Die Regierenden sind zu alt oder Warum es nicht reichen wird, nur dagegen zu sein

Können Sie sich noch erinnern, als die Grünen zum ersten Mal in ein Landesparlament einzogen? Es war 1979, vor genau 32 Jahren, da schaffte sie es in Bremen erstmals in eine Legislative.

Die müssen sich damals ähnlich gefühlt haben wie die Jungs von der Piratenpartei, die unlängst in Berlin staunend und mit großen, aufgeregten Kinderaugen durch das Rote Rathaus gingen, in dem sie jetzt Sitz und Stimme haben.

Mittlerweile hat es der einst Bullen verprügelnde Joschka Fischer ja zum Elder Statesman gebracht, und die Grünen zum langweiligen Politalltag einer etablierten Partei. Die Rolle der Spaßpartei hat jetzt wer anderer. Und der ist gerade in den Berliner Senat gewählt worden. Paradigmenwechsel erkennt man meist nicht, wenn sie geschehen, sondern später, wenn es nicht mehr zu übersehen ist. Doch der aufmerksame Gartenzwerg kann schon jetzt das Knistern im Gebälk hören.

Mit dem Tod von Steve Jobs (btw: RIP) ist erst einmal die Generation Garage endgültig von Bord gegangen. Sie erinnern sich: Die kalifornischen Stanford-Absolventen Bill Hewlett und David Packard bastelten 1939 einen Tonfrequenzgenerator für Disney in einer Garage in Palo Alto, damit war Silicon Valley geboren, die Garage steht heute noch und ist das Allerheiligste der Nerds dieser Welt: Dort hat es angefangen, der wilde Ritt durch die Technologie, bei der es jedes halbe Jahr einen neuen Durchbruch gab.  PC, Handies, Notebooks, Tablets – denken Sie einmal 32 Jahre zurück, dann verstehen Sie sicher, was ich meine. Und diese wilde Entwicklung ist heute erst einmal abgeschlossen.

Die nächste Revolution wird nicht mehr bei der Hardware, sondern softwareseitig passieren, und bei sich dadurch ergebenden neuen Kulturtechniken, von denen wir heute noch gar nicht wissen, wie sie aussehen und funktionieren werden.

Zwar kursieren Gerüchte, Steve Jobs habe vor seinem Abgang noch das „nächste große Projekt“ vorbereitet, einen Fernseher, der unsere Art, Video zu konsumieren, so verändern soll wie iPod und iTunes es bei Musik geschafft haben, aber ein iTV wird nur mehr die konsequente Weiterführung des Konzepts sein, digitaler zu konsumieren, so wie sich Apple das vorstellt, an den Grundvoraussetzungen wird das nichts mehr ändern.

Dafür wird selbst Microsoft in seiner nächsten Inkarnation als Windows 8 nicht mehr tastatur- bzw. mausgesteuert sein, sondern per Touchscreen, und auf allen möglichen und unmöglichen Devices laufen, überall dieselbe Oberfläche, stationär oder mobil, wir werden demnächst tatsächlich immer online sein können, in realtime, auf Geräten, die wir uns heute nur so ungefähr vorstellen können.

Ob uns das gefallen wird, ist eine andere Diskussion, die wir jetzt nicht führen, mir gefällt das ja auch nicht, aber hier geht’s um Grundsätzlicheres.

Wo lässt der Deutsche Intellektuelle denken? Richtig, bei Tante Zeit. Dort stand, dementsprechend, schon vor zwei Jahren ein kluges Interview <http://www.zeit.de/2009/44/Interview-Piratenpartei> mit dem damaligen Chef der deutschen Piratenpartei, Jens Seipenbusch, das ich hier schon einmal kommentiert habe (Siehe: Warum das mit den Daten so kompliziert ist).

Da ging es um die Umkehrung des Prinzips „Gläserner Staatsbürger“ zum Prinzip „Gläserner Staat“, was soviel heißt wie jeder Staatsbürger sollte ein Problembewusstsein haben darüber, was für Daten über ihn gespeichert sind, und wo, und unter welchen Umständen sie vernetzt werden können. Und wozu das alles führen kann und es schon tut.

Beim nächsten Bankbesuch, zum Beispiel, teilt Ihnen Ihr Betreuer mit, man habe Ihren Überziehungsrahmen deutlich gekürzt. Er wird etwas von Krise murmeln und Basel Zwei und dass Kreditrichtlinien jetzt strenger gehandhabt würden. Aber in Wirklichkeit hat eine Software einfach Daten über Sie gesammelt. Etwa dass Sie Ihre Stromrechnung immer erst am Stichtag oder ein paar Tage später einzahlen (weil da das Mahnprogramm nicht so schnell greift, machen wir doch alle). Daneben weiß die Software noch, dass Sie bei Hofer einkaufen, dass Ihre Leberwerte schlecht sind, dass Sie Steuerschulden haben und dass gegen Sie zwei Mahnklagen laufen. Dass die Steuerschulden ordentlich gestundet sind und dass Sie die Mahnklagen gewinnen werden, weil sie völlig ungerechtfertigt sind, weiß es nicht, das Programm, so schlau hat es der Programmierer nicht gemacht. Egal: Es reicht, Sie um eine Risikoklasse höher zu stufen, und schon schrumpft der Rahmen.

Solche Programme werden schon eingesetzt. Und auch noch andere, die noch ganz andere Sachen können. Und wenn wir nicht schleunigst die Medienkompetenz erwerben, um uns wehren zu können, sowie die rechtlichen Voraussetzungen, es auch zu dürfen, dann schaut es eher schlecht aus um den bürgerlichen Staat so wie wir ihn kennen.

Auch das habe ich hier schon vor zwei Jahren geschrieben: Es ist schon bezeichnend, dass die Grünen, die es immerhin geschafft haben, die Ökologie ins politische Bewusstsein zu bringen, bei IT völlig versagen. Sie sind ja in Wirklichkeit nur arrivierte Apo-Opas, die genau so verspießern wie alle anderen auch. Oder kennen Sie einen bekennenden Nerd in einer europäischen grünen Partei? Na eben.

Dass sich die Nerds da zu einer eigenen Partei zusammenschließen, ist irgendwie verständlich, schließlich weiß niemand besser als sie, was wirklich abgeht. Dass sie kaum wer tatsächlich versteht (und sich alle daher am einzigen Programmpunkt, den sie zu verstehen glauben, nämlich dem freien Internet, aka Filesharing, aufhängen), steht auf einem anderen Blatt. Ungeschickt, wie Nerds nun einmal sind, bringen sie es auch nur sehr schwer rüber.

In Wirklichkeit könnte das jetzt auch der nächste Entwicklungsschritt werden. Dereinst wurde der demokratische Diskurs auf der Agora geführt, dann ermöglichte der Buchdruck ihn über geographische Grenzen hinweg, wenngleich nur für eine Elite und Anfangs noch sehr langsam. Dennoch: ohne Buchdruck weder Aufklärung noch bürgerlicher Staat.

Heute wird der Diskurs nicht nur ubiquitär, sondern auch in realtime und barrierefrei geführt. Ubiquitär, weil jederzeit, überall und weltweit. Und barrierefrei, weil die Technologie billig und weltweit verfügbar ist, wie etwa Mobiltelefone.

Was das bedeuten könnte, haben der arabische Frühling ebenso vorgeführt wie die soziale Entwicklungen in Schwarzafrika oder die Grüne Revolution im Iran. Und schon ist die Gegenbewegung ebenso da, steigen Zensur und Regulation im Internet, nicht nur in totalitären Staaten, sondern auch bei uns, es fällt Ihnen nur nicht auf, weil Sie halt kein Nerd sind.

So gesehen sind die Piraten wichtig, völlig egal, wie das in Berlin jetzt weitergeht, wie sehr sie unter sich streiten, wie sehr sie erst einmal politisch unbeholfen agieren und alles, was dazu gehört. Und selbstverständlich haben weder Medien noch Politiker wirklich eine Ahnung, wie sie mit den Neuen umgehen sollen, weil ihnen, wie wir schon festgestellt haben, einfach das Problembewusstsein dafür generell fehlt.

Oder, wie es Jens Seipenbusch schon vor zwei Jahren elegant formulierte: „Da muss man einfach realistisch bleiben: Politiker, die jetzt 50, 60, 70 Jahre alt sind, sind weit davon entfernt, diese Problematik überhaupt zu durchdenken. Die Regierenden sind zu alt.“

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