistische Demokratie zu sein. Wenn morgen tats\u00e4chlich auch die Ukraine ein \u00e4hnlicher Erfolg w\u00e4re, w\u00e4re der Dominoeffekt eine echte Bedrohung.<\/p>\n<p>Angst vor dem Dominoeffekt hat schon die USA in die erste Niederlage ihrer Geschichte in Vietnam gef\u00fchrt. Oder auch: Geschichte wiederholt sich. Ob als Trag\u00f6die oder als Farce, wird sich erst herausstellen.<\/p>\n<p>Wie schon eingangs behauptet, will ich kein Putinversteher sein, aber dass ihm das nicht gef\u00e4llt, kann ich nachvollziehen. Wie immer man das interpretieren m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Vorsicht vor dem Trugschluss: Russland ist heute nicht so, wie es ist, weil Wladimir Putin so denkt, wie er denkt. Es ist genau anders rum: Eben genau weil Russland so ist, wie es ist, kann einer, der so denkt wie Putin, \u00fcberhaupt Erfolg haben. Weil sonst wedelt hier der Schwanz mit dem Hund.<\/p>\n<p>Denn, damit wir uns nicht falsch verstehen: Der \u2013 oben erw\u00e4hnte \u2013 Krieg gegen die Tschetschenen wurde noch unter Boris Jeltsin begonnen.<\/p>\n<p>\u201eSch\u00f6n\u201c, sagt pl\u00f6tzlich Tante Erna aus dem Hintergrund, \u201ealles sehr verst\u00e4ndlich und einleuchtend. Und was bedeutet das im Klartext? Wie sollen wir jetzt mit dem Typen umgehen?\u201c<\/p>\n<p>Gute Frage. Ich wei\u00df es nicht.<\/p>\n<p>Ein Ansatz, wie es vielleicht geht, findet sich im britischen \u201e<a title=\"Noch ist Putin f\u00fcr seine Ukraine-Politik popul\u00e4r, doch das kann sich schneller \u00e4ndern als es viele erwarten.\" href=\"http:\/\/www.economist.com\/news\/europe\/21636047-president-remains-popular-his-ukrainian-adventure-could-change-faster-many\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Economist<\/a>\u201c, der da meint, wenn \u00d6lpreis und Rubel weiterhin so fallen, wie sie es derzeit tun, m\u00fcsse der Westen nicht mehr sehr viel dazu tun, au\u00dfer es auszusitzen.<\/p>\n<p>Das scheine, andererseits, so der Economist, auch Putins Strategie zu sein: Genau so wie Europa nach 150 Jahren das Schicksal der Tscherkessen vergessen hat, genau so wird sich der Wirbel um die Krim und den Dombass wieder legen, zwischenzeitlich verkaufen wir den wirtschaftlichen Einbruch als Schuld der B\u00f6sen Ausl\u00e4nder, und der \u00d6lpreis wird schon wieder steigen, schlie\u00dflich ist es bis jetzt auch immer wieder gestiegen.<\/p>\n<p>Kann sein, dass da die kognitiven Dissonanzen sehr schrill werden. Kann sein, dass das recht holprig wird. Im letzten Posting schrub ich, Putin mache jetzt einen auf Milo\u0161evi\u0107. Ich relativiere das jetzt hier, ein wenig, denn es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen den beiden: Russland hat Atomwaffen.<\/p>\n<p>Wir leben in interessanten Zeiten. Aber auch das hab\u2019 ich schon mal gepostet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was machen Tscherkessen im Kosovo und was haben die Finnen damit zu tun? Es ist schon eine Weile her, da lebte ich in Moskau, noch zur Zeit der UdSSR. In der sp\u00e4tsowjetischen Mangelwirtschaft war es gar nicht so einfach, an ordentliches Essen zu kommen, weder f\u00fcr Geld noch f\u00fcr Gute Worte \u2026 das fing schon &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/weblog.igler.at\/?p=366\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201ePutins kognitive Dissonanzen oder Die Angst vor dem Dominoeffekt\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,9],"tags":[],"class_list":["post-366","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-politik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/366","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=366"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/366\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":430,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/366\/revisions\/430"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=366"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=366"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=366"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}