{"id":120,"date":"2011-10-08T13:02:25","date_gmt":"2011-10-08T13:02:25","guid":{"rendered":"http:\/\/weblog.igler.at\/blog\/?p=120"},"modified":"2011-10-08T13:02:25","modified_gmt":"2011-10-08T13:02:25","slug":"die-regierenden-sind-zu-alt-oder-warum-das-mit-den-piraten-nicht-so-ist-wie-es-die-meisten-sehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/weblog.igler.at\/?p=120","title":{"rendered":"Die Regierenden sind zu alt oder Warum es nicht reichen wird, nur dagegen zu sein"},"content":{"rendered":"<p>K\u00f6nnen Sie sich noch erinnern, als die Gr\u00fcnen zum ersten Mal in ein Landesparlament einzogen? Es war 1979, vor genau 32 Jahren, da schaffte sie es in Bremen erstmals in eine Legislative.<\/p>\n<p>Die m\u00fcssen sich damals \u00e4hnlich gef\u00fchlt haben wie die Jungs von der Piratenpartei, die unl\u00e4ngst in Berlin staunend und mit gro\u00dfen, aufgeregten Kinderaugen durch das Rote Rathaus gingen, in dem sie jetzt Sitz und Stimme haben.<\/p>\n<p>Mittlerweile hat es der einst Bullen verpr\u00fcgelnde Joschka Fischer ja zum Elder Statesman gebracht, und die Gr\u00fcnen zum langweiligen Politalltag einer etablierten Partei. Die Rolle der Spa\u00dfpartei hat jetzt wer anderer. Und der ist gerade in den Berliner Senat gew\u00e4hlt worden. Paradigmenwechsel erkennt man meist nicht, wenn sie geschehen, sondern sp\u00e4ter, wenn es nicht mehr zu \u00fcbersehen ist. Doch der aufmerksame Gartenzwerg kann schon jetzt das Knistern im Geb\u00e4lk h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Mit dem Tod von Steve Jobs (btw: RIP) ist erst einmal die Generation Garage endg\u00fcltig von Bord gegangen. Sie erinnern sich: Die kalifornischen Stanford-Absolventen Bill Hewlett und David Packard bastelten 1939 einen Tonfrequenzgenerator f\u00fcr Disney in einer Garage in Palo Alto, damit war Silicon Valley geboren, die Garage steht heute noch und ist das Allerheiligste der Nerds dieser Welt: Dort hat es angefangen, der wilde Ritt durch die Technologie, bei der es jedes halbe Jahr einen neuen Durchbruch gab.\u00a0 PC, Handies, Notebooks, Tablets \u2013 denken Sie einmal 32 Jahre zur\u00fcck, dann verstehen Sie sicher, was ich meine. Und diese wilde Entwicklung ist heute erst einmal abgeschlossen.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Revolution wird nicht mehr bei der Hardware, sondern softwareseitig passieren, und bei sich dadurch ergebenden neuen Kulturtechniken, von denen wir heute noch gar nicht wissen, wie sie aussehen und funktionieren werden.<\/p>\n<p>Zwar kursieren Ger\u00fcchte, Steve Jobs habe vor seinem Abgang noch das \u201en\u00e4chste gro\u00dfe Projekt\u201c vorbereitet, einen Fernseher, der unsere Art, Video zu konsumieren, so ver\u00e4ndern soll wie iPod und iTunes es bei Musik geschafft haben, aber ein iTV wird nur mehr die konsequente Weiterf\u00fchrung des Konzepts sein, digitaler zu konsumieren, so wie sich Apple das vorstellt, an den Grundvoraussetzungen wird das nichts mehr \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr wird selbst Microsoft in seiner n\u00e4chsten Inkarnation als Windows 8 nicht mehr tastatur- bzw. mausgesteuert sein, sondern per Touchscreen, und auf allen m\u00f6glichen und unm\u00f6glichen Devices laufen, \u00fcberall dieselbe Oberfl\u00e4che, station\u00e4r oder mobil, wir werden demn\u00e4chst tats\u00e4chlich immer online sein k\u00f6nnen, in realtime, auf Ger\u00e4ten, die wir uns heute nur so ungef\u00e4hr vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ob uns das gefallen wird, ist eine andere Diskussion, die wir jetzt nicht f\u00fchren, mir gef\u00e4llt das ja auch nicht, aber hier geht\u2019s um Grunds\u00e4tzlicheres.<\/p>\n<p>Wo l\u00e4sst der Deutsche Intellektuelle denken? Richtig, bei Tante Zeit. Dort stand, dementsprechend, schon vor zwei Jahren ein kluges Interview &lt;<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2009\/44\/Interview-Piratenpartei\">http:\/\/www.zeit.de\/2009\/44\/Interview-Piratenpartei<\/a>&gt; mit dem damaligen Chef der deutschen Piratenpartei, Jens Seipenbusch, das ich hier schon einmal kommentiert habe (Siehe: Warum das mit den Daten so kompliziert ist).<\/p>\n<p>Da ging es um die Umkehrung des Prinzips \u201eGl\u00e4serner Staatsb\u00fcrger\u201c zum Prinzip \u201eGl\u00e4serner Staat\u201c, was soviel hei\u00dft wie jeder Staatsb\u00fcrger sollte ein Problembewusstsein haben dar\u00fcber, was f\u00fcr Daten \u00fcber ihn gespeichert sind, und wo, und unter welchen Umst\u00e4nden sie vernetzt werden k\u00f6nnen. Und wozu das alles f\u00fchren kann und es schon tut.<\/p>\n<p>Beim n\u00e4chsten Bankbesuch, zum Beispiel, teilt Ihnen Ihr Betreuer mit, man habe Ihren \u00dcberziehungsrahmen deutlich gek\u00fcrzt. Er wird etwas von Krise murmeln und Basel Zwei und dass Kreditrichtlinien jetzt strenger gehandhabt w\u00fcrden. Aber in Wirklichkeit hat eine Software einfach Daten \u00fcber Sie gesammelt. Etwa dass Sie Ihre Stromrechnung immer erst am Stichtag oder ein paar Tage sp\u00e4ter einzahlen (weil da das Mahnprogramm nicht so schnell greift, machen wir doch alle). Daneben wei\u00df die Software noch, dass Sie bei Hofer einkaufen, dass Ihre Leberwerte schlecht sind, dass Sie Steuerschulden haben und dass gegen Sie zwei Mahnklagen laufen. Dass die Steuerschulden ordentlich gestundet sind und dass Sie die Mahnklagen gewinnen werden, weil sie v\u00f6llig ungerechtfertigt sind, wei\u00df es nicht, das Programm, so schlau hat es der Programmierer nicht gemacht. Egal: Es reicht, Sie um eine Risikoklasse h\u00f6her zu stufen, und schon schrumpft der Rahmen.<\/p>\n<p>Solche Programme werden schon eingesetzt. Und auch noch andere, die noch ganz andere Sachen k\u00f6nnen. Und wenn wir nicht schleunigst die Medienkompetenz erwerben, um uns wehren zu k\u00f6nnen, sowie die rechtlichen Voraussetzungen, es auch zu d\u00fcrfen, dann schaut es eher schlecht aus um den b\u00fcrgerlichen Staat so wie wir ihn kennen.<\/p>\n<p>Auch das habe ich hier schon vor zwei Jahren geschrieben: Es ist schon bezeichnend, dass die Gr\u00fcnen, die es immerhin geschafft haben, die \u00d6kologie ins politische Bewusstsein zu bringen, bei IT v\u00f6llig versagen. Sie sind ja in Wirklichkeit nur arrivierte Apo-Opas, die genau so verspie\u00dfern wie alle anderen auch. Oder kennen Sie einen bekennenden Nerd in einer europ\u00e4ischen gr\u00fcnen Partei? Na eben.<\/p>\n<p>Dass sich die Nerds da zu einer eigenen Partei zusammenschlie\u00dfen, ist irgendwie verst\u00e4ndlich, schlie\u00dflich wei\u00df niemand besser als sie, was wirklich abgeht. Dass sie kaum wer tats\u00e4chlich versteht (und sich alle daher am einzigen Programmpunkt, den sie zu verstehen glauben, n\u00e4mlich dem freien Internet, aka Filesharing, aufh\u00e4ngen), steht auf einem anderen Blatt. Ungeschickt, wie Nerds nun einmal sind, bringen sie es auch nur sehr schwer r\u00fcber.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit k\u00f6nnte das jetzt auch der n\u00e4chste Entwicklungsschritt werden. Dereinst wurde der demokratische Diskurs auf der Agora gef\u00fchrt, dann erm\u00f6glichte der Buchdruck ihn \u00fcber geographische Grenzen hinweg, wenngleich nur f\u00fcr eine Elite und Anfangs noch sehr langsam. Dennoch: ohne Buchdruck weder Aufkl\u00e4rung noch b\u00fcrgerlicher Staat.<\/p>\n<p>Heute wird der Diskurs nicht nur ubiquit\u00e4r, sondern auch in realtime und barrierefrei gef\u00fchrt. Ubiquit\u00e4r, weil jederzeit, \u00fcberall und weltweit. Und barrierefrei, weil die Technologie billig und weltweit verf\u00fcgbar ist, wie etwa Mobiltelefone.<\/p>\n<p>Was das bedeuten k\u00f6nnte, haben der arabische Fr\u00fchling ebenso vorgef\u00fchrt wie die soziale Entwicklungen in Schwarzafrika oder die Gr\u00fcne Revolution im Iran. Und schon ist die Gegenbewegung ebenso da, steigen Zensur und Regulation im Internet, nicht nur in totalit\u00e4ren Staaten, sondern auch bei uns, es f\u00e4llt Ihnen nur nicht auf, weil Sie halt kein Nerd sind.<\/p>\n<p>So gesehen sind die Piraten wichtig, v\u00f6llig egal, wie das in Berlin jetzt weitergeht, wie sehr sie unter sich streiten, wie sehr sie erst einmal politisch unbeholfen agieren und alles, was dazu geh\u00f6rt. Und selbstverst\u00e4ndlich haben weder Medien noch Politiker wirklich eine Ahnung, wie sie mit den Neuen umgehen sollen, weil ihnen, wie wir schon festgestellt haben, einfach das Problembewusstsein daf\u00fcr generell fehlt.<\/p>\n<p>Oder, wie es Jens Seipenbusch schon vor zwei Jahren elegant formulierte: \u201eDa muss man einfach realistisch bleiben: Politiker, die jetzt 50, 60, 70 Jahre alt sind, sind weit davon entfernt, diese Problematik \u00fcberhaupt zu durchdenken. Die Regierenden sind zu alt.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00f6nnen Sie sich noch erinnern, als die Gr\u00fcnen zum ersten Mal in ein Landesparlament einzogen? Es war 1979, vor genau 32 Jahren, da schaffte sie es in Bremen erstmals in eine Legislative. 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