{"id":30,"date":"2009-06-05T23:06:04","date_gmt":"2009-06-05T21:06:04","guid":{"rendered":"http:\/\/weblog.igler.at\/?p=10"},"modified":"2009-06-05T23:06:04","modified_gmt":"2009-06-05T21:06:04","slug":"abfahrt-22-uhr-22-oder-i-dont-work-here","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/weblog.igler.at\/?p=30","title":{"rendered":"Abfahrt 22 Uhr 22 oder I don\u2019t work here \u2026"},"content":{"rendered":"<p>Und es begab sich, dass ich von Split nach Wien mit der Bahn fuhr.<\/p>\n<p>An sich bin ich ja ein romantischer Mensch und liebe es, Eisenbahn zu fahren. Aber mit dem Auto schaffe ich die Strecke Split-Wien in sieben Stunden, ohne gegen die StVO zu versto\u00dfen, w\u00e4hrend das mit der Eisenbahn \u2013 schladagonk, schladagonk \u2013 stolze sechzehn Stunden von Split bis Wien (oder auch umgekehrt) dauert. Es muss also schon ein besonderer Grund vorliegen, um mit der Eisenbahn fahren zu wollen.<\/p>\n<p>Den gab\u2019s auch, in Form eines direkten Kurswagens, Auto-im-Reisezug eingeschlossen. Den gibt es seit heuer neu, einmal pro Woche und jeweils f\u00fcr den Nachtzug, und auch nur w\u00e4hrend des Sommersaison. Aber es gibt ihn eben, da steigt man in Split ein und in Wien wieder aus, und so gesehen ist das sehr kommod. Und weil ich das Triumph-Monster nach Wien bringen wollte, um es dort zu verkaufen, auf der anderen Seite aber keine Lust auf sieben Stunden Dosenbahn per Motorrad hatte, kam die Sache mit dem Kraftrad im Reisezug wunderbar zupass.<\/p>\n<p>Nun ist die Sache mit der Eisenbahn in Split eine ganz einfache. N\u00e4mlich die, dass es zu Kaisers Zeiten eine Reihe von Eisenbahnlinien von Split weg gab, in alle nur erdenklichen Richtungen, aber irgendwie hat die alle die Geschichte hinweggefegt. Die letzte, die so dahingerafft wurde, war die Verbindung Split-Sarajewo, \u00fcber die vor dem letzten Krieg \u2013 aber das schenken wir uns hier. Jedenfalls gibt es heute eine einzige Bahnverbindung, die von Split weg f\u00fchrt, und die geht nach Agram. Will heissen: Egal, in welchen Zug Du auf dem Bahnhof Split steigst, er f\u00e4hrt immer in dieselbe Richtung, und am anderen Ende ist Agram. Immer. Versprochen.<\/p>\n<p>Konsequenterweise gibt es denn vier Z\u00fcge, zwei hinauf und die anderen zwei wieder herunter, einer f\u00e4hrt in der Fr\u00fch weg und tschundert \u00fcber Velebit und Kapela tags\u00fcber in atemberaubender Geschwindigkeit, der andere f\u00e4hrt am Abend und tschundert halt durch die Nacht. Aber sonst ist die Sache einfach, schlicht und \u00fcbersichtlich, und der ganze Fahrplan f\u00fcr Split passt auf eine Postkarte.<\/p>\n<p>Das mit dem Auto im Reisezug gab\u2019s schon immer, nach Agram n\u00e4mlich, und fr\u00fcher\u2122, als es noch keine Autobahn gab und man sich quer durch die Krajina und \u00fcber das Gebirge nach Karlstadt qu\u00e4len musste, war das eine echte Alternative, vor allem im Winter, denn da kann es auf dem Velebit und bei den Plitvitzer Seen ordentlich Schneeverwehungen geben.\u00a0 So nahm man den Nachtzug nach Agram, und lud das Auto dazu, und am n\u00e4chsten Tag fuhr man den Rest. Aber jetzt gibt es, wie gesagt, eine durchgehende Autobahn, komplett mit zwei feinen Tunnel unter dem Gebirge, und damit kam das mit der Eisenbahn irgendwie aus der Mode.<\/p>\n<p>Au\u00dfer, wie gesagt, es ist Sommer und Sonntagabend, weil da steht dann seit heuer ein Kurswagen direkt nach Wien, das ist dann schon wieder eine Alternative.<\/p>\n<p>So Kurswagen sind \u00fcberhaupt eine feine Sache. Also gibt es \u2013 neben dem nach Wien \u2013 auch einen nach Prag, und dann auch noch einen nach Budapest. Wobei vielleicht noch erw\u00e4hnt werden sollte, dass alle diese Kurswagen Liege- oder Schlafwagen sind. Wer keine entsprechende Reservierung hat, steigt in den normalen Zug und steigt am n\u00e4chsten Tag \u2013 w\u00e4hrend unsereins im Kurswagen entspannt am Polster horcht \u2013 um halb sechs Uhr fr\u00fch leicht ferngesteuert in Agram aus, um anschlie\u00dfend zu den jeweiligen Z\u00fcge nach Wien, Prag oder Budapest zu wanken. Aber das sind schon die einzigen Varianten eines ansonst einfachen Fahrplans. Und so ist die kroatische Eisenbahnwelt einfach und \u00fcbersichtlich und nicht wirklich mit Orientierungsschwierigkeiten verbunden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt\u2019s das alles nur im Sommer, aber davon gehen wir ja aus. Im September ist dann wieder Schluss, aber ich fuhr im August, und da war echt was los. In Wirklichkeit ist da so viel los, dass die beiden Z\u00fcge nach Agram doppelt gef\u00fchrt werden, in Abst\u00e4nden nat\u00fcrlich. Also zwei in der Fr\u00fch und zwei am Abend. Das macht die Sache aber noch immer nicht wirklich un\u00fcbersichtlich. Es gibt dann halt zwei Nachtz\u00fcge nach Agram, der eine kommt um halb vier in der Fr\u00fch an und der andere um halb sechs, das macht nat\u00fcrlich einen Unterschied, aber nur f\u00fcr die Bequemlichkeit. Weiter fahren kann man auch von Agram erst, wenn beide Z\u00fcge aus Split angekommen sind. Und so gesehen ist es eigentlich v\u00f6llig wurscht, in welchen Zug man steigt. Au\u00dfer nat\u00fcrlich man will den Kurswagen nach Prag, der f\u00e4hrt um halb neun am Abend, w\u00e4hrend die Kurswagen nach Budapest und Wien an dem um halb elf am Abend dran h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Das mit der \u00dcbersichtlichkeit gewinnt \u00fcberdies noch, indem dass der Bahnhof Split nicht so aussieht wie der Gare de l\u2019Est oder Waterloo Station, sondern ein winzigkleiner k. &amp; k.-Bahnhof ist, mit zwei Perrons und vier Geleisen. Das hat was damit zu tun, dass man dereinst, zu Kaisers Zeiten, den Bahnhof im Stadthafen haben wollte, damit es sich leichter auf die F\u00e4hren auf die vielen Inseln umsteigen lie\u00df. Das ist auch heute noch so. So liegt eigentlich der ganze Bahnhof Split im Norden der Stadt, komplett mit Abstellgeleisen und Frachtabfertigung und Rangierlokomotiven, anschlie\u00dfend gibt\u2019s einen langen Tunnel unter der Altstadt durch, und dann ist man im Personenbahnhof, der in Wirklichkeit nur einem einzigen Zug Platz bietet. Aber da, wie gesagt, nur jeweils in der Fr\u00fch und am Abend einer kommt und wieder f\u00e4hrt, geht sich das alles seit Jahren und zur allseitigen Zufriedenheit bestens aus.<\/p>\n<p>Und so sa\u00df ich an besagtem Sonntag Abend entspannt auf den Stufen der T\u00fcr zu unserem Liegewagen nach Wien und beobachtete den Zug der Reisenden, der aus dem Bahnhof heraus auf den Perron und zum Zug str\u00f6mte. Bis zur Abfahrt war es noch eine gute halbe Stunde und ich war mit mir und meiner Entscheidung sowie der Welt im Allgemeinen zufrieden und im Einklang.<\/p>\n<p>Dann kam die erste Rucksackmaus.<\/p>\n<p>\u201eDo you work here?\u201c kam es etwas versch\u00fcchtert.<\/p>\n<p>\u201eDo I look like it?\u201c Es tut mir leid, aber an so einer Steilvorlage kann man nicht einfach vor\u00fcbergehen. Anschlie\u00dfend war ich so nett und fragte, was sie denn wissen wolle.<\/p>\n<p>Ob dass der Zug nach Budapest sei?<\/p>\n<p>\u201eWell, it goes to Zagreb, where you\u2019ll have to change for the one to Budapest.\u201c<\/p>\n<p>\u201eBut I was told there\u2019s a direct connection.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDo you have a reservation?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNo.\u201c<\/p>\n<p>Tja, Schatzi \u2013 wenn kein Liegeplatz, dann in Agram ferngesteuert um halb sechs \u2026 aber das hatten wir ja schon. Die Rucksackmaus schaut mich verst\u00f6rt und etwas feindselig an.<\/p>\n<p>Ich hab\u2019 doch gesagt, dass ich hier nicht hackel \u2013 was gehen mich die Marketingschm\u00e4hs der kroatischen Eisenbahnen an, oder die des Fremdenverkehrsverbandes, was wei\u00df ich. Dann versuche ich zu erkl\u00e4ren, was ein Kurswagen ist.<\/p>\n<p>Da kommt schon die N\u00e4chste. Die h\u00e4lt sich erst gar nicht mit Preliminarien auf, sondern fragt gleich erbost \u201eWhere\u2019s the train to Prague?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDo you see any other?\u201c Nein, Sarkasmus ist jetzt nicht gut. Da war die Antwort aber schon drau\u00dfen. Wenn Blicke t\u00f6ten k\u00f6nnten, w\u00e4re ich jetzt tot.<br \/>\nIch h\u00e4tte den Mund halten sollen. Oder mich nicht auf die Stufen setzen sollen. Aber dann w\u00fcrden die jetzt alle durch den Liegewagen str\u00f6men, wahrscheinlich. Naja, egal, nu isses passiert.<\/p>\n<p>Da kommt noch eine, diesmal mit einem Handtaschltr\u00e4ger im Schlepptau, muskul\u00f6s und braungebrannt. F\u00fcr die Kommunikation ist er offenbar nicht zust\u00e4ndig, aber immerhin tr\u00e4gt er den Rucksack. Und dann die obligate Frage, ob das der Zug nach Budapest \u2026<\/p>\n<p>\u201eListen, luvvie \u2013 there is only one train, wherever\u00a0 you\u2019re going \u2026\u201c Luvvie schaut so b\u00f6se, dass ich mir denk\u2019, jetzt haut mich gleich der Handtaschltr\u00e4ger \u2026 aber offenbar h\u00e4lt sie mich nur f\u00fcr einen Trottel und geht, nachdem sie mich mitleidig von oben bis unten gemustert hat, nach links wieder ab.<\/p>\n<p>Nach f\u00fcnf Minuten kommt sie wieder, und wo denn nun wirklich der Zug nach Budapest \u2026 \u201e\u2019cause this one\u2019s only going to Zagreb \u2026 \u201c Tja, Schatzi \u2026 und was soll ich da jetzt machen? Wie soll ich in den zehn Minuten bis zur Abfahrt die \u2013 na, sch\u00e4tzen wir mal freundlich \u2013 dreiundzwanzig Lebensjahre korrigieren? Oder was genau war jetzt das Problem?<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste ist ein Mann und daher noch d\u00fcmmer, obwohl man dies fast nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte. Ob das der \u201etrain to Zagreb\u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eCan you read?\u201c Ich zeige auf die Tafel, vor der er steht. Elektronisch, wir sind ja nicht in Hintertupfing. Und da steht schlie\u00dflich: Zagreb, odlazak 22.22 h. Selbst wenn man nicht wei\u00df, dass odlazak Abfahrt hei\u00dft, ist das meiner Ansicht nach eine glasklare Ansage. Ich meine, auf einem Bahnsteig \u2026 vor einem einzigen Zug \u2026 w\u00fcrden Sie das jetzt f\u00fcr den Autobus nach Dubrovnik halten, wenn Sie das gelesen h\u00e4tten?<\/p>\n<p>Na also. Aber Mausimann h\u00e4lt mich jetzt f\u00fcr einen dieser endlos arroganten Kontinentaleurop\u00e4er, und sicher wird er sich dar\u00fcber zu hause lautstark beschweren. \u201eHow rude some of those people \u2026\u201c Ich h\u00e4tte noch viel unfreundlicher sein k\u00f6nnen, Liebling, ich war nur gerade noch so friedlich \u2026 zu sp\u00e4t. Schon ist er angefressen abgerauscht.<\/p>\n<p>Und so kann dich in knapp zwanzig Minuten bis zur Abfahrt an einem lauen Sonntagabend im Sommer in Split der Menschheit ganzer Jammer anspringen, ansatzlos und \u00fcberw\u00e4ltigend.<\/p>\n<p>Schluchz.<\/p>\n<p>Den Vogel schoss einer ab \u2013 dem Tonfall nach war\u2019s irgendein Ami \u2013 der sich beschwerte, auf dem Fahrplan st\u00fcnde Gleis zwei, und dies sei aber Gleis drei, und was denn jetzt richtig w\u00e4re \u2026 Friedrich, mein Gescho\u00df \u2026 aber da springt der Minutenzeiger der Uhr auf 22, vorne wird gepfiffen, hinten wird zur\u00fcckgepfiffen, aus verschiedenen Waggons winken verschiedene Schaffner, die Lokomotive pfeift lang und laut, einen Viertelton zu tief \u2013 und wir fahren, endlich.<\/p>\n<p>Fazit: Das n\u00e4chste Mal setz\u2019 ich mich woanders hin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An einem lauen Sonntagabend im Sommer in Split auf dem Bahnhof kann dich in knapp zwanzig Minuten bis zur Abfahrt der Menschheit ganzer Jammer anspringen, ansatzlos und \u00fcberw\u00e4ltigend.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-30","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichten-aus-dem-alltag"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=30"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=30"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=30"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weblog.igler.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=30"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}