{"id":317,"date":"2014-02-25T22:15:53","date_gmt":"2014-02-25T22:15:53","guid":{"rendered":"http:\/\/weblog.igler.at\/blog\/?p=317"},"modified":"2014-02-25T22:15:53","modified_gmt":"2014-02-25T22:15:53","slug":"wieso-der-ukrainische-nationalismus-eine-erfindung-der-k-u-k-monarchie-ist-und-andere-ueberlegungen-zur-derzeitigen-situation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/weblog.igler.at\/?p=317","title":{"rendered":"Wieso der ukrainische Nationalismus eine Erfindung der k.u.k Monarchie ist und andere \u00dcberlegungen zur derzeitigen Situation"},"content":{"rendered":"<p>Als ich zehn Jahre alt war, wurde mein Vater nach Genf in der Schweiz versetzt. Wir fanden ein Haus in einer Anlage von neu erbauten Einfamilienh\u00e4usern; ich, bisher eine Altbauwohnung im achten Wiener Gemeindebezirk gewohnt, war hin und weg ob so viel Platz und Garten und Gr\u00fcn und Weite.<\/p>\n<p>Unsere direkten Nachbarn waren Kanadier, mit dem Familiennamen Hawrylyshyn. Schon beim ersten Treffen lernten wir, dass die Familie eigentlich aus der Ukraine stammte, sie verstanden sich als Exilukrainer, und teilten das auch jederzeit und freiz\u00fcgig \u00fcberall mit. Vater Bob (eigentlich hie\u00df er <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bohdan_Hawrylyshyn\" target=\"_blank\">Bohdan<\/a>, das erfuhren wir aber erst sp\u00e4ter) lehrte am Genfer Centre d&#8217;Etudes Industrielles (das CEI war eine Business School, die sp\u00e4ter im <a href=\"http:\/\/www.imd.org\" target=\"_blank\">IMD<\/a> aufging); der Gro\u00dfvater kam, als er erfuhr, dass meine Mutter aus \u00d6sterreich war, strahlend zum Zaun und sagte, auf gebrochenem Deutsch \u201eI bin auch Eesterreicher\u201c. Er war in <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lemberg\" target=\"_blank\">Lemberg<\/a> geboren und hatte im ersten Weltkrieg in der k.u.k. Armee gedient.<\/p>\n<p>Vater Bohdan lehrte mich, dass die ukrainische Fahne gelb und blau sei, gelb wie die Kornfelder der Ukraine und blau wie der Himmel \u00fcber ihnen, und dass sie, so lange die Ukraine nicht frei sei, nur verkehrt geflogen werde, also gelb oben und blau unten. Mutter Hawrylyshyn war in etwa so blond wie das Gelb in der Ukrainischen Fahne, zusammen hatten sie drei Kinder: Lassek, der ein Jahr j\u00fcnger war als ich, sowie die M\u00e4dchen Tussa und Tina, alle drei ebenso blond.<\/p>\n<h3>Die Ukraine und der Knoblauch<\/h3>\n<p>Im Hause Hawrylyshyn war <em>Ye Olde Country<\/em> stets pr\u00e4sent. Tina, die j\u00fcngste, war etwa vier, als sie eines Tages bei uns in der K\u00fcche mit einem Kranz Knoblauch um den Hals erschien. \u201eMami sagt\u201c, so Tina auf den fragenden Blick meiner Mutter, \u201edas hilft gegen Bandw\u00fcrmer.\u201c<\/p>\n<p>Meine Mutter sagte nichts und gab Tina ein Wurmmittel (unser anderer Nachbar war ein Bauernhof, so was hat man als kluge Mutter stets im Haus).<\/p>\n<p>So lernte ich im zarten Alter von zehn Jahren, dass die Ukraine ein eigenes Land sei, mit einer eigenen Fahne, aber derzeit besetzt und in Unfreiheit, und dass man dort mit mitteleurop\u00e4ischer Kultur und Hygiene etwas anders umging als bei uns.<\/p>\n<p>Einige Jahre sp\u00e4ter fand ich bei einer Bibliotheksaufl\u00f6sung in Wien eine \u201eGrammatik der Ruthenischen Sprache\u201c, ein k.u.k. Schulbuch aus dem 19. Jahrhundert. Ich bin ein Journalist, also neugierig. Weshalb ich seither wei\u00df, dass Ruthenisch die Eindeutschung des Wortes Rus ist, fr\u00fcher sagte man auch Reussen dazu und bezeichnete damit eine <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ruthenien\" target=\"_blank\">Gegend<\/a> (und deren Bewohner) dort, wo heute Ungarn, Polen, Rum\u00e4nien, die Slowakei und Westukraine aneinander sto\u00dfen. Der Ausdruck <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ruthenen\" target=\"_blank\">Ruthenen<\/a> selbst bezeichnet die seit etwa dem 15. Jahrhundert im <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gro%C3%9Ff%C3%BCrstentum_Litauen\" target=\"_blank\">Gro\u00dff\u00fcrstentum Litauen<\/a>, in <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Polen-Litauen\" target=\"_blank\">Polen-Litauen<\/a> und dem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/K%C3%B6nigreich_Ungarn\" target=\"_blank\">K\u00f6nigreich Ungarn<\/a> lebenden <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Slawen\" target=\"_blank\">Slawen<\/a> \u00f6stlichen christlichen Glaubens; die (Gro\u00df-)<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Russen\" target=\"_blank\">Russen<\/a> hie\u00dfen damals bereits <i>Moscovitae<\/i> oder <i>Russi<\/i>.<\/p>\n<p>Im k.u.k. Kronland <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Galizien\" target=\"_blank\">Galizien<\/a> war Ruthenisch, neben Polnisch, eine offizielle Sprache.<\/p>\n<h3>Im postsowjetischen Kiew<\/h3>\n<p>Mehr als drei\u00dfig Jahre nach unserem Erstkontakt mit der Familie Hawrylyshyn, da hatte sich die Sowjetunion schon aufgel\u00f6st und die Ukrainische Fahne wehte richtig herum am Fahnenmast, traf ich Tina, das j\u00fcngste Nachbarskind, erneut. Es war in Kiew am Flughafen, es war sp\u00e4t abends, und nur weil sie jetzt unabh\u00e4ngig waren, hatten die neuen ukrainischen Grenzbeh\u00f6rden ihre sowjetischen Methoden noch lange nicht ge\u00e4ndert, sprich: Es war m\u00fchsam. Tina trug diesmal keinen Kranz Knoblauch, sondern hochhackige Stiefel bis \u00fcbers Knie und trat gegen\u00fcber den postsowjetischen H\u00fctern der neuen Staatlichkeit resolut und in flie\u00dfendem Ukranisch auf. In f\u00fcnf Minuten waren wir durch alle Formalit\u00e4ten durchgewunken und standen vor der Ankunftshalle in der ebenso dunklen wie bei\u00dfenden K\u00e4lte, in Verhandlungen mit mehreren Taxifahrern. \u201eWenn Du irgend etwas brauchst hier, ruf\u2019 mich an\u201c, sagte Tina und stieg in einen gro\u00dfen schwarzen Gel\u00e4ndewagen mit verdunkelten Scheiben.<\/p>\n<p>Nun will ich weder dem alten Bohdan, oder Bob, denn \u201eBochdan\u201c, wie es korrekt ausgesprochen wird, konnte in Genf keiner aussprechen, au\u00dfer vielleicht meiner Mutter und mir, also ich will weder Bob noch seinen Kindern unterstellen, mit der Mafia etwas zu tun zu haben, im Gegenteil, ich sch\u00e4tze Bob Hawrylyschyn als einen hoch korrekten Menschen ein, aber schlie\u00dflich war er jahrelang Berater der ukrainischen Regierung und hat in Kiew eine Filiale der Schweizer Managementschule IMD aufgebaut, da lie\u00df es sich wahrscheinlich nicht vermeiden, auch mit dieser Gesellschaftsschicht in Ber\u00fchrung zu kommen, und nur weil Tina Stiefel bis \u00fcber die Knie trug, musste sie noch lange nicht dazugeh\u00f6ren, schlie\u00dflich lag tats\u00e4chlich ordentlich Schnee.<\/p>\n<p>Es ist in der Ukraine eben vieles nicht so, wie es auf den ersten Blick erscheint. Nicht nur in j\u00fcngster Zeit, sondern seit je her.<\/p>\n<h3>Andere V\u00f6lker sind \u00e4lter<\/h3>\n<p>Wobei \u201evon je her\u201c ein zeitlich dehnbarer Begriff ist. So gibt es V\u00f6lker, die sind wirklich alt. Die Armenier, etwa, oder die Georgier, wenn wir jetzt einmal im Spektrum der ehemaligen UdSSR denken, aus deren Zerfall ja die Ukraine erst j\u00fcngst als eigenst\u00e4ndiger Staat entstand. Aber die Ukrainer sind es nicht, jedenfalls nicht als Nation. Ukraine als eigenst\u00e4ndige Nation ist eine Erfindung des 19. Jahrhundert, unter der Patronanz der Habsburger und mit Ablehnung durch das russische Zarenreich.<\/p>\n<p>N\u00e4mlich weil das mit die Geschichte \u2013 also erstens ist es wie \u00fcberall kompliziert, und zweitens haben wir das in der Schule ja nicht gelernt und daher hat kaum wer Ahnung davon. W\u00e4re aber praktisch, denn es erkl\u00e4rt sehr viel von dem, was da gerade in der Ukraine abgeht.<\/p>\n<p>Wobei man auch noch s\u00e4uberlich zwischen Mythen und tats\u00e4chlicher Geschichte unterscheiden muss.<\/p>\n<p>Die Wikinger \u2013 ja, tats\u00e4chlich, die \u2013 waren als ebenso unternehmungslustig wie reisefreudig bekannt, und das nicht nur nach Westen, wo ja Eric der Rote bis nach Neufundland kam, sondern auch nach Osten, sozusagen auf die andere Seite hin. Dort fuhren sie auf Fl\u00fcssen wie Dnjestr und Dnjepr mit ihren Drachenschiffen von Skandinavien nach S\u00fcdosten bis an das Schwarze Meer und begr\u00fcndeten dabei eine Reihe von St\u00e4dten, als Handelsniederlassungen, respektive trieben mit den St\u00e4dten, die sie schon vorfanden, Handel. Man nennt diese Wikinger auch War\u00e4ger, angeblich sind sie f\u00fcr die unpackbar blauen Augen sowie das leuchtende Strohblond der Ukrainerinnen verantwortlich, oder so \u00e4hnlich. So weit die Fakten.<\/p>\n<p>Der Mythos erz\u00e4hlt von einem Stamm der Wikinger, der sich Rus nannte. Von denen gibt\u2019s aber keine geschichtlichen Bezeugungen, also gibt es sie erst mal offiziell nicht. Was die Rus oder War\u00e4ger oder wen auch immer, nicht davon abh\u00e4lt, ab dem zehnten Jahrhundert als <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kiewer_Rus\" target=\"_blank\">Kiewer Rus<\/a> aufzutreten, als Gro\u00dfreich der Slawen so in etwa dort, wo die heutige Ukraine ist, wir wollen das jetzt im Detail nicht diskutieren.<\/p>\n<p>Der Mythos des (russischen) Slawentums erz\u00e4hlt von den zehn weisen M\u00e4nnern, die in einem goldenen Boot den Dnjepr herunterkommen und in der Stadt <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kiew\" target=\"_blank\">Kiew<\/a> an Land gehen, um dort auf den sieben H\u00fcgeln der Stadt das neue (orthodoxe a.k.a rechtgl\u00e4ubige) Rom zu gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Die Geschichte wieder wei\u00df, dass der war\u00e4gische Gro\u00dff\u00fcrst <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wladimir_der_Heilige\" target=\"_blank\">Wladimir I. Swjatoslawitsch<\/a> 899 in Kiew zum byzantinisch-orthodoxen Christentum konvertierte, weshalb ihn die Russen den Heiligen nennen und in Kiew die Wiege ihrer Nation sehen.<\/p>\n<h3>So weit, so verwirrend<\/h3>\n<p>1240 fiel Kiew, die Goldene Pforte, als letzte gro\u00dfe Stadt im Zuge der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mongolische_Invasion_der_Rus\" target=\"_blank\">mongolischen Invasion der Rus<\/a>, und wurde v\u00f6llig niedergebrannt, das ist auch das Ende des Kiewer Rus. Erst dreihundert Jahre sp\u00e4ter eroberte <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Iwan_der_Schreckliche\" target=\"_blank\">Iwan IV<\/a>, Gro\u00dff\u00fcrst von Moskau, die tatarischen Khanate Kasan und Astrachan und legte damit den Grundstein zum modernen russischen Gro\u00dfreich. Die Geschichte dankte es ihm, indem sie ihn den \u201eSchrecklichen\u201c nannte, wobei die \u00dcbersetzung fehlerhaft ist, denn die Russen nennen ihn <i>groznyj<\/i>, was der \u201eDrohende\u201c, der \u201eStrenge\u201c, \u201eder Furchteinfl\u00f6\u00dfende\u201c bedeutet, wahrscheinlich ist das \u201eschrecklich\u201c ein fr\u00fcher PR-Spin (katholischer) europ\u00e4ischer F\u00fcrstenh\u00f6fe, gegen\u00fcber dem neuen Mitspieler, der noch dazu die \u201efalsche\u201c Religion hatte. However.<\/p>\n<p>Jedenfalls versteht die russische Geschichtsschreibung Moskau seither als legitime Nachfolgerin der Kiever Rus, konsequenterweise nannten sich die Zaren seit Iwan \u201eHerrscher aller Russen\u201c und meinten damit auch Kiew und Minsk, also die Ukraine und Wei\u00dfrussland.<\/p>\n<p>Und Kiew selber? Versank nach dem Tartarensturm in die Mittelm\u00e4ssigkeit und wurde erst eine Provinzstadt der litauischen Gro\u00dff\u00fcrsten und sp\u00e4ter eine ebensolche im K\u00f6nigreich Polen.<\/p>\n<p>Die Polen waren katholisch, die lokalen Ruthenen und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Russinen\" target=\"_blank\">Russinen<\/a> orthodox, das klingt nach \u00c4rger, und so war es auch. Wobei die anti-polnischen Bewegungen nichts von Unabh\u00e4ngigkeit redeten, sondern von der Vereinigung mit dem russischen Mutterland. Das gelang auch unter dem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hetman\" target=\"_blank\">Hetmann<\/a> der Kosaken <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bogdan_Chmelnizki\" target=\"_blank\">Bogdan Chmelnytzkyj<\/a>, dieser besiegte in mehreren Schlachten diverse polnische Heere, meuchelte bei der Gelegenheit auch ein F\u00fcnftel der (damaligen) ukrainischen Juden, um schlie\u00dflich 1654 den Zusammenschluss des neuen Kosakenstaates mit dem russischen Zarenreich zu feiern.<\/p>\n<p>Seither ist Kiew \u201ewieder\u201c russisch, denn Chmelnytzkyj verstand sich als Russe. Von \u201eukrainischem\u201c Nationalismus war da weit und breit noch nichts zu sehen.<\/p>\n<h3>Galizien als Schl\u00fcssel<\/h3>\n<p>Die Habsburgern erbten 1772 das K\u00f6nigreich Galizien, das reichte von Krakau \u00fcber Lemberg bis Ivano-Frankowsk, grosso modo die heutige Westukraine und weite Teile S\u00fcdpolens. Im so genannten <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ausgleich_1867\" target=\"_blank\">Ausgleich\u201c von 1867<\/a> wurde Galizien cisleithanisch und de facto polnisch. (Dass uns \u00d6sterreicher heute die Polen so m\u00f6gen, beruht ja mehrheitlich darauf, dass Polnisch als Sprache (und Kultur) \u00fcber hundert Jahre nur im \u00f6sterreichischen Galizien \u00fcberlebte, die ersten polnischen Lehrb\u00fccher sind ebenso k.u.k.-Erzeugnisse wie das ruthenische aus meiner Bibliotheksaufl\u00f6sung.)<\/p>\n<p>Egal. Die Polen im Westen Galiziens waren deutlich mehr als die Ruthenen im Osten, der polnische Adel beherrschte die Alltagspolitik. Den Ruthenen gefiel das nicht, im Nationalit\u00e4tenstreit des 19. Jahrhunderts bedeutete das, dass sich ruthenische Unabh\u00e4ngigkeitsbestrebungen entwickelten, mit dem Zentrum in Lemberg, diese wurden jetzt auch auf Kiew ausgedehnt. Und jetzt erst entstehen \u2013 vor allem im europ\u00e4ischen Teil der Ukraine, also im \u00f6sterreichischen Ostgalizien \u2013\u00a0 nationale ukrainische Bestrebungen, die einen unabh\u00e4ngigen Staat als Endziel sehen und nicht die gro\u00dfrussische L\u00f6sung einer Vereinigung. Die \u00d6sterreicher f\u00f6rderten, schon aus anti-russischen \u00dcberlegungen, die Entstehung einer autochthonen \u201ekleinrussischen\u201c Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung. So gab es im Ersten Weltkrieg sogar einen offiziellen Kronpr\u00e4tendenten f\u00fcr ein nach dem (m\u00f6glichst gewonnenen) Krieg zu gr\u00fcndendes unabh\u00e4ngiges K\u00f6nigreich Ukraine, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wilhelm_Franz_von_Habsburg-Lothringen\" target=\"_blank\">Wilhelm von Habsburg-Lothringen<\/a>.<\/p>\n<p>Was es so alles gab, in der Geschichte, wirklich erstaunlich.<\/p>\n<h3>Geschichte ist noch viel erstaunlicher<\/h3>\n<p>1917, nach der Russischen Revolution, entstand ein eigenst\u00e4ndiger\u00a0<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ukrainische_Volksrepublik\" target=\"_blank\">ukrainischer Staat<\/a> mit Kiew als Hauptstadt. Ein Jahr sp\u00e4ter, mit dem Zerfall der Donaumonarchie, zerfiel auch Galizien, der Westteil wurde polnisch, das Gebiet um Lemberg schloss sich noch 1918 dem neuen Staat Ukraine an. Doch das Konstrukt h\u00e4lt nicht, im Vertrag von St. Germain geht die Westukraine an Polen, w\u00e4hrend der Ostteil sich unter <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Symon_Wassyljowytsch_Petljura\" target=\"_blank\">Symon Petljura<\/a> noch bis 1920 der Roten Armee widersetzt. Ach ja, bei der Gelegenheit werden von Herrn Petljura bei diversen Pogromen in der unabh\u00e4ngigen Ukraine bis zu 50.000 Juden ermordet.<\/p>\n<p>Die Sowjets f\u00f6rderten die Ukrainisierung der neuen Sowjetrepublik, allerdings im Gro\u00dfrussischen Sinn, der die Einheit zwischen Schwarzrussen (Moskau), Wei\u00dfrussen (Minsk) und Rotrussen (Kiew) in einem einzigen Herrschaftsgebiet postuliert. (Das mit den Farben stammt aus dem Mittelalter. Im byzantinisch-griechischen Verst\u00e4ndnis war Kleinrussland das Gebiet um Kiew, Gro\u00dfrussland alles andere). Jedenfalls bekam die Ukraine erst unter den Sowjets eine eigene staatliche Struktur und eine einheitliche Staatssprache und -schrift. Dass heute in der Ukraine in allen bis auf zwei der <i>Oblasti<\/i> mehrheitlich Ukrainisch gesprochen wird, verdankt die Ukraine den Sowjets mindestens ebenso wie dem Vorg\u00e4nger von Janukowitsch, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Juschtschenko\" target=\"_blank\">Viktor Juschtschenko<\/a>, der w\u00e4hrend seiner Amtszeit die Verbreitung des Ukranischen sehr vorantrieb.<\/p>\n<p>Im Zweiten Weltkrieg kamen dann die Deutschen, komplett mit Pl\u00e4nen f\u00fcr einen ukrainischen Vasallenstaat. Noch vor dem Einmarsch regul\u00e4rer deutscher Truppen im August 1941 rief <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stepan_Bandera\" target=\"_blank\">Stepan Bandera<\/a> in Lemberg eine unabh\u00e4ngige Republik Ukraine aus und massakrierte zur Feier des Tages 7000 Menschen, meist Juden oder Kommunisten (oder beides). Die Deutschen nahmen wenig sp\u00e4ter Kiew ein und \u2013 erraten: massakrierten aus diesem Anlass 30.000 Juden in <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Babi_Yar\" target=\"_blank\">Babi Yar<\/a>. Stepan Bandera steckten sie zuerst ins Lager, denn eine unabh\u00e4ngige Ukraine stand nicht auf ihrem Programm, sp\u00e4ter organisierte Bandera f\u00fcr die Deutschen den antisowjetischen Partisanenkampf. W\u00e4hrend Bandera 1946 nach M\u00fcnchen floh, gingen die Partisanenk\u00e4mpfe bis in die F\u00fcnfzigerjahre weiter. (Bandera wurde \u00fcbrigens 1959 im M\u00fcnchen von KGB-Agenten auf offener Strasse ermordet.)<\/p>\n<h3>Zuletzt gab&#8217;s noch die Krim<\/h3>\n<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stalin\" target=\"_blank\">Stalin<\/a> gab der Ukraine, vielleicht als Ausgleich f\u00fcr erlittenes Unbill, nach dem zweiten Weltkrieg das Gebiet um Lemberg zur\u00fcck, das er den Polen wegnahm, sowie die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karpatoukraine\" target=\"_blank\">Karpatoukraine<\/a>, die er von der Tschechoslowakei abtrennte. Sein Nachfolger <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chruschtschow\" target=\"_blank\">Chruschtschow<\/a> schenkte Kiew 1954 auch noch die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Krim\" target=\"_blank\">Krim<\/a>, die bis dahin zur russischen SSR geh\u00f6rt hatte, zum Anlass des 300-Jahre Jubil\u00e4ums der Unterzeichnung des Vertrages von Jaroslawl (Sie erinnern sich: Kosakenhetman Chmelnytzkyj, Anschluss an Moskau). Warum genau, wei\u00df man bis heute nicht, vielleicht, weil Chruschtschow selber aus der Ukraine stammte, allerdings aus dem auch heute noch mehrheitlich russischen Donez. Vielleicht auch, weil es ja egal war, schlie\u00dflich war ja alles Teil der Gro\u00dfen Union der Sozialistischen Republiken. Bei diesem feierlichen Anlass wurden \u00fcbrigens keine Juden massakriert. Und auch eine unabh\u00e4ngige Ukraine war kein Thema.<\/p>\n<p>Und dennoch gibt es diese Ukraine heute, f\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter. Man muss wirklich bewundern, mit welcher Zielstrebigkeit und welchem Einsatz die diversen exilukrainischen Organisationen, von M\u00fcnchen bis Kanada, von Lemberg ausgehend, anl\u00e4sslich des Zerfalls der Gro\u00dfen Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken die Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine betrieben und tats\u00e4chlich erreichten.<\/p>\n<p>Ich behaupte ja, dass diese Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine den Russen bei der Aufl\u00f6sung der Sowjetunion einfach passiert ist, aus Unaufmerksamkeit oder sonst was, und dass die russische Au\u00dfenpolitik, nachdem sie sich von dem Schock erholt hat, seitdem alles tut, dieses Hoppala zu korrigieren.<\/p>\n<p>Wladimir Putin, der Neue Zar in Moskau, kann gar nicht anders, als alles in seiner Macht stehende zu tun, diese Unabh\u00e4ngigkeit r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen.<\/p>\n<p>Schon das Zarentum sah sich als Herrscher aller Russen, nicht umsonst nannte es sich <i>Wse Rossijskaja Imperija<\/i><i>,<\/i> All-Russisches Imperium. Im <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Panslawismus\" target=\"_blank\">Panslawismus<\/a> erhob man sogar den F\u00fchrungsanspruch auf alle slawischen Nationen. Die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sowjetunion\" target=\"_blank\">Sowjetunion<\/a> \u00fcbernahm diesen Anspruch nahtlos; Putin, der nicht umsonst den Zusammenbruch der UdSSR eine politische Katastrophe nennt, sieht sich als legitimer Erbe dieses Anspruchs. Ob bei seiner bl\u00f6den Zollunion, oder was auch immer f\u00fcr ein Euphemismus f\u00fcr Russischen Imperialismus da verwendet wird, also ob bei der geplanten Zollunion Armenien dabei ist oder Kasachstan, kann ihm relativ egal sein, aber wenn die Ukraine nicht mitmacht, hat er seinen legitimen Anspruch als der Herrscher <i>aller<\/i> Russen verspielt.<\/p>\n<p>Daher geht es jetzt in der Ukraine um die ganz fundamentale Frage: Ist dieser Jahrhunderte alte Herrschaftsanspruch, den Iwan der Schreckliche als Nachfolger der Kiever Rus erhob, der die Au\u00dfenpolitik des Zarenreiches grundlegend pr\u00e4gte, und der nach dessen Zerfall nahtlos von der Sowjetunion \u00fcbernommen wurde, und nach deren Zerfall von Wladimir Putin, hier und heute noch aufrecht zu halten, oder hat es V\u00e4terchen Wladimir tats\u00e4chlich vergeigt?<\/p>\n<h3>Unappetitliche Mitreisende<\/h3>\n<p>Bevor jetzt aber alle Europ\u00e4er in euphorischen Jubel ausbrechen, weil in Kiew gerade die Guten siegen, sollten wir uns bewusst sein, dass da eine Reihe von eher unappetitlichen Mitreisenden mit im Zug sitzen, etwa die \u201eAllukrainische Union \u2013 Svoboda\u201c (Freiheit), eine in der Rada vertretene offen rechtsnationale Partei, oder der so genannte \u201eRechte Sektor\u201c, eine lose Vereinigung von Wehrsportgruppen und Fussball-Ultras. (Wobei man auch vorsichtig sein sollte, was da von der russischen Agitprop verbreitet wird und was tats\u00e4chlich stimmt.)<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat es mir missfallen, dass der Nationalist und Sieger der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Orange_Revolution\" target=\"_blank\">orangen Revolution<\/a>, Viktor Juschtschenko, 2005 am Grab von Symon Petljura am Pariser Friedhof Montparnasse Blumen niedergelegt hat, demonstrativ und in Begleitung seiner Frau und eines Rudels Photographen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat es mir missfallen, dass Anh\u00e4nger des Fu\u00dfballklubs Karpaty Lwiw zur Fu\u00dfball-Europameisterschaft ein Riesentransparent von Bandera in die H\u00f6he hielten. (Bandera hat im westukrainischen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ternopil\">Ternopil<\/a> sogar ein eigenes Denkmal.)<\/p>\n<p>Selbst Wilhelm Franz Habsburg-Lothringen, der ex-Thronpr\u00e4tendent, r\u00fcckte in sp\u00e4teren Jahren immer deutlicher in die N\u00e4he des Antisemitismus, bevor er im August 1947 am Wiener S\u00fcdbahnhof von den Sowjets entf\u00fchrt und nach Kiew verschleppt wurde, wo er zwei Jahre sp\u00e4ter im Gulag starb. (Daf\u00fcr wird heute auch Erzherzog Wilhelm Franz in der Ukraine als Held verehrt \u2013 nur wir \u00d6sterreicher wissen halt nix mehr von der Weltgeschichte.)<\/p>\n<p>Auch habe ich zur Kenntnis genommen, dass der russische Erbfeind Polen in der Ukraine derzeit laufend Sympatiepunkte sammelt. OK, erstens wollen die Ukrainer im Moment das Gro\u00dfrussische ja eher nicht, zweitens k\u00f6nnen sie im benachbarten Polen erste Reihe fu\u00dffrei zusehen, was es bringt, Mitglied der EU und des kapitalistischen Westens zu werden, und drittens hat Polens Au\u00dfenminister Radek <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rados%C5%82aw_Sikorski\">Sikorski<\/a> in den letzten Wochen, zusammen mit Frank Walter Steinmeier, seinem deutschen Amtskollegen, einen wirklich erstklassigen Job gemacht. Dennoch: Nachdem sich Ruthenen und Polen sowie Litauer in den letzten vierhundert Jahren eigentlich nur in der Wolle gelegen sind, quer durch Galizien, die Bukowina und Wolhynien, ist es derzeit schon erstaunlich, was das \u201eFriedensprojekt EU\u201c alles zuwege bringen kann. Das sollten wir, bei aller Kritik gegen\u00fcber Br\u00fcssel, nicht vergessen.<\/p>\n<p>Aber noch ist nicht aller Tage Abend. Noch kann V\u00e4terchen Putin ein Ass aus dem \u00c4rmel ziehen, das wir uns nicht erwarten oder von dem wir noch nix nichts wissen. Und noch kann, was viel wahrscheinlicher ist, sich die Ukraine selbst ins Bein schie\u00dfen und es irgendwie verschisteln, wie es ihr ja schon nach der orangen Revolution 2004 gelungen ist.<\/p>\n<p>Wir leben in interessanten Zeiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich zehn Jahre alt war, wurde mein Vater nach Genf in der Schweiz versetzt. Wir fanden ein Haus in einer Anlage von neu erbauten Einfamilienh\u00e4usern; ich, bisher eine Altbauwohnung im achten Wiener Gemeindebezirk gewohnt, war hin und weg ob so viel Platz und Garten und Gr\u00fcn und Weite. Unsere direkten Nachbarn waren Kanadier, mit &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/weblog.igler.at\/?p=317\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eWieso der ukrainische Nationalismus eine Erfindung der k.u.k Monarchie ist und andere \u00dcberlegungen zur derzeitigen Situation\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-317","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/317","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=317"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/317\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=317"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=317"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=317"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}