Die Inseln unter dem Wind. Eine Reise, ein Besuch und eine Rückkehr.

Wer auch immer den Satz erfand „Neapel sehen und sterben“ hatte keine Ahnung. Nun bin ich schon seit mehreren Stunden hier, und von Sterben keine Spur. Allerdings ist es so heiss, dass das langsam echt eine Alternative wäre.  Der Charme des Bahnhofes ähnelt dem aller Bahnhöfe. Nur an einem Ende der Halle steht ein verrostetes Stützgerüst gegen die Decke gepölzt. „Das Erdbeben, signore … “ zuckt man die Schultern. Welches Erdbeben, will man fragen. Ach, suchen Sie sich eins aus. Diese Leute aus dem Norden …

Ich fahre auf eine Insel ohne Strassen und folgerichtig per Bahn und Schiff. Ich liebe geruhsames Reisen, ich liebe die Bahn und ich finde Schiffsreisen romantisch. Spätestens als ich meinen Rucksack durch die neapolitanische Mittagshitze schleppe, beginne ich an meiner Liebe zu zweifeln. Egal. Der Hafen riecht nach Seetang, Dieselöl und der grossen weiten Welt.

Wonach das Schiff riecht, das uns nach Lipari bringen soll, kann ich beim besten Willen nicht definieren. Einmal in Bewegung, vertreibt der Fahrtwind die interessante Geruchskombination aus hundert Jahre nicht waschen und einem südserbischen Bahnhofspissoir, die kleine Fähre stampft friedlich nach Südwest, vom Vorschiff steigen Fetzen von Essensgerüchen in den Abend und ich bin mit mir selber und der Welt wieder versöhnt.

Anderntags, fünf Uhr früh. Die Nacht war lausig, ich stehe durchfroren an Deck. Ein graulila Dunstschleier liegt über dem Wasser, es herrscht das, was die Franzosen den „kleinen Morgen“ nennen. Kalt, müde, hungrig. Automaten, selbst italienische, brauen einen erbärmlichen Kaffee.

Und dann, schräg rechts, taucht plötzlich eine Insel auf. Ein spitzer schwarzer Kegel, das obere Drittel in eine dichte schwarze Wolke gehüllt, speit orangerotes Licht, kleine Flammenzungen fressen sich in die Wolke. Gleichzeitig beginnen die ersten roten Sonnenreflexe auf tausend kleinen Wellen zu tanzen, flirrendes Licht flutet über den Horizont. Und dann, sozusagen als Krönung der Sache, zucken auch noch Blitze durch die Wolken um den Gipfel, und ferner Donner grollt zu uns  herüber. Gott strafe mich, so war es und ich habe nichts dazu erfunden: Ein Gewitter über Stromboli bei Sonnenaufgang. Der Anblick entschädigt für dreissig Stunden Anreisezeit, Gerüche, Hitze, Kälte und miesen Kaffee. Jawohl, genau hier müssen die Burschen die Oper erfunden haben, anders ist das gar nicht möglich.

Als der Gott Vulkanus seine Esse im Vesuv bei Neapel baute, schüttete er das übrig gebliebene Baumaterial einfach in den Hinterhof. Und dort liegt es heute noch: Sieben winzige, steile Felskegel, die auf halbem Weg zwischen Neapel und Messina aus dem azurblauen Wasser ragen, abseits der restlichen Welt, inmitten des Tyrrhenischen Meeres: Die Aeolischen Inseln, auch Liparische Inseln oder Inseln unter dem Wind genannt. Die Fischer und Matrosen nennen sie die „sette sorelle“, die sieben Schwestern.

Der österreichische Erzherzog Ludwig Salvator, geboren in Mailand, aufgewachsen in Prag, grossherzoglicher Sohn aus der Toscana und Zeit seines kurzen Lebens ruheloser Wanderer auf den sieben Weltmeeren, kam erstmals 1887 hierher. Ursprünglich wollte er ja grossherzoglicher Beamter werden, doch das verwehrte man ihm im Grossherzogtum Toscana, aus innenpolitischen Gründen, die schon damals ziemlich dumm gewesen sein dürften, denn Ludwig Salvator wäre ein ausgezeichneter Beamter geworden. So wurde er Seefahrer, und auf allen seinen Fahrten schrieb er säuberlich alles auf, wie viele Einwohner die und die Insel hätte, wie viele Kinder, wie viel Post jährlich hierher komme und derartiges. Wie gesagt, ein vortrefflicher Beamter.

Eigentlich war der Erzherzog unterwegs nach Ibiza, wo es ihm die Burgen auf Lanzarote angetan hatten, aber es gefiel ihm auf Lipari ausserordentlich gut, also blieb er ein Weilchen. Schliesslich hetzte ihn ja kein Fahrplan. Er blieb und notierte, säuberlich. 1894 erschien in Prag bei Heinrich Mercy ein achtbändiges Werk: „Die Liparischen Inseln“, ohne Autorenvermerk. Je Insel ein Buch, plus ein allgemeines. Jedes Haus, jede Kapelle, jedes Schiff im Hafen säuberlich vermerkt. Im allgemeinen Einführungsband schrieb er: „Der Charakter der Liparoten ist sanft und gutmüthig; vollkommen sicher kann der Fremde unter diesem gefälligen, heiteren, fröhlichen Völkchen, das schnell sein Herz gewinnt, dahinwandern und bald wird es ihm unter den Leuten gefallen und er wird sich wie zu Hause fühlen.“

Ich bleibe nicht auf der Hauptinsel Lipari, sondern fahre weiter nach Alicudi, der letzten und kleinsten der sieben Schwestern, weit draussen im Westen. Ohne Strom, ohne Strassen und Autos, ohne Anlegemole. Wer hier aussteigt, muss über die schwankende Reling in ein kleines Fischerboot klettern, das zwei schweigende Männer vom Ufer herübergerudert haben.

Ebenso schweigend rudern sie wieder zurück. Hinter uns verschwindet das Fährschiff, vor uns steil, menschenleer, windzerfressen, sonnengebrannt, winzigklein: Die Insel. Ausser mir steigt niemand aus. Das hätte mir zu denken geben sollen.

Die Hänge sind mit schmutzigweissen Häusern besprenkelt. Beim Näherkommen sind alle zerfallen, leere Fensterhöhlen starren in den blauen Himmel. Nur unten, wo das Boot jetzt anlegt, sehen ein paar Häuser bewohnt aus.

Die Insel ist vom Ufer an bis zur Spitze des steilen Vulkankegels, rund dreihundert Meter höher, mit winzigkleinen, schmalen Terrassen überzogen. Seit Jahrtausenden haben hier Menschen gewohnt, haben dem steilen, aber fruchtbaren vulkanischen Boden ein karges Lneben abgerungen, haben bis auf den Gipfel, Stein für Stein, mit der Hand Stiegen angelegt und Regenzisternen, haben Terrassen gebaut und Erde in Körben hinaufgeschleppt, um Paradeiser, Ölbäume und Kapern zu ziehen.

Als der Erzherzog hier unter dem freundlichen Völkchen weilte, ernährte die Insel über zweitausend Seelen. Heute leben hier knapp fünfzig.

Die Wege sind mannshoch zugewachsen mit Dornengestrüpp, die Zisternen verfallen und leer, auf den Terrassen steht kniehoch verdorrter wilder Hafer.
Als um die Jahrhundertwende die Dampfschiffe von Messina nach Neapel zu fahren begannen, kamen plötzlich die kleinen Segelschiffe nicht mehr, mit denen die Liparoten ihre Oliven und Kapern verschickten. Gleichzeitig raffte die Ölbaumpest einen Grossteil der Bäume hinweg, eine ökonomische Katastrophe brach über die Inseln herein. In der Dekade bis zum ersten Weltkrieg wanderte so gut wie die gesamte Bevölkerung aus, hier auf Filicudi und drüben auf Alicudi, auf Panarea und Vulcano. Manche nach Argentinien, manche nach Australien, die meisten in die USA.

Toni Umina kommt aus Pipe Creek, Texas, und wenn er mit mir redet, merkt man das auch deutlich. Aber wenn Tony unter den wenigen Männern der Insel sitzt, sieht er aus wie einer der ihren. Er spricht auch noch den Dialekt der Insel, obwohl er schon im Amerika geboren ist; dort hat er ihn von seiner Grossmutter gelernt, die zeitlebens nichts anderes sprechen konnte: Ein wenig Spanisch, ein wenig Arabisch, ein wenig Sizilianisch und ein wenig Napoletanisch, ein paar griechische Worte sind auch dabei, die waren nämlich auch hier, und dazu den weichen, singenden, süditalienischen Tonfall. Wunderschön. Ich verstehe kein Wort.

Tony schon, er übersetzt für mich. Sein Grossvater hat hier noch Haus und Grund besessen, bevor er nach Amerika ausgewandert ist. Als sein Grossvater in New York ankam, erzählt mir Tony am Abend, suchte er das Gold, mit dem in Amerika die Strassen gepflastert sein sollten, so wie man es sich in den schäbigen kleinen Bauernkaten von Alicudi erzählte. Und so kniete nach seiner Ankunft der Grossvater vor dem Laden seines Cousins in Brooklyn fassungslos auf dem Pflaster und konnte es nicht begreifen, dass der Boden hier auch nur Staub und harte Steine war, so wie zu Hause.

Zu Hause war für die Grossmutter, die Tony erzog, immer die alte Heimat. Zu Hause war alles schöner, ärmer, reiner. Also ist Tony heute wieder da, um das alles zu finden. Ausserdem ist Tony Grundstücksmakler, ein ziemlich reicher sogar. Und die alten Gründe, über hundert Jahre völlig wertlos, sind heute plötzlich wieder etwas wert: Reiche Norditaliener kaufen im Süden nur mehr Grundstücke auf, auf denen schon alte –  möglichst verfallene – Häuser stehen. Weil sonst gibt es nämlich keine neuen Baugenehmigungen und Umwidmungen, offiziell zumindest. Im Grundbuch in Messina war Tony auch schon. Die Leute, die dort als Besitzer eingetragen sind, sind fast alle seit mehr als einem halben Jahrhundert tot. Und wem es heute gehört, weiss sowieso niemand. Dio mio, signore, wen kümmert schon Land auf Alicudi …

Tony kümmert das, er wittert ein Geschäft, er vertritt eine Gruppe von 50 oder mehr Kindern von Auswanderern, die alle hier irgendwo noch Landansprüche haben. Die Inselbewohner wittern es auch, und ausserdem ist man hier auf Auswanderer nicht gut zu sprechen. Tony hat lange Listen in Messina kopiert, die Linien in den Gesichtern werden hart, wenn die Männer am Abend in der einzigen taverna miteinander reden, und die Alten haben plötzlich wieder ein erstklassiges Gedächtnis.

Es ist die Welt im kleinen, ein Mikrokosmos, getränkt von Misstrauen, begrenzt vom schmalen Strich zwischen blauem Himmel und blauem Meer, auf dem die Schiffe langsam sichtbar werden, lang bevor sie anlegen. Dort sind auch die Auswanderer verschwunden, vor hundert Jahren, und wieso kommen sie jetzt zurück, zusammen mit anderen Fremden, die auch keiner will?

„Wenn Du hier auf der Insel etwas unternehmen willst,“ sagt Giovanni, der Kaschemmenwirt, Krämer, Postbote und Schiffskartenverkäufer der Insel, „musst du eine Gruppe mit einer ungeraden Zahl bilden. Die Zahl muss unter drei liegen.“ Und dann putzt er ostentativ den Sessel, auf dem ich gerade gesessen bin.

San Bartolomeo ist ein kleiner Weiler, ungefähr eine Wegstunde steil über die Westflanke, knapp unter der Spitze der Insel. Das einzige noch intakte Gebäude ist die Kirche. Das letzte Erdbeben hat die Spitze des Kirchturms grotesk verschoben, das nächste wird ihn wahrscheinlich zum Einsturz bringen. Im verlassenen Pfarrhaus daneben zwei winzige Zimmer, gestampfter Lehmboden, grobe, weiss gekalkte Wände, ein altes Metallbett mit bemaltem Haupt, ein Metallkreuz an der Wand. Ich sitze auf einer halb verfallenen kleinen Steinterrasse und starre auf das Meer hinaus.

Nach drei Tagen fällt mich die Einsamkeit an wie ein Tier. Eigentlich wollte ich ja zwei Wochen bleiben, aber wenn ich hier nicht morgen mit dem Schiff wegkomme, dann werde ich auf der Stelle verrückt.

Das Schiff ist die einzige Verbindung zur Aussenwelt und kommt laut Fahrplan jeden Tag. In Wirklichkeit kommt es, wenn es das Meer zulässt. Oder der Wind. Oder die Götter. „Einmal öfter, dann weniger oft“ sagen die Einheimischen und zucken mit den Schultern. Wen kümmert schon, wann das nächste Schiff kommt. Diejenigen, die hier weg wollten, sind schon lange weg.

Am nächsten Tag kommt kein Schiff. Am übernächsten auch nicht. Und als es dann doch kommt, ist mein Inselkoller schon vorbei.

Ich sitze am Abend unten am Meer und lasse das Dunkel der Nacht langsam auf mich herunterfallen, wie schwarzen Samt. Kein Licht ist zu sehen, nur die Sterne funkeln. Irgendwo spielen Fischer eine Partie Scoppa, ein sizilianisches Kartenspiel mit den Spielfarben des ägyptischen Zigeuner-Tarots: Schwerter, Stäbe, Kelche und Taler. Der Wind weht Sprachfetzen durch die Nacht, über allem das Rauschen des Meeres. Immer rauscht das Meer, es gibt auf der ganzen Insel keinen Ort, an dem man das Meer nicht hört.

„Salute“, sagt Tony und schiebt mir ein Glas mit Rotwein zu.

Mugello oder Wie man Motorrad fährt, ohne Motorrad zu fahren.

Und es begab sich, dass die beste aller Ehefrauen in Zürich zu tun hatte, und ich sollte sie begleiten. Genauer gesagt in Olten. (Was ist Olten? Die grösste Stadt in Solothurn, aber nicht die Hauptstadt. Was ist Solothurn? Ein Kanton, Soleure auf Französisch. Wie bitte? Vergiss es – Olten ist ein Kaff in der deutschen Schweiz.) Jedenfalls hatten wir dafür sechs Tage Zeit, denn man kam, um Haus und Katzen auf der Insel zu hüten, also zogen wir aus von Split in die Schweiz.

Leider bedeutet das in Wirklichkeit rund 3000 km, also nahmen wir das Dieselschlachtschiff, obwohl wir uns schon auch ernsthaft die Triumph überlegt hatten. Aber wer von Split nach Olten und zurück fährt, macht jede Menge Meter auf der Dosenbahn, einspurig wurde mir das glatt verweigert.

Passt schon, so scharf wär’ ich eh’ auch nicht drauf gewesen. Außerdem hat das Schlachtschiff einen Tempomat. Aber immerhin hatten wir sechs Tage für die Angelegenheit vorgesehen; heißt zwei Tage Hardcore Meter und Geschäftliches machen, und vier Tage bummeln.

So viel Autobahn ist auch mit dem Dieselschlachtschiff nicht aufregend, umso mehr, als es immer dieselbe Strecke ist, die wir fahren. Also machen wir jetzt endlich das, was wir uns schon seit drei Jahren vornehmen, nämlich „Irgendwann, wenn wir einmal Zeit haben, fahren wir da schon in Kroatien quer ab durchs Gebüsch“ … jetzt haben wir Zeit. Also biegen wir nördlich des Velebit scharf links ab, um uns quer durch die Gegend nach Rijeka zu schlagen.

Auf den ersten Blick sieht es aus wie Oberkärnten: Steil, bewaldet und in allen nur erdenklichen Schattierungen von Grün, vom Hellgrün des ganz jungen Laubwald bis zum satten Dunkel der alten Tannenbäume. Zehn Kilometer von der Autobahn ist schon die tiefste slawonische Provinz. Die Landstraße kurvt sanft den Talboden entlang – das wäre jetzt geil auf dem Motorrad. Die Schlaglöcher sind aber auch nicht ohne, und auch die flächigen Frostaufbrüche hinter der engen Kurve, also vielleicht doch wieder nicht. Außerdem sind wir ja sowieso per Schlachtschiff, also was soll’s. Am Straßenrand weiden friedlich Kühe, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern. Es ist höchst malerisch. Dann kommt die Abzweigung.

„Das willst Du fahren?“ fragt die beste aller Ehefrauen entsetzt und meint den steilen Feldweg, in den ich abbiege. Aber ich war hier schon mal, das ist die Regionalstraße nach Bjela Lasica, und wer wird denn gleich so pingelig sein, überall Asphalt zu erwarten.

Der Karstwald nordöstlich von Rijeka hat eine ganz eigene Atmosphäre. Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein Wald bei uns – Nadel- und Laubbäume gemischt, mit dicht bewachsenem Waldboden mir Farnen und Büschen. Doch wenn man genauer hinschaut, merkt man, dass das Terrain darunter Karstfelsen sind, die so wild zerklüftet sind, dass der Wald einen wildromantischen Aspekt bekommt.

Das muss man sich so vorstellen wie die Macchia bei uns im Süden: Selbst wenn Du es schaffst, durch das dichte Dornengestrüpp zu kommen, ist der Boden darunter so zerklüftet, dass Du dir garantiert ein Bein brichst oder zwei Meter über irgend einen Felsvorsprung fällst, den Du unter der dichten Bodenbewachsung erst erkennst, wenn Du ihn gerade herunterpurzelst.

Nur dass es hier echter Wald ist, so ein Hänsel-und-Gretel-Wald, mit wild aufragenden Felswänden und steil abfallenden Klippen mit kleinen Lichtungen, in die von oben einzelne Sonnenstrahlenbündel fallen, in denen dann die Mücken tanzen und die großen Farne ihre seltsamen Wedel schwenken. Riesige Baumstrünke liegen dort, wo sie umgefallen sind, überwachsen von Moos und Büschen. Dort hinten kommt gleich der Böse Wolf ums Eck, und bei der nächsten Weggabelung steht sicher: Schneewittchen, zwei Kilometer links.

Dort stehen dann nur zwei Orte zur Auswahl, die es partout auf der Karte nicht geben will. Also würfeln wir und nehmen die andere Abzweigung. Nach zwei Stunden haben wir dreißig Kilometer gemacht, auf einer Art Forststraße mit tiefen Furchen. Ob ich da mit der Triumph und der besten aller Ehefrauen hinten drauf noch entspannt gefahren … nach einer weiteren halben Stunde senkt sich die Straße merklich abwärts, links und rechts tauchen Felder auf, in denen zwar noch immer riesige Dolinen klaffen, aber wenigstens dazwischen könnte man schon querfeldein gehen. Und dann ist die Strasse wieder asphaltiert, und wir reiten in ein Karstdorf ein. Eigentlich schaut es aus wie in der Untersteiermark, vor dreißig Jahren. Wir sind in drei Stunden knapp 26 Kilometer Luftlinie weiter gekommen. Aber hübsch war’s. Noch zehn, fünfzehn Kilometer kleine kurvige Landstrasse, dann hat sie uns wieder, die Dosenbahn.

Jetzt aber Meter machen, Herbert, es ist schon Nachmittag, und wir sind noch nicht einmal aus Kroatien draussen.

Gesagt, getan. Triest, Palmanova, Portogruaro, wohin fahren wir eigentlich? Ach ja, Olten. Nach meiner ursprünglichen Planung wollte ich bei Vicenca nordwestlich abbiegen und mich über’s Gebirge ins Trento schlagen, dort irgendwo übernachten und am nächsten Tag über den Brenner und unter dem Arlberg hindurch nach Zürich und weiter nach Olten fahren. Nach drei Stunden ist Vicenca, hier zweigt eine Dosenbahn nordwärts ab, die führt bis Thiene, irgendwann soll sie dann weiter nordwärts führen, über den altopiano dei sette commune und dann durch das Gebirgsmassiv hindurch, um dann zwischen Rovereto und Trento in die Brennerautobahn einzumünden. Gab’s da nicht Widerstand? Irgendwie lassen sich ja auch die Italiener nicht mehr alles gefallen. Egal, ich will jetzt nicht politisch korrekt sein, sondern fahren, und wenn schon nicht Motorrad, dann wenigstens noch einen Pass, also biegen wir vorher westwärts nach Schio ab und fahren weiter, Richtung Pasubio.

Obwohl es Mitte Juni ist und daher abends ganz lange hell, ist es hinter Schio schon dunkel, man sollte sich einen Schlafplatz suchen, wenn geht auch was zu Essen. Torrebelvicino heisst es hier, mag sein, aber man sieht nichts davon, verdammt, das ist hier tiefste Provinz, um halb zehn ist alles dunkel und abgesperrt. Ich dachte, in Italien geht man erst nach neun Uhr abends essen? Na ja, in Rom vielleicht, oder in Firenze, aber das hier ist das Trento, hier wohnen die Ladiner, die sind ehrbar und gottesfürchtig und gehen offenbar mit den Hühnern schlafen. Die Strasse führt stetig bergauf, die Häuser in den Dörfern sind aus Stein und dreistöckig, eng stehen sie links und rechts, dunkel und abweisend. Da, rechts – ein Licht, Albergo und Ristaurante, wir sind gerettet.

Wir sind auch die einzigen Gäste, wir bekommen noch eine Extraportion Pasta mit irgendeiner fatte-in-casa-Sauce drüber, con s-peck, aber es schmeckt anständig und wir gehen gleich schlafen. Für den Gutenacht-Tschick muss die beste aller Ehefrauen vor die Tür, wir schweigen gemeinsam die dunkle Dorfstraße hinunter. Minutenlang kommt kein Auto, dann kommen doch die Carabinieri vorbei, in ihrem Fiat. Na bitte, doch Zivilisation. Wir schlafen tief und fest, als wären wir einen Tag lang auf dem Bock gesessen.

Am nächsten Tag kommen wir drauf, dass wir genau unter dem Pasubio sind, dunkel und steil ragt er vor uns in den Himmel. Wir fahren los. Spitzkehre, dann noch eine, dann noch eine, dann noch eine – bei vierzehn höre ich auf zu zählen.

Wenn es jetzt nicht so regnen würde, wäre das nett mit dem Motorrad zu fahren. Heast, das ist steil.

Sooo hoch sind die Berge hier gar nicht, aber dafür die Talsohlen so tief unten. Gerade mal 2352 Meter ist der Pasubio, 2112 der Colsanto, dazwischen zwängt sich die Passstrasse, aber gleich danach senkt sich der Talboden bis auf 350 Meter Meereshöhe, das fällt ganz schön heftig ab. Mitten auf die steilen Flanken sind dann die Bergdörfer geklebt, irgendwie, die Häuser alle aus Stein und mit zwei, drei Stockwerken, schmal, hoch, mit Schieferplatten gedeckt.

Hier war mal eine Grenze. Im ersten Weltkrieg. Oben auf der Passhöhe können sie sich gar nicht einkriegen, vor Gedenktafeln. Weiter unten haben wir einen Weinberg gesehen, der war so steil terrassiert, das man sich dafür abseilen musste. Hier wächst ein feiner Vernatsch, aber wenn Dir die Leseschere runter fällt, fällt sie ziemlich weit. Und in so einem Terrain haben sich die Idioten den Stellungskrieg gegeben, haben Saumpfade angelegt, den Berg untertunnelt wie einen Schweizer Käse, haben tonnenschwere Geschütze auf die Gipfel geschleppt, und die Munition auch noch. Über hunderttausend von ihnen hat das alleine im Trento das Leben gekostet, drei lange Jahre, alles für Arsch und Friedrich. Oder für Kaiser und Vaterland. Oder auch vielleicht für Gott und Heimat, kreuzen Sie bitte das entsprechende an.

Oben, am Pass, die bronzene Gedenktafel: Italia! Italia! Italia! Manchmal möchte man an seinen Mitmenschen einfach verzweifeln. Als kleine Rache pinkle ich den Stein an, auf dem die Tafel hängt, aber ich fürchte, das wird nicht helfen.

Noch eine ganze Stunde windet sich das Bergsträsschen die steile Bergflanke entlang, von Piano bis Rovereto, dann sind wir auf 200 Meter Seehöhe und in den Gärten wachsen wieder die Palmen. Und auf der Brennerdosenbahn staut es. Na super. Aber das Schlachtschiff hat ja auch eine Klimaanlage. So lümmeln wir entspannt in den Sitzen und hören B.B. King und Amr Diab. Siehst Du, sagt mein kleiner Mann im linken Ohr, sei froh, dass Du nicht auf dem Bock bist, dann würdest Du jetzt im schwülen Regen zwischen Neumarkt und Bozen auf der Dosenbahn herumstehen und auf den Rosengarten starren.
Ich sag’ jetzt einmal gar nix.

Rings herum gäbe es ja noch eine Reihe von wirklich lockenden Pässen, aber die beste aller Ehefrauen besteht darauf, heute Abend in Olten zu sein, also ist der Rest Routine. Und um sechs am Abend sind wir tatsächlich in Olten.

Von Olten selbst ist wenig zu berichten, außer dass es exakt dort lag, wo wir es erwartet hatten, und auch so aussah. Am Tag darauf ist alles, wofür wir unterwegs sind, erledigt, also können wir entspannt wieder nach Hause bummeln.

Zur Rückfahrt wollte ich unbedingt die Via Mala und den Splügenpass nehmen. Auch hier ist Ladiner Land, nur heißen sie hier Romansche, dafür ist der Baustil ähnlich, es ist nach wie vor alles aus Stein. Chur heißt auf Romansch Cóira und ist die älteste Stadt der Schweiz, wir fahren trotzdem vorbei und biegen bei Bonaduz südwärts ab, in die Via Mala hinein. Die sieht so aus, wie man sie sich vorstellt, mit schroff abfallenden Felsklippen und gletschermilchweißem Wasser, das am Boden der Schlucht tobt. Leider wird die romantische Idylle ein wenig durch die Autobahn gestört, die mittendurch führt. Ich meine, ich fahre ja selber und bin nicht wirklich technophob, aber das hier ist schon heftig. Zumal ja auch noch eine Bundesstrasse durchführt. OK, die Autobahn heißt nur Schnellstrasse, aber die etwas engeren Kurvenradien und die fehlende Standspur ändern nix daran, dass das Ding echt quer durch die Landschaft klotzt. Wäre ich ein lokaler Romanscher, wäre ich ordentlich angefressen. Ich bin aber keiner, und wir nehmen die Bundesstrasse.

Die Schlucht ist übrigens an sich sehr beeindruckend. Und bei Andeer ist sie wieder aus. Das anschließende kleine Quertal heißt Rheinwald, wohl weil hier ums Eck mit Vorder- und Hinterrhein derselbe entspringt. Um den Gole di Rofla herum nach Sufers und zum Ort Splügen. Der ist mit 1450 Meter fast schon so hoch wie der ganze Pasubio vor zwei Tagen, und dennoch führt die kleine Straße von hier südwärts noch einmal achthundert Meter hinauf auf den Splügenpass mit 2115 Meter, links die Suretta, rechts der Piz Tambo, dazwischen der Talschluss, weit jenseits der Baumgrenze, es ist eine einzige riesige Geröllhalde, die hinauf sich die schmale Strasse windet. Zwei Kehren vor dem Pass überholen wir im Regen zwei Radfahrer. Wären die jetzt am Mopped, würde ich mir denken, pfau, harte Hunde. Aber am Fahrrad? Dabei ist das sicher die wesentlich härtere Nummer.

Aber von Logik war ja auch nie die Rede, da hätten wir gleich nach Zürich fliegen können.

Auf der Passhöhe ducken sich zwei kleine Steinhäuser und ein Grenzstein, ein Schranken, die Italiener haben sogar eine Fahne wehen, über den Pass peitscht vom Süden her der Regen in heftigen Böen. Es geht ganz besonders steil abwärts. 800 Höhenmeter in knapp 40 Kilometer, um dem ganzen eine Dimension zu geben. Zweihundert Meter unter dem Pass liegt Montespluga, früher einmal ein nur im Sommer bewirtschaftetes Almdorf. Alles ist aus Stein, kein Baum in Sicht. Seit dreitausend Jahren führt hier ein wichtiger Handelsweg von Chur nach Mailand, Gott muss das hier heroben einsam gewesen sein. Eigentlich ist es ja jetzt noch trostlos, umso mehr als es inzwischen in Strömen regnet. Wir parken uns für einen Kaffee ein und bewundern die herumstehenden Moppeds. Ja ja, es ist Samstag und nach Mailand sind es knapp 100 Kilometer. Warum soll das hier anders sein?

Der Herr vor uns sieht aus wie ein gepflegt-erfolgreicher höherer Manager, alleine die Frisur seiner Beifahrerin hat sicher dreistellig gekostet. Die stopft sich jetzt missmutig die teure Frisur unter den teuren BMW-Klapphelm und klettert auf die teure 1200 GS Adventure zu ihrem ebenso schick wie teuer gestylten Partner, um im strömenden Regen mit (hinter?) ihm bergwärts zu fahren. Ich schätze die beiden so um die Mitte Vierzig, was müssen die sich beweisen? Weil so wie Spaß hat das nicht ausgesehen. Einen Augenblick lang überlege ich mir, ob ich ihnen sagen soll, dass es jenseits des Passes nicht mehr regnet. Aber ich sitze ja in einer Dose, also lass’ ich es bleiben.

Anschließend sind die rund 40 Kilometer die reine Kurvenorgie, die wir uns mit Moppedfahrern in jeder Aufmachung plus ein paar wahnsinnigen Radfahrern teilen, bergab drücken die Jungs mächtig an, ob es auf einem Fahrrad so etwas wie Schissrand gibt? Im Regen? Und es gibt mehr als eine Kurve hier, in der Du nicht hinfallen willst, unter gar keinen Umständen, weder nass noch trocken. Und es wäre nicht wegen der Leitplanken, allenfalls wegen Fehlen derselben. Hab’ ich schon gesagt, dass es steil abwärts geht?

Im Winter muss das hier eine schicke Skigegend sein, so nahe bei Mailand, die Dichte der heftig scheußlichen Appartmentblöcken, auf modern-alpin gequält, nimmt mit abfallender Meereshöhe quadratisch zu. Im Tal, hinter Chiavenna, tritt sogar die lokale Rennleitung auf, aber die winken nur irgendeine dicke Harley vor uns an die Boxen.

Je weiter wir nach unten kommen, desto mehr klart es auf, beim Comer See gibt’s dann wieder Palmen und Sonne. Und eine Autobahn, auf der man nix zahlen muss, den ganzen See entlang bis Lecco. Das sind rund 80 Kilometer, davon rund die Hälfte in Tunnels. Ich hätte lieber was bezahlt und dafür in den Tunnels eine ordentliche Beleuchtung gehabt. Du fährst jedes Mal ins absolute schwarze Loch, soviel illegale 100 Watt Birndln kannst Du gar nicht drin haben in Deinen Scheinwerfern. Von einer Sonnenbrille ganz zu schweigen.

Wir wollen heute noch bis Bologna und dann südlich in den Appenin, also werfen wir uns nach Bergamo und machen wieder einmal Meter auf der Dosenbahn. Brescia, Cremona, Parma, Modena – das klingt wie eine Speisenkarte, bringt uns aber nur bis südlich von Bologna. In Sasso Marconi biegen wir ab ins Gemüse. Wer hat übrigens gewusst, dass Guglielmo Marconi hier ein scheußliches, riesengroßes Mausoleum hat? Wir schütteln uns pflichtgemäß beim Vorbeifahren, dann geht es ab in die Berge.

Irgendwie haben die Idee auch andere gehabt, vor allem Bockfahrer. Diesen Teil des Appenin nennen die Italiener Alpe di San Benedetto, und es gibt viel mehr italienische Bockfahrer, als man sich so vorstellt. Und dass die hier so viele Japsen und Joghurtbecher verkaufen dürfen, hab’ ich mir auch nicht gedacht.

Die Gegend ist lieblich hügelig, zwischen 700 und 1200 Meter, auf den einzelnen Hügeln liegen jeweils kleine Städtchen, die in der untergehenden Sonne in allen Erdfarben leuchten, die man sich nur vorstellen kann, von dunkelrostrot über siena und hellbraun bis gelberdig. Auf einem der kleinen Hügel finden wir, was wir suchen, weil man es uns mehrfach empfohlen hat: Das schicke kleine italienische Landhotel mit Superküche. Als wir in den Hof einfahren, reihen sich die BMW und Mercedes neben den Porsches. What ever happened to Alfa Romeo, von Ferrari oder Maserati ganz zu schweigen? Schließlich sind das hier alles Nummernschilder aus Bologna und Firenze, für das Geld muss es doch hier ganz andere Autos geben als Range Rovers und irgendwelche japanischkoreanischchinesische-SUV-Monstren?

Die beste aller Ehefrauen schaut mich an, ich schaue sie an, dann fahren wir wieder aus dem Hof. Der nächste Ort heißt Loiano, dort steht das Hotel Residence Pineta, ein riesengroßer, etwas altmodischer Kasten, in dem das Doppelzimmer fünfzig Euronen kostet. Wir sind das  einzige Auto auf dem Parkplatz, der Rest sind nur Motorräder, die meisten aus der Gegend, zwei, drei Österreicher, plus der übliche Genierpiefke. Im Ort gibt es einen dicken Wirt namens Benvenuti, der heißt wirklich so und freut sich einen Affen ab, als wir uns auf die Terrasse setzen wollen. Erstens ist es nicht so kalt, zweitens drinnen schon bummvoll, und last but not least will die beste aller Ehefrauen auch vor dem Essen tschicken.

Herr Benvenuti klagt, dass er seit fünf Wochen die Terrasse herausgeräumt hat, „aber keiner will draußen sitzen, es ist zu kalt hier heroben.“ Siebenhundertfünfzig Meter und so weit südlich wie die Côte d’Azur find’ ich ja nicht so berauschend hochalpin, aber Italiener sehen das anders. Ob uns der padrone ein paar lokale paste machen kann, so zum ausprobieren?

Er kann, wir bekommen pro Person vier Probeteller, dann sind wir abgefüllt, noch ein Liter rosso di casa, und während Herr Willkommen die Formen der einzelnen handgemachten Nudeln und ihre Saucen aus Schwammerln und Ruccola und formaggio bianco und wasweissichnochköstliches im Detail erklärt, dösen wir friedlich in den Abend.

Für die Heimkehr erweist sich das Schlachtschiff wieder einmal als enorm nützlich, weil kann nicht umfallen, unter keinen Umständen. Wir schlafen tief und fest und träumen von Schwammerlsaucen und frischem Löwenzahn.

Am nächsten Tag strahlt die Sonne, und ich schwöre, noch nie in meinem Leben auf Nebenstrassen so vielen Motorradfahrern auf einmal begegnet zu sein. Wir zockeln durch die Landschaft, über winzige, kurvenreiche Landstrassen, die sich über unzählige Hügel hinauf und wieder hinunter winden. Zu Mittag landen wir in einem Kaff namens Firenzuola, mit einem quadratischen Renaissanceplatz und einer hochmodernen Betonkirche aus den Fünfzigern, wer weiß, was sich da für eine Geschichte abgespielt hat. Weil es Sonntag Vormittag ist, ist der ganze Ort erstens auf den Beinen und zweitens auf dem Hauptplatz zu finden, tutta la famiglia von der Oma, die im Kaffeehaus mit anderen Omas tratscht, bis hin zu den Kids, die sich im Fußball auf der piazetta üben. Dazwischen werden Neuigkeiten ausgetauscht, das neue Kleid ausgeführt und der mögliche Schwiegersohn begutachtet.

Wir sitzen unter den Arkaden und essen schon wieder, kleine scharfe Dauerwürste und getoastetes Weißbrot mit köstlichen Aufstrichen und einen ebenso köstlichen Salat und irgendwelche handgewuzelten dicken Nudeln „con uovo, signore“ mit ebenfall köstlicher Sauce, und wir wissen schon wieder nicht genau, was es ist, außer dass es garantiert dick macht.

Anschließend gehen wir ein bisserl Kurven fahren, weil bisher hatten wir ja das noch nicht.

Jetzt fliegen die Moppedfahrer wirklich tief: Die gemütlichen Tourenfahrer, der dicke ältere auf dem dicken älteren Bock, der verhinderte Rennfahrer mit dem knackigen Lederarsch, den er vor mir in die Kurve hängt, als gelte es sein Leben. Die Rudelfahrer, die sich einzeln fürchten und daher immer gemeinsam auftreten. Der junge Mann, der sein Mädchen ausführt. Dazwischen alles andere, Guzzis, Ducatis, Cagivas, aber auch Japsen und die allfälligen Bi-Emme-Wu’s, die eine oder andere Buell und Harley. Die leise an Dir vorübertuckernden. Die hemmungslos laut in die Kurven brüllenden. Die die so knapp an Dir vorbeifahren, dass Du dich fast anscheißt. Und schließlich auch die, die einfach auf Deiner Strassenseite aus der Kurve heraus kommen.
Das wir mit keinem dieser Deppen zusammenstossen, grenzt an ein Wunder.

Wer nach Scarperia fährt und glaubt, dort gibt es Schuhe, wird eines besseren belehrt. Die Spezialität des Ortes, lehrt uns unser Führer, sind Messer. Wir sind die Straße von Firenzuola gekommen, über einen Pass, selbstverständlich, den Giogo di Scarperia, der heißt wirklich so, und je näher wir dem Ort kommen, desto mehr Motorräder gibt es.

Die Eingeweihten grinsen schon, aber wir waren keine Eingeweihten, also kamen wir den Hügel herunter von Ponzalla Richtung Scarperia, und dann sahen wir sie: Zehntausend, nein, fünfzehntausend Motorräder, alle sorgsam abgestellt, auf Wiesen, auf Nebenstrassen, in Höfen, auf Gehsteigen und auf Parkplätzen. Und wenn ich sage abgestellt, dann meine ich abgestellt, wenn der Besitzer des Bockes in der Mitte des Parkplatzes wegfahren will, muss er warten, bis die anderen auch wegfahren, weil sonst kommt er an sein Fahrzeug erst gar nicht heran.

Und in der Ferne hörte man es endlich, das dumpfe Dröhnen, das beim Näher kommen immer heller wird, bis es in der Nähe zu einem schrillen Kreischen wird, das alles durchdringt. Weil auf dem Autodromo del Mugello gab es den alljährlichen Motorrad Grand Prix, und ja, der Rossi hat gewonnen, zum achten Mal, wie die Zeitung am nächsten Morgen beim Frühstück erklärt. Das Foto von Rossi nimmt die halbe erste Seite ein, dabei ist der Kerl doch eh’ so ein Zniachtl.

Ich hab’ nicht einmal kurz überlegt, ob ich stehen bleiben soll, angesichts dieser Massen, weil ein paar Wiesen waren auch mit Pkw zugeparkt, fein säuberlich in Reih’ und Glied, das ist ein gesittetes Volk, die Italiener.

Also fuhren wir die fünf Kilometer bis Borgo San Lorenzo und dann die strada statale 302 wieder nordwestwärts, selbstverständlich über einen Pass, den Colle dell’Alpe, Gott strafe mich, so heißt der, und dann noch einen und dann noch einen, bis nach Faenza hinauf.

So weit im Norden fiel dann die Frequenz der einspurigen Kollegen wieder auf die eines normalen Sonntag Nachmittag, im Juni, bei schönem Wetter, in der Toscana, der Emilia Romagna oder den Marche.

Am nächsten Tag ist Montag, und wir schiffen uns am Abend auf die Fähre nach Split ein. Natürlich sind wir viel zu früh da, aber die beste aller Ehefrauen kommt lieber zu früh als zu spät an. Nebenan liegt eine grosse griechische Fähre, nach Patras, und eine ganze Gruppe von griechischen Motorradkollegen, die offenbar alle in Mugello waren, schickt sich an, sich einzuschiffen, und versammelt sich zu diesem Zwecke vor der Laderampe.

Da fachsimpeln zwei, die Lederhose offen bis zum Bauch. Eine mittelalterliche Dame kramt im Seitenkoffer, zwei graumelierte Herren mit Schmerbauch sitzen auf ihren Böcken, rauchen und trinken je eine Dose. Bier, wahrscheinlich, könnte aber auch Cola sein. Mindestens dreißig Weiblein und Männlein scharen sich da, und das Durchschnittsalter liegt deutlich über dreißig, wenn ich das richtig einschätze.

Irgendwie möchte ich mit diesem Rudelreisen nicht assoziiert werden, also bin ich jetzt ganz froh, wieder im Dieseldampfschiff zu sitzen, da fallen wir wenigstens nicht auf. In Wirklichkeit, vermute ich, geht es bei diesen Rudelauftritten überhaupt nur ums Ankommen und Abfahren und den damit verbundenen Rudeleffekt. Weil Kolonnenfahren auf der Dosenbahn kann einfach nicht so witzig sein.

Ach ja: Gegenüber der Abfertigungshalle schon wieder so eine Bronzetafel. Diesmal in die Stützmauer der hier steil ansteigenden Altstadt eingelassen. „Im Angesicht der Heimat“ lese ich da, „für immer von ihr entfernt … nie vergessen … ewige Treue“ da haben sich die Kolonialitaliener verewigt. 1974 steht da als Jahreszahl, nix erster Weltkrieg. Lernen die Deppen denn nie dazu?

Am Abend legen wir endlich nach Split ab.

Fazit: Dreitausend Kilometer, rund eine Woche unterwegs, und dank Klimaanlage eine Sehnenscheidenentzündung im linken Ellenbogen. „Mit dem Motorrad wäre das nicht passiert“, mault mein Bauch. „Mit dem Motorrad hättest Du jetzt mit den Rudelgriechen einen hoch peinlichen Auftritt hinlegen müssen“, erwidert mein kleiner Mann im Ohr.

Derzeit fatsche ich meinen linken Unterarm. Und fahre wieder regelmäßig mit der Triumph einkaufen. Weil da geht ja auch was rein, in die Koffer.

Grundsätzlich führte die Route von Split nördlich über die Dosenbahn bis Ogulin, von dort westwärts durch den nördlichen Karst (Bjela Lasica) bis Rijeka und Triest, dann A4 Mestre – Padua – Vicenca – Passo Plan – Trento – Brenner – Arlberg – Zürich (jaja, und Olten) und retour via Chur – Splügen – Lecco – Bergamo – Brescia – Cremona (A1) – Bologna – quer durchs Gebüsch zwei Tage bis Ancona – Fähre nach Hause (Split).
Bockmässig relevant waren dabei (es empfiehlt sich jeweils der Blick auf Google Earth)
a) die Strecke durch den Karstwald Bjela Lasica nordöstlich von Rijeka,
b) die Strecke Vicenca –Rovereto (vor allem das Stück ab Schio über den Pasubio vom Veneto ins Trentino hinüber,
c) der Splügen, genauer gesagt von Chur (Schweiz) –Via Mala – Splügen Ort & Pass – Chiavenna und den Comer See entlang,
d) und zuletzt die Alpe di San Benedetto, von der Autobahnabfahrt (A1) Sasso Marconi bis Scarperia und dann die SS 302 nordostwärts bis vor Faenza.

Auf allen Strecken hatten wir reichlich einspurigen Verkehr in beide Richtungen, also bitte nicht hauen, wen wer die beschriebenen Strecken schon kennt/gefahren ist.

Abfahrt 22 Uhr 22 oder I don’t work here …

Und es begab sich, dass ich von Split nach Wien mit der Bahn fuhr.

An sich bin ich ja ein romantischer Mensch und liebe es, Eisenbahn zu fahren. Aber mit dem Auto schaffe ich die Strecke Split-Wien in sieben Stunden, ohne gegen die StVO zu verstoßen, während das mit der Eisenbahn – schladagonk, schladagonk – stolze sechzehn Stunden von Split bis Wien (oder auch umgekehrt) dauert. Es muss also schon ein besonderer Grund vorliegen, um mit der Eisenbahn fahren zu wollen.

Den gab’s auch, in Form eines direkten Kurswagens, Auto-im-Reisezug eingeschlossen. Den gibt es seit heuer neu, einmal pro Woche und jeweils für den Nachtzug, und auch nur während des Sommersaison. Aber es gibt ihn eben, da steigt man in Split ein und in Wien wieder aus, und so gesehen ist das sehr kommod. Und weil ich das Triumph-Monster nach Wien bringen wollte, um es dort zu verkaufen, auf der anderen Seite aber keine Lust auf sieben Stunden Dosenbahn per Motorrad hatte, kam die Sache mit dem Kraftrad im Reisezug wunderbar zupass.

Nun ist die Sache mit der Eisenbahn in Split eine ganz einfache. Nämlich die, dass es zu Kaisers Zeiten eine Reihe von Eisenbahnlinien von Split weg gab, in alle nur erdenklichen Richtungen, aber irgendwie hat die alle die Geschichte hinweggefegt. Die letzte, die so dahingerafft wurde, war die Verbindung Split-Sarajewo, über die vor dem letzten Krieg – aber das schenken wir uns hier. Jedenfalls gibt es heute eine einzige Bahnverbindung, die von Split weg führt, und die geht nach Agram. Will heissen: Egal, in welchen Zug Du auf dem Bahnhof Split steigst, er fährt immer in dieselbe Richtung, und am anderen Ende ist Agram. Immer. Versprochen.

Konsequenterweise gibt es denn vier Züge, zwei hinauf und die anderen zwei wieder herunter, einer fährt in der Früh weg und tschundert über Velebit und Kapela tagsüber in atemberaubender Geschwindigkeit, der andere fährt am Abend und tschundert halt durch die Nacht. Aber sonst ist die Sache einfach, schlicht und übersichtlich, und der ganze Fahrplan für Split passt auf eine Postkarte.

Das mit dem Auto im Reisezug gab’s schon immer, nach Agram nämlich, und früher™, als es noch keine Autobahn gab und man sich quer durch die Krajina und über das Gebirge nach Karlstadt quälen musste, war das eine echte Alternative, vor allem im Winter, denn da kann es auf dem Velebit und bei den Plitvitzer Seen ordentlich Schneeverwehungen geben.  So nahm man den Nachtzug nach Agram, und lud das Auto dazu, und am nächsten Tag fuhr man den Rest. Aber jetzt gibt es, wie gesagt, eine durchgehende Autobahn, komplett mit zwei feinen Tunnel unter dem Gebirge, und damit kam das mit der Eisenbahn irgendwie aus der Mode.

Außer, wie gesagt, es ist Sommer und Sonntagabend, weil da steht dann seit heuer ein Kurswagen direkt nach Wien, das ist dann schon wieder eine Alternative.

So Kurswagen sind überhaupt eine feine Sache. Also gibt es – neben dem nach Wien – auch einen nach Prag, und dann auch noch einen nach Budapest. Wobei vielleicht noch erwähnt werden sollte, dass alle diese Kurswagen Liege- oder Schlafwagen sind. Wer keine entsprechende Reservierung hat, steigt in den normalen Zug und steigt am nächsten Tag – während unsereins im Kurswagen entspannt am Polster horcht – um halb sechs Uhr früh leicht ferngesteuert in Agram aus, um anschließend zu den jeweiligen Züge nach Wien, Prag oder Budapest zu wanken. Aber das sind schon die einzigen Varianten eines ansonst einfachen Fahrplans. Und so ist die kroatische Eisenbahnwelt einfach und übersichtlich und nicht wirklich mit Orientierungsschwierigkeiten verbunden.

Natürlich gibt’s das alles nur im Sommer, aber davon gehen wir ja aus. Im September ist dann wieder Schluss, aber ich fuhr im August, und da war echt was los. In Wirklichkeit ist da so viel los, dass die beiden Züge nach Agram doppelt geführt werden, in Abständen natürlich. Also zwei in der Früh und zwei am Abend. Das macht die Sache aber noch immer nicht wirklich unübersichtlich. Es gibt dann halt zwei Nachtzüge nach Agram, der eine kommt um halb vier in der Früh an und der andere um halb sechs, das macht natürlich einen Unterschied, aber nur für die Bequemlichkeit. Weiter fahren kann man auch von Agram erst, wenn beide Züge aus Split angekommen sind. Und so gesehen ist es eigentlich völlig wurscht, in welchen Zug man steigt. Außer natürlich man will den Kurswagen nach Prag, der fährt um halb neun am Abend, während die Kurswagen nach Budapest und Wien an dem um halb elf am Abend dran hängen.

Das mit der Übersichtlichkeit gewinnt überdies noch, indem dass der Bahnhof Split nicht so aussieht wie der Gare de l’Est oder Waterloo Station, sondern ein winzigkleiner k. & k.-Bahnhof ist, mit zwei Perrons und vier Geleisen. Das hat was damit zu tun, dass man dereinst, zu Kaisers Zeiten, den Bahnhof im Stadthafen haben wollte, damit es sich leichter auf die Fähren auf die vielen Inseln umsteigen ließ. Das ist auch heute noch so. So liegt eigentlich der ganze Bahnhof Split im Norden der Stadt, komplett mit Abstellgeleisen und Frachtabfertigung und Rangierlokomotiven, anschließend gibt’s einen langen Tunnel unter der Altstadt durch, und dann ist man im Personenbahnhof, der in Wirklichkeit nur einem einzigen Zug Platz bietet. Aber da, wie gesagt, nur jeweils in der Früh und am Abend einer kommt und wieder fährt, geht sich das alles seit Jahren und zur allseitigen Zufriedenheit bestens aus.

Und so saß ich an besagtem Sonntag Abend entspannt auf den Stufen der Tür zu unserem Liegewagen nach Wien und beobachtete den Zug der Reisenden, der aus dem Bahnhof heraus auf den Perron und zum Zug strömte. Bis zur Abfahrt war es noch eine gute halbe Stunde und ich war mit mir und meiner Entscheidung sowie der Welt im Allgemeinen zufrieden und im Einklang.

Dann kam die erste Rucksackmaus.

„Do you work here?“ kam es etwas verschüchtert.

„Do I look like it?“ Es tut mir leid, aber an so einer Steilvorlage kann man nicht einfach vorübergehen. Anschließend war ich so nett und fragte, was sie denn wissen wolle.

Ob dass der Zug nach Budapest sei?

„Well, it goes to Zagreb, where you’ll have to change for the one to Budapest.“

„But I was told there’s a direct connection.“

„Do you have a reservation?“

„No.“

Tja, Schatzi – wenn kein Liegeplatz, dann in Agram ferngesteuert um halb sechs … aber das hatten wir ja schon. Die Rucksackmaus schaut mich verstört und etwas feindselig an.

Ich hab’ doch gesagt, dass ich hier nicht hackel – was gehen mich die Marketingschmähs der kroatischen Eisenbahnen an, oder die des Fremdenverkehrsverbandes, was weiß ich. Dann versuche ich zu erklären, was ein Kurswagen ist.

Da kommt schon die Nächste. Die hält sich erst gar nicht mit Preliminarien auf, sondern fragt gleich erbost „Where’s the train to Prague?“

„Do you see any other?“ Nein, Sarkasmus ist jetzt nicht gut. Da war die Antwort aber schon draußen. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich jetzt tot.
Ich hätte den Mund halten sollen. Oder mich nicht auf die Stufen setzen sollen. Aber dann würden die jetzt alle durch den Liegewagen strömen, wahrscheinlich. Naja, egal, nu isses passiert.

Da kommt noch eine, diesmal mit einem Handtaschlträger im Schlepptau, muskulös und braungebrannt. Für die Kommunikation ist er offenbar nicht zuständig, aber immerhin trägt er den Rucksack. Und dann die obligate Frage, ob das der Zug nach Budapest …

„Listen, luvvie – there is only one train, wherever  you’re going …“ Luvvie schaut so böse, dass ich mir denk’, jetzt haut mich gleich der Handtaschlträger … aber offenbar hält sie mich nur für einen Trottel und geht, nachdem sie mich mitleidig von oben bis unten gemustert hat, nach links wieder ab.

Nach fünf Minuten kommt sie wieder, und wo denn nun wirklich der Zug nach Budapest … „’cause this one’s only going to Zagreb … “ Tja, Schatzi … und was soll ich da jetzt machen? Wie soll ich in den zehn Minuten bis zur Abfahrt die – na, schätzen wir mal freundlich – dreiundzwanzig Lebensjahre korrigieren? Oder was genau war jetzt das Problem?

Der nächste ist ein Mann und daher noch dümmer, obwohl man dies fast nicht für möglich gehalten hätte. Ob das der „train to Zagreb…“

„Can you read?“ Ich zeige auf die Tafel, vor der er steht. Elektronisch, wir sind ja nicht in Hintertupfing. Und da steht schließlich: Zagreb, odlazak 22.22 h. Selbst wenn man nicht weiß, dass odlazak Abfahrt heißt, ist das meiner Ansicht nach eine glasklare Ansage. Ich meine, auf einem Bahnsteig … vor einem einzigen Zug … würden Sie das jetzt für den Autobus nach Dubrovnik halten, wenn Sie das gelesen hätten?

Na also. Aber Mausimann hält mich jetzt für einen dieser endlos arroganten Kontinentaleuropäer, und sicher wird er sich darüber zu hause lautstark beschweren. „How rude some of those people …“ Ich hätte noch viel unfreundlicher sein können, Liebling, ich war nur gerade noch so friedlich … zu spät. Schon ist er angefressen abgerauscht.

Und so kann dich in knapp zwanzig Minuten bis zur Abfahrt an einem lauen Sonntagabend im Sommer in Split der Menschheit ganzer Jammer anspringen, ansatzlos und überwältigend.

Schluchz.

Den Vogel schoss einer ab – dem Tonfall nach war’s irgendein Ami – der sich beschwerte, auf dem Fahrplan stünde Gleis zwei, und dies sei aber Gleis drei, und was denn jetzt richtig wäre … Friedrich, mein Geschoß … aber da springt der Minutenzeiger der Uhr auf 22, vorne wird gepfiffen, hinten wird zurückgepfiffen, aus verschiedenen Waggons winken verschiedene Schaffner, die Lokomotive pfeift lang und laut, einen Viertelton zu tief – und wir fahren, endlich.

Fazit: Das nächste Mal setz’ ich mich woanders hin.

Bob Dylan spielt. In Varaždin.

Bob Dylan spielt in Varaždin.

Am Freitag, den 13.

Wo, zum Teufel, ist eigentlich Varaždin?

„Komm mit nach Varaždin, so lange noch die Rosen blüh’n. Dort wollen wir glücklich sein. Du bist die schönste Fee von Debrecen bis Plattensee.“ So zumindest lässt Emerich Kàlmàn in seiner Operette „Gräfin Màriza“ singen. Irgendwie assoziiere ich Varaždin denn auch mit Grottenbahnmusik und verarmten ungarischen Adeligen, die sich als was anderes ausgeben, oder so. Deshalb war ich ja auch bis jetzt nie dort. Soll aber ein hübsches barockes Städtchen sein. Wahrscheinlich irgendwo in Ungarn, so wie sich das anhört.

Aber Bob Dylan? Ausgerechnet?

Varaždin liegt in Kroatien. Es war sogar einmal kroatische Hauptstadt. Und wahrscheinlich hat sich Kàlmàn das alles nur wegen des Reimes ausgedacht. Egal. Heute Abend spielt hier jedenfalls nicht Kàlmàn, sondern Dylan.

Am Vortag hat Bob Dylan in Leoben in der Steiermark gespielt. Und heute ist Freitag, der 13. Juni 2008, und in Varaždiner „Gradski Stadion“ spielen ab fünf Uhr irgendwelche kroatischen Liedermacher, ab sieben die Manic Street Preachers, und ab neun Uhr steht Mr. Bob Dylan auf dem Programm auf der elektronischen Leuchttafel.

Und deshalb sind wir heute 500 Kilometer weit gefahren aus Split bis Varaždin, um Herrn Robert Zimmermann zu hören, nach fast fünfzig Jahren auf der Bühne, mein Freund Dario und ich. Dario liebt Pete Seeger, Joan Baez, die Beatles, Johnny Cash und Peter, Paul & Mary, und fragt mich, wer die Manic Street Preachers sind. Ich definiere sie als einen Verschnitt von U2, etwas jünger und aus Wales, und auch deutlich linker als Bono, und hoffe, dass mich dabei keiner hört und auch kein Blitz erschlägt. Aber Dario versteht, was ich meine, denn U2 kennt er. Und was links ist weiß er auch. Und die Manic Street Preachers wird er nicht mögen, egal wie engagiert sie singen, das weiß wiederum ich.

Schließlich singen sie aber dann gar nicht so engagiert. Sie singen einfach laut, und nach 23 Jahren Bühnenerfahrung relativ professionell, ihr Programm herunter, dazwischen übt der Lichtregisseur noch einige Einstellungen für die Digiwall rechts und links von der Bühne, es ist sieben Uhr abends und taghell und ich habe Zeit, mir das Publikum in Ruhe anzusehen. Dessen Altersdurchschnitt ist deutlich höher als das der gesamten Securitymannschaft. Früher war das anders, aber früher gab’s auch keine Open Air Konzerte in Varaždin, schon gar nicht von Bob Dylan.

Früher gab es auf Konzerten auch deutlich weniger Bullen als hier, aber jetzt ist heute und hier und so sind die Zeiten eben. Früher waren wir zu diesem Zeitpunkt auch schon längst eingekifft. Heute sind wir nüchtern, nicht nur wegen der vielen Bullen, sondern auch, weil uns der Arzt das Rauchen verboten hat. Irgendwie komm’ ich mir vor wie auf einer Woodstock 40 Years Revival Party. Oder vielleicht war es Newport? Egal. Vorne müht sich James Dean Bradfield von den Preachers redlich, so etwas wie Stimmung aufkommen zu lassen. Dann sind eineinhalb Stunden um und der Set ist ausgespielt.

Nicht nur Dario steht hier nicht auf die Manic Street Preachers, heute abend. „You were fucking great“, schreit Bradfield jetzt zum Abschied ins Mikro, und „see you again next year“. Offennsichtlich glaubt das keiner hier, weder auf der Bühne oder im Publikum. Die Mehrheit ist heute nur aus einem Grund hier, und sorry, Bradfield, du bist es nicht. Auch gut. Dafür ist das Bier mit umgerechnet zwei Euro auf ein Krügerl billig und schmeckt auch noch anständig, und außerdem wird es langsam Abend an diesem verregneten Freitag, und es sieht ganz so aus, als würde es dann doch nicht mehr regnen. Im Westen glüht der Himmel rosapurpurlila, davor fährt ein Vorortezug.

Das Publikum hat, ganz entgegen den üblichen kroatischen Gepflogenheiten, keine Jogginghosen und Adidasjackerln an, die Männer tragen keine Goldkettchen und die Frauen keine Stiefel zu goldglänzenden Leggings, was der üblichen Kleiderordnung im Nightlife von Varaždin entspräche. Dafür tragen alle Männer Jeans, gerne auch Bart und einen ledernen Outbackhut à la Crocodile Dundee, oder war es doch Indiana Jones? Dazwischen gibt es auch die ungeschminkten Damen in den weiten Kleidern und den flachen Schuhen, die mittlerweile grauen Haare zum Zopf geflochten oder aufgesteckt, und auch den einen oder andern älteren Herren samt Ehefrau, die beide den Eindruck machen, als wären sie bereits in Pension. Es wird viel geraucht. Ich meine Zigaretten. Vorne am Einlass hängt ein Schild „No Guns. No Drogs. No Umbrellas.“ Das letztere verstehe ich nicht ganz, aber sie werden gnadenlos abgenommen und häufen sich neben dem Einlass. Ist ja wie auf einem Flughafen hier. Aber es ist eben nicht mehr so wie früher.

Heute abend trifft sich das alte linke Jugoslawien hier, das Milo Dor las und selbst „Blowing in the Wind“ sang, mal auf Englisch, mal auf Serbokroatisch. Auch würde ich den Anteil der HDZ-Wähler heute abend auf eher unterdurchschnittlich schätzen. Doch das ist nur die Hälfte des Publikums. Die andere besteht aus jenen, die erst lange nach Newport und Woodstock auf die Welt gekommen sind, den Kids, für die Bob Dylan offenbar etwas ganz anderes bedeutet. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich mir genau vorstellen kann, was.

Das Stadion fasst ungefähr fünftausend Personen, und langsam füllt es sich bis auf den letzten Platz, während es mittlerweile auch ganz dunkel geworden ist. Die PA spielt Led Leppelin, und trotz der Menge tanzen sich wie üblich ein paar Grobmotoriker ein, zu Stairway to Heaven und Jimmy Page, der ihr Großvater sein könnte. Es ist mittlerweile halb zehn, und Herr Zimmermann könnte jetzt auftreten.  Bei den Portapotties drängt sich die Menge, schließlich war der Bierabsatz seit fünf Uhr Nachmittag beachtlich, und das will jetzt entsorgt werden, so kommt auch der Hauptsponsor des Festivals, eine kroatische Biermarke, auf seine Rechnung. In Zeiten wie diesen geht das sogar geruchsfrei, das feine Pissoiraroma früher Festivals fehlt, heutzutage.

Ich weiß, ich wiederhole mich.

Und dann – kein Trommelwirbel, aber stürmischer Jubel, und er spielt. Ein Spot, kein Lichtwechsel. Dylan sitzt an Keyboards, schwarzer Hut, mein Gott ist der alt geworden, er eröffnet mit „Everybody Must Get Stoned“, herunter gehackt wie seinerzeit „Maggies Farm“, in einem ganz schnellen Bluegrass-Schlag, mit zwei klirrenden E-Gitarren und einem Schlagzeug und einer Geige, von der anfangs nicht viel zu hören ist. Keine Vidowall, keine Lichteffekte. Ich hätte ein Opernglas mitnehmen sollen.

Ich sitze auf der VIP-Bühne, die seitlich links angeordnet ist, offenbar reicht der Abstrahlkegel für die hohen Töne der PA nicht bis hierher, jedenfalls ist der Sound erbärmlich. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Soundcheck zehn Meter vor der Bühne steht. Und Bob Dylan klingt wie Tom Waits, der  Jonny Cash imitiert, wenn er Bob Dylan singt. Mann, womit gurgelt der vor seinen Auftritten?

Es klingt ernüchternd, um es höflich auszudrücken.

Ich schiebe die Schuld auf die PA und gehe hinunter in die Public Aerea, erst einmal ganz hinten, denn die Menge vorne steht dicht gedrängt, das ist mir zu heftig. (Sprich: Für so was bin ich zu alt.) Der Sound wird etwas besser, aber Dylan klingt noch immer, als hätte er mit Terpentin gegurgelt, dazu spielt er seinen Set stoisch ab. So wie der erste Song klang, so spielt er auch alle anderen. You Gotta Serve Someone. Just Like A Woman. A Hard Rain Is Gonna Fall. Alles die alten Hadern. Es ist erstaunlich, wie man diese Lieder so spielen kann, dass sie alle gleich klingen, aber Dylan kann das mit links, und wenn man sich einmal eingehört hat, versteht man sogar die Texte wieder, obwohl er selbst den Sprachrythmus der Songs völlig verdreht.

Beim Publikum ist allgemeine Rudelverzückung angesagt. Von hinten sehe ich mindestens eintausend Handybildschirme, weil alle das Ereignis mitfilmen wollen, die Kameras blitzen nur so links, rechts, in der Mitte. Früher waren es Bicfeuerzeuge, und Wunderkerzen, und ganz früher haben die Leute getanzt und waren irgendwie weggedröhnt. Aber das hier ist ein anständiges Festival und 2008, also gibt es Handybildschirme. Irgendwie war das Licht von den Bicfeuerzeugen wärmer, nicht so metallisch blau.

Mittendrin sitzt der alte Mann, stoisch, zwischen zwei Gas-Heizungsschwammerln, wie sie der Wirt im Frühjahr auf die Terrasse stellt, weil es regnet zwar nicht, aber es ist kühl geworden, und spielt seine Keyboards und seine Mundharmonika. Don’t Think Twice. Im Hintergrund fährt noch ein Zug durch, in dieselbe Richtung. Ob die in dem Zug wohl wissen, wer da spielt, und was? Jetzt spielt er Rainy Day Woman, in einer unfassbaren Fassung, immer mit der Mundharmonika, die er in seinem Rahmen um den Hals trägt wie seinerzeit, 1963, auf dem Newport Folk Festival. Mein Gott, ist das lange her. Und wozu bin ich jetzt 500 km gefahren, und was verdammt noch mal mache ich alter Trottel hier um halb elf Uhr abends? Ach ja, das ist ein Bob Dylan Konzert. Sorry I asked.

Ich weiss noch immer nicht, was ich hier eigentlich soll.

Nach einer Stunde hat sich Dylan eingesungen, jetzt klingt er wie er selber, nach einer schweren Bronchitis. Nasal, dafür etwas aufgerauht. If Dogs Run Free. Aber nichts von der Desire, nichts von späterem Material. Obwohl, nach zwei Stunden hab’ ich den Überblick verloren, denn Dylan näselt alle Songs gleich runter. Immerhin, über zwei Stunden dauert der Set, dann spielt er noch eine Zugabe, stellt seine Musiker vor, thank you. Aus.

Das Publikum strömt heraus, alle die älteren Linken und die Träumer und die Exhippies und die, die noch immer die gestreiften Hosen anhaben und die, die jetzt in Designerjeans kommen und die, die in verknitterten Cordhosen den Intellektuellen geben und der alte pensionierte Opa, der hat echt bis jetzt ausgehalten. Ich bin beeindruckt. Später sehe ich dann auch noch meinen Anwalt, aber ich beschließe, nicht zu winken. Ich habe jetzt keinen Bock. Wonderful music, sagt Dario, Dylan is beautiful.

Auf der Fahrt nach Hause hören wir ausschließlich Dylan. Und 500 km sind ziemlich lang, da kommt was zusammen. Und mir wird plötzlich bewusst: Herr Zimmermann hat einen großen Bogen geschlagen und ist zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Er singt Blues, in der Tradition von Blind Lemon Jefferson und Emmit Cole, aber auch von Woody Guthrie und George Landers. Nichts anderes hat er gemacht, 50 Jahre lang. Dazwischen immer wieder Ausflüge in andere Genre, Folk, Latin, Protest, wasweißich. Am Ende näselt er halt immer wieder seinen Blues herunter, wie irgendeiner von diesen Steel Guitar-Spielern in irgendeiner Spelunke in Georgia oder Louisiana. Und dazu ist er ein magischer Poet, ein Genie der Sprache, der wie kein anderer seine Zeit gespiegelt hat und dabei sich selber treu geblieben ist. Dylan, das Chamäleon. Dylan, der sich stets entzogen Habende, der Rockpoet, der keiner sein wollte. Immerhin einer, der es überlebt hat. Und immer wieder: Was für eine Magie der Sprache, was für eine Gewalt, was für eine Beherrschung der Nuancen. Ein Genie. Dylan Thomas war keine schlechte Anspielung.

Mein iPod spielt jetzt „The Times They Are A’Changing“ in unserem Autoradio. A hymn for the movement, sagt Dario. Which movement, frage ich. Was ist geblieben? Sind wir alle schon so alt geworden? Was ist mit unseren Träumen, Wünschen, Plänen, Sehnsüchten, unserer Wut und unserer Naivität und unseren felsenfesten Überzeugungen? Heast Oida, sagt mein kleiner Mann im Ohr, hab’ dich nicht so. Wegen dem bisserl älter werden.

Ein Bob Dylan Konzert an einem Freitag, den 13., in Varaždin in der nördlichen Zagorska von Kroatien. Immerhin. Es hätte schlimmer kommen können.