{"id":32,"date":"2009-06-14T20:47:24","date_gmt":"2009-06-14T18:47:24","guid":{"rendered":"http:\/\/weblog.igler.at\/?p=31"},"modified":"2025-04-04T16:42:41","modified_gmt":"2025-04-04T14:42:41","slug":"die-inseln-unter-dem-wind-eine-reise-ein-besuch-und-eine-ruckkehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/weblog.igler.at\/?p=32","title":{"rendered":"Die Inseln unter dem Wind. Eine Reise, ein Besuch und eine R\u00fcckkehr."},"content":{"rendered":"<p>Wer auch immer den Satz erfand \u201eNeapel sehen und sterben\u201c hatte keine Ahnung. Nun bin ich schon seit mehreren Stunden hier, und von Sterben keine Spur. Allerdings ist es so heiss, dass das langsam echt eine Alternative w\u00e4re.\u00a0 Der Charme des Bahnhofes \u00e4hnelt dem aller Bahnh\u00f6fe. Nur an einem Ende der Halle steht ein verrostetes St\u00fctzger\u00fcst gegen die Decke gep\u00f6lzt. \u201eDas Erdbeben, signore \u2026 \u201c zuckt man die Schultern. Welches Erdbeben, will man fragen. Ach, suchen Sie sich eins aus. Diese Leute aus dem Norden \u2026<\/p>\n<p>Ich fahre auf eine Insel ohne Strassen und folgerichtig per Bahn und Schiff. Ich liebe geruhsames Reisen, ich liebe die Bahn und ich finde Schiffsreisen romantisch. Sp\u00e4testens als ich meinen Rucksack durch die neapolitanische Mittagshitze schleppe, beginne ich an meiner Liebe zu zweifeln. Egal. Der Hafen riecht nach Seetang, Diesel\u00f6l und der grossen weiten Welt.<\/p>\n<p>Wonach das Schiff riecht, das uns nach Lipari bringen soll, kann ich beim besten Willen nicht definieren. Einmal in Bewegung, vertreibt der Fahrtwind die interessante Geruchskombination aus hundert Jahre nicht waschen und einem s\u00fcdserbischen Bahnhofspissoir, die kleine F\u00e4hre stampft friedlich nach S\u00fcdwest, vom Vorschiff steigen Fetzen von Essensger\u00fcchen in den Abend und ich bin mit mir selber und der Welt wieder vers\u00f6hnt.<\/p>\n<p>Anderntags, f\u00fcnf Uhr fr\u00fch. Die Nacht war lausig, ich stehe durchfroren an Deck. Ein graulila Dunstschleier liegt \u00fcber dem Wasser, es herrscht das, was die Franzosen den \u201ekleinen Morgen\u201c nennen. Kalt, m\u00fcde, hungrig. Automaten, selbst italienische, brauen einen erb\u00e4rmlichen Kaffee.<\/p>\n<p>Und dann, schr\u00e4g rechts, taucht pl\u00f6tzlich eine Insel auf. Ein spitzer schwarzer Kegel, das obere Drittel in eine dichte schwarze Wolke geh\u00fcllt, speit orangerotes Licht, kleine Flammenzungen fressen sich in die Wolke. Gleichzeitig beginnen die ersten roten Sonnenreflexe auf tausend kleinen Wellen zu tanzen, flirrendes Licht flutet \u00fcber den Horizont. Und dann, sozusagen als Kr\u00f6nung der Sache, zucken auch noch Blitze durch die Wolken um den Gipfel, und ferner Donner grollt zu uns\u00a0 her\u00fcber. Gott strafe mich, so war es und ich habe nichts dazu erfunden: Ein Gewitter \u00fcber Stromboli bei Sonnenaufgang. Der Anblick entsch\u00e4digt f\u00fcr dreissig Stunden Anreisezeit, Ger\u00fcche, Hitze, K\u00e4lte und miesen Kaffee. Jawohl, genau hier m\u00fcssen die Burschen die Oper erfunden haben, anders ist das gar nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Als der Gott Vulkanus seine Esse im Vesuv bei Neapel baute, sch\u00fcttete er das \u00fcbrig gebliebene Baumaterial einfach in den Hinterhof. Und dort liegt es heute noch: Sieben winzige, steile Felskegel, die auf halbem Weg zwischen Neapel und Messina aus dem azurblauen Wasser ragen, abseits der restlichen Welt, inmitten des Tyrrhenischen Meeres: Die Aeolischen Inseln, auch Liparische Inseln oder Inseln unter dem Wind genannt. Die Fischer und Matrosen nennen sie die \u201esette sorelle\u201c, die sieben Schwestern.<\/p>\n<p>Der \u00f6sterreichische Erzherzog Ludwig Salvator, geboren in Mailand, aufgewachsen in Prag, grossherzoglicher Sohn aus der Toscana und Zeit seines kurzen Lebens ruheloser Wanderer auf den sieben Weltmeeren, kam erstmals 1887 hierher. Urspr\u00fcnglich wollte er ja grossherzoglicher Beamter werden, doch das verwehrte man ihm im Grossherzogtum Toscana, aus innenpolitischen Gr\u00fcnden, die schon damals ziemlich dumm gewesen sein d\u00fcrften, denn Ludwig Salvator w\u00e4re ein ausgezeichneter Beamter geworden. So wurde er Seefahrer, und auf allen seinen Fahrten schrieb er s\u00e4uberlich alles auf, wie viele Einwohner die und die Insel h\u00e4tte, wie viele Kinder, wie viel Post j\u00e4hrlich hierher komme und derartiges. Wie gesagt, ein vortrefflicher Beamter.<\/p>\n<p>Eigentlich war der Erzherzog unterwegs nach Ibiza, wo es ihm die Burgen auf Lanzarote angetan hatten, aber es gefiel ihm auf Lipari ausserordentlich gut, also blieb er ein Weilchen. Schliesslich hetzte ihn ja kein Fahrplan. Er blieb und notierte, s\u00e4uberlich. 1894 erschien in Prag bei Heinrich Mercy ein achtb\u00e4ndiges Werk: \u201eDie Liparischen Inseln\u201c, ohne Autorenvermerk. Je Insel ein Buch, plus ein allgemeines. Jedes Haus, jede Kapelle, jedes Schiff im Hafen s\u00e4uberlich vermerkt. Im allgemeinen Einf\u00fchrungsband schrieb er: \u201eDer Charakter der Liparoten ist sanft und gutm\u00fcthig; vollkommen sicher kann der Fremde unter diesem gef\u00e4lligen, heiteren, fr\u00f6hlichen V\u00f6lkchen, das schnell sein Herz gewinnt, dahinwandern und bald wird es ihm unter den Leuten gefallen und er wird sich wie zu Hause f\u00fchlen.\u201c<\/p>\n<p>Ich bleibe nicht auf der Hauptinsel Lipari, sondern fahre weiter nach Alicudi, der letzten und kleinsten der sieben Schwestern, weit draussen im Westen. Ohne Strom, ohne Strassen und Autos, ohne Anlegemole. Wer hier aussteigt, muss \u00fcber die schwankende Reling in ein kleines Fischerboot klettern, das zwei schweigende M\u00e4nner vom Ufer her\u00fcbergerudert haben.<\/p>\n<p>Ebenso schweigend rudern sie wieder zur\u00fcck. Hinter uns verschwindet das F\u00e4hrschiff, vor uns steil, menschenleer, windzerfressen, sonnengebrannt, winzigklein: Die Insel. Ausser mir steigt niemand aus. Das h\u00e4tte mir zu denken geben sollen.<\/p>\n<p>Die H\u00e4nge sind mit schmutzigweissen H\u00e4usern besprenkelt. Beim N\u00e4herkommen sind alle zerfallen, leere Fensterh\u00f6hlen starren in den blauen Himmel. Nur unten, wo das Boot jetzt anlegt, sehen ein paar H\u00e4user bewohnt aus.<\/p>\n<p>Die Insel ist vom Ufer an bis zur Spitze des steilen Vulkankegels, rund dreihundert Meter h\u00f6her, mit winzigkleinen, schmalen Terrassen \u00fcberzogen. Seit Jahrtausenden haben hier Menschen gewohnt, haben dem steilen, aber fruchtbaren vulkanischen Boden ein karges Leben abgerungen, haben bis auf den Gipfel, Stein f\u00fcr Stein, mit der Hand Stiegen angelegt und Regenzisternen, haben Terrassen gebaut und Erde in K\u00f6rben hinaufgeschleppt, um Paradeiser, \u00d6lb\u00e4ume und Kapern zu ziehen.<\/p>\n<p>Als der Erzherzog hier unter dem freundlichen V\u00f6lkchen weilte, ern\u00e4hrte die Insel \u00fcber zweitausend Seelen. Heute leben hier knapp f\u00fcnfzig.<\/p>\n<p>Die Wege sind mannshoch zugewachsen mit Dornengestr\u00fcpp, die Zisternen verfallen und leer, auf den Terrassen steht kniehoch verdorrter wilder Hafer.<br \/>\nAls um die Jahrhundertwende die Dampfschiffe von Messina nach Neapel zu fahren begannen, kamen pl\u00f6tzlich die kleinen Segelschiffe nicht mehr, mit denen die Liparoten ihre Oliven und Kapern verschickten. Gleichzeitig raffte die \u00d6lbaumpest einen Grossteil der B\u00e4ume hinweg, eine \u00f6konomische Katastrophe brach \u00fcber die Inseln herein. In der Dekade bis zum ersten Weltkrieg wanderte so gut wie die gesamte Bev\u00f6lkerung aus, hier auf Filicudi und dr\u00fcben auf Alicudi, auf Panarea und Vulcano. Manche nach Argentinien, manche nach Australien, die meisten in die USA.<\/p>\n<p>Toni Umina kommt aus Pipe Creek, Texas, und wenn er mit mir redet, merkt man das auch deutlich. Aber wenn Tony unter den wenigen M\u00e4nnern der Insel sitzt, sieht er aus wie einer der ihren. Er spricht auch noch den Dialekt der Insel, obwohl er schon im Amerika geboren ist; dort hat er ihn von seiner Grossmutter gelernt, die zeitlebens nichts anderes sprechen konnte: Ein wenig Spanisch, ein wenig Arabisch, ein wenig Sizilianisch und ein wenig Napoletanisch, ein paar griechische Worte sind auch dabei, die waren n\u00e4mlich auch hier, und dazu den weichen, singenden, s\u00fcditalienischen Tonfall. Wundersch\u00f6n. Ich verstehe kein Wort.<\/p>\n<p>Tony schon, er \u00fcbersetzt f\u00fcr mich. Sein Grossvater hat hier noch Haus und Grund besessen, bevor er nach Amerika ausgewandert ist. Als sein Grossvater in New York ankam, erz\u00e4hlt mir Tony am Abend, suchte er das Gold, mit dem in Amerika die Strassen gepflastert sein sollten, so wie man es sich in den sch\u00e4bigen kleinen Bauernkaten von Alicudi erz\u00e4hlte. Und so kniete nach seiner Ankunft der Grossvater vor dem Laden seines Cousins in Brooklyn fassungslos auf dem Pflaster und konnte es nicht begreifen, dass der Boden hier auch nur Staub und harte Steine war, so wie zu Hause.<\/p>\n<p>Zu Hause war f\u00fcr die Grossmutter, die Tony erzog, immer die alte Heimat. Zu Hause war alles sch\u00f6ner, \u00e4rmer, reiner. Also ist Tony heute wieder da, um das alles zu finden. Ausserdem ist Tony Grundst\u00fccksmakler, ein ziemlich reicher sogar. Und die alten Gr\u00fcnde, \u00fcber hundert Jahre v\u00f6llig wertlos, sind heute pl\u00f6tzlich wieder etwas wert: Reiche Norditaliener kaufen im S\u00fcden nur mehr Grundst\u00fccke auf, auf denen schon alte \u2013\u00a0 m\u00f6glichst verfallene \u2013 H\u00e4user stehen. Weil sonst gibt es n\u00e4mlich keine neuen Baugenehmigungen und Umwidmungen, offiziell zumindest. Im Grundbuch in Messina war Tony auch schon. Die Leute, die dort als Besitzer eingetragen sind, sind fast alle seit mehr als einem halben Jahrhundert tot. Und wem es heute geh\u00f6rt, weiss sowieso niemand. Dio mio, signore, wen k\u00fcmmert schon Land auf Alicudi \u2026<\/p>\n<p>Tony k\u00fcmmert das, er wittert ein Gesch\u00e4ft, er vertritt eine Gruppe von 50 oder mehr Kindern von Auswanderern, die alle hier irgendwo noch Landanspr\u00fcche haben. Die Inselbewohner wittern es auch, und ausserdem ist man hier auf Auswanderer nicht gut zu sprechen. Tony hat lange Listen in Messina kopiert, die Linien in den Gesichtern werden hart, wenn die M\u00e4nner am Abend in der einzigen taverna miteinander reden, und die Alten haben pl\u00f6tzlich wieder ein erstklassiges Ged\u00e4chtnis.<\/p>\n<p>Es ist die Welt im kleinen, ein Mikrokosmos, getr\u00e4nkt von Misstrauen, begrenzt vom schmalen Strich zwischen blauem Himmel und blauem Meer, auf dem die Schiffe langsam sichtbar werden, lang bevor sie anlegen. Dort sind auch die Auswanderer verschwunden, vor hundert Jahren, und wieso kommen sie jetzt zur\u00fcck, zusammen mit anderen Fremden, die auch keiner will?<\/p>\n<p>\u201eWenn Du hier auf der Insel etwas unternehmen willst,\u201c sagt Giovanni, der Kaschemmenwirt, Kr\u00e4mer, Postbote und Schiffskartenverk\u00e4ufer der Insel, \u201emusst du eine Gruppe mit einer ungeraden Zahl bilden. Die Zahl muss unter drei liegen.\u201c Und dann putzt er ostentativ den Sessel, auf dem ich gerade gesessen bin.<\/p>\n<p>San Bartolomeo ist ein kleiner Weiler, ungef\u00e4hr eine Wegstunde steil \u00fcber die Westflanke, knapp unter der Spitze der Insel. Das einzige noch intakte Geb\u00e4ude ist die Kirche. Das letzte Erdbeben hat die Spitze des Kirchturms grotesk verschoben, das n\u00e4chste wird ihn wahrscheinlich zum Einsturz bringen. Im verlassenen Pfarrhaus daneben zwei winzige Zimmer, gestampfter Lehmboden, grobe, weiss gekalkte W\u00e4nde, ein altes Metallbett mit bemaltem Haupt, ein Metallkreuz an der Wand. Ich sitze auf einer halb verfallenen kleinen Steinterrasse und starre auf das Meer hinaus.<\/p>\n<p>Nach drei Tagen f\u00e4llt mich die Einsamkeit an wie ein Tier. Eigentlich wollte ich ja zwei Wochen bleiben, aber wenn ich hier nicht morgen mit dem Schiff wegkomme, dann werde ich auf der Stelle verr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Das Schiff ist die einzige Verbindung zur Aussenwelt und kommt laut Fahrplan jeden Tag. In Wirklichkeit kommt es, wenn es das Meer zul\u00e4sst. Oder der Wind. Oder die G\u00f6tter. \u201eEinmal \u00f6fter, dann weniger oft\u201c sagen die Einheimischen und zucken mit den Schultern. Wen k\u00fcmmert schon, wann das n\u00e4chste Schiff kommt. Diejenigen, die hier weg wollten, sind schon lange weg.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag kommt kein Schiff. Am \u00fcbern\u00e4chsten auch nicht. Und als es dann doch kommt, ist mein Inselkoller schon vorbei.<\/p>\n<p>Ich sitze am Abend unten am Meer und lasse das Dunkel der Nacht langsam auf mich herunterfallen, wie schwarzen Samt. Kein Licht ist zu sehen, nur die Sterne funkeln. Irgendwo spielen Fischer eine Partie Scoppa, ein sizilianisches Kartenspiel mit den Spielfarben des \u00e4gyptischen Zigeuner-Tarots: Schwerter, St\u00e4be, Kelche und Taler. Der Wind weht Sprachfetzen durch die Nacht, \u00fcber allem das Rauschen des Meeres. Immer rauscht das Meer, es gibt auf der ganzen Insel keinen Ort, an dem man das Meer nicht h\u00f6rt.<\/p>\n<p>\u201eSalute\u201c, sagt Tony und schiebt mir ein Glas mit Rotwein zu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer auch immer den Satz erfand \u201eNeapel sehen und sterben\u201c hatte keine Ahnung. Nun bin ich schon seit mehreren Stunden hier, und von Sterben keine Spur. 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